OUK das fünfund30ste ± tiefgründig & erhellend ± Feb/März 02 jazzland

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Wie die Dinge manchmal gehen: die Anfrage der ouk-Redaktion, eine Story über das Label Jazzland zu verfassen, löste zunächst mal Unbehagen aus - 1000 und eine Compilation hatten das Thema Nu Jazz zur Nervenbelastung des Jahres auswachsen lassen, und nix anderes war doch hinter dem Namen zu vermuten (eine vorübergehende Konfusion mit „Jazzeteria“ tat ihr übriges). Außerdem hatte ich mir ja einen lukrativen,aber kräfteraubenden Wochenend-job ans Bein gebunden: beim Berliner JazzFest war eine Stelle als Stage Manager für die „Elektronik-Schiene“ im Tränenpalast freigeworden. Als der Hauptact des zweiten Abends, Bugge Wesseltoft, samt Band eingetroffen, gesoundcheckt und gefüttert war, drückte mir der Roadmanager Sten plötzlich eine CD der Band Wibu Tee in die Hand. Auf die Frage, was er denn mit dem Label „Jazzland“ zu tun habe, entgegnete er bescheiden, er sei der Labelmanager, und im Hirn fielen plötzlich die passenden Klötzchen zusammen. Schnell wurde eine Zusage nach Tübingen gemeldet, mit Sten Nilsen eine Flasche Wein geköpft und ein Interview für den folgenden Tag anberaumt. Aufgrund eines dämlichen Zufalls kam es nicht zustande, und die Wahrheit über Jazzland wurde auf dem Email-Weg ans Tageslicht gezerrt.

Seine Antwort auf die naheliegende erste Frage: „Bugge Wesseltoft gründete das Jazzland Label für sein erstes Album “New Conception of Jazz” (1996). Die Idee dahinter war, etwas neues zu schaffen, auch eine Alternative zu den großen Labels. Er machte für sein Album einen Lizenzdeal klar, dann für das ganze Label.“ „New Conceptions of Jazz“ klang in den Ohren der altehrwürdigen Jazz-Rezeption nach einer ziemlichen Anmaßung. Doch heute blickt Jazzland auf eine siebenjährige Geschichte zurück, die mit mittlerweile 16 Releases dem forschen Ton doch einige Berechtigung verschafft. Gerade die deutsche Jazz-Szene beschränkt sich immer noch darauf, den cleveren Trompeter Till Brönner abzufeiern oder Saxophonisten wie Peter Weniger oder Christof Lauer, die mit ungebrochenem Elan einer Jazz-Formel hinterherhupen, die bereits vor vierzig Jahren mehr Power, Soul, Spiritualität und vor allem ästhetischen Reiz hatte, als sie jemals auch nur in der eigenen Vorstellung nachvollziehen könnten - von realen Schallereignissen ganz zu schweigen. Im fernen Norwegen dagegen arbeitete mittlerweile ohne große Berührungsängste eine junge Szene an der schwierigsten Herausforderung überhaupt: die Neuformulierung von Jazz-Ästhetik angesichts rapide wechselnder technischer und kultureller Bedingungen. Dazu gehört einerseits ein Entwurf, der sich nicht nur positiv auf die Vergangenheit bezieht, sondern auf die Hör- und Spielgewohnheiten einer jüngeren Generation. Und andererseits der Reiz der unendlich scheinenden Möglichkeiten elektronischer Klangmanipulation: Samples, repetitive Patterns, Effekte und & +. Das „Jazz“ in Jazzland steht dabei für einen immer noch gültigen Traditions-rahmen, den es zu erweitern galt, wie Sten Nilsen ausführt: „Norwegen ist ein kleines Jazzland mit vielen großartigen Musikern. Die Idee war, elektronischen und akustischen Sound mit Improvisation zu kombinieren. Dieser Mix aus elektronischen und akustischen Elementen begann in der norwegischen Clubszene bereits in den frühen Neunzigern.“

Wesseltofts zweites Album „Sharing“ formulierte dabei einen ersten Vorstoß, der dem Geschmack der Jazzrezipienten allerdings schon viel zu weit ging: Und tatsächlich klingt „Sharing“ nach einer House-Platte, die ein Jazzpianist eingespielt hatte. Sämtliche rhythmischen Freiheiten, die die Improvisation - als grundlegende Bedingung von allem, was sich bisher Jazz nannte - zu bieten hat, werden dem Groove untergeordnet und spielen sich innerhalb seines Diktates ab - als minimale Verschiebungen und Verdichtungen des Pulses. An diesem Konzept hat sich bis heute nicht viel geändert, egal ob Wesseltoft im Clubrahmen mit kleiner Besetzung und programmierten Rhythmustracks auftritt, oder - wie im November beim JazzFest mit Drummer, Bassist und Percussionisten. Das ausverkaufte Konzert im Tränenpalast zeigte aber auch, wie erfolgreich er nach dem mittlerweile dritten Album „Moving“ bei jungen Leuten ist, deren Background weniger von Charlie Parker und John Coltrane geprägt ist, als von Galliano, 4 Hero und Nuphonic-Maxis. Spätestens mit dem Ausrufen der Vokabel Nu Jazz erschloß Jazzland damit eine neue Hörerschaft. „Diese Szene,“ erinnert sich Nilsen,“wurde wichtig, als wir begannen, Vinyl zu produzieren. Plötzlich erschienen wir in DJ-Playlisten und in den DJ-Sets verschiedener Radioshows. Den Ausdruck ‘Nu Jazz’ mögen wir nicht besonders, aber vermutlich laufen wir bei vielen unter genau dieser Bezeichnung.“

Davon abgesehen, verdient Wesseltoft als Sideman etablierter Jazzmusiker und vor allem im Duo mit der Sängerin Sidsel Endressen genug Geld, um seinem Label Jazzland nach wie vor hochwertiges Verpackungsdesign, regelmäßige Veröffentlichungen auf CD und Vinyl und Clubprojekte wie die eben gestarteten Jazzland Sessions im Osloer Blå zu garantieren. Der Lizenzdeal mit dem Major Universal tut dabei sein übriges, während anders herum Universal von Jazzlands durch die Bank hoher Qualität und vor allem organisch gewachsenen Struk-turen profitiert. Die häufigen personellen Überschneidungen zwischen den einzelnen Bands und Projekten sind Ergebnis einer - dank der Übersichtlichkeit der Szene - regen sozialen Interaktion. „Das würde ich auch so sehen,“ antwortet Nilsen. „Jazzland ist vielleicht das Ergbnis eines gesunden Austausches aller möglichen Musiker während der frühen Neunziger. Der in vielen Clubs in Oslo übrigens immer noch stattfindet. Es gibt eine Menge guter Bands mit großem Potential. Zusammenarbeit ist dabei ganz normal, und erfolgreiche Kollaborationen ergeben mitunter einen ganz einzigartigen Sound, was sich - neben Jazzland - auch auf Labels wie Rune Gramofon und BP feststellen läßt.“

Auf die Frage nach dem Stellenwert des „Jazz“ in Jazzland antwortet Nilsen, es beziehe sich vor allem auf eine Tradition: Skandinavien hat seit den 50er Jahren eine starke Verbindung zum amerikanischen Jazz. Viele Musiker, die in den USA, nicht zuletzt wegen ihrer Haut-farbe, einen schweren ökonomischen Stand hatten, zog es ins europäische Exil. Neben Frankreich und allmählich auch Deutsch-land, bot vor allem Schweden immer wieder Gelegenheit für vor-übergehende Engagements. Charlie Parker verewigte die schwedische Gastfreundschaft mit seinem Stück „Swedish Schnapps“, Miles Davis und John Coltrane nahmen im Stockholmer Konzerthuset eines ihrer bedeutendsten Konzertdokumente auf: die zwei auf Blue Note erschienenen Ornette-Coleman-CDs „At the Golden Circle Stockholm“ Vol. I & II (auf Blue Note) gehören zu den wichtigsten Einspielungen des frühen Free Jazz. Norwegische Musiker betraten in den Sechzigern die internationale Szene. Vor allem die Produktionen des Münchner Labels ECM machen den Großteil des norwegischen Jazz-Erbes aus: Musiker wie der Saxophonist Jan Garbarek, Gitarrist Terje Rypdal oder der Drummer Jon Christensen waren an der Entwicklung des verhangenen, spezifisch europäischen ECM-Sounds beteiligt, in dem nicht zuletzt auch typisch norwegische Charaktereigenschaften zum Tragen kamen: Melancholische Grundstimmung, weite Klangflächen, durchweht von klagenden Melodielinien. Als wichtigsten Einfluß der 90er nennen die meisten norwegischen Musiker der jüngeren Generation die rhythmische Komplexität von Drum’n’Bass, zu einem gewissen Anteil auch Acid Jazz und House.

All das schlägt sich in einer großen stilistischen Bandbreite des Jazzland-Kataloges nieder: so veröffentlichte Jazzland eine Remix-CD der vor allem in Weltmusikkreisen geschätzten Sängerin Matie Boine, die traditionelle Gesangstechnik mit Ambient, fragilen Beats und Popschemata mischt, oder auch „reine Jazzplatten“ wie die des Trios von Håkon Kornstad, Saxophonist bei Bugge Wesseltoft und ausserdem bei Jazzland für das Artwork verantwortlich. Bei den Headz dagegen erfreute sich das Album „Jazzland remixed“ großer Beliebtheit, auf dem Les Gammas, Andreas Dorau (!) und Meister Wesseltoft selbst den Jazzländern den letzten Schliff in Richtung Floortauglichkeit verpassten, und auch die Musik der Sängerin Beady Belle zielt vor allem auf die Beine. Sidsel Endressen, die vor allem im Ausland erfolgreichste Sängerin des Landes, findet auf Jazzland eine Heimat für abseitige Projekte, wie das Vokaltrio ESE mit Elin Rosseland und Eidbjørg Raknes.

Die jüngste Jazzland-Veröffentlichung, „Eight Domestic Challenges“ des Bandprojektes Wibu Tee, stellt hingegen eine frische Konfrontation von elektronisch frisierten Sounds, Beats und Riddims und energetischer, improvisierter Spielweise dar. Nach einem Debut in Quintett-Besetzung ist die Besetzung auf ihre drei Kernmitglieder gesundgeschrumpft worden, darunter wieder der erst 25jährige Håkon Kornstad, und liegt auf ihrem, an ästhetischen Risiken nicht eben armen Genrebastard (in Deutschland hat es nur eine vergleichbare Band, zu einiger Bekanntheit gebracht: das Tied & Tickled Trio, das ironischerweise eher beim Indie-Rock-Publikum Prestige genießt als in der Jazzgemeinde) überraschend weit vorne. Während der erfolgreiche Landsmann Nils Petter Molvaer das norwegische ECM-Erbe und fette Produktion zu einer Art jazzkompatiblen Prog-Rock bastardisiert, die dann live auch vor allem auf Überwältigung abzielt, halten sich Wibu Tee eine Menge Raum für Interaktion und spontane Dynamik offen. ][ mandel

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