| das fünfund30ste ± tiefgründig & erhellend ± Feb/März 02 | jazzland |
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Wie die Dinge manchmal gehen: die Anfrage der ouk-Redaktion, eine Story über das Label Jazzland zu verfassen, löste zunächst mal Unbehagen aus - 1000 und eine Compilation hatten das Thema Nu Jazz zur Nervenbelastung des Jahres auswachsen lassen, und nix anderes war doch hinter dem Namen zu vermuten (eine vorübergehende Konfusion mit Jazzeteria tat ihr übriges). Außerdem hatte ich mir ja einen lukrativen,aber kräfteraubenden Wochenend-job ans Bein gebunden: beim Berliner JazzFest war eine Stelle als Stage Manager für die Elektronik-Schiene im Tränenpalast freigeworden. Als der Hauptact des zweiten Abends, Bugge Wesseltoft, samt Band eingetroffen, gesoundcheckt und gefüttert war, drückte mir der Roadmanager Sten plötzlich eine CD der Band Wibu Tee in die Hand. Auf die Frage, was er denn mit dem Label Jazzland zu tun habe, entgegnete er bescheiden, er sei der Labelmanager, und im Hirn fielen plötzlich die passenden Klötzchen zusammen. Schnell wurde eine Zusage nach Tübingen gemeldet, mit Sten Nilsen eine Flasche Wein geköpft und ein Interview für den folgenden Tag anberaumt. Aufgrund eines dämlichen Zufalls kam es nicht zustande, und die Wahrheit über Jazzland wurde auf dem Email-Weg ans Tageslicht gezerrt.
Wesseltofts zweites Album Sharing formulierte dabei einen ersten Vorstoß, der dem Geschmack der Jazzrezipienten allerdings schon viel zu weit ging: Und tatsächlich klingt Sharing nach einer House-Platte, die ein Jazzpianist eingespielt hatte. Sämtliche rhythmischen Freiheiten, die die Improvisation - als grundlegende Bedingung von allem, was sich bisher Jazz nannte - zu bieten hat, werden dem Groove untergeordnet und spielen sich innerhalb seines Diktates ab - als minimale Verschiebungen und Verdichtungen des Pulses. An diesem Konzept hat sich bis heute nicht viel geändert, egal ob Wesseltoft im Clubrahmen mit kleiner Besetzung und programmierten Rhythmustracks auftritt, oder - wie im November beim JazzFest mit Drummer, Bassist und Percussionisten. Das ausverkaufte Konzert im Tränenpalast zeigte aber auch, wie erfolgreich er nach dem mittlerweile dritten Album Moving bei jungen Leuten ist, deren Background weniger von Charlie Parker und John Coltrane geprägt ist, als von Galliano, 4 Hero und Nuphonic-Maxis. Spätestens mit dem Ausrufen der Vokabel Nu Jazz erschloß Jazzland damit eine neue Hörerschaft. Diese Szene, erinnert sich Nilsen,wurde wichtig, als wir begannen, Vinyl zu produzieren. Plötzlich erschienen wir in DJ-Playlisten und in den DJ-Sets verschiedener Radioshows. Den Ausdruck Nu Jazz mögen wir nicht besonders, aber vermutlich laufen wir bei vielen unter genau dieser Bezeichnung.
Davon abgesehen, verdient Wesseltoft als Sideman etablierter Jazzmusiker und vor allem im Duo mit der Sängerin Sidsel Endressen genug Geld, um seinem Label Jazzland nach wie vor hochwertiges Verpackungsdesign, regelmäßige Veröffentlichungen auf CD und Vinyl und Clubprojekte wie die eben gestarteten Jazzland Sessions im Osloer Blå zu garantieren. Der Lizenzdeal mit dem Major Universal tut dabei sein übriges, während anders herum Universal von Jazzlands durch die Bank hoher Qualität und vor allem organisch gewachsenen Struk-turen profitiert. Die häufigen personellen Überschneidungen zwischen den einzelnen Bands und Projekten sind Ergebnis einer - dank der Übersichtlichkeit der Szene - regen sozialen Interaktion. Das würde ich auch so sehen, antwortet Nilsen. Jazzland ist vielleicht das Ergbnis eines gesunden Austausches aller möglichen Musiker während der frühen Neunziger. Der in vielen Clubs in Oslo übrigens immer noch stattfindet. Es gibt eine Menge guter Bands mit großem Potential. Zusammenarbeit ist dabei ganz normal, und erfolgreiche Kollaborationen ergeben mitunter einen ganz einzigartigen Sound, was sich - neben Jazzland - auch auf Labels wie Rune Gramofon und BP feststellen läßt.
Die jüngste Jazzland-Veröffentlichung, Eight Domestic Challenges des Bandprojektes Wibu Tee, stellt hingegen eine frische Konfrontation von elektronisch frisierten Sounds, Beats und Riddims und energetischer, improvisierter Spielweise dar. Nach einem Debut in Quintett-Besetzung ist die Besetzung auf ihre drei Kernmitglieder gesundgeschrumpft worden, darunter wieder der erst 25jährige Håkon Kornstad, und liegt auf ihrem, an ästhetischen Risiken nicht eben armen Genrebastard (in Deutschland hat es nur eine vergleichbare Band, zu einiger Bekanntheit gebracht: das Tied & Tickled Trio, das ironischerweise eher beim Indie-Rock-Publikum Prestige genießt als in der Jazzgemeinde) überraschend weit vorne. Während der erfolgreiche Landsmann Nils Petter Molvaer das norwegische ECM-Erbe und fette Produktion zu einer Art jazzkompatiblen Prog-Rock bastardisiert, die dann live auch vor allem auf Überwältigung abzielt, halten sich Wibu Tee eine Menge Raum für Interaktion und spontane Dynamik offen. ][ mandel
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