OUK das achtund30ste ± spannend & leitend ± AuglSept 02 Gespaltene Töne

Christoph Reimann Trio feat. H. Machnik und B. Reimann - Exit - Sonic Slacker
Liest man den Namen Reimann, so fällt dem Musikbegeisterten sicherlich die schon lange zurückliegende Veröffentlichung “Booze” (1997) des österreichischen Labels Cheap ein. Damals schon konnte man die jazzorientierten Arbeitsweisen ansatzweise heraushören. Doch nun ist dieses Element plakativ geworden, es hat sich verfestigt und ist in seiner Perfektion kaum zu übertreffen. Gemeinsam mit Hubert Machnik, einem Gitarristen und Komponisten für Klavier- und Kammermusik des Bereichs Neue Musik, sowie Beni Reimann (Schlagzeug und Vibraphon), verschmelzt dieses Trio experimentellen Techno und Film-Noir-Jazz zu einem unglaublich tiefgründigen Werk - zu Exit. Doch wer möchte hier wirklich aussteigen? Ist nicht das vehemente Ende der 50minütigen Spielzeit eher einem Rausschmiß vergleichbar? Weiter begleiten will man die, einst von Bobby Hutcherson, Freddie Hubbard und Herbie Hancock ins Leben gerufene, Schönheit, die nun im Synthesizer geklont auf einer Reise in das Universum des SunRa-Arkestras neu aufblüht. Selten hat Jazz soviel Eigenständigkeit behalten und dennoch so viel Modulation erfahren. Wohl kaum einer, der sich für dieses Metier der modernen Musik interessiert, kommt an diesem bahnbrechenden Werk vorbei. Und enttäuscht wird man auf keinen Fall. Außer von der viel zu kurzen Spielzeit. Hat doch gerade erst im Kopf die eigene Bilderlandschaft begonnen zu wachsen und sich psychedelisch einzufärben. Musik wie eine traumhafte Droge, die ohne jegliche Nebenwirkungen in ihren Bann zieht und den Körper sich nach mehr aufbäumen läßt. ][ g

System - ~scape
Der knisternde Sound, der Markenzeichen ~scapes ist, zu verändern, ist nicht ganz einfach, schließlich haben schon eine ganze Menge Künstler ihren Teil dazu beigetragen. Thomas Knak, Anders Remmer und Jesper Skaaning, alles umtriebige Produzenten, schlossen sich nun zu System zusammen, um ihre jeweiligen Vorlieben verschmelzen zu lassen. Dub als kleinster gemeinsamer Nenner wird somit erforscht, bearbeitet und mit viel Experimentierfreude auseinandergenommen. Oftmals simple Ideen mutieren zu kleinen experimentellen Meisterwerken, beinhalten mal einen Hauch Pop, mal äußerst düstere Bilder in sich. Beschaulich wirkt das alles und doch stellt man am Ende angelangt fest, daß man es bei System mit etwas sehr komplexen zu tun hat und der ~scapsche Kosmos wieder ein Stück größer geworden ist. ][ mb

VA - In Session - No Zession
Hier und da ein paar flächige Sounds, hier und da gebrochene brasilianische Momente, Stefan Rogall, der Labelmacher von No Sezzion präsentiert hier die erste gemixte Werkschau „In Session“. Neben Eigenproduktionen, wie z.B. Micatone - Tranquilo und anderen Exponaten aus dem Label-Umfeld sind auch andere Produzenten vertreten, die Stefan Rogalls persönlichen Vorlieben entsprechen - etwa Landslide - Fortuna, temperamentvoller Two Step oder Art Konik feat. Bobby Few im U.F.O. Mix, das vor allem durch den einprägsamen sinnlichen Gesang imponiert. Der Mix funktioniert über die Verbindung verschiedener schöpferischer Ideen, die zwar über eine gewisse gleichwertige ästhetische Linie miteinander verbunden sind, aber im Tempo und im Sound variieren. Die Experimentierfreudigkeit geht dabei aber leider ein wenig unter und somit sind Überraschungsmomente auch relativ rar gesät, etwa der Übergang von Space Clique auf Eva Be. Die Vorhersehbarkeit dieser eklektizistischen Angelegenheit verleitet mich zu dem Schluß, die derzeitige Fusion-Bewegung nochmals zu überdenken, da die Verbindung unterschiedlicher musikalischer Genres auch unter dem Banner Jazz durchaus viel weiter gehen könnte. Der Mix von Rogall ist in diesem Sinne ein exemplarisches Beispiel für gehobene Stagnation, edler Plüsch-Sound statt Free Jazz. ][ j.n

Hakan Lidbo - 6/10/60 -Mitek
Auf Mitek steuert der Schwede Lidbo mit seinem Album deutlich in Richtung experimentellen TechHouses, verfolgt dabei eine stringente Linie und klare Vorstellungen, die uns vor allzuviel Frickelei bewahren. Während sich das Album am Anfang noch im groovigen House-Kontext aufhält, nimmt sich Lidbo mit zunehmender Spieldauer mehr und mehr Freiheiten und sprengt den grundlegenden Rahmen. Shuffelnde Beats lösen sich zunehmend auf und überlassen das Feld einer aufregenden Mischung aus minimalen Grooves und trickreichen Soundspielerein. Man darf gespannt sein, ob Hakan Lidbo diese Idee weiterverfolgen wird... ][ mb


Hypo - Karaoke A Capella - Active Suspension
Willkommen im Kinderzimmer von Anthony Keyeux. Dort wo Störgeräusche Popmusikfragmente überlagern und neue Kompositionen schaffen. In zerstückelter Schönheit transferiert die Lofi-Kindercomputerästhetik den Hörer in ein Universum, in welchem auch Harald Sack Ziegler sich galant bewegt. Knackend, knarzend, zirpend und ziepend laden die 18 Titel der CD ein zum ungezwungenen Tanz in vertrackten Samplewelten aus Stimme und Geräusch. Als würde Zappelphilipp höchst persönlich an geloopten Drehorgeln sitzen und mit freundlichem Lächeln ein verspieltes Chaos fern jeglicher Dogmen erschaffen. Mit Struktur und wiederkehrenden Themen. Fast schon eine Hommage an die Zeiten des New Wave. Zwei Jahre hat A. Keyeux an diesem Album gebastelt, so daß auch schon einige der Stücke der gleichen Zeit entstammen, wie sein erster Longplayer vor einem Jahr auf Spymania. Dennoch weniger eine Retrospektive seines Schaffens als mehr ein weiteres Highlight in seinem eigens geschaffenen Genre. ][ g

VA - Traffic 2 - Combination
Welch Konglomerat divergierender Stile, die hier aufeinandertreffen und abermals wird klar, es sind die Parallelwelten die den Reiz einer jeden Fusion ausmachen, vor allem jene die scheinbar nicht miteinander zu vereinbaren sind. Man kennt dieses Diktum aus der Welt der Dancefloor-Diktate, der Raum der geraden Hi-Hat, der berechenbaren Snare, das wohldosierte Break, die überschaubare Struktur, die Referenzhölle. Jede Musikrichtung verkommt, sobald die Funktionalität zum Tyrannen des Diskurses avanciert, das gilt für Fusion genauso wie für Spezifikation. Die Rettung aus dem Dilemma ist der Weitblick und die Offenheit der Kompilatoren - „Traffic 2“ ist Pop und Experiment zugleich, ist diskursive Offenheit und Überraschung vereint - weil die Macher hier nicht im gewohnten Bereich verharren, sondern ein paar Schritte weitergehen - zu erwähnen sei vor allem die bestechende Klarheit von „Tempest“- Kabuki erweist hier abermals als meisterhafter Breakbeat-Plastinator. Die Ouvertüre von „Traffic2“ könnte nicht besser gewählt sein - Swimmingpool mit „Diver“, Schleifenpop als Einstieg in die Welt mannigfacher Klänge. Zu erwähnen bleibt auch Mr. Lee Norris, hier unter dem Pseudonym Norken vertreten mit dem Titel „Northern Soul“, der sein Augenmerk der Minimaltech-Schule widmet und in seiner eigenwilligen Art ein wenig an Matthew Herbert erinnert. Mein abschließendes Resümee: für Sophisten und aufgeschlossene Electro-Boys and Girls, please try it at home! ][ j.n

Portable - Futuristic Experiments Vol. V - Background
Das Info beschreibt diese Platte als hochmodernes experimentelles Links-vom-Zentrum-Techno-Album, was man so noch nie gehört hat. Diese Einschätzung kann man durchaus teilen, dennoch ist sie fast zu bescheiden. Portable geht weit über die Grenzen von Techno hinaus. Weiter als man sich Techno als emotionalen musikalischen Rahmen hätte vorstellen können. Der in London lebende und in Südafrika aufgewachsene Portable holt mit den Produktionsmitteln der Clicks und Cuts und der Diktion der geraden Bassdrum einen aufwühlenden und verstörenden Blues aus seinem Laptop, der eine Spiritualität und Tiefe in sich birgt, daß man unter dem Kopfhörer ins Schwitzen gerät. Doctor L fällt mir ein, Theo Parrish, Drexciya und auf musikalischer Ebene vielleicht noch Farben. Ach, was mühe ich mich. Kaufen, sage ich nur und laßt euch zu Tränen rühren. Denn die Platte tut weh. Die liberalen Kolonialisten, die afrikanische Rythmen in ihre weiße Mittelstandselektronik basteln, um dem eklektischen Geschmäcklertum neues Futter zu bringen, sollten sich jedenfalls endlich schämen angesichts dieser Musik. Über diesen Mann muß noch gesprochen werden, wir bleiben dran! ][ f. d`a

Press To Transmit - Outer Dislocations - Fliesskoma
Digitale Sterilität, akkurat erklingende, geradlinige Maschinenmusik und aufblitzende Klangfetzen beherrschen die 12 Stücke dieses Werkes von Helmut Nitschke aus Ingolstadt. Schwere akustische Nebel hüllen die Klänge ein und transportieren sie als geschlossen, geheimnisvolle Wolke tief in die Körper der vor den Boxen verharrenden Personen. Tiefer möchte man inhalieren, um weiter in den verwobenen Raum der Titel einzudringen. Wenn Roboter gefühlsorientierten Sex hätten und sich trotz ihrer Programmierung einen Schritt weg von ihrem binären Code bewegen würden, wäre dies sicherlich ihre Musik - ihr digitaler Orgasmus. Sonderbar erotisch wirken die weiblichen Stimmenparts, die sich größtenteils wie ein Hauch aus dem Hintergrund nach vorne schrauben, wenn sie nicht vordergründige Aufklärung sexueller Praktiken liefern. Vergleiche zu bereits existierenden Werken auf dem riesigen Markt elektronischer Musik sind sicher haufenweise möglich, doch schenkt das neu gegründete Label Fliesskoma mit dieser Veröffentlichung dem Genre eine neue Facette. ][ g

Kyoto Jazz Massive - Spirit Of The Sun - Compost
Japans hochgehandelte Okinobrüder braucht man nicht mehr groß vorzustellen und auch ihr Sound entspricht klaren Vorstellungen und ist sofort erkennbar. So wird auch ihr Debüt-Album auf Compost von rhodes-geschwängertem NeoFusionJazz beherrscht, der vor allem dann wie Balsam auf der Seele wirkt, wenn Vanessa Freeman ihre Stimme zu den Akkorden der Okinobrüder erhebt. Gerade im Vergleich zu den reinen Instrumentalstücken des Albums, wirken diese einfach lebhafter und abwechslungsreicher. Dennoch: ordentlich programmierte Beats, die hervorragend mit den Baßläufen harmonieren, sorgen für Spannung und Druck und der ja durchaus immer noch gewollten Einsatzmöglichkeit im Club. Immer mal wieder aber befällt einen das Gefühl, diese Songs könnten auch am späten Nachmittag im Rundfunk zu hören sein. Und das kann ich dann nicht wirklich gut heißen. ][ mb

Bobby Konders feat. Massive Sounds - A Lost Era in NYC 1987-1992 - International Deejay Gigolos
“Yes, it’s definitely the Bobby Konders Mix. Irie!.” So oder so ähnlich klangen die Jingles auf New Yorks WBLS die MC Jabba für seinen DJ aufnahm. Konders war einer der regulären Mixer für diese schwarze Radiostation, die mit DJ Marley Marls „Rap Attack Show“ Pionierarbeit in Sachen Hip Hop leistete und auf der Leute wie John Robinson (hatte mit seinem Midday Mix eine der populärsten Houseshows ever), Larry Levan und Timmy Regisford in schier fehler- und endlosen Mastermixen Tanzmusik in ihrer schönsten Variante über den Äther jagten. Unser main man Bobby Konders tanzte dabei allerdings etwas aus der Reihe. Anders als seine Kollegen, beließ er es nämlich nicht aus einem Mix zwischen alter und aktueller club music, sondern addierte eine ordentliche Portion Reggae dazu. So konnte es dem Hörer passieren, dass er sich nach Mr Fingers, First Choice, Donald Byrd und Marshall Jefferson plötzlich bei Frankie Pauls „Cassandra“ oder den neuesten Dancehall-Hits wiederfand. Heutzutage wohl leider undenkbar. Damals hat es keinen gestört und der in New Jersey aufgewachsenen Sohn polnischer Einwanderer fühlte sich im Club Zanzibar ebenso Zuhause wie auf den Dances der karibischen Community in Brooklyn. Zehn Jahre später ist WBLS der „place where today’s Hip Hop and R&B connect“ und Konders verdient seine Brötchen mit der Herstellung (auch auf Jamaika) äußerst begehrter Riddims für sein Label Massive B (dessen erste vier Maxis mit astreinen Deep House Cuts gefüllt waren) und reist als Soundsystem mit seinem MC Jabba rund um den Globus. Was den Münchener und obersteten Gigolo DJ Hell nun dazu bewogen hat, Konders in einer Retrospektive zu würdigen, weiß man nicht genau. In den aktuellen Hype um Nu Wave und 80er Retrostyles passen die Deep House Produktionen ungefähr so gut wie Schokopudding zu Heringbrötchen. Stören soll das allerdings nicht, macht sich Gigolo doch um die Erhältlichkeit einer Musik verdient, die Sammler dazu bewegt einige Dollars über den (virtuellen) Ladentisch zu schieben – wenn sie denn mal auftaucht. Auf drei hervorragend gepressten Vinylscheiben und einer CD findet sich nun das, was Bobby Konders für Labels wie Nu Groove, Massive B oder XL fabrizierte und was ihn für Afficionados so begehrenswert macht: Bass, Bass und noch mal Bass. Die Dub Poeten sampelnden Stücke „The Poem“ (Mutabaruka) und „Black & White“, das hypnotisch-trancige „Expressions“ oder „The Future“ sind Musterbeispiele für die Art von House, die Hans Nieswandt so gerne kontemplativ nennt. Fairerweise darf man die Rolle, die ein Mann namens Peter Daou dabei spielte, nicht unter den Tisch kehren. Die verrückten ausufernden Orgelsoli auf Konders House Riddims und ein guter Teil deren Mystik gehen auf das Konto dieses Keyboardvirtuosen. Konders erzählte einem englischen Hochglanzmusikmagazin übrigens mal vor sechs Jahren, daß er sich von House abwand, weil die guten Clubs (er gehörte neben DJ Camacho, Nick Jones und Timmy Richardson zu den Residents der legendären Wildpitch-Partyreihe, die in wechselnden Warehouses stattfand) und After-Hour Spots verschwanden, Girls auf Partys Mangelware wurden und House durch die Vorherrschaft immer schneller und härter werdender Beats nicht mehr street genug war. Vielleicht war er aber auch nur einfach enttäuscht darüber, dass sein Album „Massive Sounds“, das er für Epic aufnahm und das sein Verständnis von House, Clubs und Reggae einem breiteren Publikum zugänglich machen sollte, floppte. Sei’s drum. „Easy Bobby, easin up. You rule every time!“ ][ janson

VA - Post Office - Telegraph
Soeben erst reingeflattert, kurz bevor der Hausmeister das Licht ausdreht, deswegen hier nur eine schnelle Empfehlung für die neben der Background beste Techno-Compilation des bisherigen Jahres. Während die Background universell viele Möglichkeiten auslotete, geht das Pariser Lieblingslabel Telegraph voll auf den einen Wettbewerb: 15 x wer macht den schlankesten, eloquentesten Minimal-Dance-Hit ohne Flächen? Wer kann den Funk so atomisieren und verstecken dass er nur unter dem Elektronikmikroskop zu erkennen ist? Das kickt dann am besten, wie wir wissen. Das schöne an
Tracks von Cabanne, Ben Nevile und Ark (von den ruhmreichen Gästen Akufen, Hood, Villalobos und Bell brauchen wir ja nicht mehr reden) auf Telegraph ist, daß man ihnen bei Zimmerlautstärke nicht zutraut, was sie für einen immensen Druck mit einem richtigen Soundsystem im Club entwickeln können. So smart und trotzdem rüde, so klein und schon so stark. Der Wolf im Schafspelz sozusagen. Herrlich unakademisch. Ich stelle mir immer Menschen vor, die auch sonst immer alles richtig machen. Hoffentlich ist das nicht der Fall. ][ f. d`a

VA - Battle Axe Warriors II - Battle Axe
Bereits die erste Battle Axe-Compilation wußte mit starken Tracks von nahezu unbekannten Acts zu beeindrucken, jetzt legt das kanadische Hip-Hop-Label mit Macht nach. Dem bisher durchgängig darken, schweren Sound folgt auf Vol. II eine gehörige Diversifizierung und Verfeinerung: die Swollen Members, bekannt durch Gastauftritte bei DJ Vadim, rocken einen schmatzenden Old School-Beat mit Acid-Fiepsen, Buc Fifty läßt hypnotisch die Streicher kreisen und verkündet, Colonel-Kilgore-mäßig: „I love the smell of gunpowder in the morning“ und beschwört, daß „Banging“ eine erfüllende Beschäftigung sei. Well. Nicht nur inhaltlich erinnert die kanadische Westküste und ihr nicht näher definierter Einzugsbereich an die US-amerikanische. Beats und Hooks verdanken ihre catchyness im wesentlichen den Forschungsergebnissen des großen Dr. Dre (Spinette! Synthie-Bässe! Todessehnsucht!) aber zwischen den Zeilen schimmert die positive Energie von Ehrenrettern des Hip-Hop wie Jurassic Five und der Soleside/Quannum-Posse durch. Am nachhaltigsten manifestiert sich das in den drei Beiträgen des Battle Axe-Neuzugangs Son Doobie. Aus der Produktionsschmiede von Rob the Viking kommt ein sehr fetter Party-Track mit genialem Techno-Hook, und ein gewisser Kemo, offenbar ein echtes unentdecktes Wunderkind, schneiderte die beiden besten Tracks der CD: vorgelegt wird mit feinem Latin-Flavour („Por Amor“), um kurz vor Schluß mit einem raffinierten Blues-Lick den Pokal heimzuholen. Als definitive Hip-Hop-Compilation eine ernstzunehmende Konkurrenz für die dritte Lyricist Lounge. ][ mandel

VA - Round 1 - Machine vs Smokin Drum
Zwei Labels, drei Producer (Bassface Sascha, Sebel, Viper), vier Studios (Mannheim, Landau, Berlin, London). Die sechs Tracks auf diesem Triple-Vinyl rollen um die Wette. Liebliche Melodien oder Gesang am Anfang leiten dich oft in die Irre, denn nach den ersten Breakdowns macht sich eine durchaus trockene Atmosphäre breit. Reduziert auf Beats und Bässe, finden u. a. interessante Konstellationen statt, die sich sehr langsam entwickeln. Verspielt bis monoton und immer schön rough. Neben Highlights wie dem „Perfect Day“ Remix oder “Up House” sehen Tracks wie „You Can’t Play“ oder „Beatlife“ jedoch wieder ein wenig blaß aus. DJ-Futter für zwischendurch? Respekt dafür, daß da jemand seinem Stil treu bleibt und wieder alles auf den Punkt gebracht hat. ][ lightwood

Dabrye - instrmntl - Eastern Developments Music
Ein weiteres, kurzes Statement aus den USA zum Thema Instrumental-Electronica, Orientierung in Richtung Hip-Hop, aber auch Richtung Couchkartoffelstudenten, special-interest-Klientel, Brillenträger mit bewußt einfältigem Dresscode... alle, die Techno okay finden, aber aus Prinzip noch nie auf der Love Parade waren. Dabrye bedankt sich auf der Verpackung u.a. bei Scott „Prefuse 73“ Herren und Hefty-Labelmacher John Hughes. Er weiß also, wie hoch die Latte liegt, er steckt ja offenbar mitten drin im derzeit interessantesten... öh: Kreativpool ist wohl ein zu businessmäßiges Wort? Sein Hip-Hop-Entwurf ist allerdings konstruktiver als die zerschachtelten Collagen von Prefuse oder auch Funkstörung. Mit anderen Worten: die relaxt bouncenden, mal jazzy, mal technoid instrumentierten Beats kann man als ernstgemeinte Einladung an Vokalisten verstehen und sollte sie in jedem Fall mal in diesem Sinne benutzen. ][ mandel

VA - Bambuddha Grove Ibiza Vol. II - The Journey - Mole Listening Pearls
Zwei CDs, die vom großen M.O.C. Paoli compiled und sehr short gemixt wurden, so daß die einzelnen Tracks ihren eigenen Charakter vollständig beibehalten. Das Spektrum des in seinem Flow ungeheuer locker-groovig gehaltenen Doppelsets erstreckt sich von ruhigeren Downtempo-Nummern über jazzig-orientalische Einflüsse („Buddha light“ sozusagen) bis hin zu zügigen, das Housetempo sogar sprengenden Upliftern. Dabei fällt die erste CD gegenüber der zweiten leicht ab, vor allem was die Prägnanz der Tracks und die dramaturgische Dynamik ihrer Anordnung betrifft. Während dort Mad Professor im Verbund mit Ruts DC das Highlight setzt, wollen wir von der zweiten Disc gleich drei Acts hervorheben: den groovigen Lounge-TripHop von Naomi, den Uptempo-Reggae-House-Burner von Razoof und die phantastische Szene-Trance-Hymne „Delhi News“ von Hattler. Alles sehr angenehm anzuhören und damit wohl das Klassenziel locker erreicht. Nur wer Sperriges sucht, ist hier am falschen Platz. Aber wer sucht das schon in Ibiza ? ][ hve

Taksi - Rundfahrt - Taksi Music
Paul Brtschitsch, dessen Fan ich zugegebenermaßen bin, hat nach drei musikalisch grandiosen Solo-Alben auf Frisbee Tracks das einzig Richtige getan und eine andere Produktion eingeschoben, um der zwar nicht unmittelbar drohenden, aber latent optional ständig lauernden Gefahr, sich in eine stilistische Einheits-Sackgasse zu verirren, vorzubeugen. Umso schöner, daß er dabei mit Andre Galuzzi auf einen ihm bereits vertrauten Partner früherer Jahre zurückgreifen konnte und mit Taksi Music (im Vertrieb von Neuton) ein Label in der Hinterhand hatte, auf dem er auch schon Maxis veröffentlicht hat und dessen erster Longplayer mit diesem Album vorliegt. Musikalisch bremst Galuzzi Brtschitsch in etwas schroffere Klang- und Drive-Welten ein, und dieser läßt sich das gerne gefallen, denn auch auf diesem Terrain kann er seine Meisterschaft in Sachen creative sound development und metrischer Dramaturgie ausgezeichnet zur Geltung bringen, ohne seinem Partner dabei die eigene verschrobene Note streitig zu machen. Von der Last zwingender straightness befreit, wird neben Tracks für die Primetime auch genügend Material für die Chill(?)Area oder den am Experimentellen interessierten Stereoanlagen-Freund geboten. Atmosphären und markante Beats korrespondieren zwischen einem herrlich ungeschliffenen Brtschitsch und einem vielseitig subversiven Galuzzi, um sich dann auf anspruchsvollem Techno-Level zu einer ungeheuer genießbaren Rohkostdelikatesse zu verdichten. ][ hve

Le Peuple De L`Herbe - P.H. Test/Two - Pias/Supadope
DJ Pee, neben DJ Stani Gründungsmitglied der 1997 gegründeten Band, die noch um den Drummer Psychostick und den Trompeter N’Zeng komplettiert wurde, und der ein bemerkenswerter Live-Ruf vorauseilt, erklärt die eigene groovend-dynamische Note in ihrem auf viele Wurzeln wie Jungle, HipHop, Ragga, House, Dub, Reggae, Breakbeats oder TripHop zurückgreifenden Sound damit, daß „wir zum Beispiel nichts mit den amerikanischen HipHop-Attitüden anfangen können. Wir erschießen keine Leute. Wir können auch nicht vorgaukeln, aus dem New Yorker Ghetto zu kommen, denn wir stammen aus Lyon“. Das gereicht der temperamentvoll und energiegeladen Einspielung ihrer zweiten LP aber nicht zum Nachteil, denn in Sachen bissigem musikalischem Humor und pulsierend-brodelnder Funkyness brauchen sie die rappende Konkurrenz aus Übersee nicht zu fürchten. Eher scheint es manchmal so, als wenn sie einen kleinen sympathischen Überschuß an Vitalität durch ihre gestochenen Arrangements nicht ganz bändigen könnten. Davon profitiert sowohl das ganze Album, könnte aber auch noch zukünftigen Produktionen die notwendige Ideenvielfalt garantieren. ][ hve

Kid 606 - The Action Packed Mentallist Brings You The Fucking Jams - Violent Turd
Kein Wort wollte ich eigentlich jemals über das von Groove bis Spiegel durchgemanschte Sommerthema „Bootleg/Bastard-Pop“ schreiben müssen, so durch war es ungefähr ab dem zweiten Tag. Aber nun hat der berufsbockige White Ass Indie Punk, dessen Arsch Luke Vibert bekanntlich küssen darf, sich noch mal per Doppelvinyl zu Wort gemeldet. Oder besser: er läßt u. a. zu Wort kommen (ich weiß immer nicht, ob ich in Rezensionen ungeklärte Samples, oder wie hier: umfassende Verwurstungen aufdecken sollte, wer weiß - Paranoia! - welche Möchtegernanwälte den Kram lesen... Sicherheitshalber veröffentlicht das Kid die Scheibe nicht auf tigerbeat6 sondern bei einer neuseeländischen Briefkastenfirma): zwei sehr erfolgreiche Damen, eine klein, blaß und schmal, die andere das Gegenteil, wobei ein bestimmtes sehr einflussreiches Stück der zweiteren im Moment von so ziemlich jedem gecovert wird, Kid 606 aber meines Wissens das signifikante Sample schon sehr früh auf seinem Laptop durch die Welt trug und bereits sehr früh sehr definitve Versionen auf offenstehende Münder und die sie umgebenden Ohren abfeuerte. Die vorliegende Version bleibt gegenüber der live absolut druckvollen Ausführung sehr verworren und weniger druckvoll, aber dabei durchaus ereignisreich und mit viel Lust and der Dekonstruktion in die Rille gebracht. Dabei satte 14 Minuten lang, kann man sich beim Auflegen wohl seine liebsten drei Minuten frei anwählen, länger hält der Spaß auch nicht vor. Das gilt umso mehr für seine Hommage an Kylie (shit, jetzt isses passiert), mit deren lalala-Lied er ja ein bißchen sehr respektvoll umgeht. Die anderen Stücke hauen in die gleiche Kerbe, da gibt’s immer mal wieder was zu glucksen und zu giggeln, Quellen zu raten und Punkte zu verbinden, aber ich hoffe, daß dann wirklich Schluß ist. ][ mandel

Chris de Luca and Peabird
Auf der Hülle steht zwar was von Strictly Disco Shit, aber da gibt ein sauber auf den Punkt zerhackstückter Breakbeat Entwarnung, und der mit hohem Editierungsaufwand aus den Zutaten Hip-Hop, Abstraktionsfähigkeit und deutscher Gründlichkeit gewonnene Knusperfunk bleibt sich bis zum Ende treu. Chris de Luca hat jenseits von seiner Haupteinnahmequelle Funkstörung etwas locker gemacht, noch immer stellt er sich Aufgaben, wie: Wieviele Soundpartikel passen in einen Takt? Mit wie wenigen kommt ein Break aus? Muß man Rap verstehen können, um sich von ihm kicken zu lasen? All das sehr beeindruckend präsentiert und auf 12-inch garantiert eine potente Geheimwaffe für ein mutiges Set. Zum Homelistening taugt die Platte jedoch kaum, es wird einfach ein Trademark-Sound duchexerziert, eine Albumlänge aber inhaltlich nicht gefüllt. ][ mandel

VA - Juicy Beats - Draft
Die vierte Compilation aus dem Hause Draft, diemal in Kooperation mit dem Dortmunder Juicy-Beats-Festival entstanden, das Anfang August in seine siebte Runde geht und verschiedenste Acts, Projekte, DJs, Musiker und sonstige, hauptsächlich musikalisch bewegte Künstler aus der dortigen, stilistisch weitgestreuten Elektronik-Szene präsentiert. Zusammengestellt von Herb LF und Ingo Sänger (Club Trinidad) bietet sie 14 Tracks Platz, die durch das ihnen gemeinsame Merkmal erstaunlich konsequenter Deepness dichter zusammengeschweißt werden als durch ihre stilistischen Unterschiede ausdifferenziert. Das gibt der gesamten Klangatmosphärik, unterstützt noch durch das überwiegend moderat gehaltene Tempo, einen angenehmen Hauch detroitiger Verlorenheit, wie sie sonst häufig nur von einigen amerikanischen Techno-Könnern erzeugt wird. Ein Lob also nicht nur den Produzenten (u.a. Westpark Unit, Deepthoughts [unter Mitwirkung von Natural Funk], Digistar, Herb LF, Minimalphunk, Frankman oder Soul Glow), sondern auch den sorgfältigen Compilern, denen bei aller notwenigigen regionalen Prioritätensetzung eine musikalisch weltoffene Mischung gelungen ist. Nur zu dem fortgeschritten deepen Sound muß man schon ein aufgeschlossenes Verhältnis mitbringen, damit man an dieser CD (dann aber richtig) Gefallen finden kann. ][ hve

VA - Neue Heimat 2 -Ministry Of Sound Germany
„Einen Überblick über das elektronische Musikschaffen in Deutschland“ möchte die Berliner Firma mit ihrer zweiten Doppel-CD-Compilation unter diesem Titel „wieder“ geben, wobei sie die Frage, ob ihr das mit der ersten Ausgabe denn auch schon gelungen sei, wohl als eine rhetorische betrachtet. Wie wissen allerdings nicht, nach welchen Kriterien die 35 Tracks für dieses Album ausgewählt wurden (da werden Filz und Label-Kungelschaften wohl genauso eine Rolle spielen wie subjektive ästhetische Urteile von Mitarbeitern, die zwangsläufig nicht in allen musikalisch interessanten Nischen und Subszenen unserer Republik zu Hause sein können). Dementsprechend ausschnitthaft muß ein solches Unterfangen dann auch notwendigerweise bleiben, v.a. wenn man es offensichtlich nicht darauf abgesehen hat, im deutschen Elektronik-Untergrund als progressiv anerkannte Acts in die Auswahl mit einzubeziehen. Dennoch ist viel des präsentierten Materials keineswegs schlecht, sondern offeriert eine stilistisch und konsumptionstechnisch vielseitige Mischung verschiedener Genres, wobei sich geläufige Namen und diverse Insider-Faves ordentlich gemischt abwechseln. Unterstützenswert ist auch der Versuch, Produktionen im weiten Niemandsland zwischen Pop und Neutönerischem ein gut zugängliches Forum zu bieten, auch wenn das geschmackliche Urteil beim einen oder anderen Hörer sicherlich nicht mit dem der Compiler übereinstimmen mag. Als unterhaltsames Werk für interessierte (auch Quer-)Einsteiger taugt das Album allemal (es sind schon auch wirklich gute Sachen drauf !), und vielleicht dringt ja manch ein Neugieriger über diesen Pfad auch noch tiefer in Deutschlands reichhaltige musikalische Untergrund-Welt mit ihren unendlich vielen Entdeckungsmöglichkeiten ein. Auch dann hat diese Zusammenstellung einen guten Zweck erfüllt. ][ hve

Gianni Stiletto - Kognitive Devide - Molar
Der ausgebildete Komponist Stiletto fand endlich die Zeit, sein erstes Soloalbum zu veröffentlichen und beschert so dem Rosenheimer Label Molar ein weiteres Stück feiner Elektronika. Repetive Dance-Grooves darf der Hörer hier also nicht erwarten. Vielmehr muß man schon Freund der Klangforschung, der elektronischen Synthese und der Kompositionskunst sein, um an diesem Album gefallen zu finden. Gerade die kompositorische Arbeit ist äußerst ausgefeilt, komplex und erinnert sehr an frühe Werke John Carpenters. Sphärisch umgarnt Stiletto seine Hörer und führt sie in eine äußerlich abstrakte, dennoch sehr komplexe Welt der Geräusche, Klänge und Strukturen, die aber immer bei den Stücken zusammenzubrechen droht, bei denen nach mehreren Minuten plötzlich ein Beat einsetzt, der sich in Form und Klang so überhaupt nicht gesellig zeigt. Stücke, die von Anbeginn mit einem Beat ausgestattet sind, wirken da deutlich stimmiger und groovender. ][ mb

Avril - That Horse Must Be Starving - F Communications
Der Höhepunkt - soviel vorweg - ist die Coverversion von Lil’ Louis Breakbeatklassiker „French Kiss“. Avril lässt es ruhig angehen, etwas kuscheln im Ambientgewölk, um dann mit einem blitzsauberen Beat zur Sache zu kommen und der Welt zu zeigen, daß übers französisch Küssen... immer noch die Franzosen am besten Bescheid wissen. Was die anderen Stücke dieses Debut-Albums betrifft - da standen weniger französische Filterhouse-Kämpen Pate als vielmehr die Meister des opulenten Britrock: Beatles (spät) Pink Floyd (mittelspät) oder Radiohead schimmern durch, wenn Avril seine versonnen Popsongs mit allen Mitteln moderner Studiotechnik veredelt. Das ist keine Revolution, keine reine Retroangelegenheit, sondern ein stilbewußtes, eigenständiges Statement, allerdings streckenweise etwas süßlich und auch mal intellektuell im trüben fischend. ][ mandel

Kreidler - Eve Future - Wonder
Jetzt kann ich’s ja sagen: bisher konnten mich Kreidler nicht so recht überzeugen, geschweige denn richtig packen oder gar begeistern. Immer so kalkuliert, ausgedacht, und in ihrer Ernsthaftigkeit auch immer etwas prätentiös fand ich ihren recht anämisch pluckernden Un-Rock mit Sampler, der völlig zu Recht in der Kunst-Szene weit schneller Verbreitung fand als anderswo. Genau auf ein solches Projekt aus der Welt der Galerien und Kunst/Musik-Crossovern geht auch die aktuelle Mini-LP zurück. Prätentiös mag man sie immer noch heissen, vielleicht stellt Eve Future sogar eine bewußte Entscheidung in diese Richtung dar. Aber in diesem Moment der Überhöhung klassischer, oder besser: barocker Auffassung von Schönheit, die sich auf dem letzten Longplayer ja bereits abzeichnete, gewinnen sie ein großes Maß an musikalischer Freiheit, blühen inmitten von Röhrenglocken und Streichern, prächtigen Akkord-progressionen und zurückhaltendem Beatdesign förmlich auf und bekommen die Kurve zwischen Ernster Musik und Unterhaltung, zwischen Greenaway-Traumwelten und Berlin-Mitte-Galerien. ][ mandel

VA - Crowd Control EP - Skunkrock
Zum fünfjährigen Bestehen des Labels gibt’s vorliegende Doppelmaxi. Die zwei Remixe können wir gleichmal außen vorlassen. A-Sides betätigt bei seiner Version von „Captive“ (Original by Alley Cat & Savine) lieblos die Tasten seines Samplers, auf denen seine Amen-Beats abgelegt sind. Mehr nicht. Schade. Calibre gibt sich da schon mehr Mühe und drückt „Kinetix“ (Original by Beta 2) seinen Stempel auf. Aus so einem fantastischen Original hätte er jedoch mehr rausholen müssen. Zero Tolerance steuert mit „Serpico“ den Track bei, der diese Doppelmaxi dann doch noch herausragend macht. Der definitive Old School Touch ist nicht zu überhören. Trotzdem wirkt alles sehr frisch. Wunderschöne Breakbeats und nach dem zweiten Drittel diese herrlichen Boom-Tschack-Beatbox-Beats, die 2 Bad Mice wieder auferstehen lassen. Killer und cool zu mixen. Auch die Native Minds bestechen bei „Feels So Good“ wieder mit ihrem klaren, gut durchstrukturierten Sound, originären Beats und dezenten Harmonien. Positives Feeling. Da fühlt man sich gut... ][ lightwood

The Bug w/ Tikiman & Daddy Freddy - Klein
Während das langersehnte neue DJ Vadim-Album seine Schatten vorauswirft, läßt Vadim es mit zwei Dancehall-beeinflußten Nummern schon mal im Karton rappeln (Der zweite Mann unter dem Namen „The Bug“ müßte eigentlich noch immer Kevin Martin sein). Tikiman - keiner will in Europa mehr Reggae und Elektro kurzschliessen, ohne IHN an Bord zu haben - gehört die entspanntere Seite: Besinnliches, unterlegt von ruhigem Puls, häufigen Breakdowns und atmosphärischem Kratzen. Daddy Freddy rockt seiner Bestimmung gemäß einen aufgeregt nach vorne pumpenden Riddim, natürlich genauso Science-Fiction-mäßig verfremdet wie die Rückseite und damit für Roots-Apologeten ein schwer zu verdauender Brocken. ][ mandel

Repeat Orchestra - Blackpool EP - A Touch Of Class
Nach seiner Maxi-Sammlung auf der nochmal nachdrücklich wärmstens ans Herz gelegten CD "Themes From Repeat" kann das Repeat Orchestra wieder befreit aufspielen. Beide Stücke dieser (fünften) Repeat sprechen digitalen House in unverminderter Qualität und spazieren mit ungeheurer Leichtfüssigkeit durch den Sommer (irgendwo wird schon einer sein). Herr Schwander findet neuerdings aber immer mehr Gefallen daran, seine Tracks mit allerlei klitzekleinen Percussionverwebungen zu versehen, was auf der B-Seite Blackpool schön ausproduziert wirkt. Fein auch das kleine Vinyl-Schnitt-Spiel nach dem Break, was die Geiger in den Garten läßt. Die A-Seite Bliep aber ist ein Stück, das in jedes Set paßt. Der typische, wohltuende, warme, unaufdringliche, einschmeichelnde Beat. Der alles zusammenhaltende, federnde, ebenfalls warme Basslauf. Welcher genau dreimal in diesen sieben Minuten von einem zarten, lange schwebenden, sinnstiftenden und erst recht warmen Keyboardakkord erlöst wird. Der Moment, auf den wir alle warten, weswegen wir eigentlich auf der Tanzfläche sind. Ich sprechen hier von Poesie! Man sollte wieder Mädchen (Jungs) zum Tanz auffordern, zu Getränken einladen und mit Blumen bewerfen. ][ f.d`a

Inverse Cinematics - Slow Swing EP - Pulver
Nun ließ man im Hause Pulver also doch die Youngsters gewähren, was sich prompt auszahlte. Danilo Plessow und Joachim Tobias, deren Remix für Erik Sumos „Just A Woman“ bereits für Freude sorgte, bleiben ihrer durchaus minimalen Linie treu und liefern drei treibende, teilweise mit Samples gespickte Tracks, die umgehen für Tanzfreude sorgen sollten. Unkompliziert aber nicht unüberlegt beschränken sie sich auf die wesentlichen Elemente einer gelungenen EP für den Dancefloor. Der Dublex-Remix von „Someone’s Soul“ begibt sich dagegen auf etwas unrhythmischere Gefilde und läßt eine rollende Snare-Drum mit einem dubbigen Baß auf Wanderschaft gehen. ][ mb

T.Raumschmiere - The Great Rock`n`Roll Swindle - Shitkatapult
Der große Schwindel hier, ist einer der Etikette. Neben zwei Stücken des Meisters sind nämlich noch zwei schöne Remixe der uns nicht mehr ganz fremden Herren Sami Koivikko und Rechenzentrum versammelt auf dieser gewalttätigen Platte. Ich würde eher Helmet sagen denn Sex Pistols, aber genug des Namen-Anlehnungs-Spasses, weil der Funk reitet hier auf Pauken, die Minimal nur noch aus dem Urlaub kennen. Nee, aber wirklich, der Titeltrack von Labelboss Haas a.k.a T.Raumschmiere ist Glamour wie The Sweet, funky wie Helmet (das Break!!!) und sexy wie Boss Hog, aber klingt natürlich eher wie eine neue Freiland mit Melodien-Schnipseln aus einer mittelalterlichen Folterkammer. Sami Koivikko bringt auf A2 mal wieder den Dancefloor zum Quietschen und verpackt seine grossen Qualitäten diesmal eher ins Beat-Arrangement. Muß wieder in die Plattenkiste! B1 von T.Raumschmiere nochmal heißt "bow down big man to get your credit, i watch your system and spit right at it" und das hört man! Die Shitkatapultesen dürfen alles, denn sie wagen es... ][ f.d`a

Andy Vaz - -3-3- / -4-4- - Sound-variationen
Der Mann ist fleißig. Wie auf den ersten beiden Ausgaben dieses extrem privaten Labels wird die Musik der -3-3- bestimmt durch Implosionen. Implosionen von kurz editierten Flächen, die zum Teil wirklich komische Geräusche ergeben und klaustrophobische Atmosphären heraufbeschwören, sowie eine Paranoia abbilden, in der man sich komischerweise wohlfühlt, weil man nicht abstürzen kann: die Monotonie hält einen am Boden. Alles scheint sich um eine Mitte zu drehen, die nicht von der Bassdrum diktiert wird. Sounds werden geschichtet, brechen aber geisterhaft immer sofort wieder weg. Das ist ein eigener Humor, der aber niemals lustig ist. File under: "Die Reise ins Ich" Oder: "wie vertone ich die Einführung von medizinischen Sonden in anatomische Systeme". Die Bassdrum als Herzschlag bildet da gerade eine authentische Kulisse. Nach der erstaunlichen psychedelischen Kammermusik der -2-2-, klingt die -3-3- wie eine warme, öffnende variablerere Fortführung seines Techno-Entwurfes. Die wahre Sensation kommt aber Ende September mit der -4-4-! Extrem funky und fordend das hier! Voll mit Ideen und Brüchen kreisen seine zähen Geistertracks nicht mehr schüchtern, sondern selbstbewußt aggressiv. Dicke Bässe, sogar Claps, säckeweise Sounds hat Vaz für die drei Tracks massenhaft aus dem Ärmel geschüttet. Im ersten Track läßt er quasi eine eigene Big Band ins Laptop, um den Funk mit kosmischen Bläsersätzen zu veredeln. Hört sich sehr farbig an. Mit der B-Seite wird die Tanzfläche ins Visier genommen. Ein organischer Beat und der dickste Bass, den Vaz jeh programmiert hat. "Let there be House" sagt der und meint aber immer noch Techno-Avantgarde. Willkommen in der ersten Liga! ][ f. d`a

Kenny Bobien - Reality - Sfere
Kenny Bobien ist in hiesigen Gefilden eher Insidern ein Begriff. Der Gospel- und Ex-Mann von Su Su Bobien (neuerdings hat er die Sängerin Stephanie Cooke geehelicht) aus New Jersey ist dennoch einer der ganz großen Sänger, die dieser Postleitzahlenbezirk jemals vorgebracht hat. Die Basement Boys, Soundmen On Wax oder auch Kerri Chandler, der hier den Backingtrack liefert, wissen die Qualitäten des Mannes zu schätzen, die unter Banausen oft als Eunuchen-Soul bezeichnet werden. Aber an Vocals dieser Art reiben sich ja die meisten Menschen hierzulande. Deshalb war wohl das 2000er Album Bobiens nur schwer erhältlich. „Reality“ ist jedenfalls die beste Platte in diesem Genre seit Ewigkeiten. Trotz moderner Sound- und Produktionsästhetik herrlich old school und traditionsbewusst. Wer braucht schon Effektgeräte. Vor allem „KC’s Dirty Truth Mix“ hält kraft leichter Anleihen bei Perceptions „Feed the Feeling“ was er verspricht. Ganz große Musik für die Soulboys dieser Welt und solche, die es werden wollen. ][ janson

Amp Fiddler presents Basementality - Genuine
Wenn Kenny Bobien in einer Traditionslinie mit Blaze, Intense, Michael Watford und all den anderen steht, dann kann man Amp Fiddler eher übermächtigen Vorbildern wie Curtis Mayfield, Gil Scot-Heron oder auch Lamont Dozier zuordnen. Deren Unerreichbarkeit ungeachtet versucht sich der Mann, der angeblich schon für George Clinton in die Tasten haute, an so etwas wie Roots-Soul (sic!). Oder sagt man Neo-Soul dazu? Da dieser Markt ohne große Videobudgets aber kaum zu knacken ist, hat der Fiddler sich noch die Unterstützung eines alten Bekannten gesichert: der Moodymann zeigt sich im „JAN Mix“ von „Superficial People“ als behutsamer Remixer, der seinen Sound nicht aufzwingt, sondern ehre unterordnet. Ebenso schön ist der Cut „Eye to Eye“, der irgendwie ein Slow Jam im Uptempo ist und auf Mixtapes für den oder die Angebetete eine gute Figur macht. Man darf gespannt sein, was von Amp Fiddler in nächster Zeit kommen wird. Ein Händchen für wunderbare Wortschöpfungen im Titel („Basementality“) hat er ja. ][ janson

Keith Tucker - Stick It In Your Ear - End To End
End To End ist ein Sublabel von Mike Grants Moods and Grooves Outlet und ist wohl für die Freunde Detroiter Techno Grooves ins Leben gerufen. Eben denen sollte man auch die Rezension dieses Werkes überlassen, wäre hier nicht mit „Final Destination“ eines jener fabelhaften Stücke in der berühmten Grauzone zwischen Techno und House, die zwar mit einer polternden Bassdrum angeben wie zehn nackte Bodybuilder, aber mittels melancholischer Pianotöne doch eher an einen Winter in Michigan denken lassen. Keith Tucker (aufmerksamen Lesern noch aus der letzten Ausgabe gut im Gedächtnis) ist hiermit ein Stück echter Qualitätsarbeit geglückt, die zu den wohltuenden Überraschungen in all dem Müll zählt, der Woche für Woche in die Plattenläden gespült wird. ][ janson

African Dubbs - Deep Murky Vibes Volume One - Tribal Africa
Diese Doppel 12“ kommt im wahrsten Sinne des Wortes aus Afrika. Genauer gesagt Kapstadt, Südafrika. Dort gibt es einen DJ-Shop und Mailorder, der sich DJ Syndicate nennt und den ehemaligen Apartheidsstaat mit allem versorgt, was DJs so brauchen. Nebenbei betreibt man auch ein Plattenlabel mit dem schönen Namen Tribal Africa. Mit den Bonus Beats auf Spiritual Life und Ibadan Platten hat das hier allerdings wenig zu tun. Eher schon mit jener Vorstellung von Tribal, wie sie von den bereits verblichenen Labels Power Music, Murk (siehe Titel), Todd Terry’s Freeze oder eben Tribal US/UK in ihren besten Momenten gepflegt wurde. Rohe, ungeschliffene DJ-Tools, die mit Vocalbits, irgendwelchen unverständlichen Chants und stampfenden Assibeats nur so um sich schmeißen. Politisch und ästhetisch völlig unkorrekt und gerade deshalb so gut. Vor allem „On Your Way“ und „Keep Giving“ wären in den Jahren 1992 und’93 waschechte Hits gewesen. Wahre Basementality. ][ janson

Jazzanova - Soon Remixe Pt. 1 & 2 - JCR
Man muß sich schon fragen, welcher Teufel hier geritten wurde, angesichts der zwei aus dem Hause JCR stammenden Vinylscheiben. Teilweise äußerst unmusikalisch und uninspiriert gingen die Remixkünstler Domu und P Smoovah ans Werk und scheiterten in ihrem Versuch, das Original in eine (noch) tanzbarere Version zu übersetzen. An Kompositionskunst und Einfallsreichtum weit hinter Jazzanova zurückbleibend, verfiel Domu in langweilige, gar nicht Grooven wollende Offbeat-Tiraden einfachster Art und in simples Akkordgehüpfe auf dem Piano. Das ganze dann über eine komplette Vinylseite gestreckt. P Smoovah geht da nicht wesentlich anders vor, lediglich der A-Touch-Of-Jazz-Remix, in ein gemütliches Downbeat-Gewand verpackt, vermag es, ansprechend zu klingen. Bedenkt man noch die vorangegangene That-Night-Remix-Maxi, die gleichfalls langweilig, zudem aber noch klangtechnisch nur schwer akzeptabel war, wundert man sich schon sehr, ob hier nicht eine große Portion Politik bei der Auswahl der Remixe im Spiel war.
Nachtrag: Nach vielzähligem Hören des Albums verstärkt sich dann doch der Eindruck, daß die diversen Gastkünstler zuviel Raum für sich einnehmen und es einem dadurch erschwert wird, daß Gesamtwerk als Jazzanova-Album wahrzunehmen. Nicht, daß man sich der Eigenarbeit Jazzanovas nicht bewußt werden würde, aber die Ansammlung unzähliger, meist namhafter Künstler drückt dem ganzen eben doch den Stempel auf, eine Art Kompilation zu sein. Bleibt nur zu befürchten, daß man in Zukunft in Erwägung zieht, sich einen namhaften Produzenten an die Seite zu holen. ][ mb

Alton Miller - Soundscapes & Vibes - Moods & Grooves
Alton M ist ein alter Haudegen, der schon für Prescription und KMs zu deren Hochzeiten produzierte und seit dem mal mehr, mal weniger überzeugend über die Wasser schippert. Von ihm kam auch die allererste Veröffentlichung auf Moods and Grooves, die mit dem tollen „Foot Soldiers“ zu überzeugen wußte. Seine aktuelle Veröffentlichung ist von purem Understatement gekennzeichnet. Den großen Wumms sucht man vergeblich, hier wird mit viel Gefühl für zarte Untertöne gearbeitet. Hätte es Alton fertig gebracht, den delikaten Vibe der A-Seite auf die Flip hinüberzuretten, wäre ihm der ganz große Wurf gelungen. Trotzdem die beste Alton M seit langer Zeit und ein weiter Schritt für Mike Grants Label auf dem Weg zum Keyplayer. ][ janson

Carl Davis and the Chi-Sound Orchestra - Windy City Theme - Glimmer
16 Jahre nach der Erstveröffentlichung beglückt uns der englische Reissue-Experte Glimmer mit einem Rare Groove, der jetzt wohl keiner mehr ist. Anhänger von Norman Jay, der das „Windy City Theme“ zu seinem signature tune sondergleichen erklärte, dürfte an dem Sammlerpreis, den das Original erzielt, wohl nicht ganz unschuldig sein. Die 12“ kommt mit inklusiven Instrumental und dem sehr netten Interlude. Dessen Vorhandensein hat angeblich schon den ein oder anderen zum Doppelkauf bewogen. Als Appetizer für den kommenden Good Times-Film über Norman Jay und dessen Rolle als britischer Gentleman-DJ und Soulboy extraordinaire genau richtig. ][ janson

Herbert / Karin Krog - Meaning Of Love -Crippled
Matthew Herbert geht ja gerne Kooperationen ein und meist zaubert er dabei äußerst interessante Produktionen aus dem Ärmel hervor. So auch mit Karin Krog, deren magische Stimme er in einen für ihn typischen Deep-House-Beat der stolpernden Art bettet und geschickt mit Melodien und Akkorden umgarnt. Das Original hingegen gibt sich gelassen jazzig, swingt aber dennoch auf tanzbarem Niveau durch den Raum ][ mb


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