OUK das sechsund30ste ± aufregend & verkettet ± April/Mai 02 von Ängsten und Persönlichkeit

Daß im Popbusiness nichts echt ist, muß nicht weiter thematisiert werden, weil die in Schemen und hippe Klamotten gepressten Wirtschaftsmarionetten für sich selbst sprechen. Daß HipHop, House, Techno und Drum´n´Bass längst Pop geworden sind und im großen und ganzen nach dessen Spielregeln tanzen, ist auch klar. Daß trotzdem gerade im HipHop-Bereich noch immer von Street-Credibility und Realness gesprochen wird, ist nicht nur angesichts der affengleich nach Übercoolness strebenden Generation “Ferngesteuert” nur mitleidsvoll zu belächeln. Vielleicht liegt es am Ursprungsland dieser Musik, daß Selbstbeweihräucherung und der Rückblick auf glorreiche Zeiten als Mittel dienen, um Mißstände zu überblenden. Aber natürlich haben auch hier die goldenen Regeln des Pop unbarmherzig gewütet und am Ende steht wie bei allen vom Untergrund ans Sonnenlicht gespülten Stilrichtungen ein Trümmerhaufen aus hehren Grundsätzen, Geschmack und Begeisterung, auf dem feist Lucifer zu den Brandys dieser Welt seine Haxen schwingt. Also könnten wir uns angesichts dieser übermächtigen Gelddruckmaschinerie eigentlich gleich erschießen, oder, was etwas gesünder wäre, die so geliebte, wie alles Revolutionäre der ersten Stunde, in die Bedeutungslosigkeit verbannte Musik in den eigenen Vier Wänden erhalten und das Elend in Deutschlands, nein, nennen wir es „lokalpatriotisch“ beim Namen, in Stuttgarts Clubs und Studios Elend sein lassen. Aber auch wir strengen Germanen haben manchmal trotz unseres grummeligen Wesens Lust auf Ausgehen, im Idealfall in Verbindung mit Musik, die wir mögen. Und für diejenigen, die sich etwas mehr mit Musik beschäftigen, als der gewöhnliche MTV-Viva-Zapperich, ist genau das in Stuttgart kaum noch möglich.
Denn, sich mit Musik beschäftigen, bedeutet einen eigenen Geschmack zu entwickeln und dies führt in der Mehrzahl der Fälle zu einem feinen Gespür für, und zu dem Wunsch nach qualitativ hochwertiger Musik. Qualität zu definieren ist kaum möglich, aber jedenfalls Begriffe wie Kompetenz und das Streben nach Weiterentwicklung führen da zu einer durchaus generell gültigen und etwas weniger schwammigen Abgrenzung. Und da fast jeder davon spricht, scheint eines klar zu sein: Qualität wird in und um Stuttgart nur noch selten hörbar gemacht. Rühmliche Ausnahmen seien nicht verschwiegen, aber die gehen im Morast der gleichgeschalteten Menge schlicht unter.
Bleibt die Frage nach den Gründen, denn erkannt ist die Misere längst. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um die gewöhnlichen Buffalo-Anzugspunkte für das Umland, in denen das übliche ewig gleiche Chartsprogramm heruntergespult wird und auch nicht um den Rave “für die Schönen und Angesagten im Land”. Da erübrigt sich jedes weitere Wort. Die Rede ist von den ohnehin wenig zahlreichen subkulturellen Clubs, die außerhalb Stuttgarts noch einen blendenden Ruf genießen, aber eine Mehrheit der Musikliebhaber aus der Gegend längst vergrault haben. Seelenloses Drogengebretter ohne Kontraste oder der so langsam ins peinliche abgleitende 80er-Jahre-Rückbesinnungszwang im Techno-bereich, die wöchentlich zunehmende und inzwischen unerträgliche Verwässerung der meisten HipHop-Veranstaltungen und
-Produktionen mit schlechtestem R´n´B-Gesäusel und Stromlinien-Gerappe und das schon lange anhaltende House-Fiasko im restlichen Stuttgart macht es einem durchaus schwer, ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.
Sollte es am „schlechten“ oder anderen Geschmack der DJ´s und Produzenten liegen, müßte man die Situation akzeptieren und versuchen damit klarzukommen, daß die eigene Definition von guter Musik mit der Realität nichts gemein hat. Aber genau das scheint eben nicht der Fall zu sein. Floskeln wie “wir müssen” und “es geht nicht anders” sprechen eine andere Sprache, nämlich die der unsagbaren Angst um jedes Jota Prestigeverlust. Es ist sehr wohl verständlich, daß das zum Beruf gewordene Hobby den Selbsterhaltungstrieb zur Geltung bringt und die Sorge um ein zahlungskräftiges Publikum zutage fördert. Doch zieht man das Beispiel unserer so hochgelobten Stuttgarter HipHop-schaft heran, so fällt auf, daß es doch eigentlich Qualität war, die ihren Weg zum Erfolg erst ermöglicht hat. Am Gipfel angelangt, beruft man sich zwar ununterbrochen auf die glorreiche Vergangenheit im Underground, doch die Umsetzung des zweifellos respektbegründenden Backgrounds in anständige Klänge läßt proportional zum kommerziellen Erfolg mehr und mehr zu wünschen übrig. Anstatt den erworbenen Status dahingehend auszunutzen, das sowieso völlig willenlose oder sagen wir’s nett: formbare Publikum mit abwechslungsreicher und anspruchsvoller Kost hin zur Kennerschaft zu führen, erzeugt und spielt man aus lauter Sorge um den Verlust schwingender Weiberhintern und der sowieso nur schwer zu haltenden Trittbrettklientel, Chartsware weit jenseits der Geschmacksgrenzen und verbirgt sich hinter den Worten “Zwang” und “Alternativlosigkeit”. Der unangenehme Nebeneffekt ist dabei die Erschwerung der Situation für die wenigen Unentwegten, die versuchen ihrem Stil treu zu bleiben.
Daß es anders geht und daß auch in Stuttgart sehr wohl die Frage nach Müll oder Nicht-Müll mit Leichtigkeit beantwortet werden kann, zeigen die seltenen Gastspiele von DJ´s wie Premier oder Craze. Plötzlich überwiegt die Sorge, von den Eminenzen als nichtssagender Industrieklon ohne Geschmack und Eigenständigkeit entlarvt zu werden und schon entspricht die Musik der hiesigen Vorprogramm-Jungs gängigem Undergroundstatus. Natürlich tanzt das Volk auch auf einen eingeritzten McDonalds-Chefsalat-Deckel, wenn ein großer Name hinter den Technics steht. Natürlich hat es der local hero mit der exakt gleichen Musik und oft besseren technischen Fertigkeiten viel schwerer, dieselbe Akzeptanz in der Breite zu erzielen. Aber die Frage ist, ob man diese Anstrengung auf sich nimmt, Spaß an der Sache hat und langfristig ein willkommeneres und ebenso profitables Ergebnis erzielt oder lieber Hit an Hit reiht und innerlich kotzt, angesichts dieser selbst verschuldeten Niveaulosigkeit. An den Fähigkeiten mangelt es gerade unseren HipHop-Stuttgartern ja keineswegs, wäre da nur ein bißchen mehr Mut und Rückbesinnung auf das, was die guten Leute dazu gebracht hat, die Energie aufzubringen, all das aufzubauen. Der Karren ist böse im Dreck, aber zu spät ist es nie und dagegen anzugehen ist der einzige Weg, um in schwierigeren Zeiten wenigstens noch die echten Musikliebhaber auf seiner Seite zu wissen. Die machen doch derzeit wenn überhaupt höchstens noch deshalb gute Miene zum bösen Spiel, weil sie selbst vor den Lockungen des Rampenlichts nicht gefeit sind. Oder viel wahrscheinlicher, weil unter der oft coolen, selbstverliebten und arroganten Schale noch die alte sympathische Natur der 0711-Familie hervorlugt, aus Zeiten, als es nur um die Musik und das HipHop-Ding ging und es nichts gab, was einem zu Kopf steigen konnte.
Natürlich sprechen wir hier nicht von einem spezifischen HipHop-Problem, aber dort ist das Potential am höchsten, weil der Nachwuchs derzeit eben auf HipHop fixiert ist. Und ohne die entsprechenden Vorbilder ist es den Stuttgarter Kids kaum möglich aus dieser Spirale der Niveaulosigkeit auszubrechen. Denn wer soll ihnen guten HipHop präsentieren, wenn nicht die lokale Prominenz. Die über viele Jahre gewachsene 0711-Crew weiß doch ganz genau, wovon hier gesprochen wird, aber sie sitzt kaninchengleich starr vor Angst vor der Industrieschlange und fürchtet deren Liebesentzug und deshalb versickern Kool Keith und Kollegen in einem Sumpf aus geheuchelter Street-Credibility und fehlgeleitetem Coolness-Streben.. Sie hat die Kompetenz und den Einfluß und ganz gewiß auch den Geschmack. Was zu fehlen scheint, ist der Mut, dieses Wissen auch in den Sphären umzusetzen, in denen sie derzeit noch schweben. Gerade, wo die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war und noch immer ist, wurde und wird die Gunst der Stunde nicht genutzt. Die Glitzerwelt der Hochfinanz der Popwelt verleitet dazu, die Augen vor den Schattenseiten zu verschließen, aber selbst diejenigen, die mitten drin sind im Gewühl müssen zumindest erkennen, daß die Musik dabei längst genauso auswechselbar wie belanglos geworden ist. Keinem soll vorgeworfen werden, daß der Weg zum eigenen Geldspeicher, Prinzipien und Idealismus vergessen läßt. Was bedeutet das schon im Austausch gegen ein bequemes Leben? Nur sollte man dann dazu stehen und sich nicht als Eigentlich-Undergrounder gerieren, der nur von den Mächten des Bösen zur Selbstverleugnung getrieben wird. Entweder - oder! Müll produzieren und sich nebenbei den Respekt des Untergrunds bewahren, funktioniert eben nicht. Ein Dilemma ohne Ausweg.

Bin ich froh, daß ich mit Musik kein Geld verdienen muß!
][ motik

 


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