I LOVE NEW YORK MORE THAN EVER
Staub und Asche verdunkelten den Himmel über Downtown New York, Office Papers aus den gefallenen Türmen des World Trade Centers regneten auch noch im gegenüberliegenden Brooklyn herab und über die 7,5 Millionen Metropole senkte sich eine gespenstische Stille, die nur von Polizeisirenen und dem fernen Grollen der F-16 Kampfjets zerschnitten wurde. Die arroganten und überheblichen Fratzen verschwanden spurlos aus dem Straßenbild und das sonst so im Vordergrund stehende Streben nach Geld,
Macht und Coolness wich Entsetzen, Ungläubigkeit und einer fassungslosen Trauer. Doch anstatt in Tristesse, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu versinken, rückten die New Yorker zusammen. Die Großstadt-anonymität verpuffte in einem kollektiven Miteinander aus freiwilligen Helfern und Trostspendenden. Das von dem Grafiker Milton Glaser in den Zeiten der schweren Rezession Mitte der 70er Jahre entworfene I love N.Y. Logo steht Pate für die Entschlossenheit, das Trauma nicht nur zu überwinden, sondern auch gestärkt daraus hervorzugehen. Der junge Mann, der mit einem Papageien auf der Schulter durch die Rauchschwaden am Union Square vorbeijoggte, der pink gefärbte Pinscher mit Atemschutz und der nackte Anwalt, der sich am Waschbecken der Herrentoilette im 5.Stock des Lincoln Building den Hintern wienerte sind dann auch nur Beispiele, warum diese Stadt nicht zu brechen ist.
Das alltägliche New York ist laut und hektisch, es ist schmutzig und es stinkt. Hinter der glitzernden Fassade der modernen Vielvölkermetropole rumoren faustgroße Kakerlaken, denen die Evolution das Fliegen beigebracht hat, windige Gauner und schlechtgelaunte Verkäufer. Jeder stärkere Regenguss verwandelt die Big City of Dreams in ein zweites Venedig, die Waschmaschinen sorgen für eine unfreiwillige Vergilbung des Straßenbildes, das Telefonsystem für ungekannte und wohlberechtigte Wutausbrüche und die Mixtur aus Schlaglöchern und Bodenwellen vergällen allzu oft den Blick auf die bunte Großstadtwelt des amerikanischen Bevölkerungsprimus.
Und das ist nicht nur aufgrund der faszinierenden Architektur ein Jammer. Die United Colours of New York vereinen Menschen aus 120 Nationen und fördern eine so ungeheure Vielfalt an Charakteren an das Tageslicht, daß man Stunden mit der Beobachtung verkrachter Existenzen und skurrilster Erscheinungen verbringen kann. Aber auch die Offenheit der New Yorker verhindert nicht, daß sich das Multikultigemisch zum Großteil in einheitliche Nachbarschaften aufteilt und so das Schlagwort vom Melting Pot eher unzutreffend ist. Diese flickenteppichartige Verteilung der verschiedenen Kulturen führt nicht selten zu ungewöhnlichen Szeneriewechseln von einer Straße zur nächsten. Bestes Beispiel ist die boomende
Künstlerhochburg Williamsburgh in Brooklyn, die an ihrem Ost-Ende
abrupt von einer Gemeinde der chassidischen Satmar abgelöst wird,
ultraorthodoxe Juden, deren Schwarzweißleben sich strikt nach der
Thora richtet und den Besucher in eine unbekannte und beklemmend erscheinende
Welt voller Schläfenlocken, schwarzer Hüte und Chesterfieldmäntel
führt. Auch der Umschwung auf Höhe der 110. Straße von
der Luxuswelt der Upper West Side zu den verfallenden Baracken des südlichen
Harlem könnte krasser nicht sein.
Die Stadt der Blicke ist aber auch und vor alle dem eine der schönsten
der Welt.
Baustile aller Epochen vereinen sich wild zusammengewürfelt zu einem
architektonischen Traum, dessen Charakteristik sich keineswegs in den
imposanten Wolkenkratzern Down- und Midtown Manhattens erschöpft.
Die Brownstones in Brooklyn oder der Upper West Side mit den typischen
Treppenaufgängen, die gusseisernen Cast Iron Buildings mit ihren
pittoresken Feuertreppen in Soho, Bibliotheken im Beaux-Art-Stil oder
neogothische Gotteshäuser, New York ist ein bauliches Fest der Sinne.
Herrliche Parks und Promenaden, das wunderschöne Hudson Valley oder
die nahen Strände, wie z.B. Jones Beach widerlegen den Ruf der Steinwüste
und unterstreichen das hohe Maß an struktureller Variabilität,
die sich vor allem dann beweist, wenn man den Blick über den Tellerrand
der Touristenmagneten auf der Manhatten Insel wirft. Die Outer Boroughs
Queens, Staten Island, Bronx und Brooklyn bieten genau wie der benachbarte,
sogenannte Garden State New Jersey oder Upstate New York ungeahnte Möglichkeiten,
von denen die traumhaften Blicke auf die Skyline von außerhalb nur
eine ist.
Auch das Image der Verbrechenshochburg hat sich in den letzten 10 Jahren
grundlegend gewandelt. Die South Bronx, Harlem, Bedford Stuyevesant und
Alphabet City haben sich unter der strikten Law and Order Policy des scheidenden
Bürgermeisters Rudy Giuliani von Niemandsland zu Neighborhoods entwickelt,
in denen das Leben heute weitgehend in geordneten Bahnen verläuft.
Auch wenn in manchen Vierteln teilweise noch immer ein rauher Wind herrscht,
ist New York heute eine der sichersten Großstädte der Vereinigten
Staaten.
Trotz
der Senkung der Verbrechensrate um mehr als 40 % seit Amtsantritt, gefiel
sich die Mehrheit der New Yorker vor den Anschlägen vom 11.September
in der Rolle des Giulianihassers, denn dessen strenges Regiment forderte
auch einschneidende Opfer von der Bevölkerung und seine grotesken
Moralvorstellungen machten nicht nur dem Horizontalgewerbe den Garaus,
sondern auch vielen Galerien und nicht zuletzt dem einstmals berüchtigten
Nachtleben. Die Verzweiflung der Veranstalter und Clubbetreiber, die sich
zuvor spinnefeind waren und ausschließlich das Gegeneinander zelebrierten,
gipfelte in der Gründung einer Nightlife Coalition, um der Agonie
des New Yorker Nachtlebens in Zusammenarbeit mit der Stadtführung
entgegenzuwirken. Die wöchentlich erscheinende Village Voice, eines
der Sprachrohre der Stadt, verkündete kürzlich bereits das Ende
des kommerziellen New Yorker Clublebens und die Renaissance illegaler
Veranstaltungen und privater Rooftoppartys, was angesichts des erschreckend
peinlichen Publikums in ehemaligen Kultlocations, wie dem Limelight eigentlich
nur zu begrüssen ist. Für diejenigen, an denen die Flüsterpost
mangels Insiderstatus vorübergeht, sind hochkarätige Events
aufgrund der Widrigkeiten also seltener geworden, aber Ereignisse, wie
die Allies-DJ-Weltmeisterschaften im Roxy, bei der fast die komplette
Weltelite der Turntablists ihr Können unter Beweis stellte oder das
Gangstarr Gratiskonzert auf einem Pier am Hudson zur Feier des Rock Steady
Crew Geburtstages entschädigen für so manche Durststrecke. Ohnehin
ist New York voller kultureller Möglichkeiten, die nicht selten keinen
Eintritt kosten. So gibt es im Sommer kostenlose Konzerte und Open Air
Kino und wer nicht davor zurückschreckt, 18 Stunden in der Schlange
zu warten kann gratis erleben, wie bei Shakespeare in the Park Hollywoodstars
ihre Bühnenqualitäten beweisen.
New York City raubt einem Nerven und Verstand, hier zu leben ist anstrengend
und oft unerträglich, aber all die Energie und Schnellebigkeit vermitteln
das Gefühl, am Puls der Zeit zu leben und die vielfältige Schönheit
dieser Stadt verzaubert mich jeden Tag aufs Neue. Ich habe gesehen, wie
verzweifelte Menschen aus dem 100.Stock des World Trade Center gesprungen
sind, um ein Leben zu verlängern, das längst verloren war und
doch hat mich nicht zuletzt dieses Ereignis für immer mit dieser
Stadt fest verbunden und wenn ich höre, daß nun weit mehr New
Yorker als je zuvor ihrer Stadt die Treue halten wollen, so weiß
ich warum. I love New York more than ever (Ed Koch, Bürgermeister
von New York, 1976)

3 kleine Tips für den N.Y.-Besucher:
1. Die beste und größte Pizza der Stadt gibt es zusammen mit freundlicher Bedienung für 5 bis 7 Dollar im gemütlichen Cafe Gigi (7.Strasse zwischen Avenue 1 und A), das beste Eis bei Uncle Louie (3.Strasse Ecke 1.Avenue).
2. Tennisbegeisterte können sich am Finalsonntag der US.Open für 5 Dollar einen Grounds Pass kaufen und nicht nur auf einer Leinwand neben dem Arthur Ash Stadium das Herrenfinale verfolgen, sondern auch hautnah auf den Außenplätzen die Junioren- und Seniorenfinals verfolgen und dabei mit den Stars von gestern und morgen echtes Grand Slam Flair spüren.
3. Die schönsten Blicke auf New York hat man von den Rooftops. Da diese aber meist der Öffentlichkeit verwehrt sind, muss man sie sich mit Dreistigkeit und Geschick manchmal auch ergaunern. Wenn man sich aber am Concierge oder wem auch sonst vorbeigeschlichen hat und auch tatsächlich eine offene Tür zum Dach eines möglichst hohen Gebäudes gefunden hat, entschädigt der phantastische Ausblick für die Mühe.
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