OUK das achtund30ste ± spannend & leitend ± AuglSept 02 Druckwelle

Druckwelle

Die Geschichte hört sich an wie aus einem englischen info sheet: 1995 fing Vinko Vrabec seinen Dienst in der CD-Abteilung eines Media-Marktes an, dem seit ein paar Jahren ein gewisser Klaus Naitana schon angehörte (Kundendienst). Durch Plattenbestellungen und Unterhaltungen kamen sich die beiden näher und beschlossen dann Ende 1997 gemeinsam musikalisch aktiv zu werden. Anfang 1998 gründeten sie schließlich Molar Records. Sie machen keinen HipHop und nennen dafür folgende 4 Gründe: weil...

"a) wir nicht die Hosen dafür haben,
b) wir dafür schon zu alt sind,
c) wir die Gestik noch einstudieren hätten müssen, weil das Kroatische und Italienische doch verschieden sind,
d) und weil gewisse Kräfte im Hip Hop schon Haltungsprobleme haben, weil sie sich ständig im G-Bereich ihre Dinger hinrichten müssen und das sieht einfach nicht gut aus..."

Rosenheim ist auch nicht wegen Hip Hop bekannt: Funkstörung und Markant hatten vielleicht ebenfalls nicht die richtigen Hosen.

OUK: Warum lasst ihr eure Platte remixen?
DRUCKWELLE: Es ist klar, damit die Platte besser und auch tanzbarer
wird. Wir wollen damit einfach die Platte unter die Leute bringen. Das ist so was wie Band Aid für Afrika, nur für Deutschland aus der Schweiz...
OUK: ...und genauer aus dem Haus Straight Ahead.
DRUCKWELLE: Genau: ein Remix ist von Sequel, dann weiter: von Space Clique, von Jan Weissenfeldt und Paul Beller und der letzte von Daniel Paul, dessen Produktionen wir sehr lieben und schätzen. Deswegen haben wir die Leute auch ausgesucht: weil deren Produktionen uns sehr gut gefallen, das ist das Ausschlaggebende gewesen und nicht wegen des Namedropping-tralala, sondern weil wir ihre Produktionen wirklich sehr gut finden.

OUK: Habt ihr auch Remix-Angebote von jemand anderem bekommen?
DRUCKWELLE: Nein. Die haben wir selber ausgesucht und gedacht: diese Leute und genau die wollen wir!
OUK: Wann kommt die E.P. raus?
DRUCKWELLE: Wenn alles gut geht, kommt sie vom Presswerk Ende Juni raus. Sie heisst einfach "Three Quarter" also Dreiviertel. Weißt du, wir kommen aus Bayern und wir können nur im Dreiviertel-Takt spielen. Das leuchtet doch ein!
OUK: Inwiefern habt ihr mit Zahnmedizin zu tun?
DRUCKWELLE: ????!!...Ach soo! Du meinst wegen dem Labelnamen?! Nee, es ist eigentlich eine andere Geschichte, weil wir damals in Wien waren, als wir die erste Platte pressen ließen und die Straße, wo der Presser war, hieß Molar. Aber vielleicht macht der Klausi noch eine Zahntechniker-Ausbildung, so paßt es alles besser zusammen, hi hi.
OUK: Die Geschichte vor der ersten Pressung kennen wir schon, ihr habt euch im Media-Markt getroffen und warum ihr kein HipHopper seid, ist auch allen bekannt. Was war der Auslöser oder das Vorbild für eure Musikauswahl, Funkstörung vielleicht?
DRUCKWELLE: Nein. Musikalische Vorbilder hatten wir so gesehen eigentlich nicht. Es gibt zwar Produzenten, die wir ganz gut finden oder irgendwelche alte Jazzmusiker, die wir sehr schätzen, aber wir wollten auch nie jemandem nacheifern. Unsere Produktionen sind immer so, wie wir es denken und zwar nicht abhängig von irgendeiner Modeerscheinung, irgendeinem Hype oder von einem Plattenlabel, das etwas bestimmtes von uns will. Wir machen einfach, was uns gefällt und so kann man definitiv immer heraushören, ob was von uns ist oder nicht.
OUK: Eure Produktionen sind sozusagen nicht unbedingt für die
Tanzfläche gedacht und auch nicht so einfach. Im Gegenteil dazu seid ihr als DJs richtige Party-Tiere. Wo kommt diese Schizophrenie her?
DRUCKWELLE: Warte mal ich gebe dir jetzt den Klausi, der muß auch mal was sagen...
DRUCKWELLE (Klausi): Also...Wie war die Frage nochmal?
OUK: Gut Klausi! Warum macht ihr so schwachsinnige Produktionen?
DRUCKWELLE: Hey hey, ich glaube ich bin jetzt irgendwie....
OUK: Du wolltest doch die Frage nochmal hören, oder?
DRUCKWELLE: Okay. Es war immer so. Ich habe immer Party-Musik gemacht... in der Disco. Ansonsten zuhause... immer anders. Es ist die ewige Kontroverse: das Melancholischsein daheim und das Anderssein, progressiv im Club.
OUK: Klausi, du begleitest oft eure DJ-Sets mit dem Schlagzeug und Vinko, der probiert sich manchmal als Sänger. Habt ihr nie daran gedacht als elektronisches Duo live aufzutreten?
DRUCKWELLE: Doch, darüber haben wir schon so oft nachgedacht, nur es ist eine sehr komplexe Situation, die sowohl mit Musik als auch, wie so oft, immer mit Geld und Zeit zu tun hat...aber vor haben wir das immer noch, aber wann wir es umsetzen können, das wissen wir nicht... wenn wir alte Greise sind oder wenn wir richtig gute Musiker geworden sind! Vinko kann außer singen noch ein bißchen Gitarre spielen.
OUK: Hast du früher Schlagzeug in einer Heavy-Metal-Band gespielt?
DRUCKWELLE: (Vinko pfeift im Hintergrund) Mmh... nein... nein, habe ich nicht. Nein, sicher nicht, ich habe noch nie in einer Heavy-Metal-Band gespielt und ich werde nie in einer spielen... obwohl: man kann bestimmt gutes Geld damit verdienen. Ich habe in der Tat mit 13 Jahren angefangen zu spielen und eine 4,5jährige Jazz-Ausbildung in unserer hiesigen Musikschule gehabt.
OUK: Setzt du dein Können am Schlagzeug auch in den Musikproduktionen ein?
DRUCKWELLE: Nein. Für die Produktionen, nein. Dafür gibt es Sequenzer, die den Takt halten können und viel genauer als ich sind.
OUK: Seid ihr zufrieden?
DRUCKWELLE: ... ahem... mit was jetzt? Mit unserem Label? Mit meinem Leben?
OUK: Ich meine eher mit den Produktionen und wie ihr mit euren Pläne
vorankommt.
DRUCKWELLE: Unsere Pläne schauen so aus, daß wir im Herbst noch eine weitere 12inch releasen möchten, die mehr oder weniger schon im Kasten ist. Es soll die erste Produktion sein mit vocals drauf von einer jungen Dame, die aber leider nie Zeit hat und da muß man schauen, ob wir dies bis Ende Juli gebacken bekommen...
OUK: ... wie ich euch kenne, wird das ganze ohne Melodie sein!?
DRUCKWELLE: Das ist es genau. Das ist einfach unseren Markenzeichen, daß alle unsere Produktionen immer diesen Elektrotouch haben und das ist es auch, was wir wollen. Zurück zu dem, was wir vorher schon angesprochen haben. Es ist auch oft ganz klar unser Problem, daß das, was wir auflegen, und das, was wir produzieren 2 Paar Stiefel sind: wenn uns die Leute nur über unsere Platten buchen würden, dann würde uns höchstwahrscheinlich gar keiner buchen, außer irgendjemand, der auf abgefahrene Elektronik steht. Aber Gott sei Dank sind wir auch für unsere DJ-Sets bekannt!
OUK: Ihr seid in diese Hinsicht eine große Ausnahme. Die eure ist auf jeden
Fall eine schwierige Strategie..
DRUCKWELLE: Das ist es! Wenn wir aber auch so auflegen würden, wie wir produzieren, dann hätten wir ausschließlich höchstwahrscheinlich nur mit verrückten Leute und mit Künstlern oder so zu tun, die uns selber zu statisch wären. Das ist auch nicht unsere Welt, wir sind ganz normal, oder eher lustige Knaben und das kann man mit der Art von Musik nicht verbinden. Das Auflegen ist auch ein Ausgleich für die Musik, die man selber macht. Wir haben beim Produzieren unheimlich viel Spaß und wir sehen uns beim Auflegen eher als Dienstleistungsbetrieb, da wir den Leuten Spaß bringen. Wir müssen nicht damit in das Niveaulose absacken von Sound her, weil wir immer Platten dabei haben, die uns sehr gut gefallen! Es ist wiederum auch sehr schwierig: nehmen wir an, irgendjemand würde uns beim Auflegen hören und sich dann eine Platte von uns kaufen - der wäre mindestens überrascht, wenn nicht gleich enttäuscht. Manche finden es auch gut, andere sagen, daß es der Wahnsinn ist. Der Unterschied ist schon wie Tag und Nacht.
OUK: Wie würde dann bei euch eine Compilation aussehen?
DRUCKWELLE: Wenn diese auf unseren Label erscheinen würde, dann klar wie unsere Produktionen. Ansonsten... sehr lustig, eine lustige DJ-Kicks.
OUK: Zurück zur Gegenwart und eurem Label. Ich hatte mal gelesen, ihr betreibt es zu viert...
DRUCKWELLE: Das stimmt auch so zum Teil heute auch noch, wobei ich die meiste Arbeit damit habe...
OUK: Produziert ihr ausschließlich Vinyl?
DRUCKWELLE: Es kommt jetzt die erste CD-Produktion raus. Es ist das Album von Gianni Stiletto, ein Künstler, Profimusiker aus Österreich, der dort durch seine hervorragenden Drum'n'Bass-Live-Acts sehr bekannt ist! Aber ich muß mir immer mehr eingestehen, daß das Album viel zu früh raus kommt. Es wäre vernünftiger gewesen, wenn man davor 2 Label-Compilations gemacht hätte, Releases haben wir genug! Der Markt ist zur Zeit zu unsicher für eine Album-Produktion.
OUK: Wie werden bei euch die Künstler ausgewählt? Bekommt ihr viele Demos?
DRUCKWELLE: Sehr wenig und wir haben bis jetzt davon noch nichts genommen. Wir suchen unsere Künstler eher aktiv aus. Zum Beispiel auf dem ersten Vienna-Scientist-Sampler hatte uns die UKO-Nummer sehr gut gefallen. Prompt haben wir bei dem in Wien angerufen: daraus ist dann eine Freundschaft und eine 10inch entstanden. Ich wollte auf jeden Fall den Künstlerkreis klein halten. Mir ist es lieber, mit 2 oder 3 Künstlern zusammenzuarbeiten, aber dafür öfter was zusammen zu machen.
OUK: Ich habe das Gefühl, daß Wien eure 2. Heimat ist.
DRUCKWELLE: Die Menschen, die da wohnen, finden wir sehr nett und unkomplizierter als z.B. ...
OUK: ... in Tübingen?
DRUCKWELLE: ... die Tübinger, die Schwaben sind brutal kompliziert! (allgemeines Gelächter...) Wir haben in Deutschland schon mal schlechte Erfahrungen gemacht. Wir hatten schon mal irgendwelche Bookinganfragen aus Hamburg bekommen, dann ist das ganze geplatzt, weil der junge Mann von dem Club meinte, daß ich keine Ahnung von Musik haben kann, weil ich im Media-Markt arbeite. Und es ist auch oft so, daß sehr viele denken, mit uns arrogant sein zu müssen, weil wir eher aus dem ländlichen Bereich kommen.
OUK: Wie sieht es mit den Vertrieben aus?
DRUCKWELLE: Das mit den Vertrieben ist einfach ein prekäres Thema, aber ich sage immer die Wahrheit. Wir sind z.b. bei PPSale und sie können die kleineren Labels, wo wir dazu gehören, nicht genügend promoten. Sie können es nicht, weil die einfach zu wenig Leute haben, die dort arbeiten und es teilweise auch nicht auf die Reihe bekommen können, da sie ebenfalls größere Labels am Start haben, wie z.B. Compost, Infracom! oder Kleinrecords, die mittlerweile zu den größeren gehören, daher bleibt viel zu wenig Zeit, um die kleineren anständig zu promoten. Die meisten Vertriebe haben einfach zu viele Labels! Das ist natürlich oft sehr schade, weil auch wenn man nur "schwierige" Musik macht, mit 500 oder 1000 Stück, dann müssen die zu verkaufen sein, weil wir immer von einem weltweiten Markt und nicht nur von Deutschland reden. Mir ist schon klar, daß ich eine Gianni-Stiletto-12inch nicht öfter als 50mal in Deutschland verkaufen werde, weil es einfach zu schwer ist. Es liegt einfach daran, daß der größte Teil des Einzelhandel wirtschaftlich leider nicht stark genug ist, um sich ein exotisches Lager mit irgendwelchen Molar-Platten leisten zu können. Wir legen unser Hauptaugenmerkmal auf die Benelux-Länder, Japan und auf den amerikanischen Markt.
OUK: Warum ausgerechnet diese Länder?
DRUCKWELLE: Weil die Leute dort offener sind, und in Deutschland diese ganze Elektronik- oder Electronica-Szene von ein paar Leute beherrscht wird, die ihren eigenen Kuchen haben und davon wenig oder nichts abgeben wollen.
OUK: Vielleicht ist es einfach der Konkurrenzdruck?
DRUCKWELLE: Der Konkurrenzdruck ist auf jeden fall innerhalb Deutschland größer, und ich glaube, daß die anderen Label, die Electronica machen, auch mehr im Ausland verkaufen, weil hier keine Landschaft dafür existiert. Wie schon gesagt, es sind immer wieder dieselben Leute oder Labels, die immer wieder gehypet werden, weil der kennt den und den kennt die usw. usf. und damit werden auch viele Sachen und Künstler sehr schnell verschossen, wie z.B. auch mit der letzten Ulrich Schnauss auf City Centre Offices passiert ist. Die Platte wurde gehyped und in der de:bug zurecht bejubelt, aber dann hört man ewig nichts mehr vom Künstler... und das war's dann. Ich glaube, zur Zeit kommen sehr viele Alben raus, die meines Erachtens gar nicht rauskommen dürften, weil sie auch nicht fertig sind. Und selbst wenn sie gut sind: sie werden zu schnell verheizt. Dadurch bricht auch der Markt zusammen und keiner kennt sich bei dem Dschungle mehr aus. Das gilt leider auch für den Dance-Bereich: der Plattenkäufer ist mittlerweile total überfordert. Ich probiere es zur Zeit mit dem Label einfach so: langsam steigern, d.h. ich lasse lieber nur 500 Stücke pressen und ich verkaufe sie auch, als 1500 machen zu lassen und habe dann 1000 zuhause. Viel zu viele Labels sind pleite gegangen, weil sie sich einfach übernommen haben und einige mehr werden noch pleite gehen...
OUK: Zum Beispiel?
DRUCKWELLE: Zum Beispiel...das werde ich jetzt natürlich nicht sagen. Die aktuelle Situation läßt sich vielleicht noch retten mit einer besseren Radio- und natürlich Clublandschaft. Wenn es manche Clubbetreiber nicht gäbe, würde es auch nicht die ganze elektronische Danceszene geben. Es ist sehr wichtig, daß wir unsere Safari-Lounge-Veranstaltung weiter in Rosenheim haben. Das muß man sich einfach bewußt machen, daß diese Infrastruktur einfach gestärkt werden muß... Es ist ein bißchen durcheinander, was ich jetzt erzählt habe, aber ich hoffe, man kann den Sinn verstehen...
OUK: Seit wann macht ihr die Safari Lounge?
DRUCKWELLE: Im Oktober werden es 5 Jahre. Früher gab es auch einen elektronischen Abend in einer anderen Zusammensetzung: das hieß damals der Blaue Freitag, es gab nur Electronica....und Hip Hop zum Teil.
OUK: Was mögt ihr nicht?
DRUCKWELLE: Die Clubcharts, die gefaked sind und Clubbesitzer, die die Gage nicht bezahlen wollen und die mit dem Licht nicht zurecht kommen. Ansonsten sind wir lieb und wir mögen fast alles
OUK: Euren Auftritte, vor allem vor oder nach dem Auflegen, gehören schon zur Clublegende oder Geschichte: wie steht es mit einer DJ-Comedy-Karriere?
DRUCKWELLE: Das Thema hatten wir mit Raini* schon. Das müssen wir uns echt überlegen, ich meine der Klausi ist schon 30, ich 32, wenn es mit dem Auflegen nichts mehr wird, dann werden wir in der Comedy einsteigen.

Klausi fave: Herbie Hanckok "Legend"
Vinko fave: Willie Nelson "Shot Gun Willie"

*Reini Wimmer: Betreiber des Bogaloo-Club in Pfarrkirchen und Besitzer des Spinning-Wheel-Plattenlabels

][ edl


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