OUK das siebenund30ste ± public & bubblig ± Junil/Juli 02 Dixon

Nun lieber Leser, Sie befinden sich inmitten eines Dixon-Interviews - DJ Dixon oder einfach nur Steffen Berkhahn, passionierter House-DJ und Fußballkicker aus Berlin, sinniert in den folgenden Zeilen über das Berliner Plateau der Jazzanovas, das Sonar Kollektiv, den derzeitigen Fusion-Hype, über gebrochene Beats und Club-Politik und natürlich darf dabei auch nicht die Hochburg Berlin fehlen, der Ort, an dem man noch angenehm überrascht wird, von der Electro-Baustelle hin zum nächsten Club. Nach Dixons letzten Deep-House-Tagebucheintragungen bewegt sich die House-Welt uneingeschränkt weiter, auch wenn die Infrastruktur in Deutschland hier und da ein wenig stockt - Netze werden ausgeworfen, ein stärkeres globales Wir-Gefühl kommt auf, Offlimits 3 und die nächsten 800 Deepster-Streiche.

ouk: Gibt es derzeitig im Fusion-Bereich einen Trend hin zur Kommerzialisierung, z.B. bei Jazzanova, der ganze Hype in der Presse?
Dixon: Daß man sich darauf einigen kann, kann ich nicht so hundertprozentig nachvollziehen, weil Jazzanova gar nicht so massenkompatibel ist und Kommerzialisierung hat ja für mich immer so ein bißchen was mit Massenkompatibiltät zu tun. Ansonsten ist es einfach ein Zeichen der Zeit, daß irgendwie eine Sache im Februar Underground ist und plötzlich im Juli es alle super finden. Mittlerweile gibt es auch fünfmal so viele Medien, die das auch pushen können.

ouk: Bist du denn mit dem allgemeinen Presseecho zufrieden?
Dixon: Sagen wir mal so, ich bin eher überrascht, wenn ich irgendwo ein Blaze-Interview sehe, gleichzeitig bin ich aber auch nicht enttäuscht, wenn ich das nirgendwo sehe. Weißt du, es ist nicht so, daß ich jetzt sagen würde, wir brauchen mehr Support, weil die Sachen, die ich mag oder die Sachen, die ich in den letzten Jahren so gehört habe, einfach so wie sie sind, gut sind. Ich gebe mich da auch nicht der Illusion hin, daß wenn ich da irgendwie einen deepen Housetune hab, daß das plötzlich Gott und die Welt gut finden werden, obwohl festzustellen bleibt, daß die Medien-präsenz nicht wirklich da ist.

ouk: Wie läuft es denn bei deinem eigenen Label Recreation, das läuft dann so autonom, daß du letztendlich auf Medienpräsenz nicht angewiesen bist?
Dixon: Ich bin Discjockey und verdiene mein Geld mit dem Auflegen und alles andere passiert dann...

ouk: Gibt es eine Veränderung im Sound bei Recreation?
Dixon: Ich möchte primär Sounds aus Deutschland herausbringen. Wenn einmal vier Monate nichts passiert, dann passiert halt nichts. Die einzige Entwicklung, die man halt irgendwie nachvollziehen kann, ist, daß sich da langsam Labelkünstler herauskristallisieren. Das ist die einzige wirkliche Entwicklung, die ich da sehe. Was da musikalisch passiert, kann nächste Woche wieder über den Haufen geworfen werden. Ich würde Recreation aber schon als Houselabel bezeichnen.

ouk: Als Kategorie wäre das dann Deep House?
Dixon: Es passiert zwangsläufig schon, aber ich würde es nicht so betiteln wollen.

ouk: Was wäre denn für dich Deep House auf der assoziativen Ebene?
Dixon: Ich erzähle immer allen Leuten, daß ich letztendlich doch ein Soulboy bin. Und daß letztendlich die Musik, die ich spiele, viel mit Soul zu tun hat.

ouk: Wie läßt sich das damit vereinbaren, daß du mal Jungle aufgelegt hast?
Dixon: Das war eine relativ natürliche Entwicklung, die da stattfand durch ein Zusammenspiel mit Alec Empire bzw. Atari Teenage Riot, die da irgendwie so illegale Parties gemacht haben: die Bassjunkie-Parties. Da hat sich dann im Laufe der Zeit herausgestellt, daß ich mehr und mehr zur Soulseite tendiere.

ouk: Die Entwicklung hin zu soulfuleren Geschichten ist aus einem Zufallsprodukt heraus entstanden?
Dixon: Das war kein Zufall, das war mehr eine langsame Entwicklung hin zu mir selbst.

ouk: Wo hast du angefangen so einen Sound aufzulegen, du hast ja in mehreren Läden in Berlin residiert.
Dixon: In der Turbine, im Tresor und später im WMF, die hatten halt oben Terranova und unten gab es halt einen Keller und dort habe ich dann jeden Samstag neun Stunden aufgelegt.

ouk: Zu der Zeit nur Housemusik?
Dixon: Letztendlich war das eigentlich schon House.

ouk: Gibt es eine Differenz im Housekosmos, wenn man früher mit heute vergleicht?
Dixon: Wir behaupten ja immer deshalb House zu lieben, weil man in dem Tempo alle möglichen Einflüße am besten einbringen kann...klar kann man Differenzierungen vornehmen, aber ich will es gar nicht.

ouk: Wie ist das mit dem Publikum, würdest du da sagen, daß sich das Bewußtsein verändert hat. Wenn du jetzt z.B. irgendwo auflegst, würdest du sagen, daß die Leute die Musik anders wahrnehmen?
Dixon: Ich hab so eine Zeit hinter mir, in der ich zu soft für den House-Floor war, das war als ich noch im WMF gespielt habe, bevor ich die Jazzanovas kennen gelernt habe. Ich hab dann plötzlich bei Nächten aufgelegt, an denen nicht den ganzen Abend House gelaufen ist. Und jetzt habe ich das Gefühl, ich steh wieder genau dazwischen. In einem House-Club kann ich nicht rocken und in einem Fusion-Club gehe ich bewußt eine straightere Schiene ein und stoße damit auch Leuten vor den Kopf.

ouk: Würdest du denn sagen, daß derzeitig im Fusion-Bereich fast nur gebrochene Sachen gespielt werden?
Dixon: Gerade in Deutschland finde ich es halt nicht. Meiner Ansicht nach läuft in solchen Nächten auch Musik, die da schon vor fünf Jahren lief.

ouk: Aber wie durchbricht man dieses Schema?
Dixon: Ich persönlich nehme keinen Versuch vor, es zu zerbrechen. Ich habe zwei Jahre lang sehr gebrochen gespielt, habe aber gleichzeitig mich immer in einem bestimmten Tempo aufgehalten und habe halt auch für mich festgestellt, daß es letztendlich eine gute Zeit war, die ich durchlaufen habe.

ouk: Gibt es überhaupt noch gute Nachwuchs-DJs, die die Chancen bekommen, einen Club- Abend zu gestalten?
Dixon: Ich bin der Auffassung, daß es heutzutage keinen jungen DJ mehr gibt, den ich wirklich gut finde. Weil heutzutage Clubs kein Programm mehr fahren, wie sie es vor fünf Jahren gefahren sind. Das bedeutet: es gibt für junge DJs keine Chance mehr, einfach einen Abend zu gestalten. Alle Clubs haben entweder einen Resident, der zur Primetime abgelöst wird von den dazugebuchten Acts oder haben ein festgelegtes Programm. Und deshalb läßt die Qualität der DJs auch total nach.

ouk: Aber wie kommt man aus diesem Dilemma wieder heraus?
Dixon: In Berlin finde ich eine andere Club-Landschaft vor, als in vielen anderen Städten in Deutschland. Weil ich finde, daß in Berlin der Clubbesitzer noch derjenige ist, der wirklich den Club macht. Wo es hingegen in München, Köln, Hamburg immer solche Clubbesitzer gibt, die ihren Club seit 10 Jahren haben, da ihre Miete zahlen, das ist schon ein Unterschied. Wie kann man das nun ändern? Die Leute, die mit einer Sache Erfolg hatten, haben das dann immer größer angelegt. Es gibt eigentlich nur noch wenig Clubs, wo ich einfach sehe, da stimmt die Größe, da stimmt die Anlage und da stimmt auch das Umfeld.

ouk: Aber müßten letztendlich nicht die Leute, die über eine gewisse Infrastruktur verfügen, junge Talente mehr fördern?
Dixon: Sicherlich. Das Problem ist nur, daß viele Clubs zu groß ausbauen und dann glauben, die Antwort auf einen nicht funktionierenden Club sei es, den Resident dafür verantwortlich zu machen und mehr Bookings zu machen.

ouk: Gibt es überhaupt einen Club, wo die Infrastruktur stimmt?
Dixon: Das “Robert Johnson” in Frankfurt am Main. Das sind auch nur 95%, aber die machen schon sehr viel richtig.

ouk: Die verfolgen jetzt auch eine andere Politik?
Dixon: Die verfolgen schon eine andere Politik, das Programm ist sehr oft regional angelegt und wenn jemand gebucht wird, sind das dann Leute, die sie kontinuierlich holen.

ouk: Was ist denn mit solchen Läden wie das “Into Somethin’” in München, ist der Laden auch nur ein Trend, der von der Presse hochstilisiert wird?
Dixon: Als Trend kann man das nicht bezeichnen, das gibt es ja schon seit zehn Jahren. Das ist halt ein Cafe und letztendlich kicken tut mich das auch nicht, wenn ich da auflege. Ich merke auch, daß es da um eine Abwechslung in der Musik geht, gar nicht mal so richtig um die gute Musik, einfach um die Abwechslung. Also wenn ich mir irgendwelche Charts, z.B. die von Michael Reinboth durchlese, dann sehe ich da nicht die Platten, die ich von ihm im Club höre und das ist für mich die Enttäuschung bei dieser ganzen Fusion-Ebene.

ouk: Nach außen wird das Ganze also anders dargestellt?
Dixon: Genau so, vielleicht nicht mal so bewußt, weil bei denen natürlich auch sehr viel Enthusiasmus dabei ist und das nicht so ist, daß etwas bewußt vorgespielt wird.

ouk: Gibt es eigentlich so etwas wie eine Netzstruktur, z.B. eine Verbindung hin nach München, oder ist das eher ein Zufallsprodukt?
Dixon: Da gibt es schon ein Netzwerk, aber nicht wirklich. Es gibt da immer ein, zwei Platten, die mich da kicken, es gibt auch ein, zwei Künstler, die ich da gut finde, aber das war es halt auch. Ich sitze halt so ein bißchen zwischen den Stühlen, klar gibt es dann halt auch mal Sachen auf dem Compost-Label, die mir gefallen, meistens ist es aber das JCR-Label- das Jazzanova-Compost-Label.

ouk: Ist das eigentlich ein autarkes Label?
Dixon: Sagen wir mal so, alle wichtigen Entscheidungen macht Jazzanova, obwohl das
Label von Compost vertrieben wird. Meistens sind es Dinge auf dem Label, die mich kicken. Nur: daß es hier in Deutschland ist, heißt noch lange nicht, daß es auch ein besseres Netzwerk gibt. Es ist natürlich so, daß durch die Kategorisierungen der Medien so eine Möchtegern-Netzwerkstruktur hinein interpretiert wird, die aber nicht so wirklich da ist.

ouk: Eine Differenz innerhalb der Netzstruktur ist aber schon zu beobachten, wenn man das musikalische mit dem ökonomischen System vergleicht?
Dixon: Ich glaube geschäftlich ist da schon eher ein Netzwerk vorhanden.

ouk: Ein bestimmtes Image wird also von Compost nach außen hin transportiert?
Dixon: Wenn es z.B. ein Jazzanova-Interview gibt, dann gibt es gleichzeitig auch in der gleichen Zeitschrift die Worte Sonar Kollektiv, Compost und dann wird auch noch Infracom genannt. Da ist dann schon eher ein bewußter Auftritt zu beobachten.

ouk: Auf Internetseiten gibt es dann Links zu anderen Seiten, aber musikalisch ist das dann schon eine andere Struktur, so wie es z.B. Lars Vegas beschrieben hat, Remixe sind dann z.B. oft ein Zufallsprodukt. Man könnte also in Bezug auf musikalische Austauschprozesse eigentlich nicht von einer verkopften Netzstruktur sprechen.
Dixon: Obwohl ich jemand bin, der nicht wirklich bekannt ist, habe ich mittlerweile die Möglichkeit durch die Gegend zu düsen, in Japan, in Italien, in Amerika aufzulegen. Es gibt also schon eine Veränderung innerhalb des Netzwerkes. Wenn Dego hier vor fünf Jahren hergekommen ist, dann hat er halt gespielt und ist wieder nach Hause gefahren. Mittlerweile reden wir zusammen über Fußball und das neue Zeug. Sogar ich bin dann drüben bei denen und kuck noch mal vorbei und so geht es mir halt auch mit zwei, drei Jungs in Italien und so geht es mir halt auch mit den Amis.

ouk: Wie ist dieser Austausch entstanden?
Dixon: Ich hatte einen Traumclub in seiner besten Phase, das WMF vor zwei/drei Jahren, wo wir halt einen Club hatten, der funktioniert hat und wo wir die Möglichkeit hatten, uns Bookings zu holen, von denen wir wußten, den kennt jetzt kein Schwein, aber das lag uns halt am Herzen. Dann hatten wir halt vor vier Jahren den Moodyman da und den kannte eigentlich damals keiner. Dann kam halt die Phase, wo ich angefangen habe, Musik zu produzieren.

ouk:...und Labels angefragt haben ... ?
Dixon: ...Yellow, die einen Remix ... für “Bossa tres Jazz” von mir haben wollten, die halt eine Tour in Japan gemacht haben und mich mitgenommen haben...Flüge wurden immer billiger. Es gab immer mehr Zeitschriften, die ihre Seiten füllen mußten, die dann auch mal über mich geschrieben haben obwohl ich eigentlich noch nichts gerissen hatte. Dann gab es die Email-Ebene, die irgendwann aufkam, wo man einfach kontinuierlich mit den Leuten in Japan, in Italien und England gequatscht hat. Dadurch ist ein viel stärkeres globales Wir-Gefühl aufgekommen. ][ j.n


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