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Dieser Daniel Wang ist schon ein Vogel. Im positiven Sinne natürlich. Fällt er doch gehörig aus dem Rahmen, den sich die internationale Dance-Community über die Jahre sorgsam gesteckt hat. Oftmals könnte man ja meinen, daß die heutigen DJs und Produzenten nach einem Leitfaden arbeiten und funktionieren, welcher durchaus mit den Businessplänen humorloser Wirtschaftszweige konkurrieren kann. Oder frei nach Deutschlands sympathischstem Songwriter Bernd Begemann: Schluß mit dem Quatsch, jetzt wird Geld verdient! Der Spaß bleibt auf der Strecke, Freshness war vor zwanzig Jahren und was zählt, sind nüchterne Zahlen oder wohlwollendes Kopfnicken seitens der Dance-Gazetten dieser Welt. Ja, man weiß, das ist nun einmal so, geändert werden kann das eh nicht mehr und House von der amerikanischen Westküste wird uns als der ganz heiße Scheiß verkauft, obwohl die Sache schmeckt wie Pulversuppe aus Automaten in baufälligen Hallenbädern. Stumpf ist eben Trumpf. Weit gefehlt. Hört man dem vor Charme und Humor übersprudelnden Balihu-Mastermind und Thereminbezwinger mit Wohnsitz New York auch nur einige Minuten zu, wird man das Gefühl nicht los, daß doch alles so herrlich einfach und schön sein könnte. Vor allem schön. Wang benutzt diese Vokabel mit einer Häufigkeit, die charakteristisch für sein ganzes Wesen ist. Ihm geht es um das so genannte Schöne. Ganz gleich, ob in der Musik, Film oder Literatur.
Die Dinge, die wirklich schön waren in der Musik der letzten Jahrzehnte, ja sogar des letzen Jahrhunderts mit Ausnahme der letzten zehn Jahren vielleicht, haben all diese menschlichen Nuancen und Stimmungen. Das kommt vom Herzen, aus dem Gehirn und hat Seele.
Wenn zum Beispiel bestimmte Leute sagen, sie haben mehr als tausend Remixe gemacht und deshalb sind sie die besten, ist das völliger Quatsch. 99% dieser Remixe sind schlecht. Als Musiker hörst du das einfach. Musik ist nur schön, wenn es diese bestimmten Beziehungen zwischen Noten, Tönen, Rhythmen und Instrumenten gibt. Aber in vielen neuen Platten fehlt dieses Zusammenspiel und diese Schönheit. Oft ist es nur eine dicke 909 und ein breiter Rhythmus, die dir einen Tritt an den Kopf geben. Es gibt so viel mehr Möglichkeiten und ich glaube, ich kenne die Leute, die interessante Musik machen.
Die sich zunächst einmal hauptsächlich aus dem eigenen Umfeld rekrutieren. Neben den Komplizen von Metro Area, die er als ideenreich und interessant bezeichnt, gibt es einige neue Sterne am Himmel, die Daniel unter anderem darin bestärkten, sein Label Balihu weiterzuführen, obwohl er es einige Zeit auf Eis gelegt hatte und eine Veröffentlichung mit dem reißerischen Titel The Final Balihu das scheinbare Ende einer Ära ankündigte.
Jetzt habe ich aber wieder angefangen und bin so aufgeregt. Ich arbeite mit diesem jungen Kanadier Brennan Green (Potato Emperor EP, Balihu 011), der 26 Jahre alt und ein totales Genie ist. Wir haben vor einiger Zeit auch ein Remix für Electrokution von Block 16 auf Nuphonic zusammen gemacht, der völlig unterschiedliche Stimmungen und Musikrichtungen einfängt. Ich fühle auch eine Verantwortung, die Leute, die ich gut finde, zu unterstützen und rauszubringen.
Wang, der in Kalifornien aufwuchs, acht Jahre seiner Kindheit in Taiwan verbrachte und geradezu die Verpflichtung verspürte, die deutsche Sprache autodidaktisch zu lernen (Es gibt so viele Leute hier, die ich getroffen habe und die ich liebe. Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal hier war, war es mir so peinlich, daß ich nichts verstanden habe und mit den Menschen nicht in ihrer Sprache reden konnte. Daran mußte ich etwas ändern.) und diese nahezu fehlerfrei und fließend spricht, spart aber auch nicht an Selbstkritik. Zum einen kämpft er ständig mit der Tatsache, daß er ein Meister im Kritisieren anderer ist (Bin ich zu kritisch? Du sagst mir, wenn ich zu kritisch bin, ja?) und zum anderen hält er von seinen Frühwerken nicht allzu viel.
Ich will nicht nur kritisch sein, aber ich habe diesen Ruf. Ich will einfach nur bessere Musik machen und haben. Zum Beispiel bin ich nicht stolz auf meine eigenen Platten. Vor allem auf Balihu 01 und 03, für die ich nur gesampled habe, 17 Samples insgesamt. Man muß diese Platten eigentlich als Witz sehen. Man nimmt nur alte Samples und macht neue Musik. Ich wollte nur in den DJ-Markt einbrechen und eine Gelegenheit, diesen eingefahrenen Sound zu verändern und zu zeigen, wie schön House sein könnte. Wenn du Underground Solutions Luv Dancing hörst, ist dieses Gefühl fast sexuell und körperlich. Du fühlst dich ein bißchen wie eine Tunte oder ein Tier. Darum geht es bei House. Ironischerweise haben Junior Vasquez, Danny Tenaglia und sogar Tony Humphries in seiner Radioshow die erste Balihu gespielt. Es gab dann eigentlich auch eine Balihu 02, aber die Vertriebe haben die Testpressungen abgelehnt und gesagt, so etwas sei nicht zu verkaufen. Die eine Seite war wie Time Warp von Eddy Grant, aber mit dem Thema von Sweet Exorcist vermischt, von dem ich zu der Zeit wirklich besessen war. Die andere Seite hatte Arthur Russells Cornbelt mit dem Accapella von You make me feel zu bieten, aber Anfang der 90er wollten nicht sehr viele Leute etwas von Arthur Russell wissen. Ach, alle diese tontauben (Wangsche Wortschöpfung, die im Sinne von unmusikalisch zu verwenden ist, d. Verf.) Leute sollten aufhören Musik zu machen. Musik sitzt zwischen den Ohren, kommt vom Herzen. Heutzutage ist es durch all die Technologie so einfach geworden, Musik zu machen.
Aha, da wäre er also wieder, der momentan beliebte Vorwurf, daß unter der sogenannten Demokratisierung der Produktionsmittel die Qualität der Musik leide. Und daß der einstige Segen der Drummachine sich zum Fluch gewandelt hat.
Das ist auch teilweise wahr. Früher gab es natürlich auch schlechte Platten, aber es gab fabelhafte Trommler, Geigenspieler und Sängerinnen, denen z.B. ein Quincy Jones Songs auf den Leib geschrieben hat.
Wenn du gute Klassische Musik oder Jazz hörst, merkst du, daß der Rhythmus fast perfekt ist - wie eine Drummachine. Es ist vielleicht ganz natürlich, nach dem perfekten Beat zu suchen, aber ohne eine menschliche Nuance ist es einfach steif. Wenn du zum Beispiel den aktuellen Swingbeat in der Housemusik nimmst, und diese Geschwindigkeiten, dann fehlt da das natürliche Gefühl. Es hat auch viel mit Gesundheit zu tun. Wenn du Pflanzen Bach oder Jazz vorspielst, wachsen sie schneller. Bei steifen Sachen oder RocknRoll sterben sie viermal schneller als mit guter Musik.
Ich mache Musik zwar nicht für die Umwelt oder für die Gesundheit der Leute, aber ich glaube, es ist wichtig eine gewisse Schönheit zu haben, das Nachtleben ist nur ein Teil von unserem Leben.
Produzenten, die sich ganz und gar der wunderbaren Welt des Laptops verschreiben, bekommen demnach auch gehörig ihr Fett weg. Im Wangschen Universum, das sich wohl noch am ehesten an den Koordinaten Disco, Jazz im Sinne verspielter Harmonien und einer dicken Portion Exzentrik festmachen läßt, ist schlichtweg kein Platz für so etwas. Was will man auch anderes von einem Menschen erwarten, der von sich sagt, überhaupt keine neuen Platte zu kaufen, sondern eher nach Italo-Disco und klassischer Musik zu suchen.
Diese Laptopmusiker bringen mich zum Kotzen. Zuerst bist du als Laptopmusiker mal faul, dann wird es aber auch nicht einmal interessant. Es wäre wunderbar, wenn man wirklich gute Ideen hätte, aber vielleicht brauchen wir mehr Zeit, um diese guten Leute zu entdecken. Vielleicht haben es diese Leute auch nicht zwischen den Ohren. Zu Zeiten Bachs konntest du nur Instrumente spielen und musizieren, wenn du es zwischen den Ohren hattest, da gab es keine Laptops oder Computer. An meinen eigenen Sachen ist mir das Songwriting sehr wichtig. Die Komposition, ein guter Beat, gute Modulationen zwischen Stimmungen. Die erste Playhouse Platte von mir zum Beispiel oder die B-Seite der All Flowers must fade auf Environ. Das ist ein echtes Lied, nicht nur ein kleines Sample oder ein Loop.
Richtig lustig wird es mit Danny, der Journalisten gerne mal erzählt, in Tibet aufgewachsen zu sein oder sie mit irren Geschichten von imaginären taiwanesischen Parties versorgt, wenn man ihn auf so tolle Dinge wie die kürzlich ausgerufene Nu-Wave-Bewegung und deren Protagonisten anspricht. Ein Daniel Wang, dem der Ruf eines Paradiesvogels vorauseilt, müßte bei so etwas doch das Herz aufgehen?

Das ist die totale Scheiße. Diese Sachen klingen sehr authentisch. Es klingt wie es klingen soll: robotisch, mechanisch und leer. Eine tiefere Schicht können diese Leute nie erreichen. Nimm zum Beispiel Fischerspooner. Die machen nur Musik für ihr Publikum, nicht für sich selbst. Da geht es um Style und Fame.
Damit habe ich nichts zu tun, ich will einfach schöne Musik machen. Aber in dieser Branche mußt du immer eine 909 oder einen typischen Dance-Rhythmus haben, um richtig erfolgreich zu sein. Weltweit gesehen hat Klassische Musik oder Jazz einen Verkaufsanteil von weniger als 2%. Was hören dann die restlichen 98% der Welt?
Es gibt ja aber auch im Jazz Musiker, die nie richtig populär wurden, wie der Klavierspieler Ellis Larkins, der sehr subtil spielte. Diese Leute gibt es seit 50, 60 Jahren und sie geben mir die Hoffnung, daß wenn man etwas gutes, überlegtes, ruhiges macht, es auch immer Raum für solche Musik gibt. Ob es viele oder wenige Platten verkauft, es ist mir gleich. Es gibt eine Balihu, die nur 250 Copies verkauft hat. Rein vom ökonomischen Standpunkt her betrachtet, müßte ich dann eigentlich auch aufhören. Als ich Nelson Paradise Roman (Produzent für Bottom Line, E-Legal, Dig It und Big Beat Records, auf dessen Konto Schlager wie Jay Williams Sweat gehen, d. Verf.) getroffen habe, mußte ich fast weinen. Er arbeitete als Security Guard in einer Bank. Er sagt, das ist jetzt sein Job und wenn er auflegt, spielt er nur noch die Platten, die ihm gefallen.
Ein Erfüllungsgehilfe der Maschinerie wird er aber trotzdem nie werden, dann schon lieber in einer Bäckerei jobben oder im Dr. Sound Music Store mit gebrauchten Synthesizern handeln. Ganz so schlimm steht es um Balihu und Wang aber dann doch nicht. Die nächsten zwei oder drei Veröffentlichungen sitzen bereits in den Startlöchern und der Labelboss kann sich mittlerweile mit DJ-Touren, die ihn von Amsterdam nach Leipzig und zurück führen, ganz gut über Wasser halten.
Berühmt zu sein ist mir völlig egal: als ich kürzlich bei Dance Tracks erkannt wurde, war mir das total peinlich. Die einzige Möglichkeit ist, halt immer bessere Musik zu machen. Selbstkritisch zu sein und an sich zu arbeiten. Ich will einfach gute gestimmte Musik machen mit einer guten Struktur und einer guten Stimmung. So ist er eben, dieser Daniel Wang.
][ janson
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