OUK das sechsund30ste ± aufregend & verkettet ± April/Mai 02 gespaltene töne

Burnt Friedman & Jaki Liebezeit - Secret Rhythms - Nonplace
Ohne Fußpedal, ohne Drummachine, aber sehr wohl mit G4 und jeder Menge Effekten, versteckten Gimmicks und ordentlichem Überraschungsmoment - diese Platte ist mal wieder eine echter Friedman. Was heißt mal wieder? Zur Zeit läuft der Meister der Auslassung zu Höchstform auf, tut sich mit Ex-Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, Gitarrist Josef Suchy und Vibraphon-Professor Morten Gronvad zusammen. Nun hört sich das für manchen vielleicht viel zu „live“ an, das Ergebnis jedoch ist eine gelungene Reise durch die Musik, eine Erzählung über Musikinstrumente, erzählt von Effektgeräten. Augenscheinlich fällt einem sofort die hervorragende Soundqualität auf - druckvoll und präzise bis ins Detail, hört man jedes Instrument klar und deutlich und somit auch die Wirkung, die diverse Effekte, die Burnt Friedman ihnen auf den Hals jagt, hinterlassen. Charmant und mit Witz säuselt einem „Rhein Rauf“ ins Ohr, während sich mit „Shades Of Soddin Orion“ ein im Hall verlaufener Western-Klassiker zu Wort meldet. Dubbige Soundcollagen entzücken genauso, wie wild gewordene Vibraphone und Perkussionen. Wer die Einladung, die dieses Album ausspricht, annimmt, darf sich zweifelsohne auf eine erlebnisreiche Reise freuen. ][ mb

Boards Of Canada - Geogaddi - Warp
Die Angst vor Netz-Dieben veranlaßte die Plattenfirma Rezensionen erst nach Erscheinen der Platte zuzulassen. Kein Ton drang vorher an die Öffentlichkeit. Schließlich handelte es sich auch um das neue Oeuvre von Boards Of Canada, in denen die englische Presse nach Erscheinen der großartigen EP “In a beautiful place, out in the country” vergangenes Jahr die neuen kommenden Superstars sahen. Ob es damit was wird, mag ich nicht zu beurteilen. Fest steht jedenfalls, daß B.O.C. mit diesem Album ihren eigenen Sound fest eingemeißelt haben in den Lauf der Geschichte. Ob man’s mag oder nicht, bei mehrfachem Hören kann man nicht leugnen etwas GROSSES zu hören und ausnahmsweise hat der Waschzettel sogar recht: “Worte zu finden, um das Unbeschreibliche zu beschreiben, ist ziemlich aussichtslos”. Ähnliche Probleme muß der Naturwissenschaftler haben bei dem Unterfangen, die Seele zu beschreiben. Metaphyssiche Annäherungen sollten deshalb draußen bleiben und einige Tracktitel zu Wort kommen: “ready lets go”, “music is math”, “sun-shine recorder”, “energy warning”, “i saw drones”, “the devil is in the details”, “a is to b as b is to c”, “you could feel the sky”, “magic window”..... Boards Of Canada sind hochkonzentrierte Hippies, die mit Funk gar nichts am Hut haben, sondern mit schleppenden Beats, Sprach-Fetzen und Tonnen von eiernden, analogen Synthie-Sounds ein Stadion zum Weinen bringen könnten, wenn es genug Menschen gäbe, die sich den großen Themen Weisheit, Schönheit und Unschuld ungeschützt aussetzen wollten. Hochkultur? ][ f. d`a

Polar - Out Of The Blue - Certificate 18
Der in den USA lebende Norweger taucht immer tiefer in unerreichte Gefilde ab. BPM-Zahlen spielen mittlerweile keine Rolle mehr. Beats dienen überwiegend nur noch als ‚Fahrwerk’. Im Vordergrund stehen gewaltig gut inszenierte Soundlandschaften. Kjetil Sagstad entlockt seinen Maschinen unkonventionelle Klänge, die er zu eigenwilligen Arrangements zusammenfügt. Spielerisch, malerisch und auf eine natürliche Art und Weise entstehen Stimmungen, die einen Hauch Dramatik versprühen. Bedrohlich schleichende Komplexe, die futuristisch anmutend als Soundtrack für Filme geeignet wären, die es in absehbarer Zeit noch gar nicht geben wird. Und wenn man ganz genau hinhört, entdeckt man winzige Details, die genialer kaum sein können, wie z. B. seine mittlerweile zum Markenzeichen gewordenen Stakkato-Stimmfetzen. Neun sehr eigenständige Ohrwürmer, die herausstechender kaum sein können und Certificate 18 eine Stufe höher in den Label-Olymp befördern werden. Love is in the ear! ][ lightwood

VA - Tribes Vol. 7 - infracom!
Michael Rütten setzt seine Suche nach Soul fort und versammelt seine „Soullieblinge“ der letzten zwölf Monate auf dieser Compilation. Im Vergleich zur letzten „Soulsearching“ versammeln sich auf der 77 Minuten umfassenden CD dieses Mal deutlich mehr „langatmige“ und gemächlichere Stücke und so verliert sie etwas von ihrem vielseitigem Charakter. Da kann dann auch ein „Good Bye“ oder Simone Seritellas „Ping Pong“ nichts mehr am Gesamteindruck ändern. Dennoch soll erwähnt sein, daß diese Compilation den Fluten an belanglosen Zusammenstellungen ähnlicher Art bei weitem erhaben ist. ][ mb

Jazzanova – In between – JCR
Jetzt ist es also da, und man darf gespannt sein, wie die Welt (und vor allem die Weltpresse) darauf reagieren werden. Viel wurde über das anstehende Debüt gemauschelt, Chartpotential an die Wand gemalt und ewiges Warten moniert. Schluß, aus, vorbei – das Warten hat ein Ende. Mit „In between“ überraschen Jazzanova auf ein Neues. Nicht nur, daß mir das Album beim ersten Anhören erst mal gar nicht so toll gefiel, ich dafür mit jedem erneuten Hören mehr und mehr begeistert war – auch die Herangehensweise ist eine (fast) gänzlich andere. Statt wie früher verschiedene Ideen in ein Stück einzuflechten, wird nun die Vielzahl an Samples dafür verwendet, die Struktur und Tiefe eines jeden Songs bis ins kleinste Detail auszufeilen. Das es dennoch harmonisch ausgewogen, impulsiv und vor allem alles andere als programmiert klingt, ist schon ein kleines Wunder und so kann man dieses Album jedem nur wärmsten Empfehlen und die Aufforderung aussprechen, „In between“ in aller Ruhe zu hören und zu genießen. ][ mb

Trike - Interflug - BPitch Control
Das erste Album des Berliner Produzenten, der bisher Maxis oder Compilation-Beiträge auf Gigolo, Sender Rec. und BPitch Control veröffentlichte. Das Klangspektrum, das man mit diesen Labels assoziiert, findet auf sehr reduzierte Art Eingang in die zehn Tracks (CD-Version) dieses Realeases. Zunächst erscheint es fast so, als wenn (ähnlich wie etwa bei „Kron“) Trike nur mit Loops arbeiten würde, dann aber zeigt sich, daß sein Kompositionsprinzip repetetiver Manie auf der reinen Beschränkung auf wenige formale Gestaltungselemente basiert, die unter Einbindung unaufdringlicher Electro-Accessoires und unauffälliger Vocals einen fast zeitlos modern anmutenden Minimal-Techno model-lieren. Ein unerwartet gut gelungenes Album, das einen trotz seiner (allerdings souverän umgesetzten) Zurückgenommenheit förmlich anspringt. ][ hve

Jake Fairley – Crisis – Sender
Der sympathische Kanadier Fairley sendete den Berlinern sein erstes Album zu – eine ausgefeilte, ausgereifte und sehr atmosphärische Produktion. 13 Stücke lang strahlt einem funkiger, lebensfreudiger Minimaltechno aus den Lautsprechern entgegen – knarzig, launisch, verspielt. Techno von bleibendem Wert wollte er schaffen und gleichzeitig den Sound vorantreiben, so Fairley, und er ist diesem Ziel mit „Crisis“ näher gekommen. Hier wird nicht nur stur durchgebrettert, sondern versiert mit Soundvielfalt und Arrangements experimentiert. Eine Platte also, die den Status „Album“ zurecht verdient hat. ][ mb

Luke Slater - Alright On Top - Mute
Slaters Funk, paranoid-eckig und immer ein wenig verquer gemastert, habe ich immer geschätzt, in der letzten Zeit aber etwas aus den Augen verloren. Wann der Mann auf den Achtziger-Film gekommen ist, entzieht sich daher meiner Kenntnis, jedenfalls beginnt er seine erstmals nicht auf Novamute, sondern schlicht bei Mutter Mute veröffentlicht, mit einem Gitarrenriff, das Björn und Benny nicht von der Bettkante gestoßen hätten. Das Ding wächst sich im weitern Verlauf zu einem leicht wahnhaften Ravemonster aus, mit dem sich L.S. als Soundtrack für TV-Beiträge über die Gefahren der Bestie Ecstasy empfiehlt. Und so schlingert das Album zwischen Slaters großangelegten Technosoundkathedralen, Durch-brüchen in Richtung „Brett“ und einem moroderesken Achtziger-Feeling hin und her, das ich von L.S.lieber nicht gehört hätte. Ständig präsent dabei: die Stimme seines neuen Partners Ricky Burrows, der auf fast allen Stücken über den alltäglichen Irrsinn (Liebe, Raven, falsches Leben) singt - mit einer Stimme, die nicht Soul, nicht Reggae, nicht Rap sein will, sondern sich schneidend und klar durch den Mix zieht. Da kommt keine Gemütlichkeit auf. ][ mandel

Recloose - Cardiology -!K7 / Planet E
Na, das ist `ne harte Nuß. Fusion war für mich die grandiose Musik von Soft Machine oder George Russell. Sonic Fiction. Wissenschaftlich und eine Bedrohung für alle bürgerlichen Lesarten. Danach war Fusion für mich abgehakt. Der Ton zuviel wies immer auf Könnertum hin und war eklig ( übrigens eine Entwicklung, die im Minimal-Techno – einer originär stark reduzierten Musik - wohl niemand mehr ernsthaft bestreiten kann, eine Art modernes Muckertum wächst da gerade heran, es fehlen z.T. nur noch die Improvisationen). Was in der zeitgenös-sichen Clubmusik als Fusion verkauft wurde, war im Grunde meistens nur das Verbraten von Jazz-Rock-Inhalten über moderne Produktionsmitteln. Mit wenigen Ausnahmen einfach unerträglich. Ausnahmen waren z.B Jacob`s Optical Stairway (Mark und Dego überhaupt) oder Innerzone Orchestra. Musiker, die wissen wo sie herkommen und ihre Geschichte nicht verarschen. Eng verbunden mit IZO ist der Name Carl Craig und damit wäre die Brücke geschlagen zu dem vorliegenden Werk von Recloose auf Planet E, Craigs Label. Matt Chicoine (26) ist Recloose, Turntableist für das Innerzone Orchestra und Tausendsassa in Sachen Radio-DJ und Produzieren von der mit Ideen überschäumendendsten Clubmusik, die man sich vorstellen kann. Immer knapp am Schaudern vorbei, groovt’s und funkt’s auf “Cardiology” auf Fusion komm` raus. Chicoines Trick ist, alles in die Waagschale zu werfen und sich dann auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der Kern der Tracks ist einfach zu stark, um von (allerhand) Gedaddel aus der Bahn geworfen zu werden. Ganz im Gegenteil, nach mehrmaligen Hören möchte ich die Spielereien nicht mehr missen. Egal ob Bongos, Saxophone, Fretless-Bässe oder anderes Ausdruckstanz-Instrumentarium, die Tracks binden das Ganze mit wenigen Aussetzern zu prima Sommermusik. Man stelle sich Super Collider vor, linear ausgearbeitet im endlosen Detroit-Boogie minus Avantgarde. Nicht jeder kann so genial sein wie Herr Parrish, drum mache ich für Recloose jetzt mal eine Ausnahme und genieße. ][ f. d`a

VA - Kohvi Records-Compilation - Kohvi
Kohvi ist estländisch für Kaffee, und das Label heißt so, weil die Betreiber Esten sind und viel Kaffee brauchen, um viele Elektroniktracks per Mailorder oder Internet zu erjagen und schliesslich selber welche zu produzieren. Da die Szene für Knusper-House, Postrock, Electropop und IDM ungefähr 80 Leute zählt, eine klare Sache von bedingungsloser Dedication. Natürlich muß man sich da nach, ahem, Südeuropa orientieren, und neulich tourte eine Abordnung aus dem Hause Kohvi durch unsere Stadt, entlockte den Laptops und Plattenkisten sehr vertraute und mitunter eben doch sehr eigene Klänge zwischen den oben genannten Koordinaten. Und sie ließen diese Platte da, einen Labelquer-schnitt, der überraschend vielseitig daherkommt: hier treffen sich Hendrik Luuk und Taavi Laatsit für eine melancholische House-Musik (die Winter dort sind lang), da läßt der Musiker/Maler Pastacas seine Baßgitarre Tortoise-mäßig die Führung übernehmen. Gelegentlich kündet Gesang vom Innenleben empfindsamer Seelen... das alles reicht allemal aus, Kohvi mit Nachdruck auf die Landkarte elektronischer Hörmusik zu setzen. Infos zum Erwerb unter www.kohvirecords.ee ][ mandel

Lee Anderson - Rumpsteak EP -Shitkatapult
Shitkatapult hat sich in der letzten Zeit mit phon.o, Aparat und Sami Koivikko schnurstracks iin die erste Liga der seriousness gehuscht. Nun also Strike 27 mit Lee Anderson a.k.a Peter Grummig. Wenn ein Texaner eine Platte bei den Berlinern unterbringt, die Rumpsteak heißt, mit Tracktiteln wie Quietsche-Entchen, ahnt man schon, dass Herr Lustig wieder da ist und Houston gar nicht so weit weg. Ich würde mal sagen Profan trifft Smith `n` The Hack, ordentlich eingefettet und von beiden Seiten unterschiedlich gebraten. Die eine Seite klingt nach viel Pfeffer, stoisch, funky gut durch. Die zweite nicht weniger funktional und tanzbar, aber eher rosé, wenn man eine gewisse deepness in gleicher Monotonie überhaupt so umschreiben will. Sehr gute Shitkatapult-E.P., wieder mal. Und wieder ganz anders. Nichts für Leute ohne Schatten, über den sie nicht springen können. ][ f. d`a

Phoneheads - Plays, Second Sight Rmxs - Infracom!
Sie ließen sich nicht lumpen und offerierten zahlreichen angesagten Produzenten aus den unterschiedlichsten Lagern die Möglichkeit, eines ihrer Stücke zu remixen. Dabei verzichteten die Phoneheads auf jegliche Vorgaben und so entstand ein vielseitiges, einen spannenden Bogen führendes Remix-Album, bei dem die einzelnen Remixe teils sehr weit vom Original abweichen. Trotz so unterschiedlicher Namen wie EZ-Rollers, TGM, Earthbound, Spinning Wheels, Gammat 3000 oder Seba, die alle ihren ganz eigenen Stil verwirklichen, sind die Stücke für Fans jeglicher Coleur interessant. Kein schnelles Weiterskippen, kein beiläufiges Hören während dem Bügeln, jederzeit wird die volle Aufmerksamkeit des Hörers gefordert - sowohl zu Hause als auch im Club. Gerade die Tatsache, daß sich dieses Remix-Album sowohl zu Hause als auch im Club von vorn bis hinten hören (bzw. spielen) läßt, macht es für mich so besonders. ][ mb

Lychee Lassi - The Alonzo Mosley EP -5600 Styles
Kindergartenschleifen, Dub und Singsang, unebener Federballeffekt auf Freejazz-Granitboden. "Kap Horn" heißt die Schizo-Oper von Lychee Lassi aus Berlin, auf 5600 Styles, dem Sub-Label von Swamprecords (Wuppertal). Die Titel handeln von "Wald und Wiese" und "Der Pfaelzer" scheint permanent Soundhacksler zu sein. Kid Koala fährt drauf ab, auf schräge Tracks, irgendwo Hip Hop-Fragment, aber funky durch den Reißwolf gezogen. "Pushing The Boundaries" to a different Level im freien Fall - schwerelos. Lassi nennen das "Insektenfunk", ich nenne das "Naked Lunch" als Downbeat-Theaterensemble. Spätestens bei "Broetzelisation" wird einem klar, daß hier den Leuten der Tanzboden unter den Füßen weggezogen wird, um spiegelverkehrt wieder gerockt zu werden. Dazu gesellen sich Geräusche, die das Hirn leerfegen, lauter Tänzer, die zu Insekten mutieren. Aber spätestens nach dem 10. Durchlauf durch die Lassi-Welt scheint die wahnwitzige Schöpfung aufzugehen und die Angst vor Mutation, ja die Angst, scheint erloschen, dank Berger, Based, Illvibe, Beat und nicht zu vergessen, les Seniores et Senioritas: Der Grosse Involtini! ][ j.n

VA - Playground Vol. 4 - Ecco.Chamber
Madrid de Los Austrias, d.h. Don Zanuste, Heinz Tronigger und Soundhexer Pogo machten sich ans Werk, Nummer Vier dieser Compilation zusammenzustellen. Das Cover-Art-Work, daß die Köpfe der jeweiligen Kompilatoren in abstrakter Form darstellt, sollte mittlerweile bekannt sein und so auch der Sound, für den Playground steht. Weiche Downtempo-Grooves, die man sowohl zu Hause als auch im Club hören kann und die immer mal wieder auch unter die Haut gehen können. Deutlich weniger latinesque wie zuletzt, bewegt sich Playground Vol. 4 zwischen Downbeat, HipHop und TripHop, ohne dabei langweilig oder gar klischeehaft zu werden. Aber auch Freunde des schnelleren 4/4-Takts kommen auf ihre Kosten und dürfen sich auf weniger bekannte, aber schöne Tracks wie „Burdy - Hit The South“, Duran Y Garcia - Kebar“ oder den Alltime-Klassiker „Come Party“ freuen. ][ mb

VA - Futuristic Experiments Chapter IV - Background
Na endlich! Die Platte fürs Volk. Andy Vaz hat mit Background Records lange gewartet, um seine Fans mit einer Longplay-Compilation zu beglücken und Nicht-DJ`s die Möglichkeit des CD-Kaufs zu gewähren. Neun exklusive Stücke von der Creme des Minimalen, die sich über-raschenderweise zum Teil immens unterscheiden und eine Bandbreite und Qualität liefern, als wäre das Ziel gewesen, mal kurz die Zeit anzuhalten und der Schwemme (guter) Veröf-fentlichungen des Genres, ein zeitloses Monument entgegenzuhalten, ohne die Konzeptschraube nur einen Deut zu lockern. Will sagen: der Titel der Labelschau ist irreführend, weil man in der Zukunft immer auf der Suche ist. Eher ist diese Platte fest in der Gegenwart verankert. Hier wird gefunden und nicht gesucht. Klar zirpt’s und zischt’s und hallt es hier auch an allen Ecken und Enden, aber nicht als gähnend langweiliges Programm, nicht unmutig schwierig oder übertrieben “deep” (viel Hall druff und alles wird deep...), nicht immer feige allen Gesetzen des Genres folgend. Man hat das Gefühl, keiner der hier vorliegenden Tracks müsse sich was beweisen. Die Zutaten wurden gut dosiert. Große Ruhe und Ausgeglichenheit und das Bewußtsein der eigenen Stärke strahlt jeder einzelne für sich und als Teil der Summe aus. Der allgegenwärtige Akufen zeigt sich gar nicht streng und hebelt mit repetitiven Flächen an Beats herum, die der Gipfel des Stereo-Eindrucks sind. Daß Sutekh hin und wieder auch funky sein kann, ist ja bekannt. Daß er aber auch programmieren kann, als wär der Sequen-zer besoffen und glückselig, ist zumindest ungewöhnlich. Wie live eingespielt und manchmal vom Panel gerutscht. Weitere Highlights: Mitchell Akiyama (was für ein Sog) und Rythm_Maker mit der schlankesten und frischesten Miniatur-Kammermusik, die den Flächen- und Dub-Heinis die Schamesröte ins Gesicht treiben muß. Nicht zu vergessen Submania, den unterschätzten Funk-Meister des Film-Noir, und Donnacha Costello (s. Rythm-Maker). Ein runde Labelschau: mal hell, mal dunkel, tief bewegend und versöhnlich. ][ f.d`a

Earl Zinger - Put Your Phasers On Stun And Throw Your Healthfood In The Air - Studio !K7
Warum Galliano damals bei der Dance-Intelligenz durchgefallen ist, wird anhand dieses lustigen Albums des Rappers/Kopfvonnetjanze Rob Gallagher recht deutlich: der Kerl hatte eben „ich bin hip“ auf der Stirn stehen, und da-rauf können die ewig hippen Journalisten nicht so gut. (Aber 1500 Leute mit ehrlichem Schweiß, losem Mundwerk und pfundigen Grooves rocken, das konnte er). Mit seinem neuen Alter Ego Earl Zinger trägt er auch wieder ziemlich dick auf, und hat dem angeblich 81 jährigen Earl eine Biographie auf den Leib geschrieben, die ihn als mysteriöse, verbindende und treibende Kraft hinter Leuten wie DJ Kool Herc, Tom Waits, den Meters, Gilles Peterson (die Liste nimmt kein Ende) vorstellt. Damit beweist er immerhin ein gewisses Maß an Selbstironie. Und die Platte ist lustig - im Verhältnis zur Promoidee kommt sie sogar auf einen besseren Quotienten als die Gorillaz-Scheibe: Gedichte über die fetteste Bassline aller Zeiten oder die Jagd nach einer ganz ganz wichtigen Single, verschraubte kleine Track-Skizzen mit gerne auch jamaikanischem Einschlag, flüchtige Momente auf einem Streifzug durch ein spinnertes Hirn. Nur auf den Punkt kommt er nicht, aber das ist wohl nicht so sein Ding. Man ahnt eher, daß er wieder hungrig ist, und um einen kleine Umweg durch die Deckung bald mal wieder die Sau laufen zu lassen, als schon lange dabeigewesener Elder Statesman des Hipness-Jazz. Viel Spaß dabei, Alter. ][ mandel

VA - Offlimits 3 - Recreation
Zwischen Tuer und Angel, zwischen Mystery und History, liegt in meinen Haenden, ein Deep-House-Tagebuch. Der Storyteller heißt Steffen "Dixon" Berkhahn, der Mann, der zum Sonar-kollektiv gehört, der virtuos Geschichten miteinander verknüpft - un peu Boogie-Flavour und Detroit, Electro-Bass und New Wave. Da machen Mix-CDs plötzlich wieder Sinn, vielleicht der Faden der Erinnerung, der Gestalt annimmt und besonnen in neuen Formen auftaucht. Der soulfulle Kick, der dich endgültig packt, eine ganz eigene Fusion ist das, die immer weiter geht, immer tiefer, Schicht für Schicht - "Higher State of Consciousness" - in der Tat too sexy für eine rotierende Beat-Maschine, lieber organischer Licht-Floor für die Deepster dieser Welt - Morgan Geist und Jazzanova, Atjazz, Jaydee und Meitz auf dem Weg zum new Age-Chateau. ][ j.n

VA - Plastic Surgery 3 - Hospital
Immer wieder sorgt Hospital für Erfrischungen im Plattencase. Ein eigenwilliges Coverartwork (Playmobil-Klinik-Szene auf Mischpult!) und eine vielfältige Track-Auswahl machen diese Compilation zu einer rundum gelungenen Mixtur. Hospital schaffen den perfekten Spagat zwischen den momentan angesagten Strömungen im Drum’n’Bass-Bereich. Trancige Synthie-Sounds oder gar acidgeladene Melodien („Synthetic“) treffen auf norwegische Freestyle-Perlen der Formation Xploding Plastix („Treat me mean...“). Das richtige Händchen für den richtigen Vibe. Sebst das ausgegrabene „Gotta Have Your Love“ von 1997 mit der Stimme von Gwen McCrae fügt sich lückenlos in den Kontext ein. Der gekonnte Blick über den Tellerrand. Alte Bekannte wie Total Science erfüllen ihre Pflicht sogar ein wenig besser als bei anderen Compilation-Beiträgen. Erstaunlich zudem die Anzahl nie gehörter Namen, die man sich merken sollte. Quartz z. B. sorgt für einen der Höhepunkte mit „Your Love“, einem Ohrwurm mit Analog-Baßlauf und Stop-Beats. High Contrast lotet seine Grenzen ganz neu aus und präsentiert uns mit „Fools Gold“ elegisch-schwelgende Träumereien. Nicht fehlen darf natürlich der bereits erschienene London Elektricity Remix von Nitin Sawhneys “Sunset”. Die zweite CD gibt’s im anständigen Mix von High Contrast. ][ lightwood

Swayzak - Groove Technology Vol 1.3 - Stud!o K7
Eine der schönsten Mix-CDs des laufenden Jahres konzentriert sich auf schicken, schlanken, minimalistischen House der neueren Prägung. Etwas überraschenderweise auf K7, aber das Label mit dem traditionell guten Riecher ist halt immer in der Nähe, wenn irgendwelche Musik innenstadt-Schuhgeschäft-kompatibel wird. Der Compiler/Mixer hat allerdings auf plakative Zugnummern verzichtet. Klar, ohne Basic Channel-Platte kommt so ein Mix nicht aus, und mit Kotai/Bader, Monolake und Ellen Alien, ist das ganze recht Berlin-lastig geworden, bzw. zollt den Studios dieser Stadt den angemessenen Tribut. Desweiteren finden wir Herbert, die Heidelberger Bergheim 34 mit einer funky Vocal-Nummer mit insistierendem Bass. Runde Sache auf 2 CDs. ][ mandel

Vice Versa - Only Changes Make you Keep The Faith - Markant
Der Mann hat wahrscheinlich schon jeden auf diesem Planeten existierenden Vertrieb am Telefon gehabt und mindestens die Hälfte davon unter Vertrag ... oder haben Vertriebe Plattenlabels unter Vertrag? Egal, denn ungeachtet der meist nervigen, aber unabdingbaren Probleme der Geschäftswelt, vermag Carsten Endraß sich im richtigen Moment voll und ganz auf sein musikalisches Schaffen konzentrieren zu können. Was in seinem Fall vermutlich stundenlanges Auseinandersetzen mit einzelnen Sounds, den Maschinen, die diese erzeugen und dem Einarbeiten klitzekleiner Details bedeutet. Mal trällert ein luftiger Synthesizer ein paar Takte lang den Frühling herbei, mal durchdringen fiese, grell rauschende HiHats das Ohr des Hörers. Besonders viel Wert legt Endraß aber auf den gesamten Aufbau der teils bis zu 11 Minuten langen Stücke. Schicht für Schicht wird aufgetragen, dramaturgische Akkord- und Tonleiterwechsel erzeugen Spannung und immer mal wieder kommt auch etwas Rock zum Vorschein. Ja selbst vor Drum’n’Bass-artigen Riffs schreckt der Herr nicht zurück und läßt seine Konstruktionen in wilden Grooves aufgehen. Für aufgeschlossene Musikfreunde, die vor den teils sehr langen, geruhsamen Momenten nicht zurückschrecken also genau das richtige. ][ mb

Timmy Regisford - One Night At Shelter - Dance Wicked
Die Talente, Jobs und Verdienste von Timmy Regisford einzeln aufzuzählen, dürfte den hier vorgegebenen Rahmen deutlich sprengen. Was hat der Mann nicht schon alles gemacht: DJ, Remixer, A&R, Studio-Engineer. Seien es seine legendären Mixshows auf WBLS oder die noch legendäreren Produktionen mit Boyd Jarvis als Visual oder Circuit auf Prelude und 4th & Broadway - you name it, he did it. Selbst Größen wie Stevie Wonder, Diana Ross und Mary J. Blige ließen sich von Regisford im Studio unter die Arme greifen. Als verantwortlicher A&R bei Atlantic Records hat er beispielsweise Ten City zu Weltruhm verholfen und als Vizepräsident von Motown dürfte er an der Entstehung von Blaze’s „25 Years Later“ nicht ganz unschuldig gewesen sein. Mit Blaze unterhält er denn auch eine ganz besondere Beziehung. Sowohl Regisford als auch die Blaze Mitglieder Josh Milan, Kevin Hedge und ehemals Chris Herbert sind Kinder der Paradise Garage. Nach deren Schließung im Jahre 1987 sah man sich quasi auf die Straße gesetzt. Ein neues Zuhause mußte her, in dem die utopische Vorstellung von sozialem Frieden und respektvollem Umgang miteinander für ein paar Stunden Wirklichkeit werden konnte. 1991 war es dann soweit: Club Shelter öffnete seine Pforten und die musikalische Tradition der Garage hatte wieder eine Heimat. Kevin Hedge kümmerte sich um das Geschäftliche, Merlin Bobb und Timmy Regisford waren für die Musik zuständig. Schnell war das Shelter selbst zum Über-Club avanciert und konnte abgesehen von einer kleinen Pause Mitte der 90er und dem anschließenden Umzug in den Club Vinyl ganz seinen Launen frönen. Aufgrund ökonomischer Interessen der Club Vinyl Besitzer sah man sich im September des letzten Jahres dann dazu gezwungen, wieder einmal die Örtlichkeit zu wechseln. Im Januar 2002 eröffnete Club Shelter dann in einer neuen Dancehall im Herzen Manhattans und steht mittels eines Phazon Soundsystems, steigender Besucherzahlen, noch größeren Räumlichkeiten und einem ungebremst motivierten DJ besser da als je zuvor. Höchste Zeit, auch mal eine Mix-CD zu veröffentlichen. Natürlich kann „One Night at Shelter“ nicht den kompletten Flavor eines oft zwölfstündigen Marathonsets von Regisford, der sich von seinen Fans gerne Maestro nennen läßt, einfangen. So geht die ganze Bandbreite einer Shelter-Nacht, die sich oftmals von originären New Yorker Disco und House Tracks über Fela Kuti und die Intruders bis hin zu Mr. Fingers-Medleys erstreckt, ein wenig verloren. Einen guten Einblick in den State-of-the-Art Sound des Shelters und die Skills seines DJ’s bietet sie allemal. Nicht immer ganz harmonisch, aber oft über sehr lange Zeit, mischt sich relativ Neues wie Kenny Bobien’s „Superficial People“ mit altbekanntem wie „Rain“ von Kerri Chandler. Umrahmt wird die Mixtur vom Blaze-Backkatalog der letzten vier Jahre und mit „Celebration Suite“ von Boobjazz auf Stir 15 hat gar ein deutscher Beitrag aus den Reihen der Frankfurter Needs-Crew seinen Weg in den Mix gefunden. Hiesige Ohren werden sich am regisfordschen Ansatz wahrscheinlich eher reiben. Wer dennoch mal das Schaffen eines Ausnahme-DJs auf einer CD porträtiert sehen möchte, ist hier genau richtig. ][ janson

The Strike Boys - Grapefruit Flavoured Green Tea Time - Stereo Deluxe Rec.
Das zweite Album des aus Nürnberg stammenden Produzentenduos Tommy Yamaha und Martin Kaiser zeigt sich von der stilistischen Bandbreite her etwas vielseitiger als das erste („Selected Funks“, erschienen auf Wall of Sounds). NuJazz- und Brazilklänge (so auf dem markantesten Track, „Vida la Revolucion“, der im Sommer 2001 bereits im Faze-Action-Remix als 12“ veröffentlicht wurde) bilden neben Boogie-Tunes, Down- und Uptempo-Nummern, House-, Dub- und Funk-getränkten Stücken ein abwechslungsreiches Konglomerat locker produzierter Clubmusik-Sounds, die zumeist auch profunde Dancefloor-Tauglichkeit besitzen. Trotz aller stilistischer Variabilität bleibt eine eigenständige (wenn auch vielleicht durch Stereo Deluxe beeinflußte) künstlerische Handschrift erkennbar, die uns immer wieder neugierig auf den nächsten Titel der CD/Doppel-LP blicken läßt. Solide, detailbesessen und unaufgeregt produziert, dabei mehr einem konsumentengerechten (aber nicht anbiedernden!) Arrangement luftiger Groovig-keit als (pseudo-)avantgardistischen Klang-attitüden verpflichtet. ][ hve

Klangstabil - Kantorka - Pflichtkauf
Die Musik von Klangstabil ist genau wie ihre legendären Liveauftritte nie berechenbar, immer nur eine Momentaufnahme. Boris May und Maurizio Blanco entziehen sich jeglicher Kategorisierung, weil sie ununterbrochen an der Weiterentwicklung ihres Sounds arbeiten. Kantorka hat nichts gemein mit ihren bisherigen Releases und ist doch typisch Klangstabil. Das aufwendig gestaltete Cover verbirgt kristall-klare Ambientmusik, deren Wirkung sich erst nach mehrmaligem Hören voll entfaltet. Kantorka ist eine Downtempo-Klanginstallation, die technisch ausgereift und perfekt produziert ist. ][ motik

Gigi s/t Palm Pictures - Jah Wobble & Bill Laswell - Radioaxiom - A Dub Transmission - Palm Pictures
Von Laswell haben wir seit Jahren keinen guten Dub mehr gehört, jedenfalls keinen, der nicht ein schon vor fünf Jahre dagewesenes Klangideal wiederkäut. Und nun ist es tatsächlich eine junge Dame, die in Laswell immer noch gigantischen Output wieder für Spannung sorgt. Der Dicke hat ‘ne neue Freundin! Nach dem Abendessen hat er ihr - Ehrensache - erstmal eine CD produziert: mit Klängen von so prominenten Musikern (und langjährigen Mitstreitern) wie Gitarrist Nicky Skopelitis, Drummer Hamid Drake und Herbie „Rock It“ Hancock baute er ein Flußbett für Gigis Gesangsgirlanden, die in ihrem äthiopischen Heimatdialekt von alten Legenden und aktuellem Leid erzählt. Eine glasklare Stimme über den üblichen Laswell-Sounds - tranceartig wie schon lange nichts mehr von ihm. File eigentlich under „Weltmusik“, aber das stecken wir weg. Als Akzent taucht ihre Stimme auch auf einer überfälligen neuen Kooperation von Laswell und PIL-Bassist Jah Wobble auf. Der befindet sich ja selber gerade in einer äußerst kreativen Phase (Bass- und Dub-Fans, checkt sein Label 30 Hertz!). Macht Spaß, die mit erhabener Simplizität wummernden und pulsenden Basslines jeweils Laswell oder Wobble zuzuordnen. Darüber weben die Trompeter Graham Haynes und Nils Pettar Molvaer gemeinsam mit Tablas, Percussions und flirrenden Orgeln an einem dichten, endlos verschlungenen Band. Setzt den Tee auf, legt die Pilze bereit, die Reise zum „Bass - The Final Frontier“ (Untertitel) kann beginnen.][ mandel

Uri Caine, Ahmir Thompson, Christian McBride - The Philadelphia Experi-ment - ropeadope
Uri Caine ist ein äußerst umtriebiger Pianist mit klassischer Ausbildung, der die New Yorker Downtown-Avantgarde regelmäßig mit vor Ideen überbordenden Gustav Mahler-, Tin Pan Alley- oder J.S.Bach-Bearbeitungen zusammenruft und in der letzten Zeit sogar ziemlich polarisiert hat. Ahmir Thompson ist der Drummer und Spritus Rector der großen „Roots“, Christian Mc Bride repräsentiert schliesslich die dritte Säule musikalischen Schaffens aus Philadelphia: den Jazz. Man fand sich zusammen, Ergebnis ungewiß, und begann an einer Fusion zu ackern. Das Ergebnis ist recht deutlich Jazz geworden, mit Anklängen an den Sound von Miles Davis’ 70er-Bands. Auch Sun Ra wird
genamecheckt, aber da sehe ich den Punkt nicht. Die zeitgenössische Note liefert Ahmir Thompson, der fast durchgängig dem funky Backbeat huldigt, so daß das ganz stets in
geradlinigien Bahnen verläuft, ohne überflüssiges Gefrickel loszutreten. ][ mandel

La Boom - Atarihuana - Eimsbush
Bereits im Januar `99 erschien das einige Aufmerksamkeit erregende Tape „La Boom“ auf Eimsbush Entertainment. Nun hat das aus Jan Delay und Tropf bestehende Produ-zentenduo sein gehaltvolles Material von damals komplett überarbeitet und CD- bzw. (Doppel-)vinyltauglich gemacht. Herausgekommen sind 12 dublastige und Bigbeat-beeinflußte Down-tempo-Nummern, die (inklusive der schön gesetzten und politisch angehauchten Sprachsamples) angenehm selbstverständlich ins Ohr gehen und ohne Durchhänger für musikalische Kurzweil sorgen. Die Tatsache, daß sie sich beim gekonnten Spiel mit Stilmerkmalen und Gestaltungs-methoden merklich selber nicht zu ernst nehmen, verstärkt den sympathischen Eindruck unprätentiöser Kreativität, der erfrischend über dem ganzen Album liegt. ][ hve

Dat Politics - Plugs Plus - Chicks on Speed
Dat Politics kommen aus Lille und stehen für Laptop-Noise-Pop, oder - in eigener Formulie-rung - für „epileptische Mikro-Rhythmik, die von kindlichen Acid-Melodien an der Hand spazieren geführt wird“. Und tatsächlich fiept, zischt, blubbert, zwitschert, sägt und kreischt da, einem akustischen Bildflimmern gleich, ein hektisches Arsenal nervös hetzender, schriller Sounds und produziert über einen immer wieder aussetzenden und durchbrochenen Electro-Insektenhüpf-Rhythmus einen sensorenlähmenden Geräusch-Overkill im geschmacklich zwiespältigen Hochfrequenzbereich. Da mögen auch meine Zwölftonmusik-, Free-Jazz-, Art-Rock-, Avant-garde-Wave-, Industrial-Noise- und Acid-House-erprobten Ohren nicht mehr mitmachen - aus ähnlichen Gründen, warum sie bei Opernarien mit Tenören und Sopranistinnen oder Songs mit Falsett-Soul-Sängern ab einer bestimmten Grenze (Tonhöhe) rebellieren. Und die rationale Erkenntnis, durchaus ambitionierte und einfallsreiche Kompositionsstrukturen mit schönen Passagen sowie hübschen Melodien zu hören, reißt’s dann einfach nicht mehr raus, weil all diese löblichen Aspekte von der penetranten Nervigkeit der benutzten Sounds zugeschüttet werden. Wenn die (mir unbekannten) drei bisherigen Dat-Politics-Alben genauso klingen wie dieser vierte Streich, möchte ich sie erst gar nicht kennenlernen. Schade eigentlich. ][ hve

VA - Back to the Old School - Ministry Of Sound Germany
Tracks aus der elektronischen Ursuppe zwischen 1987 und ’92, klassische Vorläufer der modernen Clubmusik sozusagen, nicht als Wiederbringer ausgefallener Raritäten, sondern eher als Ergänzung für zu kurz geratene Plattensammlungen gelegentlicher Party-DJs zu einer Doppel-CD zusammengestellt. Dem Musikinteressierten dürften die meisten Titel geläufig sein, in Bezug auf die Zusammenstellung mag man im einen oder anderen Fall abweichender Meinung sein, wobei der erstellte Überblick für meine Begriffe durchaus schlüssig erscheint und in seiner historischen Zeitraffer-haftigkeit interessant anzuhören ist. Der aktuelle Bezug zu dieser reminiszenten Veröffent-lichung mag sich mir indes nicht recht er-schließen. Wenn nicht als (hin und wieder reizvolle, ja manchmal auch nützliche) geschichtliche Reflexion betrieben, geht der Blick doch eigentlich nur in Zeiten kreativen Stillstands zurück. Befinden wir uns in solchen? ][ hve

Dimension 5 - Alien Artform - Delsin
Das kleine holländische Label schafft sich langsam aber sicher einen festen Platz im Herzen der Clubgemeinde und zwar nicht nur bei Elektronik- und Technofans. John Harvey, der sich hier Dimension 5 nennt und dessen erste 12“ Anerkennung von DJs wie Fabrice Lig und Laurent Garnier bekam, bewegt sich mit seinem ersten Album auf Pfaden, die ihn weit ins Gefilde souliger Sounds und abstrakter Beats bringen. Äußerst rhythmische, komplexe Beats einer 808 läßt er von dichten Analogflächen begleiten und schafft so eine Grundlage für dezent angedeutete Melodien und Kompositionen, die immer mal wieder aus dem nebligen Soundgebilde hervorragen. Deutlich merkt man Harveys früheres Faible für 80er-Synthie-Pop und frühen Chicago-House à la Adonis an. Wohlwollende Atmosphäre umgibt hierbei den Hörer, während im Untergrund tief brummende Bassdrums und messerscharfe Snares für Bewegung sorgen - es könnte für so manch einen DJ eine interessante Herausforderung sein, das ein oder andere Stück dieses Albums in sein Set einzubauen ][ mb

comfort.fit - Museum - Megahertz
Eineinhalb Jahre haben die Schüler Boris Mezga und Fabian Schivre an ihrem Debut-Album gearbeitet und das Ergebnis sind hochwertig produzierte Broken Beats in bester Ninja Tune Tradtion. Hauptsächlich Instrumental-HipHop und NuJazz, mit Einflüssen aus allen Stilrichtungen steht für einen musikalischen Reifeprozeß, an dessen Anfang noch lokale DJ-Erfolge im Advanced-Techno-Bereich standen. Vielleicht rührt daher auch die klangliche Vielfalt, die diesen Longplayer auszeichnet. Megahertz ist und bleibt ein Wegweiser der anspruchsvollen elektronischen Musik, wofür auch die weltweit wachsende Fangemeinde Beweis erbringt. Schade nur, daß Museum nicht auf Vinyl gepresst wurde... ][ motik

VA - Monika Kruse - On The Road 2 - Terminal M
Die letztjährige Ausgabe von Monika Kruses Mix-Compilation war recht erfolgreich, auch die kürzlich erschienene „Miss Kittin – on the Road“ verkaufte sich offensichtlich nicht schlecht. Nichts gegen fertige Turntable-Mixe, die für den Normalverbraucher sehr reizvoll sein können und inzwischen auch verstärkt den Markt bereichern. Aber gerade angesichts der zunehmenden Flut solcher CDs sollten die angelegten Qualitätsansprüche etwas höher geschraubt werden. Und im Vergleich zu den vielen passablen und manchmal sogar sehr guten Veröffentlichungen dieser Sparte in letzter Zeit, fällt Monika Kruses neuer Beitrag dazu doch deutlich ab. Die von ihr ausgesuchten Tracks, die eine Reise von vergangenen Detroit-Klängen hin zu heutigen Soundscapes symbolisieren sollen, sind zwar, jeweils für sich genommen, kaum zu beanstanden, ihre Verbindung und Anordnung im Mix läßt aber leider jegliche, zum wirklich engagierten Weiterhören animierende Spannungsbögen vermissen. Deshalb zu eintönig, gleichförmig und seelenlos. ][ hve

Leroy Burgess - Anthology Vol.1: The Voice - Soul Brother
“This ANTHOLOGY contains some of the best work that I have endeavoured to be a part of in my humble (though perhaps slightly biased) opinion. The work that best defines what I’m about. I really hope it brings you a little joy. It has me brought more than my feeble mind can convey with all these frail words.” „JOY“ in Großbuchstaben trifft es schon sehr gut. Wer hiermit keine Freude empfindet, sollte Disco besser links liegen lassen. Leroy Burgess ist für New Yorks Disco Sound, was Gamble & Huff für Philadelphia waren. Als Songschreiber hatte Burgess von Class Action “Weekend” bis zu Black Ivory “Mainline” bei vielen Großtaten amerikanischer Tanzmusik die Finger drin. Die erste Ausgabe seiner Anthologie vereinigt nun Stücke, die er mit den Aleems in den frühen Achtzigern sang und die auf Salsoul und Nia records erschienen. So trifft das unglaubliche „Hooked On Your Love” auf den Disco-Funk von “Get Down Friday Night und den Electro Blueprint „Release Yourself“. Intime Kenner der Neunziger Jahre werden bei dem Genuß der Platte wohl öfter mal aufschrecken, wurde doch bei Leroy Burgess für den ein oder anderen Filter-Track heftig geplündert. Dabei kann der Einzigartigkeit seiner Stimme und seines Songwritings wohl kaum etwas positives hinzugefügt werden. Man erkennt einen Burgess-Song, wenn man ihn hört. Simply herzerweichend. ][ janson

VA - Anonyme Hospitessen - Areal
Das Kompaktlabel Areal liefert mit dieser Split-12” die Vertonung zu einem Schauspielprojekt der Kölner Designertruppe Anonyme Hospi-tessen und bietet dabei mit Basteroid, Metope und dem auch als Konfekt bekannten Projekt Schorf einen Großteil seines Künstlerstammes auf. Basteroids Beitrag ist druckvoller und detailreicher Tech-House, Schorf experimentiert mit einer dichten und verspielten Weiterentwicklung von Chicagohouse, während Metope durch eine Vermengung von trockener Berlinelektronik mit leichten Waveeinflüssen und dem Gesang einer Dame namens Ada mit Onkel Pop kokettiert. Geradezu ein Lichtblick in diesen ereignisarmen Tagen. ][ motik

LAS-CIV-I-OUS - Nice To See You - Central Park
Osunlade ist der Mann der Stunde im New Yorker Dance-Business. Die Remixe des Kopfes hinter dem Label Yoruba (Erro „Don’t Change“) sind begehrter als der neueste Apple-Rechner. Kein Wunder, machte der Mann doch im Falle von Tortured Soul „I Might Do Something Wrong“ aus drögstem Rohmaterial wahre Soul-Hymnen. Mit „Nice to See You“ nimmt er sich einer Arbeit von Big Apple-Veteran Pal Joey (Loop D’ Loop, Earth People) an und drückt dessen Gesang sowie dem nach vorne marschierenden Beat seinen Stempel auf. Heraus kommt dabei zwar kein neues Wunderwerk wie das weiter oben erwähnte, für eine der netteren Platten im aktuellen Geschehen ist dennoch gesorgt. ][ janson

FPU - Crockett’s Theme - Ministry Of Sound
Hat die Suche nach verschollenen Achtziger-Nummern zum Covern (Garantie für einen Hit in diesen Zeiten, wenn man es plakativ genug anstellt) kein Ende? Auf eine Version von Jan Hammers „Miami Vice“-Klassiker (nicht das tolle Titelthema, sondern Don Johnsons Besinnlichkeits-Feature) haben wir ja gerade noch gewartet. Während ich noch über das gelungene Cover sinniere - Crockett wird, in Unterwäsche, eine Knarre in die Kamera haltend - von einem gesichtlosen Farbigen (Tubbs?) ziemlich fürsorglich, öhm, festgehalten - läuft der Mainmix in alle Klischees, wird dann aber von den funktionaleren, ziemlich auf die Großraum-Disko-Zwölf knallenden Floor-Versionen egalisiert, die das Thema nur kurz zitieren. Tigas „Ocean Drive“ kann sogar mit einem kongenialen inneren Crockett-Monolog aufwarten: „I sold my life to the badge and gun“. Nicht zuletzt wegen hohem Camp-Faktor eine korrekte Wiederbelebung. ][ mandel

Aesop Rock - Daylight EP - Def Jux
Aesop Rock hat die sonnigsten Beats im finsteren Def Jux-Universum. Sogar der Labelchef El-P produziert dem Rapper überraschend freund-liche Tracks - ebenso episch und fett, wie die eigenen darken Sachen, versteht sich. Soviel Produktion-Skills erlauben da auch mal ein Instrumental („Forrest Crunk“), das sich glatt etwas in Richtung Breakbeat hinüberlehnt. Aesops Stimme, eckt immer an, klingt manchmal scharf, manchmal bewußt nasal, schnappt auch mal aufgeregt über und zieht letzten Endes jeden in den Bann des Flows. Def Jux erschließt definitiv ohne Jux neue Wege für den Hip-Hop, vergleichbar nur noch mit dem Wu vor sechs und der Rawkus-Offensive vor drei Jahren, und Aesop Rock ist weit vorne mit dabei. ][ mandel

Cinematic Orchestra - All That You Give - Ninja Tune
Daß Jason Swinscoe seine neue LP dem verstorbenen Trompeter Lester Bowie (Art Ensemble of Chicago) widmet, ist mehr als cooles Namedropping: der kleine Londoner („Fink“) hat mehr von Quincey Jones, Duke Ellington oder eben Bowies Art Ensemble of Chicago gelernt, als von Grandmaster Flash, Andrew Weatherall oder Jeff Mills. Und angesichts seiner Single „All That You Give“ sollten 80% der Poser, die sich dreist selbst unter „Nu Jazz“ klassifizieren, sich was schämen. Swinscoe frickelt in Kleinarbeit Kontrabässe, Harfen, Streicher, Holz und Blech zusammen, bis es klingt...wie echt. Und das ist das echte an seiner Musik. Er muss sich nicht, wie Burnt Friedman, ständig dessen vergewissern, was für ein großes Spiel das alles ist. Und deswegen gelingt ihm ohne jede ironische Brechung eine so traurige Ballade wie „All That You Give“ mit dem äußerst markantem Gesang einer Dame mit dem wunderbaren Namen Fontanella Bass, und dem vollen Orchester im Rücken. Mathew Herbert, der sich ja mittlerweile auch in Jazz-Arrangements schlau gemacht hat (und demnächst angeblich auch ein Big Band Projekt starten will), wird neidlos eingesehen haben, daß Swinscoe ihm da noch etwas voraus ist... und hat gleich zwei Remixe springen lassen: einen Herbert-mäßigen House-Dub, und einen knackigen aus der Praxis Dr. Rockit. ][ mandel

VA - Other Mistakes EP - Soundslike
Es läßt sich ja nur schwierig sagen, wo man Herberts Label Soundslike einordnen soll, interessant sind die Veröffentlichungen allemal. Die hier vorliegende EP mit je einem Stück von Herbert, Si Begg, My Robot Friend und 8-Bit könnten unterschiedlicher nicht sein. Herberts bereits 1996 produziertes Stück „5 Days“ gibt sich gewohnt minimal groovend und erfreut sich jeder Menge Samples. My Robot Friend hingegen mischt Kraftwerk mit den B52s und klingt äußerst poppig. Bei den anderen beiden Tracks handelt es sich um abgefahrene Elektronik-Experimente und so läßt sich diese Platte nur äußerst schwer unter einen Hut bringen. Fazit: Der Kritiker rät zu ausführlichen Testhörungen vor dem Kauf, er selbst findet durchaus Gefallen an dieser obskuren Mischung. ][ mb

Repair - Holding Back Fears EP - Sub Static
Es tut immer gut, solch deepe und warme Housesounds zu hören - erst recht, wenn diese noch von Dawn Lewis’ zärtlicher Frauenstimme begleitet werden, ohne dabei auch nur im geringsten an fatalen Vocalhouse zu erinnern. Die Brüder Thibideau schufen zwei unterschwellig treibende, dubbige House-Tracks - ganz unglamourös, sehr lässig, aber verdammt gut. Die A-Seite im Heldmix marschiert da schon deutlich zielstrebiger voran, ignoriert gekonnt die Vorfahrt und sollte auf der Tanzfläche für ordentlich Energie sorgen. ][ mb

Outlaw Soundworks - Out - Dancetracks
Es gibt Platten, die sorgen regelrecht für Gesprächsstoff. „Out“ ist so eine. Von einer neuen Joe Claussell, seiner Rückkehr zur Old School und sonstigem Gefasel war die Rede. Alles Quatsch. Outlaw Soundworks wurde schon vor gut zehn Jahren in einem New Yorker Loft von Chris Graham und Carey Grant produziert. Das Ding machte allerdings nur auf rund 400 Bootlegs die Runde und gehörte somit selbst dort zu einer der meistgesuchten Streiche. Jetzt erbarmte sich der Vorzeige-Plattenladen Dancetracks endlich und bescherte dem zwölfminütigem Orgelwahnsinn eine reguläre Veröffent-lichung. Auf der Flip findet sich zudem ein Remix, der Hugh Masekela’s „Don’t Go Loose It, Baby“ nachpfeift und bei dem der verehrte Herr Claussell sich lediglich für zusätzliche Perkussionsarbeiten verantwortlich zeigt. Zehn Jahre alt und trotzdem das beste Stück Housemusik seit Monaten. ][ janson

Second Life feat. Jimmie Wilson - Inner Love - Running Back
Erste Nummer eines neuen Labels aus Mannheim, daß sich aufmacht, die dort zur Zeit ansässige Tristesse zu verscheuchen. Seite A verbirgt einen quirligen, gospelhaften Vocal-Track mit wummernden Bässen und upliftendem Charakter. Die beiden Tracks auf der B-Seite hingegen geben sich melancholisch minimal und dubbig, fast schon hypnotisierend und gefallen mir im Vergleich zur A-Seite deutlich besser, weil sie mir ausgefeilter und durchdachter scheinen. In konfusen Zeiten, die die Houseszene zur Zeit durchmacht, ist dieses Debüt jedenfalls herzlich willkommen. ][ mb

Kai Alce - The Kazier EP - Track Mode
Brett Dancer - Urban Visionary Series II - Track Mode
Larry Heard - Gherkin Jerks EP - Alleviated
Die separaten Veröffentlichungen von Brett Dancer und Kai Alce auseinander zu halten, ist fast ein wenig schwierig. Beide passen perfekt in das Bild, welches Track Mode von sich selbst in punkto Style zeichnet. Von einem „Track Mode Sound“ zu sprechen, ist mittlerweile wohl kaum übertrieben zu nennen. So bewegt sich Kai Alce, seines Zeichens Resident-DJ des Club MJQ in Atlanta, ebenso grazil in ruhigen, von dezenten Keys durchzogenen Gewässern wie sein Boß Brett Dancer. Wie schon gesagt, Space House aus einem Guß. Larry Heard gehört ja schon seit längerem zur Track Mode Familie und lässt auch sein eigenes Alleviated Label über das Brooklyner Outlet vertreiben. Mit dem Reissue der Gherkin Jerks EP hat nun eine fast schon mythisch verklärte und teuer gehandelte Platte den Weg zurück in die Läden gefunden. Sechs krachige und laute Chicago Tracks, die mit dem allgemein eher gesetzten Bild von Mr. Fingers rein gar nichts zu tun haben. Damals wohl als Tools im Stile der Virgo Wild Rhythm Tracks für DJs konzipiert, dürften sich die Gherkin Jerks mit ihren Acid-Anleihen heutzutage wohl eher in Sets von DJ Hell als in denen ausgesprochener House-Fans wiederfinden. ][ janson

Angel Alanis & Rees Urban - Bastard Traxx Vol.1 - Tresor
Alanis und Urban verewigen sich zum ersten Mal gemeinsam auf Vinyl und werden auf den Tanzflächen sicher auf willige Füßlein treffen. Anständig produzierte Massenware, mehr aber auch nicht. Der derbe Chicagohouse mit schwedischen Prügel- und europäischen House- Bei-lagen ist augenfälliger Beweis für das drohende Abgleiten des Tresorlabels vom Branchenprimus zu einem unter vielen und für den offensichtlichen Stillstand in der Technoszene. Die Berliner müssen arbeiten, um sich ihren Status zu erhalten. Der Ruheplatz auf ihren Lorbeeren ist hierfür der falsche Ort. ][ motik

Passion Dance Orchestra - Worlds - Needs
Neue Needs - neues Glück. Lars Bartkuhn hat für diese Veröffentlichung seine beiden Mitstreiter aus dem Studio ausgeschlossen, um sich ganz und gar seinem Lieblingssound zu widmen. Daß Ron Trent zu seinen Vorbildern gehört, macht sich dabei mehr denn je bemerkbar und dennoch handelt es sich hierbei nicht um einen mickrigen Abklatsch, sondern um ein gekonnt arrangiertes Housewerk, soundtechnisch ausgefeilt und trotz dezenter Zurückhaltung stets pumpend und nie langweilig oder dudelig wirkend. Eine wahrhaftige Leiden-schaft wird Musik. ][ mb

Lazar - And This Is Her, Smiling - Stir 15
Lazar sind ein Jazz-Projekt aus Regensburg, die wohl schon für die Moodorama Live-Band und das Stereo Deluxe Outlet gearbeitet haben. So hören sich „Spread Your Push“ und „And This Is Her Smiling”, ohne die musikalischen Qualitäten der Band anzweifeln zu wollen, sehr nach Lounge und Bar-Jazz an. Eben eher ungewohntes Terrain für Stir 15. Abhilfe schafft da einmal mehr Monsieur C-Rock, der zeigt, daß er auch mit musikalischeren Ansätzen umzugehen weiß. Heraus kommt dabei eine uptempo Broken Beat Affäre, die ihre Nähe zum Unterwasser-Sound eines King Britt oder den Club-arbeiten des Jazzanova-Camps nicht leugnen will und dennoch die Handschrift von Stir 15’s Mastermind trägt. ][ janson

Swimmingpool - Combination 008
Michael Scheibenreiter und Antonelli Electr. kreuzen wieder einmal Pfade. Elektronische Feinstschnipsel kontra Dub-Power. „Diver“ tickt wie eine Wanduhr. Der vorsichtig modulierte, triolische Rave-Synth am Anfang dient als geckiges Intro. Behutsam verdrängt kein Element das andere, sondern alles ist sorgsam ineinander verzweigt, auf tragende Art arrangiert. Schade nur, daß der Track aufhört, wenn er gerade erst anfängt, sich richtig zu entfalten. Da fehlen die letzten fünf Minuten... :-) „Bypassed“ marschiert im ersten Moment zielstrebig und pumpend los. Aber dann der Bass - welch ein Bass! Der sitzt ganz tief unten, ist ständig in Bewegung und möchte am liebsten sämtliche Bassmembranen streicheln. Ständig variierende Detroit-Pads in Dave-Clarke-Manier ergänzen sich hervorragend mit Lasershots. „Reprise“ hängt als Zugabe mit dran und zeigt noch einmal auf, was die Essenz von Swimmingpool ist: Delay & Subbass. ][ lightwood

Skunkrock 011, 012
Red Army ist der aktuelle Neuzugang bei Skunkrock. Das Trio aus Californien offeriert zwei sehr unterschiedliche Seiten. „Fallen Star” kommt mit sehr wenigen Elementen aus und das in einer wahrlich prächtigen Art und Weise. Dub goes Drum’n’Bass mit viel Delay auf allen Ebenen und rundem Bass. Die leicht melancho-lische Frauenstimme singt wie eine Elfe. Selbst die Beats haben den gewissen Biss. Sehr schöner Track für die frühen Morgenstunden. „Lightning & Thunder” haut wortwörtlich in eine ganz andere Kerbe. Ein Amen-Smasher für Hartgesottene, der lediglich vom „Lightning & Thunder”-Sample lebt. Wer’s braucht...
Alpha Omega once again auf Skunkrock. Mit “Random Elements” schafft Colin Lindo einen seiner bisherigen Höhepunkte. Komplex kickende Beats aus Amen-Schnipseln. Oldschoolig-darke und eingängige Ästhetik. Viele hochfrequente Sounds, die die Eigennote verstärken. Sehr treibend das Ganze! „Snake Eyes” gibt sich in gleicher Soundästhetik ein wenig zurückhaltender, brodelt und bleept eher vor sich hin und erfährt im Break nochmal eine kleine Steigerung. ][ lightwood

Krush Grooves 012, 013
Reichlich Dancefloor-Futter auf zwei Maxis. Die Phoneheads überzeugen hier mit „Floorsight“, dem besten Track, den sie wohl je gemacht haben. Mit typischen Phoneheads-Trademark-Synthie-Sounds erschaffen sie einen bouncenden Stepper mit angenehmer Atmosphäre und spannendem Breakdown. Aus Frankfurts dunkelstem Eck krallt sich Miguel Ayala eine deutschsprachige Rap-Stimme, trumpft mit eingängiger Bassline auf und zelebriert mit „Daza“ einen bösen Endzeit-Tune. Die zweite Maxi kommt wesentlich technoider und straighter daher. John Tejada schindet wieder einmal Eindruck mit einer Drum’n’Bass-Nummer. Viele flirrende Sounds, schönes Arrangement, aber am zu schwachen Subbass hapert’s bei „Autoresponder“ dann doch noch ein wenig. Pentagon-Hälfte DJ Inza kreiert mit „Echelon“ das Nachfolge-Brett zu „Mendoza“: ravig, böse und catchy, streckenweise jedoch fast ein wenig zu steif. ][ lightwood

Southern Sessions 012
Es ist still geworden um den Münchner Drum’n’Bass-Veteran Tobestar. Um so erfreulicher, daß vorliegende 12“ von ihm kommt. “Ghostdog @ BigUp!” beginnt wie ein SciFi-Film: erwartungsvoll, spannungsgeladen und mächtig. Lasersounds. Die tief unten sitzende Killer-Bassline spürt man lediglich, sie prägt den Track aber ungemein. Nach dem ersten Break beruhigt sich die Lage. Die Beats treiben. Detroit-Pads nach dem zweiten Break schrauben die Spannung nochmal nach oben. Schade nur, daß der Höhepunkt schon am Anfang war. „Shizzer“ beginnt gemächlich mit weichen Flächensounds, wird dann aber von einer Acidline aus der Ruhe gerissen, die sanft auftaucht und sich im Break voll entfaltet. Schnell abgelöst wird das Ganze von einem pulsierenden Subbass und dem eigentlichen Thema, einem stakkatoartigen SciFi-Sound. Am Ende passen die einzelnen Elemente leider nicht mehr wirklich zusammen. ][ lightwood

Basswerk 014, 015
Giana Brotherz (ehemals SSB) erschaffen derzeit mit Sicherheit die tanzflächenfüllendsten Tracks aus heimischen Gefilden. Vier gnadenlose Tracks mitten auf die Zwölf. Kompromisslos und geradeaus stompen „Funkfeuer“ und „Wüstensturm“ alles platt. Hier wird geschranzt! Nicht umsonst haben Bad Company Interesse an Giana Brotherz für ihr Sublabel Square One gezeigt. Etwas abwechslungsreicher geht es auf der zweiten Maxi zu. “Giana Brotherz” dürfte momentan mit Sicherheit das beste Drum’n’Bass-Rave-Anthem mit trancigem Einschlag sein, dermaßen catchy und nahtlos produziert. “Crossed Roots” setzt dann noch einen drauf. Der supertrancy Anfang täuscht gewaltig ... Mehr wird nicht verraten. Schwere Kost. Schwere Geschütze. Mehr geht nicht. ][ lightwood

Hard:Edged 010R
So schön kann Remixen sein. Kabuki schüttelt hier ein locker-flockiges Rework aus dem Ärmel. OK - falsch: er zaubert es aus dem Ärmel. Das schwer gemütige Original wandelt er in einen sommerlich swingenden Stepper um. Viel Liebe zum Detail offenbart er bei den sauber editierten Beats. Melodiegebend arbeitet Kabuki in verschiedenen Ebenen mit dezenten rhodesartigen- oder leicht modulierten Synthie-Pads. Interessante Wendungen und der ab und zu auftauchende Stop-And-Go-Trick machen das Ganze zu einem exzellenten Hör- und Tanzerlebnis. Total Science hingegen gehen die Sache funktionaler an, um nicht zu sagen: bei so einem klasse Original hätten sie noch mehr rausholen müssen. Doch unter Verwendung der Original-Samples kann nicht viel schief gehen und das schön gestaffelte Intro und die vielen Beatvariationen tun ihr übriges. ][ lightwood

Shy FX & T-Power feat. Di - Shake Your Body - Ebony/Positiva
Zahllose Remixe, die kein Mensch braucht (Future Cuts Version vielleicht noch) lenken völlig vom eigentlichen Geschehen ab. Man muß sich fragen, ob allein die Original-Version den UK-Top10-Entry geschafft hätte. Bestimmt, denn das Video in Breakdance-Party-Manier flasht zwar nicht so umwerfend, wird aber der Masse gefallen. Dabei ist die Rezeptur doch so einfach: geradlinige Beats mit Dillinja-Distortion, Piano-Hookline, Mitsing-Vocal und fertig ist der Floorschieber 2002. Danke Shy FX, T-Power und Di, daß aufgrund dieses Tracks Drum’n’Bass wieder eine ebenbürtige Position in der Musikwelt eingeräumt werden wird. ][ lightwood


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