OUK das fünfund30ste ± tiefgründig & erhellend ± Feb/März 02 kehlkopf

Kehlkopf

Manges

www.hiphop.de? Von Hamburg bis München hat deutschsprachiger Rap die Hip-Hop-Kids und Feuilletons fest im Griff. Auf den Musikkanälen rotieren Videoclips um die Wette, um uns den harten Alltag auf deutschen Straßen und die Querelen der Hip-Hop-Nation mit sich selbst zu demonstrieren. Gemeckert werden darf am state-of-the-yard nicht mehr. Wer dies dennoch tut, gilt schnell als Spielverderber und Authentizitätsfanatiker. Trotzdem mangelt es im Land der Neuen Mitte, nimmt man den King Kool Savas, Azzad und deren Umfeld mal beiseite, an Talenten, die musikalisch und textlich abseits der ausgetrampelten und immer in die gleiche Richtung führenden Pfaden gehen. Manges ist so einer.

Menschen, die weder in Darmstadt, noch in dessen näherer Umgebung leben, dürften mit den Namen Kehlkopf, Baggefudda oder Manges kaum vertraut sein. In der beschaulichen Wissenschaftsstadt gehören diese jedoch zum Kanon und stellen, obwohl erst in den Zwanzigern, so etwas wie die erste ernstzunehmende Hip-Hop-Generation dar, die sich über das Platten-auflegen hinaus eingehend mit der deutschen Sicht der Dinge auseinandersetzte respektive aktiv rappte. Gemeinsam als Kehlkopfmafia gestartet, spielte man Demotapes ein, trat auf, wo immer man konnte und versuchte ein eigenes kleines Rap-Enterprise auf die Beine zu stellen - mit mäßigem überregionalen Erfolg. Irgend-wann gelangte die Mafia schließlich an den Punkt, wo es klug erschien, die gebündelten Kräfte zwecks Selbstverwirklichung zu teilen. Aus der Kehlkopfmafia wurden Baggefudda mit den MCs Mariusz und Boris, das Label Kehlkopf Aufnahmen und Manges, der seine Sache selbst in die Hand nehmen wollte.

Sitzt man Markos Koderich alias Manges gegenüber, drängt sich nicht unbedingt der Eindruck auf, einem Rapper gegenüber zu sitzen, wie man ihn vielleicht in handelsüblichen Formaten erwartet. Zu still und zurückhaltend wirkt der Sohn einer Griechin und eines Deutschen. Außer den von ihm gern und viel benutzten englischen Adjektiven wie dope, mad oder weak, deutet wenig auf das in dieser Zunft beliebte playin’ yourself hin und seiner äußeren Erscheinung nach zu urteilen, wäre Manges besser in Donnie Brasco als auf den Mode-seiten irgendwelcher Hip-Hop-Fischein-wickelblätter aufgehoben.

Sag mal, Manges, wie hat es denn bei dir angefangen mit den Beats? „Boris von Baggefudda hat mir mein erstes Tape gegeben. Damals habe ich Snap gehört und war 11 Jahre alt. Auf dem Tape waren die zu dieser Zeit angesagten Jungs: Geto Boys, 2 Life Crew. Da fing’s für mich halt an. Über die ersten aufgenommenen Raptapes hab ich mir dann eigene Kassetten gekauft. Zwei Jahre später war ich bei einem Freund meiner Eltern, der einen Sampler und einen super Rapgeschmack besaß. Bei ihm hab ich dann auch meinen ersten Beat auf dem Sampler geloopt und erste englische Texte dazu gerappt. Leider arbeitet er heutzutage viel zu viel, um sich noch weiter mit der Sache zu beschäftigen.“

Nach den ersten fremdsprachigen Versuchen und dem Auftreten von Advanced Chemistry war Manges allerdings schnell klar, daß er sich „auf deutsch versuchen mußte“ und seine englische Metaphorik bezeichnet er heute selbst als „lächerlich“. Also sparte er sein Taschengeld, um nach einem Akai auf einen MPC 2000, den Hip Hop Standard-sampler, umzusteigen, der ihm bis heute treue Dienste bei der Programmierung seiner Beats leistet. Und wo wir schon einmal dabei sind - ebendiese sind wirklich außergewöhnlich, genau wie der Rapstil. Man fühlt sich unweigerlich an die Rhythmusgerüste aus dem D.I.T.C.-Camp, an gelenke Erzeugnisse von der linksrheinischen Seite oder an die Erzähl-techniken vergangener Tage erinnert. Man könnte das durchaus auch Bass noir nennen, wenn Sie wissen, wovon ich spreche.

„Wir, damit meine ich Baggefudda, mich oder besser unsere Herangehensweise, machen halt eine sehr eigene Sache, und das jetzt fast schon seit zehn Jahren. Da bleibt es nicht aus, daß man dann echt einen eigenen Stil entwickelt, der in unserem Fall von langsamen und schleppenden Beats, von Erzählern und Filmen geprägt ist. Ist halt kein clubmäßiges Zeug. Und es kann auch mit französischen Sachen nicht mithalten, weil die sind einfach hiphopmäßig geil, dope. Aber ich denke, wir machen da halt einfach was anderes.“

Obwohl Manges gerne auch mal eine Platte von Mystikal mit in die Tüte steckt und in dem Ruf steht, ein gefürchteter R&B-Deejay zu sein: „Shake your ass war dope, aber dieses ganze down south holla holla Geschrei nervt langsam gewaltig. Ich würde gerne mal was für die Clubs oder die Tanzfläche produzieren, aber im Moment bin ich noch nicht soweit.“ In seinem Fall könnte man aber auch sagen, dass die Tanzfläche noch nicht bereit für einen Manges-Beat ist. Das im Frühjahr erscheinende Album ist mit „Ein Biss“, dessen super Hookline („Ein Biss und das Trommelfell von jedem Typ und von jeder Miss ist im Eimer“) und „Tiefergelegt“ aber auf alle Fälle slow jam tauglich. Wenn es denn DJs geben sollte, die so etwas in der immer glamoröser werdenden Welt der Hip Hop Clubs auflegen. Vielleicht ist da DJ Premier, der die Brücke zwischen Club und Wohnzimmer schon immer zu schlagen wußte, das perfekte Rolemodel?

„Premier holt wohl aus den jeweiligen Leuten immer das beste raus. Group Home, Bahamadia. Was wäre aus Guru geworden, wenn er nicht Premier gehabt hätte? Sieh dir an, was Jeru the Damaja nach seiner Trennung von Premier auf den Markt schmeißt. Der ist mittlerweile leider ganz schön untight. Primo ist auch super, wenn er experimentelle Sachen macht, die ja naturgemäß ein wenig schwieriger sind, aber selbst die haben Groove. Ich weiß nicht, wie er das hinbekommt.“

Wie Markos seine Beats hinbekommt, ist natürlich inklusive Samplesources Betriebs-geheimnis, aber dennoch fragt es sich, ob ihm beim Schaffensprozess der Beat oder eher der Text am Herzen liegt?

„Ich denke, es geht für mich in erster Linie um Style, also um die Musik selbst. Jeder, der gut ist, achtet erst mal darauf. Es kommt drauf an, was du fühlst, wenn du den Beat hörst. Rap als Musikstil ist wie eine eigene Sprache, und kann man es schaffen, diese Sprache gut zu sprechen, dann kann man auch seine Sachen super rüber bringen. Bands wie Blumfeld haben auch ihre eigene ‚Sprache’ und die funktioniert. Für mich ist dieses Groove-Ding unheimlich wichtig. Text und Inhalt kommen dann natürlich dazu, aber der Text darf das Gesamtbild nicht kaputt machen. Zum Beispiel mochte ich zwar die alten N.W.A., aber es geht nicht, daß die unreflektiert und positiv über Vergewaltigung rappen. Das macht es für mich kaputt. Der Groove ist das Fundament. Schöne Bilder allein reichen auch nicht aus, wenn die Story eines Films doof ist. Mir selbst fällt es sehr schwer, Texte zu schreiben, mir fällt es schwer, mich an Themen ran zu trauen. Mir fällt es schwer, mir eine Meinung zu bilden.“

Deshalb würde er auch gerne als Sprachrohr für andere fungieren und aus deren Sicht erzählen. So wie zum Beispiel bei dem Stück „Kranichstein“, wenn er in die Haut pubertierender Mädchen aus dem sozialen Brennpunkt Darmstadts schlüpft, und diese quasi mit seiner Stimme aus deren Erlebniswelt berichten läßt. Das kommt einem zwar schon fast wie method acting vor, ist aber allemal interessanter, als sich das pausenlose verbale In-den-Schritt-greifen vieler Artgenossen anhören zu müssen. Damit dies niemand falsch versteht: Manges ist verdammt weit davon entfernt, das daisy age im Werdegang von Hip Hop made in Germany auszurufen oder zu markieren. Battle-Metaphorik findet sich auch bei ihm, nur eben reduzierter, gewitzter und indirekter als anderswo.

„Bei Rap macht man halt auch schnell endgültige Aussagen. Da gibt es halt einen Profilier- und Reimzwang. Sagen, wo es lang geht. Ich bin froh, wenn es flowt. Es ist schön, wenn du in einem Text drin bist, und der funktioniert und die Sache läuft rund. Ich bin nicht so stark auf diesem inhaltlichen Trip. Was ich gerne könnte, wäre für andere Leute Musik zu machen. Manges ist ja auch Plural. Das bedeutet für mich, die Leute, die ich treffe und sehe, daß ich was für die machen will. Vielleicht so, wie manche Schriftsteller das machen, und auch ein bißchen aus meinem Gemein-schaftsgefühl und Not heraus geboren, daß ich schon genug über mich geschrieben habe und selbst so wenig Vertrauen zu mir habe.“


Für seine lieben Kollegen hat der Mann, der seinen Namen von dem griechischen Wort mangas ableitet, das übersetzt so viel wie Outlaw, Ruffneck oder einfach Junge bedeutet und aus der Rembetiko-Kultur entstanden ist, die sich in etwa mit dem amerikanischen Blues und dem Treiben dessen Protagonisten vergleichen läßt, fast nur lobende Worte übrig.

„Weil du in einem Raptrack nicht die ganze Wahrheit sagen kannst. Vielleicht will ein Stück auch einfach nur kurz ein bestimmtes Gefühl transportieren und nicht beide Seiten ausleuchten. Ich höre nicht so viel deutschen Rap, ich hör nicht einmal mehr so viel amerikanischen Rap. Ich habe nicht mehr genug Zeit, um alles mit zu kriegen, aber ich finde, in Deutschland hat sich da prinzipiell sehr viel getan. Schau dir nur die ganzen Crews an, die mittlerweile von überall her kommen. Für mich gibt es da allerdings eine Linie: es gibt Lieder, die funktionieren einfach super, und die kann ich mir anhören, sogar gerne und das ist für mich diese Linie. Im Vergleich mit dem gesamten Markt ist das vielleicht ein sehr geringer Prozentsatz, aber ich bin froh, das es den gibt. Eine Zeit lang habe ich gedacht, es wird nie deutschen Rap geben, den ich mir anhören will. Und es gibt so ne deutsche Rap Elite, die, die bei den Kids am beliebtesten sind: Assad, Curse, Samy Deluxe, und so weiter. Das ist so `ne Elite, die das zum Teil auch verdient hat. Und von diesen Leuten gibt es einzelne Lieder, die ich ganz schön finde und vielleicht ganz gerne höre. Das finde ich cool an der deutschen Entwicklung, daß es da was gibt, zu dem ich ‚ja’ sagen kann. Auch, wenn ich’s nicht richtig fühlen kann. Es gibt aber eine Band, die mit Abstand die beste in Deutschland ist: Konkret Finn aus Frankfurt am Main. Das Album ist schon sechs, sieben Jahre alt, kommt aber jetzt erst richtig raus. Das ist die einzige Band, die wirklich was ganz eigenes gemacht hat, die mit ihrer Musik ihr Lebensgefühl absolut transportiert. Von den Jungs finde ich jedes Lied super. DAS will ich mir anhören.“


Wir hingegen wollen uns die Vorabversion des noch namenlosen Albums wieder und wieder anhören. Und ihr habt besser die richtige Antwort parat, wenn Euch Manges auf seiner im Frühjahr erscheinenden 12inch „Tiefergelegt“ fragt, ob ihr für Rap bereit seid. ][ janson

www.kehlkopf.com


back