
Wie installiert man einen mehrdimensionalen Klangraum? Ronald Lippok (To Rococo Rot) und Bernd Jestram sind zusammen Tarwater, sie machen Elektronik, angesiedelt zwischen Song und Track, elegant, modern, nostalgisch, bizarr, minimal und bezaubernd, Diskurspop als Rückehr zum Subjekt? Der Zufall ist der Bestandteil des Produktionsprozesses, das Chaos aber nicht ihr Lebensziel.
Betrachtet man den Raum als mehrdimensionales Ensemble, ergibt sich daraus die Notwendigkeit, eine geologische Bewegung zu rekrutieren, die unterschiedliche Territorialitäten, aber auch Fluchtlinien und Bewegungen der Entschichtungen in sich vereint. Bei Tarwater- Ronald Lippok (To Rococo Rot) und Bernd Jestram wird der Zufall weder provoziert noch abgewiesen, er ist notwendiger Bestandteil des Produktionsprozesses, man könnte also sagen, ganz im Sinne chaotischer Strukturen, hinter dem Chaos verbirgt sich eine gewisse Ordnung, eine Struktur, nur definieren Tarwater Zufall nicht als Selbstzweck. Das Chaos ist somit Bestandteil des Produktionsprozesses, aber nicht ästhetisches Prinzip.
Bei Tarwater funktioniert Songwriting nicht im klassischen Sinne, traditionelle Linien werden verlassen, da nicht mehr einzelne Instrumente im Vordergrund stehen, sondern Schleifen, Sequenzen und Samples. Der Troubadour wird seziert, das provinzielle Prinzip durch ein universelleres ausgetauscht. Das Verhältnis zwischen Zeichen und Sein ist in dieser Konstellation nicht mehr im herkömmlichen Sinne gegeben. Das Sampling ermöglicht es, die Botschaft unabhängig vom Kontext zu reproduzieren. Durch die Symbiose organischer und synthetischer Strukturen ist es ermöglicht, die Botschaft aus der scheinbaren Referenzlosigkeit auf eine übergeordnete Ebene der Immanenz zu übertragen, in der Zeichen wieder auf menschliche Wesen rekurrieren, so wie z.B. Gesang als gleichberechtigtes Element, nicht nur als gelegentlicher Einwurf benutzt wird und als Zeichen dann nur ein Effekt von Reproduktion darstellt, sondern zum Bestandteil einer Pop-Kultur avanciert, in der Persönlichkeitsstrukturen diskursiv zurückkehren dürfen. Nur bedeutet Persönlichkeit hier eben nicht Individuum im klassischen Sinne, vielmehr geht es um die Suche nach einem anderen Lebensstil, nach einem neuen Stil. Ist der Diskurspop von Tarwater, also die Verbindung von elektronischen und akkustischen Instrumenten, die Arbeit mit Loops, die Ko-Existenz synthetischer und organischer Strukturen die Wiederkehr zum Subjekt? Und wenn dem so ist, bedeutet Wiederkehr dann Aufkeimen einer neuen - individuellen oder gemeinschaftlichen - Existenzweise im elektronischen Kontext. Was haben Tarwater, Mouse on Mars und Kreidler gemeinsam?
Bernd Jestram zu dieser Frage: Wir respektieren die Arbeiten beider Bands. Zu Kreidler verbindet uns darüber hinaus auch eine persönliche Freundschaft. Es ist natürlich spannend zu hören, wie ähnliche Ansätze zu völlig unterschiedlichen, mitunter gegensätzlichen Ergebnissen führen.
Wenn wir zum mehrdimensionalen Raum zurückkehren wollen, müssen wir beachten, daß Tarwater andere Schichten bearbeiten, andere Fluchtlinien aufsuchen, obwohl ein ähnlicher Ausgangspunkt existiert, etwa die Integration wiederkehrender Strukturen, die Variation in der Monotonie der Rhythmen im Gegensatz zum Geräusch. Aus einem Buch über afrikanische Musik: in einem afrikanischem Hafen am Anfang des Jahrhunderts. Schwarze Hilfsarbeiter beginnen zu den Motorengeräuschen der europäischen Lastschiffe zu singen, weil sie die aus dem Schiff kommenden Geräusche für Musik halten, auf die man aus Höflichkeit mit Gesang antworten muß. Frieder Butzmann hat in seinem `Waschsalon Berlin´ in den frühen 80er Jahren einen ganzen Song nach den verschiedenen Waschgängen organisiert. (Bernd Jestram)
Hinzu kommt die Affinität zum Experiment, die sowohl bei Tarwater als auch bei Kreidler und Mouse On Mars bezeichnend ist - vielleicht die Linie Throwing Gristle, Can und Punk, einige dieser Projekte waren für Tarwater in der Frühphase wichtig, an den frühen Industrial Sachen haben uns vor allem die Methoden interessiert. Einbeziehen von Field-recordings in die Musik, Manipulation technischer Geräte, experimentelle Aufnahmetechniken etc. (Bernd Jestram)
Die Suche nach einem anderen Lebensstil im elektronischen Terrain eröffnet den Blick auf eine nomadische Identität, im Gegensatz zu auf Zugehörigkeit begründete Identität. Diese Art von Identität bildet den Knotenpunkt für einen musikalischen Prozeß, in dem das Medium an andere Medien gekoppelt wird, der Künstler also selbst zum Medium wird, zum Sammelbecken verschiedenartiger Zeichen, die erst später geordnet werden, zu einer bestimmten Form finden - Tarwater auf der Reise - Konzerte in Moskau, London und Berlin, dabei lernt man eine Menge über die eigenen Tracks. (Bernd Jestram)
Tarwater als Schnittstelle zwischen Kunst, Performance, Poesie. Der Titel des neuen Albums Dwellers on the Treshhold erscheint dann passend, als eine Platte, die von Schwellenbewohnern und Zwischenzuständen aller Art handelt.
][ j.n
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