OUK das sechsund30ste ± aufregend & verkettet ± April/Mai 02 Bla & Blub

Bret Easton Ellis’ “Glamorama” (Heyne Hörbuch) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Lange dachte ich bei dem Begriff Hörbuch an Märchenschallplatten der Gebrüder Grimm oder Wilhelm Hauff. Namen wie Hans Pätsch, der sich auch als Sample auf zahlreichen Techno- oder Electroproduktionen wiederfinden läßt, oder Christa Berndl sah ich auf verknickten Schallplattencovern vor meinem geistigen Auge. Doch schon schnell katapultierten mich die ersten Zeilen des vorgelesenen Buches in das schnelle, oberflächliche Leben aus der Welt des Sehens (Gaffen...) und Gesehenwerdens. Szene-Club, Schickeria, Drogen, Designerklamotten, Sex und Partys - alles mit dem Wort ´Hardcore´ leicht ergänzbar. (Siehe auch ouk 22) Ohne jegliche komplizierte Grammatikkonstruktionen wählt Bret Easton Ellis den umgangssprachlichen Erzählstil und schafft somit ein neues künstlerisches Stilmittel zu generieren. Schon die Charaktere entsprechen dieser einfachen Syntax, ist doch ihr Leben auf oben erwähnte Begriffskette reduziert. So schlittert Viktor Ward im vom Kokain beschleunigten Rauschen durch ein Leben zwischen Schenkeln und Plakatwänden; Vorbei an Titelseiten verschiedenster Magazine und modischen Schaufensterauslagen; Durch Bars und Betten. Rasende Eskalation bereits nach wenigen Kapiteln. Kurzes Durchatmen, und schon geht das chaotische Verwirrspiel weiter. Sukzessive entblättert sich eine ironische Story, die scheinbar einem Drehbuch entsprechend, nicht real stattfindet. Doch alle Differenzierungsmöglichkeiten zwischen scheinbarer Realität und Illusion lösen sich immer weiter auf, je weiter man in der Geschichte voranschreitet. Anfängliche Szenen erscheinen plötzlich in einem neuen Licht, welches wiederum anderen einen veränderten Schatten überstülpt. Sicherlich eine Erzählung, die sich auch ein weiteres mal zu erleben lohnt, da neue Aspekte immer wieder zum Vorschein treten und andere, die bereits an der Oberfläche treiben, unter neuen Gesichtspunkten betrachtet werden können. So gesehen ist das Hörbuch eine wirklich schöne Sache. Mit ca. 280 Minuten Spielzeit findet sich auch häufiger mal ein ruhiger Moment, dem nur minimal gekürzten Text zu lauschen. Ungetrübt wäre das Hörerlebnis, wenn da nicht dieser kleine Schönheitsfehler wäre. Übersetzung und Sprecher sind ohne Zweifel erste Wahl, doch leider paßt alles im Gesamtkonzept nicht so richtig zusammen. Irgend etwas fehlt. Vielleicht wäre es besser gewesen, aus dem
Ganzen ein Hörspiel zu machen. So liest Rufus Beck die verschiedenen Charaktere mit unterschiedlicher Betonung. Gleicher Gestaltungsart entsprechen auch die einzelnen von ihm vorgetragenen Bände der Harry-Potter-Enzyklopädie, die flüssiger und harmonischer wirken. Doch bei “Glamorama” kommt der borniert schnodderige Ton eines bis zur Überheblichkeit verzerrten Viktor Ward nicht rüber. Sein Umfeld - kleine schwuchtelige Handlanger bei einem großen Vorhaben - wirken wie akustische Karrikaturen. Das geschaffene Stilmittel von B. E. Ellis, das sich nicht zuletzt auch in den grandiosen Dialogen wiederfinden läßt, mußte so stark Federn lassen. Was sehr schade ist. Vielleicht hätte die Wahl der Redaktion auf einen anderen deutschen Sprecher fallen sollen, wenn es unbedingt ein Hörbuch sein soll. Sicherlich eine schwierige Aufgabe, deren ausgewogene Auswahl jedoch ohne weiteres über den Erfolg eines solchen Projektes mitentscheidend ist. Spontan einfallen würde mir als einziger Martin Semmelrogge. Wobei... ][ g

Streifzüge, Frequenzen & Kondolenzen . . .
Es lohnt sich ja immer, einen Streifzug durchs Netz zu tätigen. Gerade auch, weil inzwischen ja jede etwas auf sich haltende Zeitschrift eine „Web-Check“-Seite hat und dennoch stets auf dieselben Seiten hingewiesen wird. Aber zur Sache: Freunde des Soul sollen und können sich unter www.soul.de von nun an ausführlich über Hintergründe und Definitionen in Sachen Soul, Northern Soul und Funk informieren und einige ausgewählte Partyhinweise erhaschen - womit wir auch schon beim Manko der Seite angelangt wären: Für längeres Verweilen oder gar regelmäßiges Wiederkehren mangelt es dann doch an Inhalt. Der ausführliche Infoteil lohnt sich aber allemal.
Wir bleiben beim Thema und blicken gen England. Dort erlebt die wiederaufkeimende Funkszene ihren zweiten Sommer (wenn es denn je einen ersten gab) und nutzt vor allem das Internet als Kommunikationsmedium. Während das wohl vollkommenste Online-Funk-Lexikon Funk45.com (www.funk45.com) gerade offline zu sein scheint, erfährt man auf www.deepfunk.org fast täglich Neues über Englands Funk-Szene. Partyhinweise, Interviews mit den einschlägigen DJs und Musikern, sowie Unmengen Links sorgen für stundenlanges Surfvergnügen.

Frankfurts Kunsthalle Schirn erprobte sich an dem Versuch, elektronische Musik aus ihren Party- und Clubwurzeln zu heben und lediglich den künstlerischen (und in gewisser Weise auch den wissenschaftlichen) Aspekt aufzuzeigen. Der Besucher - sei es nun der normierte Kunsthallenbesucher oder eben der interessierte Durchschnitts-Clubgänger - wurde dabei in die Rolle eines Versuchskaninchen gesteckt, das sich erfolgreich durch einen Versuchsparcour zu bewegen hatte. Kein gemütliches Flanieren also und schon gar kein Mitwippen im Takt der Musik. Ständig wechselnden Frequenzen ausgesetzt, Laserstrahlen ausweichend und mit gleißenden Stroboskopblitzen beschossen, kam einem der in fahlem weiß gehaltene Raum mehr wie ein Nasa-Testlabor am Tag der Offenen Tür vor. Der Versuch des neuen Schirn-Direktors Max Hollstein, einer traditionellen Ausstellung zu entsagen, kann also durchaus als gelungen gewertet werden. Die Austellung Frequenzen [Hz] ist noch bis zum 28. April zu sehen.

5 Jahre und keinen Tag länger ... Joel Charlemagne und Arne Weinberg werden am 13.04. ein letztes Mal Hydraulik feiern, da letzterer wie bereits in der letzten Ausgabe erwähnt, nach Offenbach umsiedelt. 5 Jahre lang prägten die beiden das Technogeschehen im Tübinger Depot, sahen ihre Abende voller und wieder leerer werden und sorgten trotz diversen Meinungsverschiedenheiten unter den „Alteingesessenen“, wie Kollege Motik es in Ausgabe 014 an dieser Stelle so schön geschrieben hatte, für den einzigen, regelmäßigen Technoabend mit Niveau in unserer Heimatstadt. ][ mb


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