jürgen: Wenn die Interviews auf Englisch sind, überlegt man sich immer alles tausendmal. Da wird man sofort viel wortkarger. Wenn wir zu Sechst sind, hat das auch eine ganz andere Intensität, als wenn einer von uns alleine ein Interview macht.
o: Normalerweise macht ihr das schon alleine, oder?
jürgen: Ne, nicht unbedingt. Letzte Woche ...
axel: ... waren wir zu sechst.
jürgen: Das war aber auch eine große Story für ein spanisches Magazin. Die sind extra nach Berlin gekommen. In nächster Zeit werden wir aber meist zu zweit oder zu dritt unterwegs sein. Das ist dann aber mit den Bildern schwierig, weil wir ja eigentlich wollen, daß alle Sechs auf den Bildern zu sehen sind.
o: Wann startet die Tournee?
jürgen: Also, die nächsten paar Wochen sind wir erst mal auf Werbungstour, vor allem viel im Ausland ... da stehen dann einige Interviews an. Mit der eigentlichen Tournee wollen wir dann im Mai loslegen, wenn das Album im Handel erhältlich ist.
o: Wird es dann auch mal vorkommen, daß ihr zu dritt bei einem Gig auflegt?
jürgen: Mmh, müssen wir mal schauen. Wir sind gerade dabei uns zu überlegen, wie das mit der Tour eigentlich ablaufen soll. Wie wir das darbieten, denn wir würden schon ganz gerne ein wenig mehr machen, als nur auflegen. Uns wird oft gesagt, daß wir live was machen sollten, oder zumindest eine Art Show auf die Beine stellen sollen, aber Alex, Claas und ich sind nun mal DJs und keine Hampelmänner. Es wäre sicherlich schön etwas live zu machen ...
o: Etwa wie 4 Hero bei ihrem 2-Pages-Auftritt in Köln?
jürgen: Na ja, 4 Hero sind ja jetzt schon seit zehn Jahren im Geschäft und haben schon seit langer Zeit Erfahrung mit Livemusikern gesammelt ...
o: Na, ihr seid ja auch schon seit sechs Jahren dabei ...
jürgen: Ne .. oder? Wann haben wir denn die ersten Stücke gemacht?
axel: 1996 ... das sind dann jetzt sechs Jahre.
jürgen: Ja gut, aber 4 Hero waren bereits 1990 voll dabei, daß ist einfach was ganz anderes. Aber live was zu machen, ist schon auch eines unserer Ziele.
o: Aber wie wollt ihr denn euer jetzt anstehendes Album live umsetzen?
stefan: Na ja, also es ist nicht so, daß wir da gar keine Lust drauf haben, aber wir haben momentan überhaupt keine Idee, wie wir das machen sollen, außer einfach auf den Knopf zu drücken und den Sampler spielen zu lassen.
axel: Herbert kann so was immer sofort super umsetzen.
jürgen: Aber jetzt nehmen wir doch mal an, wir könnten es umsetzten ... würden wir das überhaupt wollen?
axel: Ich denke mal, die Leute würden es schon wollen.
stefan: Was ich schön fände, wäre, wenn man es schaffen könnte, den elektronischen Aspekt mit rüberzubringen. Wenn wir da jetzt nur eine Band stehen hätten, die unser Zeugs spielt ... das fände ich schon komisch.
jürgen: Aber jetzt mal gesetztenfalls, wir könnten es 100% so umsetzen, wie wir es gerne hätten: würden wir es dann machen?
axel: Ja klar.
o: Und was für Instrumente hättet ihr dann auf der Bühne?
jürgen: Welche die unsere Ideen umsetzen könnten, natürlich. Aber für die Tour steht jetzt erst mal noch das DJ-Set im Vordergrund. Und dabei auch nicht wir als Personen, die wir jetzt Jazzanova und unser neues Album repräsentieren, sondern die Musik soll im Vordergrund stehen. Wir werden aber auf jeden Fall Visuals mit im Gepäck haben und vielleicht ein 4-Spur-Gerät, mit dem wir dann bestimmte Stücke einspielen und quasi vor Ort ein wenig ändern können.
o: Wie hat sich eigentlich jeder einzelne von Euch in den letzten Jahren entwickelt, musikalisch aber auch technisch gesehen. Gab es da eine Spezialisierung einzelner auf bestimmte Bereiche?
stefan: Ich würde sagen es fand eine Weiterentwicklung statt. Die musikalischen Vorlieben jedes einzelnen sind immer noch da und fließen mit ein, die anderen nehmen diese aber gleichzeitig mit auf und weiten ihr Spektrum somit aus.
jürgen: Früher, zum Beispiel, wäre ich nie mit einer John-Tejada-Nummer angekommen. Inzwischen mag ich so was.
o: Auf der Compost-Website wird eure letzte Maxi ja auch ganz deutlich als Detroit kategorisiert.
jürgen: Ach ... das ist immer ganz schwierig zu sagen, was für ein Einfluß da jetzt mitspielt. Das sieht ja auch jeder ganz unterschiedlich. Uns gefällt auf jeden Fall vieles, was aus Detroit kommt.
o: In between ... heißt das nun weder Fisch noch Fleisch oder wollt ihr damit ausdrücken, daß ihr zwischen den Stühlen sitzt - euch zwischen verschiedenen Stilen hin- und herbewegt?
axel: Es kann eigentlich alles heißen.
jürgen: Wir wollten einen Titel, der keine eindeutige Aussage macht; der uns nicht auf irgend etwas bestimmtes festlegt. Wir hatten auch kurz darüber nachgedacht, dem In between ein weiteres Wort oder gar einen Satz folgen zu lassen. Aber das wäre dann schon zu einengend gewesen. Der Titel wird auch nur ganz klein auf dem Cover zu sehen sein. Wir wollten auch keinen spektakulären Namen haben.
stefan: Was wir nicht wollten, war ein für ein Album typischer Name. In between spielt auch auf unsere tägliche Auseinandersetzung mit der Musik und der Sache an. Wir stecken da eben mitten drin.
o: Wie seht ihr denn das Album? Ist das für euch jetzt das Debüt-Album, oder ist es eigentlich schon das zweite Album und das erste gab es eben in Form von Maxis und Remixen?
stefan: Für uns persönlich ist es das erste Album. Die ganzen Remixe und Maxis kann man nicht mit dem Entstehen eines Albums vergleichen.
o: Wird es ein Remix-Album zu In between geben?
jürgen: Mal schauen ...
o: Jazzanova remixt Jazzanova?
<Gelächter>
stefan: Das wärs!
jürgen: Nein, nein ... klar wird es Remixe geben, die ersten sind da auch schon am entstehen ... Domu ... Jazzy Jeff ... da kommt einiges.
o: Seit ihr denn jetzt mit dem Album, so wie es ist, zufrieden? Ihr habt ja immerhin fast drei Jahre lang dran gearbeitet.
axel: Doch, wir sind zufrieden.
jürgen: Ja, auf jeden Fall. Auch wenn ich inzwischen einiges schon wieder ganz anders machen würde.
stefan: Das hat ja jetzt auch nicht so lange gedauert, weil wir nicht mit den Stücken zufrieden waren, sondern weil wir uns erst letztes Jahr richtig hingesetzt haben, um nur am Album zu arbeiten.
jürgen: Man muß für ein Album auch erst einmal bereit sein. Man kann sich nicht einfach hinsetzen und sagen: So, ich mach jetzt ein Album.
stefan: Das ist auch alles viel zeitaufwendiger, als mal kurz einen Remix zu machen ... was nicht heißen soll, daß wir unsere Remixe einfach mal so aus dem Ärmel schütteln. Bei einem Remix hast du aber gewisse Vorgaben und Auflagen, die du dir bei einem eigenen Stück - und erst recht bei einem eigenen Album - erst mal erarbeiten mußt.
o: Habt ihr euren Gastmusikern die Songs auf den Körper geschnitten?
stefan: Nein, kann man so nicht sagen. Natürlich hatten wir bestimmte Vorstellungen, was wir mit welchem Musiker machen wollten, aber die Songstrukturen haben wir bewußt einfach und offen gehalten. Da floß dann immer auch was von den jeweiligen Gästen mit ein.
jürgen: Nur bei Ursula Rucker war es anders, da sie ja nicht nach Deutschland kommen konnte.
stefan: Das war aber sehr spannend. Wir haben uns einfach einen Song und eine Struktur ausgedacht, ohne zu wissen, wie Ursula und Hawkeye das haben wollen. Wir waren sehr gespannt darauf, ob die beiden sich den Song selbst zurecht schneiden würden oder ob sie ihn so lassen würden. Sie haben ihn dann genauso übernommen.
o: Gab es denn auch jemanden, der auf dem Album mit dabeisein wollte, zu dem ihr dann aber nein gesagt habt?
stefan: Nein, das hat sich im Lauf der Zeit beim Schreiben der Stücke ergeben bzw. es stand bereits im Raum, daß man mal etwas zusammen machen wollte.
jürgen: Sorry, aber wir können leider keinen Skandal liefern <lacht>. Es gibt aber schon Leute, die uns CDs mit Aufnahmen von ihnen schicken und die uns dann fragen, ob wir sie produzieren können oder mit ihnen was machen wollen.
o: Wollt ihr irgendwann auch mal rein als Produzenten arbeiten?
jürgen: Mmh ... ja, das Ziel schwebt uns schon vor Augen, schließlich werden wir ja nicht jünger und wer weiß, wie lange wir das mit dem Auflegen noch durchhalten. Ich bin aber sehr gespannt darauf, wie wir mit 50 die Musik, die wir jetzt machen, beurteilen werden. Ob uns die dann immer noch gefällt, oder ob wir all unsere Platten auf dem Flohmarkt verscherbeln werden. Aber ja, ich kann mir schon vorstellen, rein als Produzent zu arbeiten.
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Verehrter Leser, Sie befinden sich hier inmitten eines Jazzanova-Interviews. Bevor wir die drei Herren - Axel Reinemer, Stefan Leisering und Jürgen von Knoblauch (Claas Brieler, Rosko Kretchmann und Alex Barck waren nicht anwesend) - ausreden und von dannen ziehen lassen werden, soll hier noch schnell ein wenig Licht auf das Projekt Jazzanova geworfen werden. Denn seit jeher zeichnet sich ihre Musik durch den besonderen Einsatz von Samples, die Umsetzung stets ungewöhnlicher Ideen und die ebenso ungewöhnliche Herangehensweise an ihre Produktionen aus, gleichwohl ihnen stets der Vorwurf des Retro-Seins angehaftet und die Acid-Jazz-Keule entgegen geschleudert wurde. Mit Aufkommen des Begriffs NuJazz - hergeleitet aus dem Begriffsversuch eines Radio-Couleur-3-Moderators, der Jazzanovas Musik schlicht le nouveau jazz nannte - war dann die passende Schublade endlich gezimmert. Doch im Gegensatz zu den Hunderten von Künstlern, die irgendwo zwischen dem Anspruch, ihre Produktion musikalischer klingen zu lassen und dem Versuch, experimentierfreudiger an die Sache heranzugehen, schlicht weg baden gingen, waren Jazzanova immer den entscheidenden Schritt voraus. Und das ihrem Schaffen stets eine Portion Jazz und HipHop zugrunde liegt, konnte man bereits in ouk 010 nachlesen, wo wir sie schon einmal interviewt hatten ...
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jürgen: Wenn man 100% das macht, was man will, dann macht man das, was man am besten kann. Wenn die Leute dies dann annehmen und es in die Charts kommt, dann ist es ja um so schöner. Viele sagen, man kann Musik designen, aber da fehlt doch dann jeglicher Spaß und jede Freude dran.
stefan: Es heißt bei vielen immer: Da müssen wir noch was wegschneiden, damit es radiotauglich wird. Wenn ich so was schon höre ...
Ich schreibe eine klassische Strophe, weil es mir Spaß macht, ich es gut finde und ich es in diesem Moment so haben will. Nicht damit das Stück nachher im Radio gespielt wird. Ich finde auch, daß das Wort Produzent nicht ganz auf uns paßt, weil wir in dem Moment, in dem wir ins Studio gehen, Musiker sind, die sich selbst produzieren. Computermusiker sollte ich sagen.
axel: Wir hören ja auch nicht nur Clubmusik und wir machen auch nicht nur Clubmusik.
o: Seht ihr drei DJs euch denn als Sprachrohr der drei Produzierenden bzw. der ganzen Sache?
jürgen: Jeder hat bei uns eigentlich so seine Stelle im ganzen Gefüge, an der er sich einbringt. Es ist sehr wichtig, daß sich nicht alle sechs ständig überlagern und alle das gleiche machen wollen. Die Stücke entstehen meist zu zweit, ganz selten mal zu dritt. Jeder nimmt daran Teil, in dem er sich das Stück anhört und seinen Senf dazugibt.
o: Habt ihr euch auch schon mal gestritten?
jürgen: Na ja ... man hat mal Streitgespräche ... mal nervt einer ... klar, kommt alles vor. Aber die Sache an sich steht einfach darüber. Es ist auch nicht so, daß ich der DJ bin und Axel ist mein Engineer. Das ganze hat sich einfach spontan zusammengefunden und Gott sei Dank hatten wir auch die Zeit, in Ruhe zueinander zu finden. Das dauert, bis man sich überhaupt mal richtig versteht, weiß was der andere meint, ohne tausendmal nachfragen zu müssen. Das ist auch was sehr wertvolles und Alex hatte recht, als er einmal meinte, daß es ein Drama wäre, wenn einer von uns nicht mehr dabei wäre.
o: Das heißt, Jazzanova wird es immer nur zu sechst geben?
jürgen: Oh Gott ... man weiß nie, was alles passieren kann ...
][ edl & mb
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