Culture Tools:
Lance & Olli
(Sportive
Splitter
Remixes)
)( Reflection Downbeats )(
Der Club als Basis des politischen und kulturellen Handelns beim Philosophen Adorno, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber bereits Fundament fußballerischer wie anderer sportiver Tätigkeiten, und ouk als Forum für Club-Kultur nun in der 38. Ausgabe: dies ist nur eine mögliche Gedankenkette zum Thema Was hat Sport in einem Musikmagazin zu suchen?. Abgesehen davon, daß das bei ouk reinflatternde Promo-Material vor der Fußball-WM gespickt war mit mehr oder weniger originellen Versuchen, Parallelen zwischen Elfmetern und Twelveinches zu ziehen, und ungeachtet der Tatsache, daß sich kurz vor Beginn der Tour de France Jan Ullrich als Deutschlands prominentester Partydrogen-Konsument outete (wobei das Wort Ecstasy hartnäckig ungenannt bleibt in den gängigen Medien), sollte hier eigentlich auf ernsthaftere Rechtfertigungsanstrengungen diesbezüglich verzichtet werden, aber da in einer so weit über den eigenen Tellerrand hinausblickenden Zeitschrift wie ouk jede Gelegenheit zur Belehrung genutzt werden muß, läßt sich dieser Satz problemlos noch weiter in die Länge ziehen, indem man auf die inzwischen Konsens werdende Meinung in soziokulturellen Wissenschaftskreisen hinweist, die besagt, daß der Stellenwert, den der organisierte Wettkampfsport in einer Gesellschaft genießt, einen Gradmesser für ihren zivilisatorischen Entwicklungsstand darstellt. Das ritualisierte Austragen von Konflikten mit von allen Parteien verbindlich anerkannten Bedingungen wie Regelwerk, Sanktionsstruktur und Ergebnisgültigkeit sozusagen als schweißtreibende Vorübung zum Prinzip friedlicher Beilegung von Interessens-gegensätzen in einer solidarisch-freiheitlich-gerecht (=zivilisiert) organisierten Gesell-schaft. Sport ist damit (in seiner Breitenform) nicht nur Mittel zur körperlichen Ertüchtigung und Fitness, sondern auch Bestandteil von banalster, alltäglicher Verhaltenskultur, Spitzensport sogar massenbewegendes Thema öffentlicher Diskussionen, ob an grobschlächtigen Stammtischen oder in rhetorisch filigranen Seminarzirkeln. Und natürlich in den Medien. Das Reden über den Sport geriert auch das Reden über das Reden über den Sport, sagte Umberto Eco sinngemäß zu diesem Aspekt, der sich längst als bisweilen eigendynamischer Bumerang verselbständigt hat. In Italien gibt es allein drei reine Sport-Tageszeitungen - genauso Ausdruck (und dort viel mehr als hier auch so verstanden) von zivilisatorisch sensibel entwickelter Hochkultur wie römische Architektur, geschmack-volle Mode-Tradition, Mona Lisa, Kino-Klassiker, gutes Essen oder die Mailänder Oper (Ferrari spare ich in dieser Aufzählung aus aktuellen Formel-1-technischen Gründen aus). Und in allen dreien erfährt man unter den (sicherlich oft reißerischen) Aufmachern und bei aller Priorität für die eigenen Athleten ungleich mehr Fundiertes und Kompetentes (auch, und vor allem, über Sportler anderer Nationen) als in jedem deutschen Blatt oder den neurotischen englischen Boulevard-Pamphleten. Sport war (Alltags-)Kultur, lange bevor Fußball Pop wurde.
)( Bets and Fates Grooves )(
Fußball spaltet mehr als andere Diskurse jede soziale Einheit (Familien, WGs, Cliquen, Firmenbelegschaften, Kaffeekränz-chen, Bands, DJ-Teams, politische Zusammenschlüsse, ...) in Interessierte und Ignoranten. Aber er führt auch Interessierte (die Ignoranten dagegen meistens nicht) aus verschiedensten soziokulturellen Konstellationen zusammen. In einem Steh- und Straßencafe veranstalte ich für H&M Productions traditionell während Fußball-Mega-Events eine Großwette. Der WM-Tipp 2002 ist seit 1996 die vierte ihrer Art, und trotz ungewohnter vormittäglicher Anstoßzeiten und fehlender Free-TV-Rundumversorgung kommen wieder fast 70 Leute zusammen. Die Altersspanne liegt zwischen 19 und 60, sechs Nationalitäten sind vertreten, aber auch die unterschiedlichsten sozialen Kontexte, aus denen die Teilnehmenden stammen. Da gibt es ein bißchen Alternativszene aus Wohnprojekten in ehemals besetzten Häusern und Wagenburgen oder vom lokalen freien Radio Wüste Welle (mit seinen guten Clubmusik-Sendungen), deren Stammkneipe das oft despektierlich Cafe Wichtig genannte Etablissement sicher nicht ist (mit dessen kompetenten sportverrückten italienischen Betreiber mich aber eine ohne den Fußball kaum denkbare intensive Freundschaft verbindet), ein paar klassische Arbeiter sind sogar dabei, die den Termin für die Tipp-Abgabe mit ihren Schichten koordinieren müssen, aber auch Bankangestellte, Filmverleiher, renommierte Rechts-anwälte, Friseure und Computer-Fachleute, Laden-besitzer (...Innen...), und wie immer eine große Anzahl in der Gastronomie Tätiger. Da alle Spiele einzeln getippt werden müssen und es tägliche Abgabetermine gibt, begegnen sich die Teilnehmenden zwangsläufig, viele kennen sich gegenseitig (noch) nicht. Aber auch Frauen spielen mit (13,28%), das Geschlecht, das laut Aussage einiger komischerweise bei solchen Wetten immer gewänne. Die Anfangsphase des Turniers scheint diesen Stimmen rechtzugeben: als einzige Person von allen tippt eine Frau im Eröffnungsspiel für Senegal gegen Frankreich. Mit diesem Coup setzt sie sich sogleich an die Spitze der ersten Ausgabe des täglich aktualisierten, im Cafe aushängenden Gesamtklassements aller Mitspielenden, der (auch nicht zufällig) sogenannten Charts. Doch damit nicht genug! Durch den zeitigen und erfolgreichen Einsatz von Jokern und fehlendem Respekt vor großen Fußball-Namen baut sie ihren Vorsprung in der Folgezeit sogar aus. Elf Spieltage hintereinander liegt sie in Führung, das gabs noch nie und nötigt einigen - bei allen Vermutungen um Anfängerglück, vielen überraschenden Spielausgängen oder gar weibliche Logik - jetzt doch Respekt ab. Vorher hatte Mann freilich gerätselt, wer das denn sei, diese Person mit dem ausgefallenen Namen, die (fast) keiner kannte, was, eine Frau?, und die das Groß der realen oder sogenannten Experten zu düpieren sich erdreistete. Zu Beginn des Turniers steht sie häufig unerkannt nur einen Meter daneben und amüsiert sich über die ins Kraut schießenden Spekulationen. Nach einer Weile jedoch ist ihr Gesicht bekannt und sie schließlich von einem der hartnäckigen Verfolger eingeholt. Im Achtelfinale kehrt sie noch einmal mit einem ähnlichen Solo-Coup wie zum Auftakt an die Spitze zurück, um am Ende immerhin in einem starken Vorderfeld auf dem 9. Platz und damit gerade noch in den begehrten Gewinnrängen zu landen. Beim Schlußempfang mit Siegerehrung, wo jeder der Preisträger noch ein persönliches Sprüchlein aufsagen durfte, stellte sich heraus, daß hinter jedem Namen nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern auch eine große Anzahl anderer Menschen stand, die durch die Tipperei in der einen oder anderen Form mitbetroffen waren. Das reichte von der mitfiebernden Büro-Gemeinschaft über autistische Kinder bis zum Krankheit nachsorgenden Ehemann. Angesichts dieser menschelnden Schlußerlebnisse war ich mit meinem privaten Resümee, nämlich mit Platz 24 immerhin die linke (bessere) Hälfte des Charts-Tableaus erreicht zu haben, und dem Entschluß, ganze 80 Euro als Entschädigung für einen Arbeitsaufwand zu nehmen, der in etwa 1 1/2 Monatsgehältern entspricht, doch noch recht zufrieden, zumal ich innerhalb einer virtuellen DJ-Wertung immerhin bester Vertreter der Clubmusik-Sparte wurde (hinter zwei Rock-Auflegern - pfui!).
)( Tribal Truth and Opposition Drive )(
In der Zwischenzeit ist viel passiert. Ungeahnt zügig haben sich Franzosen, Portugiesen und Argentinier aus dem Turnier-geschehen verabschiedet, Italiener, Engländer und Spanier folgen ohne übertrieben langes Zögern. Von der Überspieltheit der Stars und Leistungsträger in den traditionell starken Mannschaften wird geredet, aber vor allem über die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter. Dabei macht FIFA-Obermafioso Blatter eine 180-Grad-Kehrtwendung, als er im Alleingang das von ihm selbst initiierte Schiedsrichter-Nominierungsverfahren über den Haufen wirft und jetzt erfahrene Referees eingesetzt sehen will. Freilich zu einem Zeitpunkt, als diverse Spielausgänge natürlich nicht mehr rückgängig zu machen sind und deshalb der Verdacht bewußter Einflußnahme die Runde macht. Der WM-Stimmung bekäme es besser, wenn die gastgebenden Nationen länger im Rennen blieben. Und: Bei einem erfolgreichen Abschneiden dieser Länder könne ein Boom in Asien ausgelöst werden, der Optionen für einen zukünftigen Wachstumsmarkt in Milliardenhöhe erschließen könnte. Diese Einschätzung liegt zwar in der Logik des Kapitals, aber die Leistungen auf dem Rasen trugen das Ihre dazu bei, den Ball in diese Richtung laufen zu lassen. Bei aller verständlichen Aufregung über die in der Tat ungewöhnlich krasse Betroffenheit der Italiener von Schiedsrichter-Fehlentscheidungen, haben sie doch die Vorrunde überstanden und sind gegen Südkorea gewißlich nicht wegen Irrtümern des Unparteiischen ausgeschieden. Nach drei Tagen subjektiv mehr als erklärbarem Frust mit angeschwollenem Volkszorn und manipulationsgetränkten Verschwörungstheorien besannen sich dann der vernünftige Teil der italienischen Öffentlichkeit und die Fachpresse auf die wahren Ursachen des Desasters: die Squadra Azurra hatte sich nach einer 1-0-Führung gegen einen international bis dato bedeutungslosen Kontrahenten in die eigene Hälfte zurückgezogen und Angsthasen-Fußball gespielt. Und ich füge, danach gleich noch ein paar knallharte Wahrheiten anhängend, hinzu: und das gegen einen im Vergleich zu den Gruppenspielen kreativ eindeutig nachlassenden Gegner, der zudem noch einen Elfmeter verschoß. Außerdem, wo wir schon dabei sind: wenn Wilmots Treffer für Belgien gegen Brasilien wegen Stürmerfouls (zurecht) nicht gegeben wurde, dann hätte auch Vieris Kopfballtor gegen Südkorea nicht zählen dürfen, nachdem der Inter-Recke seine ihn bedrängenden schmalbrüstigen asiatischen Widersacher mal eben mit einem kräftigen Schubser zu Boden gestreckt hatte.
Internationale Härte? In Italiens Straf-räumen vielleicht, aber nicht nach den offiziell vertretenen und für die WM noch mal extra ausgelobten Leitlinien der Fußball-Oberen zur Beseitigung von Trikot- und anderen Nahkampf-Vergehen in 16m-Räumen sowie verletzungsträchtigen Attacken vor allem von hinten. Das Manko dieser eigentlich mehr als begrüßens-werten Marschroute lag denn bisher auch nicht in einer etwaigen übertriebenen Penibilität ihrer Vorgaben, sondern in der Uneinheitlichkeit und fehlenden Konsequenz ihrer Durch-setzung. Beispiel Strafstoß: es gibt keine 11m-würdigen Fouls im Unterschied zu 11m-unwürdigen! Einziges Kriterium (abgesehen von Vergehen für indirekte Freistöße) ist hier die 16m-Linie. Foul ist Foul! Und wenn das Foul innerhalb des Strafraums begangen wird, gibt es Elfmeter, egal welche Würde wer auch immer diesem Foul zumißt oder abspricht. Und der lächerlichen Argumentation dann müßten ja in jedem Spiel 20 Elfmeter gepfiffen werden, schmettere ich ein lapidares Na und ?! entgegen. Was meint ihr, wie schnell der häßliche Strafraum-Kleinkrieg und das kriminelle Grätschen und Sensen aufhören würde, wenn der Schuß jedesmal nach hinten losginge, sprich konsequent einen Elfmeter bzw. eine rote Karte (plus eine halbe Saison Sperre!) nach sich zöge! Plötzlich könnte man - welch unerhörter Gedanke! - sein Augenmerk auf das legen, was die Faszination dieses Sports ausmacht, auf das Fußballerische nämlich und daß der Bessere gewinnen möge.
Möge wohlgemerkt, denn ein Teil dieser Faszination nährt sich aus der Ungewißheit über den Ausgang des Matches. In der ökonomischen Sprache der Vereine dagegen bedeutet dies seine Unplanbarkeit. Das Bestreben der Großen (z.B. organisiert im G-14-Verbund der wirtschaftlich stärksten europäischen Vereine) ist es deshalb, die Planbarkeit zu erhöhen, sprich die Voraussetzungen für eine möglichst hohe Erfolgsgarantie zu schaffen, um dem immer größer werdenden (und - gerade am Beispiel von Medienpleiten sichtbar - die Grenzen der Kapazitäten längst empfindlich überschreitenden) ökonomischen Druck standhalten zu können. Einigen Vereins-Funktionären wäre es folglich wohl am liebsten, die Titel am grünen Tisch ausklüngeln zu können: ein Jahr gewinnt Real Madrid die Champions League, dann kommt der FC Bayern an die Reihe, danach Manchester United usw, so daß alle einigermaßen zufrieden und im Plan sind. Mit dem Wesen von Wettkampfsport haben diese Bestrebungen nichts zu tun. Denn zu diesem elementaren Wesen gehört das fälschlicherweise nicht gegebene Tor, der spielentscheidende Schiedsrichter-Fehler und ein ungerechter Spielausgang genauso unverzichtbar wie der Torpfosten, die Eckfahne oder der Ball. In der Vergangenheit gab es bestimmt (auch in wichtigen Spielen) keinen Deut weniger umstrittene oder fragwürdige Situationen, man denke nur an das Wembley-Tor 1966 oder daran, daß Deutschland 1974 aufgrund einer Hölzenbein-Schwalbe Weltmeister wurde. Doch damals ging man nach der unmittelbaren intensiven emotionalen Erregung wieder zur Tagesordnung über und fieberte der nächsten Gelegenheit zur sportlichen Revanche entgegen. Heute dagegen ruft das Scheitern einer Mannschaft ganze Krisenstäbe auf den Plan, weil enorme Geldsummen dahinterstecken und der ungeheure Konkurrenz-kampf auf hohem Niveau keine unplanmäßigen Mißerfolge duldet. Unwägbarkeiten müssen also weitmöglichst ausgeschlossen werden, obwohl sie eigentlich genau die charakteristische Essenz dessen ausmachen, was Fußball so attraktiv und damit letztendlich auch marktfähig macht. Die Tatsache, daß es sich dabei um ein Spiel handelt, dessen wesentlichen Implikationen mit dem Abpfiff ihre Bedeutung weitestgehend verlieren (sollten), gerät dabei zunehmend in Vergessenheit.
)( Darwins Superior Mix )(
Fußball-Weltmeisterschaften als von den Vereinen finanziell relativ unabhängige, sich in der Regel selbst tragende, dazu nur alle vier Jahre stattfindende Großereignisse des FIFA-Molochs, sind noch nicht ganz so stark in diese schizophrene Logik eingebunden wie der europäische Liga- und Pokal-Alltag. Auch deshalb konnten wir uns diesmal mehr denn je über überraschende Erfolge vermeintlicher Außenseiter freuen, die als Argumente nicht bereits bestehendes Renommee und gottgegeben-unveränderliche Kräfteverhältnisse ins Feld führten, sondern neben Einsatzbereitschaft und Ehrgeiz auch offensiven Mut zum Risiko - und - sichtbare Freude am Spiel. Deren Zusammengehörigkeitsgefühl, Identität und Leiden-schaft nicht durch (wie auch immer zustande gekommene) Niederlagen unbotmäßig verletzt, sondern zu neuen kreativen Anstrengungen herausgefordert wurden. Die sich nicht nach einem hochnotpeinlichen Duselsieg über die USA in einen polternden, alkoholdurchtränkten Autokorso setzten, um diese Vorstellung als fußballerische Offenbarung zu feiern, anstatt sich mit dem Wissen um die Extra-Portion Glück im stillen Kämmerlein zu freuen, noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Weil der Sieg eben nicht, wie viele hiesige Fans meinen, die Manifestierung und Bestätigung einer eigentlich sowieso feststehenden, zumindest aber möglichst lange nicht anzutastenden, naturgegebenen Überlegenheit darstellt, an der sich am Ende gar noch eine höhere Wertigkeit nationaler, ethnischer oder genetischer Attribute festmachen läßt, sondern nur der mögliche (keinesfalls aber notwendige) krönende Abschluß eines ungeheuer vielschichtig-komplexen, 90minütigen Spektakels ist, dessen schillernde Faszination für Herz, Bauch und Kopf durch eine Reduzierung auf Sieg oder Niederlage schlichtweg geleugnet würde. Fußball in seinen intensivsten Momenten zu erleben, findet während des Spiels statt, nicht danach: der Weg ist das Ziel und die Angst vor der Prozeßhaftigkeit der größte Spaß-bremser in der Konsumgesellschaft.
)( Open Questions Reprise )(
Ganz klar zu kurz gekommen in diesen Ausführungen sind jetzt leider die Medien, in denen Breitner und Völler von Irländern reden, Poschmann, die Gemeinten meinend, sogar von Briten, Faßbender (dessen heutige Senilität in traurig-bitterem Gegensatz zu seinen tollen Auftritten als Radio-Reporter in den 70ern steht) Spiele durch Golden Goal entschieden sieht, obwohl noch nicht mal 90 Minuten vorbei sind oder das ZDF von den erstaunlichen 909000 Euro Prämie berichtet, die die Russen für das Überstehen der Vorrunde erhalten haben sollen, obwohl sie bereits nach den Gruppenspielen ausgeschieden waren. Mit diesen (alles andere als vereinzelten) Mißgriffen könnte man ganze ouk-Sonderausgaben drucken, bedrückend aber bleibt, daß die Kirch-Sender Premiere, Sat 1 und DSF bis hin zu ZDF-Kerner in deutlicher Abweichung zur Praxis vorangegangener Jahre handstreichartig den wir-Sprachkodex verbindlich eingeführt haben - eine weitere konkrete Folge der Hauptsache weiter-Ideologie. Ansonsten in den Beiträgen neben systematischem Lächerlichmachen anderer (v. a. asiatischer) Nationen, pseudo-lustigen Clownereien und intensiven Recherchen über Beckham-Frisuren auch mal das eine oder andere Wort zum Spielverlauf (gabs wirklich, ich habs notiert!).
Oder zur Olli-Mania: ein guter Torwart tat seine Pflicht (und in entscheidenden Momenten auch mal nicht). Der Kahn-Wahn als Fortsetzung der Ibiza-Clubmusik-Psychose mit anderen Mitteln (wo liegt Ibiza?). Hiermit mühsam den Bogen zum Ausgangspunkt dieses Artikels zurückgeschlagen? Von wegen! Hör dir mal in einem Stuttgarter Club bis morgens um fünf einen Live-Act des Techno-Heroen Paul Brtschitsch an und glotz dann am nächsten Morgen um halb neun Uhr England-Brasilien in einem überfüllten Stehcafe, ohne dabei konditionell zu darben!
Warum ich nichts zur deutschen Mannschaft geschrieben habe? Weil ich ein Team, das 120%iges aus seinen Möglichkeiten macht, nicht dafür kritisiere, sondern nur die Leute, die dies zum neuen Maßstab für Qualität im Weltfußball machen wollen. Und weil ich bei den Deutschen (wenn auch nicht nur dort) wenig bis nichts von dem unendlich Vielen gesehen habe, was mir an diesem Spiel Freude bereiten kann (bei Koreanern, Senegalesen und Türken dagegen phasenweise sehr wohl!). Weil ich ein Weltturnier sehen wollte, in dem (wie bei der EM 2000) Fußball spielende, nicht kickende Teams die Glanzlichter setzen. Die durch das, v.a. nach der Vorrunde, bescheiden gewordene Spielniveau der WM zu ungeahnter Wichtigkeit avancierte Mission Deutschland darf nicht Weltmeister werden wurde zwar letztendlich gerade noch erfolgreich erfüllt, es bleibt aber die beunruhigende Frage, wie es überhaupt erst zur Notwendigkeit einer solchen Mission kommen konnte.
Warum ich mir dann nach der WM trotz der zu erwartenden Dominanz von Lance Armstrong noch die Tour de France angeschaut habe? Weil ich bei jeder Bergetappe, in der (egal von welchen Fahrern) auch nur um den achten oder neunten Gesamtrang gerungen wurde, am ganzen Körper spürte, wie unendlich viel geiler nur 20 Minuten Aufstieg nach La Plagne im Vergleich zu allen 64 zusammengenommenen 2002er WM-Kicks waren. Plötzlich stellte sich nämlich trotz Epo, anabolen Steroiden und Amphetaminen hemmungslos prickelnde Sportbegeisterung ein. Denn Lance Armstrong war nicht etwa der am besten Gedopte, sondern nur der Beste unter den Gedopten! ][hve
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