| das vierund30ste ± auf & davon ± Dez 01/Jan 02 | klangkrieg |
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KlangkriegNeulich im Herbst, das Wetter schickte sich an, für die nächsten sechs Monate scheiße zu werden, es gab Krieg, und wir sollten unbedingt mit dabei sein. Die Glotze machte ich wegen Schwachsinn schon lange nicht mehr an, in allen Publikationen kapitulierten wortblasenreich Musikjournalisten vor der Anforderung, etwas sinnvolles zum Thema beizutragen oder, Wittgenstein gemäß, zu schweigen worüber sie nicht zu reden vermochten. Popmusik ist vielleicht die tollste Sache der Welt, aber wenn mal wieder interveniert und uneingeschränkte Solidarität mit jedem im Namen der Zivilisation anfallenden Massenmord in die Welt posaunt wird, wird sie schnell zur überflüssigsten, sich viel zu wichtig nehmenden Wortblasenschleuder. Da kamen mit der Post passenderweise zwei neue Veröffentlichungen von Klangkrieg. Krieg und Musik, so die Ausgangsthese der Klangkrieg-Macher, sind auf vielfache Weise ineinander verstrickt: die Soundästhetik von Hardcore Techno oder Drum&Bass, wo auf Melodien, Harmonien und häufig auch Tonalität verzichtet wird, wäre möglicherweise nicht denkbar ohne die Geräuschästhetik des Futuristen Luigi Russolo, dem seinerzeit beim Geräusch von Automobilen und Geschützfeuer einer abging. Ohne Trommler wären die Heere damals nicht ordentlich marschiert, und in Vietnam dienten Popmusik und psychedelische Drogen als Getriebeöl für zermürbte Soldatenhirne. Der reale Ausnahmezustand eines menschlichen Bewußtseins im Krieg wird in Hendrix Soundkaskaden, in Peter Brötzmanns Machine Gun, der paranoiden Darkness von No U-Turn-Maxis, aber auch in Wagneropern vorweggenommen. Das klingt reichlich kulturwissenschaftlich, hat aber gegenüber dem üblichen Gewäsch (das ihr euch zum Beispiel von Studentenfreunden nach dem zweiten Joint über Stunden anhören müßt) den Vorteil, daß Christoph Winkler und Janet Krenzlin es auf dieser Grundlage über einige Jahre zur tollsten unregelmäßig stattfindenden Berliner Veranstaltungsreihe gebracht haben: Anti-Pop Consortium, Disc, Matmos, We, Hallucinator, Mike Ladd, Leafcutter John - den ganzen Krach hätte ich als wenig Reisender wohl nicht live erleben können ohne diese Arbeit. Jedenfalls nicht an so reizenden Orten wie der Insel der Jugend, der Maria am Ostbahnhof (R.I.P.) oder dem Bastard. Daß die geladenen Acts sich dabei beinahe komplett als ziemlich progressiv und in größeren Zusammenhängen humanistisch (oder auch mal posthumanistisch, afrofuturistisch oder neoexistentialistisch) denkende und handelnde Individuen herausstellten, verführte beinahe dazu, an eine geheime Internationale unkorrumpierter Vernunft zu glauben, die in ein oder zwei Generationen stark genug geworden ist, unsere Kinder dazu zu bringen, politisch und musikalisch die richtigen Entscheidungen zu treffen. Oder so ähnlich. In Wirklichkeit liegt der Fall vermutlich anders, denn gerade die letzten beiden Veröffentlichungen zeigen wohl, wie unterschiedlich die jeweiligen Ansätze hinter dem jeweiligen Beatterror geartet sind. So verbirgt sich hinter dem Pseudonym Sonic Dragolgo ein emigrierter Japaner, der erbarmungslos durch den digitalen Reißwolf gedrehte Eddie van Halen-Gitarren über brutal gechoppte Breakbeats, Gabber-Techno-Strecken und hysterische Parodien auf populäre Love-Parade-Themen legt. Der unter dem Namen Current Value auftretende Produzent, bisher durch Veröffentlichungen auf dem Mille-Plateaux-Ableger Position Chrome aufgefallen, orientiert sich etwas mehr an den Standards britischer DrumnBass-Produktionen, für Humor ist da zwischen metallenen Snares, bollernden Kickdrums und verzerrten Basslines nicht viel Platz. Von meinem ursprünglichen Plan, beide gemeinsam vor dem Hintergrund des Kriegsmotivs zu interviewen, einen Round-Table des sonischen und realen Schreckens, konnte ich umgehend absehen: bei Sonic Dragolgo handelt es sich um eine reizende, japanisch zurückhaltende Person in zeitgenössischer Sportswear, die so gut wie kein Englisch spricht. Current Value ist ein junger Berliner und redet ungern über etwas anderes als seine Musik, bzw. läßt diese gerne für sich reden. Mit Sonic Dragolgo unterhielt ich mich also zuerst, und zwar erstmal darüber, wie er eigentlich nach Berlin gekommen ist. In Japan hat er bereits eine Vergangenheit als Produzent in diversen Stilrichtungen, vorzugsweise Hip Hop. Eine Art Glaubensfrage sorgte dann allerdings für Entfremdung, und wenn ich dem Band richtig trauen kann, ging es um Kompression. Japanische Produzenten haben eine Grenze, was Kompression betrifft. Ich dagegen liebe Kompression. Oh ja. Nach Europa kam er mit einem Demo-DAT mit ungefähr 50 Stücken. Die derbsten davon, mit besagtem Heavy Metal-Gabber-Crossover pickten sich die Klangkrieg-Leute für ihre CD raus. Auf einer weitern CD, die er unter dem Titel Looking for a Job mit sich führt, deckt er ein noch weiteres Spektrum ab, sozusagen Balladen (wie es bei den Scorpions oder Bonfire zu heißen pflegte) oder auch seltsame Songs mit zärtlich gesungenen, arg verzerrten oder - je nach Laune - auch mal stark gepitchten Vocals, so daß man manchmal an Dinge wie Blümchen im Alec Empire-Remix denken muss. Die stammen alle von mir, gesteht er auf Anfrage und es dämmert mir allmählich: der Mann ist noch seltsamer als ich es bisher ahnte. Von Japan aus machte er sich in diesem Jahr erst einmal auf den Weg nach Marseille, um dann für eine Reihe von Auftritten nach Berlin zu kommen. Sonic Dragolgo ist sein aktuelles Pseudonym, er weiß selbst nicht mehr, sein wievieltes. Es setzt sich aus einer Reihe von Videospiel-Charakteren zusammen, darunter eben auch Sonic the Hedgehog. Als er Stunden später die Bühne betritt, trägt er ein Run DMC-Shirt, eine Art überdimensionale Skibrille, die Haare offen und verkörpert eine Art Karaoke-Superhelden, indem er, einen Track nach dem anderen abfeuernd, ins Mikrophon shoutet und ansonsten eine gute Zeit zu haben scheint. Die Menge bleibt dabei höflich, aber alles andere als enthusiastisch. Zu schräg, zu fremd? Oder brauchen sies noch mehr auf die zwölf? lebt noch jemand?Den Job erledigte dann Current Value mit einem wirklich druckvollen Set, das dann genau das lieferte, was die Leute haben wollten: ein Bad in der dunklen Ursuppe, der lange dunkle Tunnel, die rasselnden Kettenglieder der Verdammten, in Viervierteltime gebracht, um uns den schlechten Film, den man Weltgeschichte nennt, erträglich zu machen, sobald die Sonne untergangen ist. Man kann auf alles tanzen, letzten Endes ist es doch immer ein Vierviertel, erzählte mir Current Value noch am frühen Abend. Naja, da wird er vielleicht eines Tages mal eine Entdeckung machen. Ansonsten dreht sich das Gespräch weniger um Klang und Krieg, als um Vertriebsdeals und seine Forderung nach Demut gegenüber dem Standard aus England. Nicht so prickelnd, aber war nett. Was am Ende des Tages dabei rum kam? Nun: Klangkrieg-Platten sind es wert, ausgecheckt zu werden. Wenn ihr ohnehin Berliner seid oder in Berlin auf Urlaub, dann laßt euch, soweit ihr das nicht schon gewohnheitsmäßig tut, in einen Klangkrieg verwickeln. Und vergeßt dabei nicht, dass wir gerade in einem größeren stecken. ][ mandel
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