OUK das fünfund30ste ± tiefgründig & erhellend ± Feb/März 02 sender

Sender Records – Benno Blome

Es gab eine Zeit, in der Musik alles war, keine Machtspielchen, keine sich duckenden Kompro-missgänger, keine Ausrichtung an festgefahrenen Denkstrukturen. Nur wenige konnten sich diese Begeisterung aus den Anfangstagen der deutschen Technobewegung bewahren. Zu verlockend war der leichte Erfolg auf breitgetretenen Pfaden. Diese wenigen aber bewahren die Hoffnung auf eine Fortentwicklung dessen, was uns einst verrückt vor Aufregung werden ließ. Man muß wohl selbst ein wenig verrückt sein, um sich unbeirrbar an Fernsehtauglichkeit und Massengeschmack vorbeizuschleichen, hin zu einem Ergebnis, das nur Minderheiten ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Benno Blome gehört offensichtlich zu dieser Spezies. Der aus Köln stammende DJ und Produzent hat in Berlin mit Sender Records eine Plattform gegründet, die auf dem besten Weg ist, in die mächtigen Fußstapfen großartiger Vorgänger und Weggefährten wie Basic Channel oder I-Fach zu treten. Sicher ist, daß das Label von Beginn an für ausgezeichnete elektronische Musik irgendwo zwischen der Berliner, Kölner und Detroiter Schule stand und die Tradition wegweisender deutscher Technolabels in das dritte Jahrtausend fortführt. Innovation zu erreichen scheint derzeit ein kaum lösbares Unterfangen, aber es ist gut zu wissen, daß das Streben danach nicht in einem Morast krankhaft auf ihren Status bedachter Herdentiere versinkt.


1.Was hat dich dazu bewogen, diesen Weg zu gehen?

BB: Bei uns gab es damals, so ’89 ging das los, in Köln die ersten reinen Technoclubs wie den ‚Space Club’, der dann später zum ‚Warehouse’ wurde, oder wir sind Sonntags nach Düsseldorf in den ‚Ratinger Hof’. Space Club und Warehouse, in der Anfangs-phase, waren eine DER Locations in dem Zeitraum, wahrscheinlich nicht nur in Deutschland. Das war die absolut prägendste Zeit für mich, ich genoss das Nachtleben, war aber noch nicht selbst kreativ tätig.

2. Du hast 1994 mit auflegen begonnen, also Trance? Gab es einen nachvollziehbaren Zeitpunkt der Umkehr hin zu den experimentelleren Sounds?

BB: Ich habe erst damit angefangen Platten zu kaufen und dann später auch aufzulegen, als die Trancewelle abebbte. Es gab den Punkt wo ich gemerkt habe, dass es Techno gibt, mit dem ich mich voll und ganz identifizieren kann. Eine existenziellere Form, mit minimalen Strukturen, die auch Energien freisetzt, aber anders als bislang. Ich ging damals bei ‚Delirium’ Platten kaufen, ’97 sind die dann umgezogen und haben sich umbenannt in ‚Kompakt’. Heute sind die unser Vertrieb.

3. Welchen Stellenwert hat das DJ-ing für dich, welche Charakteristika zeichnen für dich den perfekten DJ aus und hast du den Anspruch an dich selbst, dieses Ziel zu erreichen?

BB: Das Dj-ing ist für mich eine moderne Kunstform, deren wahren Stellenwert man wohl erst in 10-20 Jahren sehen wird. Der perfekte DJ? Er sollte in der Lage sein auf jede Situation adäquat zu reagieren. Dafür ist eine gewisse Bandbreite notwendig, er sollte sich nicht zu sehr auf nur eine Verästelung des ganzen Spektrums konzentrieren, sondern neue Strukturen durch spannende Kombinationen schaffen. Ich finde auch den Einsatz von Loops sehr interessant, das eröffnet viele neue interaktive Möglichkeiten des DJings. Für dieses Jahr ist auch eine weitere SL24 Sender-Loops-Compilation-12“ geplant.

4. Wie sieht für dich die ideale Party aus und was kann man allgemein ändern, um in die derzeitigen Strukturen mehr Qualität zu bringen?

BB: Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, wie Anlage, Location und die Bereitschaft aller Beteiligten sich mal gehen zu lassen. Die ideale Party lässt sich wohl nicht so richtig beschreiben, aber wenn man auf einer ist, dann merkt man es.

5. Wie beurteilst du die Retrowut der letzten Jahre?

BB: Mich langweilt das momentan ein wenig. Diese ganzen Retro-Dub-Releases mit Bezug zu den 70ern und auch 80’s Disco-Pop sind keine Schritte nach Vorne. Ich denke, diese stilistischen Vergangenheitsaufbereitungen sind Modeerscheinungen, und werden bald vergessen sein. Es hat für mich auch immer diesen konservativen Beigeschmack, ein längst etabliertes und akzeptiertes Musikgenre neu zu bearbeiten.

6. Hat Sender den Anspruch innovativ zu sein? Besteht ein High End Anspruch bei den Releases?

BB: Ob wir wirklich innovativ sind weiss ich nicht, es gibt da noch viel zu tun.
Definitiv wollen wir aber Qualität statt Quantität. Ich frage mich vor jedem Release, also beim Durchhören der einzelnen Tracks, ob es jetzt wirklich notwendig ist, dieses Produkt auf den Markt zu werfen und entscheide dann aus Gesichtspunkten wie Zeitlosigkeit, Individualität und auch der berühmte Gänsehautfaktor spielt eine Rolle, im Endeffekt muss man solche Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen...

7. Wird auf Absatzfähigkeit geachtet (Kompromisse) oder interessiert allein die persönlich bewertete Qualität?

BB: Es interessiert nur die Qualität der Tracks und das Feeling, das sie ausstrahlen. Sie sollten den gewissen Sender-Faktor haben, den ich schwer beschreiben kann, und auch in der Lage sein, den Dancefloor zu rocken ... Kompromisse werden vermieden wo es nur geht, darum erscheint auch nicht jede Woche ein neuer Release, sondern erst dann, wenn er soweit ist.


8. Was hat es mit der Funkturmliebe auf sich, Radio steht ja nicht unbedingt für die Verbreitung von anspruchsvoller elektronischer Musik...

BB: Funktürme haben eine unglaubliche Aura, dadurch prägen sie das Bild einer jeden Stadt, egal ob Berlin, Köln, Toronto oder Hamburg. Sie dienen uns als aussagekräftiges Symbol für das Label-Artwork. Mein Traum ist es, einen eigenen
Funkturm zu besitzen, den man als Partylocation sowie als 24-Stunden-Radiostation nutzen könnte. Das wäre phänomenal !

9. Ist die Kunst Beruf und wenn ja, wie vereinbarst du den Zwang, Geld zu verdienen mit den eigenen Ansprüchen an die Musik ?

BB: Das Label-Management, Produzieren und das Auflegen macht mir grossen Spass, sonst würde ich das nicht machen. Dass ich davon finanziell leben kann, ist umso angenehmer.


10. Gibt es Videos und wie schätzt du den Stellenwert des Mediums TV in bezug auf Untergrundmusik ein ?

BB: Wir arbeiten momentan an Videos, das sind aber eher längere Film-ähnliche Sachen, die dann auf Sender-Nächten laufen sollen. Ich finde das spannend, da die visuelle Komponente entscheidenden Einfluss auf das Gesamterlebnis einer Party haben kann. Es ist vor allem eine weitere Möglichkeit kreativen Output zu senden. Video-Clips sind aber auch in Arbeit. Das ist für uns eine neue Präsentationsform, die im richtigen Kontext auch Sinn macht.


11. Was passiert in Zukunft mit Sender?

BB: Expandieren ist die Devise. Als nächstes kommt ein Album von Jake Fairley und neue Maxis von k.lakizz, Carsten Jost und Vincent Radar. Ausserdem planen wir einen Asien-Stützpunkt in Malaysia zu errichten, wir führen gerade Verhandlungen um einen Bürokomplex in dem dortigen Funkturm, dem Menara Tower in Kuala Lumpur, wir wollen dann dort die Hälfte des Jahres verbringen.
][ motik

 

Top Ten 01/02

1. k.lakizz -Silverstar Bar (Sender)
2. Smith n Hack -No Gimmicks, No Flash (Tribute)
3. Force Legato -System (Sonic Groove)
4. weltZwei vs. Schaeben -On Standby (Sender)
5. Drumkomputer -Munk (John Tejada Rmx) (Itiswhatitis)
6. Baby Ford -Bad Friday (Klang)
7. Carsten Jost -Louis (Sender)
8. M.Rahn -Laser Move (Konvex Konkav)
9. Akufen -Quebec Nightclub (Perlon)
10. Antiga Prime -Radio City (Klang)

All Time Top Ten

1. 69 -My Machines (Planet E)
2. Mike Ink -Paroles Rmx (Warp)
3. Wishmountain -Radio (Antiphon)
4. Sluts’n’Strings & 909 -Past the Gates (Cheap)
5. Kraftwerk -Mensch Maschine/Computerwelt (Emi)
6. Maurizio -M4
7. Baby Ford -Normal Rmx (Rephlex)
8. Plastikman -Spastik (Novamute)
9. Dbx -Loosing Control (Peacefrog)
10. Robert Hood -Minimal Nation (Axis)

http://www.sender-records.de/


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