|
De-Composed
Nicht Techno, nicht Jazz, nicht Reggae, nicht Brazil, nicht Two Step,
nicht Drum&Bass, lieber Puzzlespieler sein, ständig im Schwebezustand
zerlegen und sezieren, neue Zwischenzustände kreieren, die Summe
der einzelnen Teile, die nie ein homogenes Ganzes bilden, das Zauberwort
heißt Heterogenität. Und so verhält sich auch mit dieser
Kolumne, hier werden völlig unterschiedliche Genres besprochen, die
eigentlich nicht so weit voneinander entfernt sind, wie manch einer glauben
mag. Und am Ende kommt der nächste Turntable-Akrobat um die Ecke,
der die einzelnen Teile virtuos miteinander veknüpft: von Digital
Underground Scheiben hin zu Broken Beats, von Sixties Soul hin zu Basic
Channel Dub. Der Ort dieses Ereignisses ist dann aber nicht die Dorf-Scheune
am Ende der Straße, sondern ein ambitionierter Club. So wie die
Wähler nicht immer gleich wählen, so wollen auch die Club-Gänger
und Home-Listener nicht immer den gleichen homogenen Sound hören.
Genug der Sonntags-Predigt, auf in das unebene Tal interessanter, vielversprechender
Neuveröffentlichungen, der Autor haftet nicht für Unvollständigkeit.
Hier werden lediglich ein paar bunte Tapetenstücke vorgestrichen.
Kennt einer von euch das Label Tummy Touch? Wer schon immer gerne durchgeknallte
Italo-Disco-Perlen heimlich zu Hause gehört hat, ohne die Nachbarn
damit gewollt zu terrorisieren, der sollte sich unbedingt die neue Tutto
Matto anhören Hot Spot - Boogie-funkelectroitalodiscostep
in extravaganter Manier, produziert von Jurij und Pablo, der seine Skills
auf katholischen Kreuzfahrtschiffen im Mittelmeer entwickelte. Nach Hot
Spot empfiehlt es sich direkt mit der Tummy Touch Compilation Touch
Tones weiter zu machen, vor allem Turbo Men mit Sexy Lady
und Mains Ignition Swedish Girls brillieren hier - die einen
mit Easy-Listening-Porno-Independent und die anderen mit amüsantem
Electro - Tummy Touch ist derzeitig zurecht eines der besten englischen
Indie-Labels. Von England nach Deutschland und da direkt nach Berlin zu
Kitty Yo - das Louie Austen Remix-Paket. Hoping, vor allem im Jimi Tenor-,
Martini Brös- oder Herbert-Remix, dazu eine Flasche Rotwein oder
Wodka, wahlweise, noch durchgedrehter dagegen die Laub EP Fileshaving-
hier wird jede Schublade umgedreht durch den Fleischwolf gezogen, viele
Sounds und Schnipsel, ein wenig Techno, ein paar Gesangsspuren und viel
Abwechslung, wer es ein wenig gediegener und geradliniger mag, sollte
sich mal das neue Turner-Album auf Ladomat anhören. A Pack
Of Lies besticht durch gekonntes postmodernes Songwritertum, ein
wenig plüschiger als frühere Veröffentlichungen. Und noch
einmal Berlin, diesmal das Sonar Kollektiv - das Studio Don-Album
von Lightning Head für Best 7 - eine beeindruckende Fusion von Dancehall,
Dub und Brazil - hinter dem Pseudonym Lightning Head verbirgt sich Glyn
Bush aka Bigga Bush, der früher zu Rockers Hifi gehörte und
mittlerweile auf einer Farm in Dorset/Südengland lebt. Weniger dub-lastig,
aber dafür umso mehr brasilianisch, die neuen Veröffentlichungen
auf Schema, allen voran die Neu-Interpretationen von Nicola Contes Jet
Sounds Revisted: The In Samba performed by Kyoto Jazz Massive, Fuoco
Fatuo performed by Koop und Bossa Per Due performed by Thievery Corporation...
Außerdem ein Album von S-Tone Inc. und dem Fragmentorchestra: beide
Entwürfe sind sehr organisch ausgefallen, viele verschiedene Instrumental-
und Gesangspassagen, eingebettet in ein fragiles Sound-Kostüm.
Im Süden nichts neues, in letzter Zeit doch ein wenig eingeschlafen
zu sein scheint die ein oder andere Compost-Veröffentlichung, doch
Minus 8 und Procreation überzeugen dann doch vom Gegenteil: Minus
8 rockt den Dancefloor mit A Concha Cor De Rosa, brasilianischer
Drum&Bass, der stark an Patife erinnert; unbedingt anhören solltet
ihr euch dessen grandiosen Remix für Koop - Waltz for Koop,
und die neue 12 von Procreation - von Sam Geiser, der in Bern lebt.
Seine Produktionen klingen aus jeder Pore nach Detroit. Ganz anders der
neue Folky Sampler Acoustic Music in Digital Times: zeitlose,
recht entspannte Musik, fernab von gängigen Klischees direkt aus
dem Hause Spectrum Works.
Ganz erstaunt war ich über das Album Moments in Dub von
Jordan Fields auf Mo Wax - mit Dub hat das Ganze nämlich nichts zu
tun, eher mit Acid House, Chicago und Detroit aus der Retrospektive heraus
betrachtet, die Cover-Gestaltung ist dann auch ganz schlicht gehalten,
so ganz in Gelb und man wird den Eindruck nicht los, daß Moments
in Dub mit früheren Mo-Wax-Veröffentlichungen nicht unbedingt
zu vergleichen ist.
Einen grandiosen, wunderbaren, herzzerreißenden frühreifen
Deep-House-Klassiker hat uns der gute Andrew Brooks mit You, Me
& Us beschert, Weihnachten ist zwar noch nicht da, aber dafür
gibt es diese ganz andere Deepster-Bescherung schon einmal vorab.
Zuletzt zwei HipHop-Perlen für euch, und zwar Mark Rae mit Rae
Road - Reggae, House und Psychedelic Sounds unter demokratischer
HipHop-Führung, auf der ganz anderen Seite des Reiches, das kleine,
aber feine HipHop-Label Swamp Records aus Wuppertal, die mit Metaphysics
- Elevated Perception den nächsten innovativen Act gesignt
haben: HipHop der anspruchsvollen Art! ][ j.n

Gespaltene Töne
Bohren & Der Club Of Gore - Black Earth - Wonder
Ja, schwarz ist die Erde wenn der HorrorJazz von Morten Gass, Thorsten
Benning, Robin Rodenberg und Christoph Clöser über die Lautsprecher
schwere Samtlaken ausrollt. Endlos, eingefrorener Stillstand der Zeit.
Alle Hektik zerfällt zu Staub in der endlosen Weite zwischen den
einzelnen Sounds. Langsam, sehr langsam schleppen sich die Komponenten
aus sanft gestreiftem Schlagzeug, gehauchtem Saxophon, Kontrabass und
Melotron vorüber. Eine Leichenprozession in ineinander verfließenden
Einzelbildern. Blutrote Flecken lassen unaussprechliches am Rande erahnen
und in der Phantasie Bilder eines Hironimus Bosch aufkeimen. Voller Trauer
und Schwermut. Twin Peaks für Fortgeschrittene. Musikalisch interpretierte
Stille in einem zeitlosen Gewand dem geduldigen Zuhörer fröstelnd
entgegenwehend. Wenn schwarzer Schnee alles unter sich begräbt und
die Gedanken zu erfrieren beginnen. ][ g
Napoli Is Not Nepal - Revolv_er - Shitkatapult
Shitkatapult! Das Berliner-Label, das den Guter-Geschmack-Heimern
dieses Erdballs immer schön eine lange Nase dreht. Diesmal mit Revolv_er,
einem schnaften Hybriden aus frutzeliger, verspielter Electronica, Fatboy-slimmiger
(ähem) Bratung aus dem Samplekatalog von Best Music und Brekbeat/Downbeat-spielereien,
die mehr mit Panoptica gemein haben als mit Compost. Napoli Is Not Nepal
ist das Ein-Mann-Projekt des Kölners Hendryk Bayrhoffer. Er bedient
sich zwar sowohl dem akustischen als auch dem digitalen Instrumentarium,
kreiert mit seinem Debüt-Album aber ein Phänomen, was unabhängig
ist von hilflosen Etiketten wie New-Folk, oder Indie-Tronics (Bah!). wie
bei vielen anderen hybriden Platten kommt es auch bei Revolv_er
darauf an was transportiert wird und nicht unbedingt wie.
So hat das Album elf Songs, die durch zum Teil vielschichtige Harmonie-
und Melodieführung nicht mehr viel mit Tracks zu tun haben, ausser
dass ihnen Beats unterlegt sind, die aus den unterschiedlichsten Bereichen
der Club-Musik stammen. Die Beats sind die Butler der Songs, die am tollsten
klingen, wenn sie in ihren Ansätzen am konsequentesten zu Ende gedacht
wurden. Wie zum Beispiel in dem schönen they`ve never had the
popsense, wo sich ein flirrender Frutzelbreak-beat wie ganz dünner
Stoff um den song schmiegt. Am besten ist Revolv_er wenn der
Pop Überhand gewinnt über den Jazz-Anteil, weil da wird es meist
etwas zuviel des Guten. Ansonsten würde
ich sagen: Money Mark in der Post-Indie-Post-Clicks &Cuts-Phase, zu
Zeiten, wo die schönste Pop-Musik von Karaoke Kalk kommt. Nicht so
toll wie Manitoba aber die gleiche Sportart...
Die Diskussionen über akustische oder gar rockistische Musik, die
mit elektronischer korrespondiert oder fusioniert ,sollte man langsam
abhaken. Sie waren mir aber schon immer ein Greuel. Indietronics als Rockersatz
für den modernen Menschen erscheint mir als Erklärungsmodell
doch ziemlich FDP zu sein. Man gibt sich modern, aber verhandelt trotzdem
extrem reaktionäre Themen. Damit haben Shitkatpult-Themen noch nie
was zu tun gehabt. Diese Menschen denken und handeln in die entgegengesetzte
Richtung. ][ f. d`a
Kandis - Airflow - Karaoke Kalk
Neun neue kristalline Räume voller Dunkelheit in deren düsterem
Ambiente warmherzige Klänge und ausgleichende Melodien die Kälte
vertreiben. Musik, die zum Träumen einlädt. In sich vollkommen,
transportieren die Einzelkompositionen in weit entfernte Regionen elektronischer
Soundlandschaften. Eine herbstliche Abendstimmung, in der buntes Laub
von verdörrten Ästen im frischen Abendwind zeitlupenartig durch
die Luft gewirbelt wird. Spiralförmig. Immer im Strudeln. Jeweils
ein grenzenloses System, das nach allen Seiten hin offen zu sein scheint.
][ g
Westpark Unit - Collected Selected Related - Draft
Die Wahldortmunder Herb LF und Ingo Sänger bewegen sich hier durch
ein weites Terrain, irgendwo zwischen House, Soul und Jazz. Die sehr eigene
Melange wirkt wie aus einem Guss. Alles ist auf den Punkt gebracht; abwechslungsreich
und dennoch gekonnt minimal umgesetzt. An keinem Punkt hat man das Gefühl
die Tracks sind zu überladen. Vorlieben für HipHop, Reggae oder
auch Bossa sind oft zu spüren, aber selten wirklich zu hören.
Die Beats haben an der richtigen Stelle den richtigen Effet. Ab und zu
sind bekannte Samples sinnvoll eingestreut. Galant werden die Vocals eingesetzt,
wie z. B. die der Jazzsängerin Beate Witte oder von Darren Lee bei
der Look Of Love-Interpretation. Das Victor Davies Gastspiel
wird schon fast zur Nebensache, stellt es doch eher das Sahnehäubchen
als den ausschlaggebenden Kaufgrund dieses Albums dar. Ein wunderschön
warmes, deepes und souliges Album - Wohlfühlmusik. Wenns draußen
wieder kälter wird... Für Genießer. ][ lightwood
Allstar Alliance - Cityslickers Vol.2 - Stir 15
Neueste Werkschau von einem der dienstältesten deutschen Houselabels.
Wie auch auf der ersten Cityslickers setzt man zum einen auf die etablierten
Pferde im Stir15-Stall wie Boobjazz, Deutschlands Soulboy Nummer eins
Thorsten Scheu aka Glance oder C-Rock selbst, zum anderen werden relativ
neue Namen wie Jussi Pekka aus Finnland oder Convergence Club aus Berlin
eingeführt. So gibt es musikalisch auch keine großen Überraschungen.
Der etablierte und geschätzte Stir15 rult mal mehr, mal weniger gerade
im Beat und Glance sorgt mit Marlene Johnson und Jimmie Wilson dafür,
daß auch die Stimme im House nicht zu kurz kommt. Alles in allem
ein guter Überblick des Zustands der Kunst im Lande. ][ janson
VA - Process - Re-processed (Interkontinen-tale Rmxs) - Traum
Ein überaus ambitioniertes Projekt legt Traum mit dieser Doppel-CD
vor. Riley hat seine Kontakte spielen lassen und insgesamt 22 Künstler
aus dem Trapez/Traum-Umfeld gebeten ein Song von everybody`s darling Process
zu remixen. Die meisten hielten sich an Pelican, dem Track
von der letzten Traum Compilation Interkontinental, einige
andere bevorzugten einen anderen von Process` Tracks. Man könnte
sich seitenlang auslassen über diese Werk, bei dieser Masse an Songs
und der Qualität der Remixer. Um es kurz zu machen: CD 1 geht eher
den klassischen Traum-Minimal-Romantik-Weg mit wirklich ungeheuer schönen
Stücken von u.a. Thomas Jirku (mal wieder super!), Broker/Dealer,
Cabanne und Algorithm (Jeff Milligan) um nur die besten zu nennen. Die
zweite CD erscheint etwas freier zu sein und gefällt mir noch einen
Tick besser. Markus Guentner eröffnet mit einem Air-artigen Downbeat,
Philipp Cam ist eh erhaben, M.I.A immer noch in Hochform und Oliver Hacke
unterstreicht seine Ambitionen, der nächste Coocoon-Act werden zu
können. Nur Akufen wirkt etwas überspielt und sollte beim nächsten
Sampler mal der Rotation zum Opfer fallen, der braucht ma `ne Pause! Insgesamt
wird über 140 Minuten nicht nur einem der wichtigsten Künstler
dieser Zeit gewürdigt, sondern auch Traums Ausnahmestellung im romantischen
Techno untermauert. So schön kann das kein anderes mir bekanntes
Label, ohne kitschig zu werden. ][ f. d`a
VA - Ambassadors - Santorin
Wie beginnt man denn eigentlich die Besprechung einer Platte, die nette
Menschen besonders gut gemacht haben? Vielleicht könnte man kurz
aus dem Duden zitieren, was denn eigentlich der Titel (zum Beispiel bei
Santorins erstem Silberling Ambassadors) bedeutet. Anschließend
könnte man die lustige Wortspielerei durchleuchten und näher
auf die elf, teils neuen, teils bereits auf Vinyl veröffentlichten
Tracks von Simon V & Telmo A., Cycom, young ax, The Green Man &
Artefact eingehen. Man könnte die Mischung aus tiefer, kühler
Melancholie und clubkompatibler Tanzbarkeit erwähnen, für die
der Name des Lables steht wie kaum ein zweiter. Man könnte die Vinylversion
mit ausschließlich den unveröffentlichten Stücken der
Compilation erwähnen und dabei betonen, man würde diese gerne
sein Eigen nennen. Spätestens an dieser Stelle müßte der
Rezensent sich Buh-Rufe und den Vorwurf der Koketterie vorwerfen lassen.
Er müsste ca. 234 Emails von vorhaltsvollem Inhalt lesen und womöglich
beantworten. Und zwar zurecht. Da schweift man doch lieber mal vom Thema
ab und hofft, dass es keiner merkt... Letztlich kam im Fernsehen eine
Dokumentation über Atlantis und die größtwahrscheinliche
Lage des versunkenen Kontinents. Die berichtenden Forscher vermuteten,
Atlantis sei die bei einem Vulkanausbruch versunkene Insel Terra, von
der lediglich ein kleiner, felsiger Kraterrand übrig geblieben war.
Hinweise darauf waren Jahrhunderte alte Warm- und Kaltwasserleitungen
sowie die ersten Toiletten mit Spülung. Kein Witz. Der Kraterrand
ist heute ein idyllisches kleines Urlaubsziel das zu Griechenland gehört
und heißt Santorin. ][ feindsoul
X-Plorer & Dee Pulse - Pleasure Principles - Hard:Edged
Die beiden Kölner ShakeUps nutzen die Hard:Edged-Fäden um mit
ihrem ersten reinen Artist-Album größtmögliche Aufmerksamkeit
zu erlangen. Alles geht auf. Es fließt und gleitet in bester X-Plorer
und Dee Pulse Manier. Nötige Ecken und Kanten sind vorhanden, trotzdem
der absolute Perfektionismus der beiden wieder zu Buche schlägt.
Typisch auch die Detailverliebtheit, mit der jedes noch so kleine Winkelchen
neben Drums und Bässen mit Leben erfüllt wird. Insgesamt klingen
die Tracks etwas reifer und schlüssiger als bisherige Releases von
ihnen. Die Stärken eines Albums wurden voll ausgenutzt: Tracks für
zuhause, Tracks für den Club und Tracks für zuhause und den
Club, Downbeat-Ausflüge und massenkompatibler Super(vocal)hit Trust
inklusive. ][ lightwood
Wang Inc. - Risotto in 4/4 - Bleep 15
Reise in die elektrifizierende Küche von Wang Inc. Ganz oben auf
dem fast 55 minütigen Menü stehen innovative, verspielte und
experimentelle Köstlichkeiten. Doch nicht nur die Gerichte, aus zahlreichen
Körnchen zu einem Meisterstück arrangiert, verzaubern den hörenden
Gast. Jede einzelne Zutat, aus einem schier unerschöpflich wirkenden
Gewürzschrank kommend, verleihen jedem weiteren Gang seine individuelle
Note. Eine Prise Rock, eine Messerspitze Jazz, dort ein Löffelchen
Discosound und hier ein Spritzer Punk. Schon Fred Frith zeigte in dem
Dokumentarfilm Step across the border wie vorzüglich
sich Reis zum Musizieren eignet. Bei Risotto 4/4 wird diese Idee neu aufgegriffen,
und im Herzen der Maschine Sample-Körnchen für Sampel-Körnchen
vereint zu einem, auf tänzelnden Beinen die Gedanken davontragenden,
Konglomerat an Einzelsoundverästelungen. ][ g
VA - Blue Skied An Clear - Morr Music
Wenn zwei Jahre nach Putting The Morr Back In Morrisey wieder
eine groß angelegte Werkschau von Morr Music erscheint, hängt
- speziell nach der fantastischen Platte der Label-Zugpferde Lali Puna
im letzten Jahr - die Erwartungslatte sehr hoch. Die erste Hälfte
von Blue Skied An Clear ist Coverversionen der Briten
Slowdive gewidmet, während die zweite Appetithappen kommender Platten
bietet. Ich kenne zwar nichts von Slowdive, aber lustigerweise ist das
Stück, das meiner Vorstellung von ihrem Sound am nächsten kommt,
im zweiten Teil der Platte zu hören, wo Guitar über einen Drumloop
rocken wie weiland My Bloody Valentine. Die Coverversionen im ersten Teil
sind hingegen eher zurückhaltend und respektvoll, und mehr als einmal
leider in harmonischer Schwelgerei gefangen. Der Wille, sich von Kitsch,
Bombast oder gar Muzak durch geeignete Störfaktoren abzugrenzen,
ist bei Isan und Jonas Munk, der hier unter den Namen Limp und Manual
dabei ist, nicht immer ausgeprägt genug. Punkte sammeln hingegen
Future3, Komëit und die Bands mit Acher-Brüdern (The Notwist),
Ms John Soda und Lali Puna. Alles in allem: Latte übersprungen.
Ich muß bei Morr Music immer wieder an 4AD der Achtziger und frühen
Neunziger denken, das Label, auf dem Cocteau Twins, Dead Can Dance, aber
auch die Pixies erscheinen. Die Parallelen gehen von einer starken Wiedererkennbarkeit
im Design bis zu deutlichen Ähnlichkeiten im Sound. Wir werden dem
nachgehen... ][ amv
Palais Schaumburg - Palais Schaumburg (Re-Issue) - Tapete
Schwer zu glauben, daß es eine Zeit gab, in der so eine Platte bei
einem Major Label erscheinen konnte. Diese Zeit ist allerdings 21 Jahre
her, und die damals beginnende Neue Deutsche Welle half den deutsch singenden
Hamburgern von Palais Schaumburg sicherlich, mit ihrem eckigen New Wave
mit Dada-Texten auf ein Paar Hit-Compilations zu kommen. Damit hörten
die Gemeinsamkeiten mit der NDW aber auch schon auf, denn näher als
Hubert Kah liegen hier Funk/Punk/Art-Fusionisten wie This Heat, Gang of
Four oder Liquid Liquid. Wie letztere spielten Palais Schaumburg ohne
Gitarristen und mit einer extrem versierten Rhythmussektion, die an einigen
Stellen (Grünes Winkelkanu!) verblüffend nahe an
einem Proto-DrumnBass liegt. Solche Stellen sind auch heute
noch atemberaubend zu hören. Die Sounds, die hier aus analogen Instrumenten
geholt werden, sind ebenfalls gelegentlich schwer zu begreifen. Sicherlich
ist es auch kein Zufall, daß Schaumburg-Chef Thomas Fehlmann später
bei The Orb und heute bei Kompakt auf höchstem Niveau in Elektronik
machte. Was weniger gut gealtert ist als die Musik, ist leider Holger
Hillers Nicht-Gesang. Ebenfalls fehlen, dem damaligen Zeitgeist geschuldet,
gelegentlich einfach ein paar Melodien. Eine großartige Inselplatte
ist das sicher nicht, aber eine sehr interessante und nicht zuletzt auch
humorvolle (Wieder-)Entdeckung. ][ amv
Fehlfarben - Knietief Im Dispo - !K7
Ob ausgeschöpfte Überziehungskredite der Bandmitglieder, wie
der Album-Titel (ungewollt?) nahezulegen scheint, den Anstoß zur
Produktion dieser LP gegeben haben, mag dahingestellt bleiben zwingende
Notwendigkeit aus künstlerischer Sicht offenbart sich
jedenfalls beim Anhören des Ergebnisses nicht. Denn die einstigen
Düsseldorfer NDW-Rebellen um Peter Hein, die schon Anfang der 80er
mit der zweifelhaften Ehre zu kämpfen hatten, als erste Vertreter
der damals neuen Bewegung auch auf (ideologisch untragbaren) SozPäd-Festen
aufgelegt zu werden, demontieren sich hier bestenfalls selbst (nämlich
vor einstigen Weggefährten schlechtestenfalls interessierts
garniemanden). Zwar wird sparsame Elektronik in den Sound aufgenommen,
aber dieser Schritt wirkt eher wie ein notgedrungen anbiederndes als ein
reflektiert überzeugtes Zugeständnis an die Jetztzeit. Der Duktus
von Stimme und Rhythmusband dagegen klingt wie früher und fällt
damit inzwischen hinter Epigonen wie etwa (die auch längst überholten)
Blumfeld zurück, während die Texte über (immer noch) pubertäre
Jammer-Diskurse à la Hamburger Schule (die im Gegensatz
zu diesen alten Haudegen immerhin noch ihre gymnasiale Lebens-Unreife
als Rechtfertigung anführen kann) kaum hinausreichen, ja sogar an
der Hybris peinlich bemühter Selbstzitate zur Herstellung etwaiger
Wiedererkennungswerte ersticken. Es geht eben nicht (um im sentimentalen
Bild zu bleiben) voran, und Geschichte wird sicherlich nicht (mehr) von
Fehrfarben gemacht! ][ hve
Underworld - A 100 Days Off - V2
Aufgrund der frühzeitigen Bemusterung hätten wir dieses Album
auch schon im letzten ouk besprechen können, aber das VÖ-Datum
16.9. legte keine übertriebene Eile nahe, zumal wir uns so den ganzen
Background- und Bio-Sermon, der bereits seinen Weg durch die monatlichen
Pocket-Magazine hinter sich hat, sparen können. Nichtdestotrotz muß
auch von dieser Stelle dem vierten Longplayer der beiden Briten Karl Hyde
und Rick Smith außerordentlich großes Lob gezollt werden.
Als ausgiebig live-erprobte Musiker geben sie ihren erneut deutlich technolastigen
Kompositionen den entscheidenden Kick mehr an musikalischer Reife und
emotionaler Sensibilität, der den meisten, überwiegend Club-Tool-orientierten
Produktionen heutzutage fehlt, ohne dabei den praktischen Vergleich mit
diesen auf dem Dancefloor scheuen zu müssen. Und wenn sie mit (atmosphärisch)
an J. J. Cale erinnernden Gitarrenausflügen oder R.E.M.-ähnlichen
Gesangsintonationen die Tribal-Ecke in Richtung genreunabhängiger
(von einigen hilflos worldmusic benannter) Downbeats verlassen,
dann nicht, um (aufgesetzte) stilistische Vielfalt zu demonstrieren, sondern
um den nächsten Schritt innerhalb eines absolut zwingenden (von Tempo
und Rhythmus zunächst unabhängigen) musikalisch-emotionalen
Kontextes zu entwickeln und damit einen Flow kreativ umgesetzter, künstlerisch
erfahrener Substanz zu initiieren, gegenüber dem ein vordergründig
(metrisch) perfekter DJ-Set-Mix wie ein hölzernes Beispiel rein handwerklicher
Hermetik wirkt, dessen (von dieser Produktion auch lässig beherrschte)
Parameter als befreiend zu sprengende Fesseln entlarvt werden. Ein äußerst
beeindruckendes Dokument gelöst in sich ruhender und doch gleichzeitig
eigenständig stilbewußt vorwärtsdrängender, zeitgemäßer
Souveränität. Besprechung der Remix-Maxi siehe weiter
hinten. ][ hve
Heiko Laux - Temp.Space - Kanzleramt
Neuberliner Heiko Laux in the Mix heißt erstma Abfahrt. Kein
duseliges Intro, sondern gleich die Bassdrum durchgetreten und die Hi-Hats
schwirren lassen, unter der Führung des Acid Scout kurz durchs Tal
der deepen Latingrooves gerockt, und dann startet die Party im Kopf durch,
bis sie sich mit Josh Winks Remix des Saisonhits von Alexander Kowalski
feat. Raz Ohara auf Reisehöhe eingegroovt hat und der Mann an den
Decks ab und an den Trance-Joker spielen kann. Über diverse Stationen
aus dem Kanzleramt oder von außerhalb endet die Reise bei zweimal
Jeff Mills, was ich als besondere Verneigung vor dem großen Techno-DJ
deute. Sinn und Zweck der Einrichtung Techno-Mix auf CD erschließen
sich mir nach wie vor nicht. Zu heiß die Party, die dieses Set gestalten
sollte, zu kühl die CD neben der Stereoanlage in der frühen
Vormittagssonne. Geht nicht zusammen. ][ mandel
VA - Massimo: Definition of Techno - Italic
Mit dieser Compilation-CD hat der gebürtige Düsseldorfer Massimo
seine seit 1999 existierende gleichnamige Veranstaltungsreihe, die u.a.
von Richie Hawtin, Chris Liebing oder Thomas Schumacher protegiert wurde,
erstmals in eine Musik-Konserve gepackt, wobei Auswahl und Live-Mix der
20, zwischen drei und fünf Minuten langen Track-Ausschnitte ein ähnliches
Feeling vermitteln sollen wie die von ihm organisierten Club-Events. Das
mag zwar (soweit dies möglich ist) einigermaßen kongruent gelungen
sein, und auch die Namen der involvierten Acts (u.a. Marco Bailey, Voodooamt,
Toni Rios, Technasia, Verbos, DJ Rush, Ben Sims oder Sven Väth) klingen
in den Ohren von Techno-Freunden sicherlich vielversprechend, aber das
präsentierte Set nivelliert mögliche (bzw. eigentlich notwendige)
Spannungsbögen doch zu sehr zugunsten einer (auf Dauer) fragwürdigen
Hammer-Dogmatik, die hier unzureichend als Kompromißlosigkeit
verkauft wird und auch durch die Einbindung diverser Effektgeräte
in die Mixtechnik nicht ausreichend aufgelockert wird. So stellt sich
trotz der zweifelsohne meist vorhandenen Intensität der einzelnen
Stücke zunehmend Langeweile beim Anhören ein, da Möglichkeiten
zu einer kontrastreichen Auswahl und Anordnung bedauerlicherweise nicht
genutzt wurden ][ hve

Marvin Dash - Model Turned Programmer - Stir15
Schon seltsam, was der Vibe von Chez Damier und Ron Trent auf ihrem, in
dieser Form, verblichenen Prescription Under-ground/Balance Label für
Früchte trägt. Zumindest hierzulande reißt der Strom der
Bewunderer auch mehr als fünf Jahre nach Beendigung ihrer Zusammenarbeit
scheinbar nicht ab. Daher taufen böse Zungen Marvin Dashs Album bereits
in Noni Turned Programmer um. Ganz so schlimm ist es dann
aber doch nicht. Hier und da schlägt die Verehrung für die Ästhetik
von Damier/Trent zwar sehr eindeutig zu Buche, aber Dash bewahrt sich
trotzdem seine distinkte Ausdrucksweise, die man von seinen Werken auf
Force Inc oder dem hauseigenen USM Label kennt. So gibt es hier auch noch
mal Marvin Dashs Friday Nights With Burt Reynolds zu hören,
daß bereits vor zwei Jahren auf USM zu erwerben war. Ein Schaden
soll das allerdings nicht sein, steht dieses eminente Stück doch
exemplarisch für die Kompatibilität von Ohrensessel und Parkett,
die diesem Album innewohnt. Andere Stücke wie Motorcycle Emptiness,
Balance oder Delicious & Delirious sind eher
zweideutig und verleihen Model Turned Programmer tugendhaften
Glanz. Die ach so omnipräsenten Gimmicks und Zitatenhurerei aus den
80er finden hier glücklicherweise nicht statt. Gerade dieser Unmodernismus
ist es aber, der Marvin Dash zur ernstzunehmenden Kraft werden ließ
und nichts weniger als das bis dato beste Housealbum des Jahres zur Folge
hat. ][ janson
DJ Vadim - U.S.S.R.: The Art Of Listening - Ninja Tune
Wenn heute jemand den Titel Beatforscher verdient, ist das DJ Vadim. Seine
Veröffentlichungen bei Ninja Tune, aber auch und gerade Seitenprojekte
wie The Bug, tragen immer eine persönliche Handschrift, nicht nur
in den Snaredrumsounds, sondern vor allem in ihrer hakeligen Groovyness,
über die zu rappen schon Experten vorbehalten bleibt. Auf seiner
dritten Ninja Tune Platte sind das erst einmal die Moshun Men, die ihren
Hit Terrorist von der letzten Vadim zwar nicht toppen, aber
einen furiosen Einstieg bieten. Weitere Highlights setzen die verrückten
Franzosen von TTC, die eine Spanne von 80 BPM derzeit so phantasievoll
füllen wie kaum einer auf der europäischen Szene. Solide und
soulful: Chief XL von der Soleside/Quanum-Gang und als vorläufiger
Sieger Demolition Man mit einem knochentrockenen Ragga/Hip-Hop-Track.
Überhaupt wird eine Hinwendung zum jamaikanischen Kulturerbe deutlich,
und nichts könnte in diesem Herbst willkommener sein. ][ mandel
Pilote - Kingfood - Certificate 18
Ganz schön funky, Stuart Cullen eigens generierte neue Popwelt. Dopebeats,
vereinzelte Klaviersounds, Stimmensamples, Beatvariationen und weitläufige
Räume. Spannend ohne viele verspielte Schnörkel. Plötzlich
die extravagante Stimme von Julian Bareham, zwischen MC und Rapstyle.
Nur für einen Moment, dann wieder zurück in den synthetischen
Äther des Arrangements verwoben mit versöhnlichen Melodien.
Die Feinheiten im Detail verbergend ein geheimnisvoller Hörgenuss.
Ein Trip in die Freude an der Erinnerung, wenn längst vergessene
Momente durch kleine hörbare Anekdoten wieder reanimiert zum Tanz
die freundliche Hand reichen. ][ g
Terranova - Hitchhiking Nonstop With No Particular Destination - !K7
Comeback des Jahres: Ariane a/k/a Ari Stepper a/k/a Ari Up und als solche
vor ... schluck ... gut 20 Jahren Stimme der Slits bzw. später Adrian
Sherwoods New Age Steppers wurde von Terranova wieder ins Studio geholt
und beschert der zweiten LP der Berliner (ohne Kaos nur noch zu zweit)
den ersten Hit, über einem bereits veröffentlichten Instrumental,
daß mir ohne Stimme immer zu rockistisch daherschredderte. Aber
jetzt: Aris Stimmpegel auf Anschlag wie in Zeiten der guten Punky Reggae
Parties, von denen wir Spätgeborenen nur träumen dürfen,
ergänzt um ein paar Kniffe aus der Dancehall ihres jamaikanischen
Exils. Auch den zweiten Track mit Ari, Mongril speichern wir
unter dufte ab, ebenso die Poetry/Rap-Beiträge des zweiten
Gaststars Mike Ladd. Diese beiden wissen, wie man einen Track trägt,
das muß alles sehr schnell gegangen sein. Bei Stimme Nr. 3, die
von Nicolette Krebitz, dagegen mußte man in die Trickkiste greifen,
die Frau ist eben keine Sängerin, sondern Schauspielerin und Regisseurin,
und in diesem Metier hilft im Zweifelsfall nur eines: Schnitte. Und so
wird mit allerhand Gecutte und Effektgehasche auch hier noch der eine
oder andere Punkt gemacht. Schade: der Sound ist weg vom HipHop, geht
eher in Richtung dirty Elektro-Bigbeat oder was unsere zugereisten Hauptstädter
eben so brauchen zum Feiern. Dennoch: kurzweilige, streckenweise brillante
Platte. ][ mandel
The Memory Foundation - Timequake - Central Records
Der Entdecker des M.F.-Duos Duke & Tin, das auch unter
den Namen Skinless Brothers, Ratio, Die Rhythmiker und Hi-lo (als Deep-Houser
bei Grow!) veröffentlichte, kommt übrigens nicht
aus dem Sherwood Forest, wie uns das Neuton-(Vertriebs-)Info durch die
Verwendung des Vornamens Robin nahezulegen scheint, sondern
aus Detroit und trägt den Rufnamen Robert, Nachname Hood,
wie ihr jetzt wohl schon erraten habt. Und damit wären die stilistischen
Eckdaten bereits signifikant gesetzt, denn die Einflüsse aus der
Techno-Urzelle Detroit sind unüberhörbar, wenn auch genug Platz
bleibt, um die Bandbreite der eigenen Interpretationen dieses fundamentalen
Paradigmenspektrums markant zu präsentieren. Ein eigener, überzeugender
Soundpool ermöglicht es den Protagonisten, die atmosphärischen
Ideen des Techno-Soul über die schroffe Klippe teutonischer Derivate
hinüberzuschiffen. Keine mir bekannte Produktion der letzten Jahre
hat es so überzeugend verstanden, einen über weite Strecken
fulminant vorwärtsdrängenden Speed mit derart klanglich einprägsamer
Plastizität zu verbinden und damit der Gefahr, im Dienste euphorisch
bretternder Momentaufnahmen zu verpuffen, überzeugend zu entgehen.
Auf Downbeat-Tracks wird nahezu verzichtet, doch die Aufnahmen bieten
trotz ihres zügigen Tempos genügend Gelegenheiten zum rezeptorischen
Durchatmen, da ihre abwechslungsreiche Gestaltung die Spannungsbögen
immer wieder neu setzt, dabei aber trotzdem eine durchgehend selbständige
stilistische Handschrift erkennen lässt. Erhältlich ist das
Album entweder als Doppel-12 oder Digiback-CD, wobei letztere eine
Bonus-Disc mit Remixen u.a. von Fabrice Lig, Ben Sims, Funk DVoid,
Daniel Bell oder Swag enthält, die zunächst nur reduzierte Tool-Qualitäten
aufzuweisen scheint, nach mehrmaligem Anhören aber auch noch interessantere
Momente zeitigt. ][ hve
Venus Malone - Pretty On The Inside - GAP
Den Fotos im CD-Inlay nach zu urteilen scheint Venus Malone durchaus auch
quite pretty on the outside zu sein. Sieht man einmal von ihrer Zahnspange
ab, aber so etwas ist wohl heutzutage mehr als modisches Accessoire zu
verstehen, denn als Maßnahme fürsorglicher Dentisten. Aber
hier geht es ja schließlich um Musik, haben wir doch ein ambitioniertes
Nu Soul (nennt man das so?) Album vor uns und keines dieser agenturgefertigten
R&B-Kaugummi-Girls. Auch wenn sich die Vita von Venus Malone so liest,
als könne sie durchaus auch ein Destinys Child sein. Die Liebe
zur Musik hat sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen, mit zehn war sie
dann bühnenreif und mit 15 Songwriterin. Nach harten Jahren der Lehre
hat es die Gute dann nach Deutschland verschlagen, wo sie ein Angebot
wahrnahm, in einem Girlgroup-Projekt die Soul-Diva zu spielen. Da ist
die dann allerdings lieber wieder ausgestiegen und hat an ihrer eigenen
Musik gefeilt und mit Pittsburghs very own Lone Catalysts gearbeitet.
Womit wir wieder beim Nu Soul Album wären. Hier macht Venus eigentlich
alles richtig und wenig falsch. Gegner des Genres könnten ihr das
Fischen in seichten Gewässern vorwerfen, Freunde desselben dürften
von ihrer zarten und doch auch kraftvollen Stimme entzückt sein.
Pretty On The Inside klingt in seinen besten Momenten, als
hätten sich Jazzie B, die Young Disciples und eben die Lone Catalysts
zum Musizieren getroffen vom slow jam bis zum runtergebremsten
Club Beat ist hier alles dabei. An dieser Stelle sei auch noch mal auf
die Maxiauskopplung Eye On The Prize hingewiesen, die einen
kickenden Fat Jon (Five Deez) Remix zu bieten hat. Definitiv ein Album
für deine Freundin in dir. ][ janson
VA - Disco Spectrum 3 / compiled by Joey Negro and Sean P - BBE
Diesen Dave Lee muss man einfach lieben. Als Discoschallplattenverkäufer
und Garageconnaisseur der ersten Stunde hat er sich um damals noch unbefleckte
Talente wie Blaze aus New Jersey verdient gemacht, die mit Lizenzierungen
auf Republic/UK wohl ihre ersten richtigen paar Dollar verdienen durften.
Als Remixer hat er selbst Hand angelegt und sich über die Jahre unter
seinem Alias Joey Negro mit einigen (auch kommerziell) schwer erfolgreichen
Hits das Altersauskommen gesichert. Daneben fröhnte er stets seinem
liebsten Hobby: dem Plattensammeln. Deshalb ist der Mann auch eine der
ersten Adressen im Vereinigten Königreich, wenn es um die Zusammenstellung
rarer Discoplatten geht. So geschehen auf Disco Spectrum 1 und 2, die
uns Raritäten wie den Tony Humphries Remix von Coem Back Lover
der Fresh Band zu erschwinglichen Preisen auf den Tisch brachte. Dieser
Tage ist in Zusammenarbeit mit Sean P, der sich für die großartigen
Linernotes verantwortlich zeigt, die dritte Ausgabe des Disco-Kompendiums
erschienen. Wieder steht altbekanntes neben bisher ungehörtem. So
werden wohl einige Eddie Kendricks Goin Up In Smoke
ihr eigen nennen dürfen, bei Nightlife von Blair, einem
der wundervollsten Stücke dieses Samplers, aber die Waffen strecken
müssen. Ferner sind der Tee Scott Mix von Hi Voltage Somewhere
Beyond, Delegation mit Heartache No 9 und das von DJ
Sneak, den Ehnry Street Allstars und Konsorten arg gebeutelte Under
The Skin von The Brothers hervorzuheben. Was will man noch sagen?
Real disco for real people eben! ][ janson
Hausmeister - Weiter -Karaoke Kalk
Eine "weiter"e Veröffentlichung von Hausmeister Christian
Przygodda mit schlichtem Titel, der die Gedanken in die Zukunft wandern
lässt. In einer Art Filmmusik zaubern die Stücke audiovisuelle
Sequenzen hervor, die in der Phantasie "weiter"gelebt werden
können, nicht nur an regenweichen Freitagen. "Weiter"hin
bestimmt der Einsatz herkömmlicher Instrumente das klangliche Bild
der zwölf Stücke, zu denen sich nun zum ersten mal das Element
Stimme als ein "weiter"es dazugesellt. Die dadurch er"weiter"ten
Klanglandschaften verträumt, verspielter Melodien zwischen Easy-Listening
und persiflierendem Film-Noir regen zum "Weiter"denken an -
ein Schritt nach vorne zu unternehmen, in ungewisse Regionen. Musik, die
immer "weiter"laufen könnte, was in gewisser Weise auch
durch den am Schluß plazierten Titelsong verstärkt wird. "WEITER".
][ g
Jan Jelinek & Computer Soup - Improvisations And Edits, Tokyo
26.09.2001 - Audiosphere
Auf Sub Rosas neuem Seitenlabel scheint das Forschen nach wirklich innovativen
Sounds zum Konzept geworden zu sein. So besticht auch dieser dritte Release
des Labels mit einer deutsch-japanischen Koproduktion zwischen Jan Jelineks
Clickhouse und dem frei zappelnden, elektrifizierenden Jazz des Computer
Soup Trios. Advanced Listening. Noch weiter Zeit, Raum und Klang durcheinanderwirbelnd
als Alec Empires Hypermodern Jazz. Fern jeglicher Norm und Geradlinigkeit
weit in experimentellen Gefilden erklingend. Auf Basis live eingespielter
Improvisationen aus dem Megalopolis Tokyo. Ohne große Vorbereitungszeiten
oder Eingewöhnungsphasen werden unglaublich menschliche Beat- und
Soundentwicklungen geboren. Wirkliche Spontaneität, die nur abgestimmt
ist durch den gemeinsam erlebten Moment, den Eindrücken einer pulsierenden
Stadt, in welcher Tag und Nacht verschmelzen, sowie einer gemeinsamen
Leidenschaft für Jazz. ][ g
Paul Brtschitsch - Clamber (Rmxs) - Frisbee
Frisbee-Tracks zitiert im Promo-Material für diese 12inch schlecht
übersetzt die vorletzte ouk-Ausgabe und spricht von Brtschitsch als
uncrowned king of german techno. Da wir aber wissen, was gemeint
ist, können wir mit dem Lob fortfahren. Zwei Remixe (von Oliver Bondzio
und Brtschitsch himself) des auf der Memory-LP enthaltenen
Clamber-Tracks lösen diesen aus dem Kunstprodukt Album
heraus und verwandeln ihn auf jeweils spezifische Weise in ein (noch)
dancefloortauglicheres Club-Tool-Extrakt. Als Bonus gibts mit Tone
Wheel noch einen brandneuen, erst auf der letzten Tour entstandenen
Titel, der ebenso Brtschitschs unverändert hervorragende Produzenten-Qualitäten
dokumentiert. ][ hve
Senor Coconut - Elektrolatino - MultiColor
Unabhängig von seinen erfolgreichen Album-Veröffentlichungen
präsentiert uns der Meister erneut eine ausgezeichnet gearbeitete
Perle seines unnachahmlichen Stils, wobei der Name wiederum (intensives)
Programm ist. Innerhalb seines computerisiert kochenden Salsa-Kontinuums
eine konsequente Fortsetzung bisheriger Produktionen. Die mitgelieferten
Remixe können da nicht ganz mithalten, sind aber keinesfalls von
schlechter Qualität. Ruben Rodriguez (Los Crazy Peoples)
reduziert den Track bis auf sein Electro-Gerüst und taucht ihn in
ein Downbeat-Acid-Bad, während Ricardo Villalobos seine einzelnen
Bestandteile seziert, auf einer groovenden Basslinie neu anordnet und
damit ein episches Club-Tool schafft, das überraschend viel Abwechslung
im Verlauf bietet. ][ hve
Sieg über die Sonne - Im not a sound: new mixes - MultiColor
Der zugrundeliegende Track stammt vom 2001 erschienenen Album (-)·(-)=(+),
das minimale Tech-Strukturen mit kruden Pop-Extrakten verband, und wird
hier zwei gänzlich unterschiedlichen Bearbeitungen unterzogen. Während
Josh Wink das Original-Tempo etwas anzieht und unter Weglassung der Vocals
ein reizvolles, behutsam treibendes Club-Tool entstehen lässt, bleibt
Akufen näher an der Vorlage und verwandelt sie unter besonderer Herausarbeitung
ihrer bizarren Elemente fast in einen (nicht minder reizvollen) Downbeat-Track.
Als Abrundung gibts dann noch eine Live-Aufnahme des Titels vom
Juli 02 in der Londoner Fabric. ][ hve
Martha & the Muffins - Echo Beach (Rmxs) - Selectcuts
1987 erschien mit Martha & the Muffins Echo Beach eine
der wohl zeitlosesten Indie-Hymnen ever. Dicht gefolgt von Iggy Pops Candy
beziehungsweise Passenger. 15 Jahre später erscheinen
auf Selectcuts zwei längst überfällige Remixe des Jugenderinnerungen
weckenden Hits. Jimmy Cauty (genau der von KLF!) zaubert mit seiner Pointless
Rave Version einen technoid-poppigen 4/4-Stomper, der sich gewaschen
hat und dessen die Jungs von Underworld durchaus neidisch sein dürften.
Thomas Fehlmann, seines Zeichens ehemals Mitglied bei The Orb und auch
ansonsten alles andere als unbekannt, geht die Sache mit der Flowing
Dub Extended Version nicht weniger gekonnt an. Der Berliner schielt,
wie das Wort Dub schon vermuten läßt, weniger auf
volle Tanzflächen, als auf die passende Beschallung des Chillbereichs
nebenan. Warm und zähflüssig fließt der Track ins Ohr,
während der Bass einen unmerklich in die Sofakissen zu drücken
weiß. Zwei Gewinner. Jeder auf seine Art. ][ feindsoul
Needs - Talkative Minds EP - Needs
Viel Wasser ist seit der ersten Needs den Main runtergeflossen. In der
Zwischenzeit sind die drei Gefährten nicht nur als Remixer bei Wave
Music, Clairaudience und im Club Shelter angekommen, sondern dessen taste
making Maestro Timmy Regisford läßt auch anderen Schlüsselfiguren
im Big Apple keine andere Wahl, als sich dem Needs-Sound zu ergeben. Sound
ist dann auch das Stichwort. Was sich mit Walkin Thru Circles
schon andeutete, ist hiermit wohl amtlich: Needs-Platten tragen nicht
nur eine eigene Handschrift, sondern sind wohl mittlerweile selbst zum
Ideal herangereift. So paßt sich auf der Talkative Minds EP auf
fast schon beängstigende Weise ein Baustein an den anderen an und
läßt die Platte klingen, als hätten die Jungs noch nie
etwas anderes gemacht. Auch wenn Weekend Joy und Ibóóji
wohl das meiste club play beschert sein wird und einige Menschen das anders
sehen werden, ist Time der heimliche Hit. Ehre gebührt
an dieser Stelle Lars Bartkuhn, der den mutigen Schritt ans Mikrofon wagt
und seine Sache so gut macht, dass ein mittelschwerer Ohrwurm dabei herauskommt.
][ janson
Ada - Blindhouse/Luckycharm - Areal 010
Die Producerin der neuen Areal ist ein rosa Pony, heißt Michaela
oder Ada und will dich mitnehmen auf ein kleine Reise ins All, zu einem
Ort, wo man sich ähnlich wohlfühlen kann, wie in einem Sternheuhaufen.
Was wäre da zu erwarten? Wahrscheinlich riechts da ganz gut
und man kann sich einfach hinwerfen. Körperlich wie seelisch, ohne
Angst haben zu müssen zu hart zu fallen. Außerdem wäre
zu erwarten, daß man dort verschont bliebe von den ganzen Spinnern,
die hier auf der Erde ihr Unwesen im Namen der Gerechtigkeit treiben.
Dazu braucht man nämlich Phantasie und das ist ja bekanntlich nicht
gerade die Stärke der Starken!
Dort angekommen - die Reise war gar nicht so lang - entpuppt sich der
flauschige Ort als Platz an dem auch gelacht werden darf. Ein angenehmer
Humor, bar jeder Hysterie. Gesungen wird hier auch, aber nicht zu viel.
Ich nehme mal an, das ist Ada selbst, die mich hier verführen will.
Unterstützt durch Klänge, die fast areal-typisch etwas spleenig
Richtung Pop-Minimalismus gehen, ohne den Hedonismus, den sich z. B. Kompakt
hier und da von Disco leiht. Würde mich nicht wundern, wenn Metope
seine Finger hier im Spiel hatte. Jedenfalls wieder eine sehr schöne
Areal, die man irgendwann in der Nacht gebrauchen kann, wenn man Jungs
und Mädchen auf der Tanzfläche haben will. ][ f. d`a

Underworld - Two Months Off (Rmxs) - V2
Wahrscheinlich das intensivste Stück des weiter vorne im Heft besprochenen
Albums, hier als King Unique Sunspots-Vocal Mix und John
Ciafone Vocal Remix. Das in epischer Länge gehaltene LP-Original
wird hier den Club-Ansprüchen gemäß etwas reduziert und
bietet genügend kompositorische Steilvorlagen, um wirkungsvolle dramaturgische
Akzente setzen zu können, ja eigentlich müssen. Die unglaubliche
Grundintensität des Tracks schlägt dann auch so gründlich
durch, daß es sehr, sehr lange dauert, bis man die beiden Bearbeitungen
wirklich voneinander unterscheiden kann. Ob das gut oder schlecht ist,
habe ich mir jetzt gar nicht überlegt. ][ hve
Voodooamt - Nachtschicht - Frisbee
Patrick Lindseys erste Solo-Maxi auf dem Frankfurter Label seit fünf
Jahren (zwischenzeitlich veröffentlichte er hier auch Co-Produktionen
mit Monika Kruse) beginnt mit einer bedrohlich anschwellenden Synthie-Figur,
die das Fundament für die dramaturgische Dynamik des Titeltracks
bildet und darin immer wieder aufgegriffen wird. Ein intelligenter Reißer,
der im Club exzellent funktioniert. Die Rückseite Sonde FX4
weist ähnliche Merkmale auf, vielleicht eine Spur verhaltener, sphärisch
dichter und einen Tick mehr harmonisch variiert. ][ hve
Automatique - Nightclubbing - Italic
Irgendwo zwischen Andy Vaz und Maurizio bewegt sich das Hamburger Produzenten-
und DJ-Duo Harre Kühnast & Henry Stamerjohann, das u.a. im Bandkontext
von Station 17 auf Mute veröffentlichte und in der hanseatischen
Club-Landschaft für hochkarätige Eventprojekte mit illustren
Gästen (wie z.B. Claude Young, Funk DVoid, Josh Wink, Steve
Bug, Memory Foundation...) sorgte. Seine erste Produktion auf Italic beschert
uns mit drei Tracks Minimal-Techno der reduziertesten Sorte, mit nur vereinzelten,
zielgesetzten Einsprenkseln, der trotz seiner Transparenz durch einen
phasenweise gemächlich (wohl nur) erscheinenden, monotonen Groove
eine feine hypnotische Stringenz entfaltet. Parallelen zu Grace Jones
sind übrigens nur im Titel festzustellen. ][ hve
Pepita Project - Pepita Theme - Personal
Erste Veröffentlichung eines neuen Projektes um Stephan Keclik, Jonny
Nemetz und Personal-Chef Smoab. Nach einem etwas überstrapazierten
Intro auf der A-Seite erwartet den geduldigen Hörer mit Pepita
Theme der Beweis, daß die Stadt, die uns Kruder & Dorfmeister
brachte, auch weiß, wie man einen Housebeat bastelt. Das hilft natürlich
wenig, wenn dieser Beat dann mehr Sounds und Firlefanz zu tragen hat,
als auf die Schultern russischer Möbelpacker paßt. Auf der
Flipside naht die Rettung in Form eines überaus gut gelaunten Marcus
Worgull (Spectrum Works). Dieser greift den bereits erwähnten Beat
auf, schmeißt die Redundanzen über Bord und schafft so gründliches
Handwerk. Lediglich die hinlänglich und oft verwendete Hook des New
Yorker Tanzmusik-Klassikers Together Forever von Exodus, hätte
auf der Samplebank bleiben dürfen. ][ janson
James Duncan - City Life/Dub With Me - Traxxx
Aufmerksamen Lesern des Kleingedruckten auf Schallplattenetiketten wird
der Name James Duncan wohl ein Begriff sein. Als Mitglied des Zirkels
um Morgan Geist und Darshan Jesrani durfte er auf deren zweiter Metro
Area EP ins Horn, genauer gesagt in die Trompete, stoßen. Daneben
führt der Herr ein kleines Label namens Le Systeme, das allerlei
elektronische Musik im Angebot hat und hierzulande noch entdeckt werden
will. Für die zweite Platte auf Manny Diaz und Stefan Prescotts (Dance
Tracks, Spiritual Life) Traxxx-Label hat sich James der nicht allzu fernen
Vergangenheit sogenannter New Yorker Designerlabels genähert. Holger
Klein verwies deshalb in einer seiner überaus lesenswerten Full
Swing-Kolumnen auf die frühen Erzeugnisse von Nervous Records.
Andere Experten des Genres zückten sofort die Strictly-Rhythm-Karte
und bejahten die trackige funkyness von Dub With Me. Menschen,
die sich eher im hier und jetzt zuhause fühlen, werden an der gebrochenen
Beat- und Soudästhetik ihre helle Freude haben. Mehr gibt es unter
www.lessysteme.org. ][ janson
Kuniyuki - Precious Hall - Natural Resource
Die Precious Hall ist angeblich ein sehr feiner Club im fernen Japan -
so sagt man jedenfalls. Demnach bedarf es auch keiner großen Gedankenarbeit,
um den Produzenten dieser Platte dort anzusiedeln. Kuniyuki Takahashi
heißt der und ist zumindest mir bisher nicht weiter aufgefallen.
Mit Precious Hall ist ihm allerdings ein ganz großer
Wurf gelungen. Tiefe Orgelakkorde der alten Schule galoppieren über
11 Minuten auf einem fabelhaft zu nennenden drum programming. Angehalten
wird das Ganze nur von einem ziemlich regellosen Break vor dem letzten
Drittel des Stückes, das den Hörer kurz an der geistigen Gesundheit
des Produzenten zweifeln läßt. Verzweifeln hingegen läßt
uns der Mix auf der anderen Seite der Medaille. Secret Street Mix
heißt der und wäre besser secret geblieben. Nichtsdestotrotz
oder gerade deswegen auch für die Freunde aus der House-not-House-Ecke
interessant. ][ janson
Digital - Dubsativa EP - Function
Qualität und Quantität in Kombination sind eine gute Sache.
Zugegeben: der musikalische Discount-Output, including ständige Selbst-Plagiierung
Digitals führte in letzter Zeit bei so einigen zu grundsätzlichem
Abwinken. Ähnlich den Phänomenen Total Science oder Dillinja.
Der um die vollen Plattentaschen der DJ-Kundschaft besorgte Vinyllieferant
vor Ort mußte nur allzu oft die Erfahrung unkontrollierten Gähnens
bei Erwähnung neuer Veröffentlichungen oben genannter Künstler
machen. Doch das Licht am Ende des Tunnels ließ nicht lange auf
sich warten: bereits das erst wenige Monate hinter uns liegende Digital-Album
Dubzilla durfte so einiges an zurecht gefällten und nach
und nach zu grundsätzlichen Vorurteilen gewordenen Meinungen revidieren.
Mit der Dubsativa EP im schmucken Doppelvinyl setzt der Dubmeister
dem noch eins drauf und dürfte auch die Nicht-LP-Käufer um den
Finger zu wickeln wissen. Die vertretene VIP-Version des 2000er Hits Deadline
ist, um meine Mutter zu zitieren, so unnötig wie ein Kropf,
dennoch dürften die drei übrigen Stücke sämtliche
Skeptiker überrollen und mit tonnenschwerem Bass in Grund und Boden
walzen. ][ feindsoul
Plain Prod. 002
Der Schwerpunkt dieses Hamburger Labels liegt eindeutig auf Breakbeats
im Sinne von: warum ist derzeit bei 90% aller DrumnBass-Produktionen
die Snare auf der zwei und der vier? ... warum beherrscht Geradlinigkeit
die Tanzflächen? ... warum bewirft mich die Crowd mit Hamburgern?
Nach Cycom auf der 001, packt die 002 einen neuen Trumpf aus dem Ärmel.
Barth ist aus Leipzig, genießt bisher Online-Releases auf protocut.net
und kann auch mal eben Source Direct in den Schatten stellen. Doch lassen
wir die Vergleiche. Schizophrenic fährt ein dickes Drumkit
auf und holt aus ihm das letzte raus. Was noch recht gemütlich beginnt,
wird schnell zu Martial Arts ähnlichen Crash-/HiHat-Gewittern. Alles
ist auf die Beats konzentriert. Viele Stop-And-Go-Effekte. Minimale Abwechslungen
mit maximalem Effekt. Der Bass könnte lediglich noch etwas mehr Druck
vertragen. Cyclotron stellt im Vergleich dazu melodische Ansätze
etwas mehr in den Vordergrund, hält einen feinen Knarz-Breakdown
bereit, wirkt aber insgesamt sehr unruhig. Gut jedenfalls, daß es
dieses Label gibt, denn neben Spaß und Spiel
brauchen wir auch noch Spannung, und die hält uns Plain
bestimmt auch wieder mit den nächsten Releases parat. ][ lightwood
Precision 022
Der A&R gibt sich nach langer Abstinenz mal wieder selbst die Ehre,
auf seinem Outlet Präzisionsarbeit abzuliefern. Kabuki schafft es
bei den zwei vorliegenden Tracks, trotz geradliniger Technoidität,
die nötige Portion Groove einzuflechten. Straylight und
Ketamin sind verspielt funkig, fröhlich hüpfend,
ohne auszubrechen oder überheblich zu wirken. Viele variierende Detroit-Pads
und die wieder einmal filigrane HiHat/Percussion-Arbeit wissen zu gefallen.
Wer den Spend The Night Remix droppt, wird definitiv auch
hier auf seine Kosten kommen. ][ lightwood
KFA 008
Knite Force Advanced. Man kommt ja selten ran an diese Scheiben, in erster
Linie über Mailorder (www.i-tunes.co.uk). Knite Force gehört
Luna-C und ist eines der dienstältesten Happy Hardcore Label. Mit
der Advanced-Version wird diese typische OldSchool-Piano-Happiness
auf ein zeitgenössisches Level gehievt. Spannend, denn es gibt derzeit
nichts wirklich vergleichbares. Hier spielt auch weniger eine aalglatte
Produktion mit astreinem Mastering eine Rolle, als viel mehr der Spaß
an der Sache. Vinyl ist da ein cooles Format. Die 008-12 ist mit
Extended Family EP betitelt, auf der uns Chris Howell aka
Luna-C seine Sinnesgenossen präsentiert. Zum Beispiel Nevis-T aus
Karlsruhe, der bei Spoons Under Error mit kickenden Beats
einen verspielt fröhlichen Pfadfinder-Marsch mit Weihnachts-lied-Refrain
komponiert. Oder Unsubdued, der bei Reachin Out junglig und
etwas düsterer in die Rave-Chords haut und spätestens beim Breakdown
absolut bestechen kann. Oder DJ Evil, der so richtig schön blöde
Kindermelodien auspackt und mit 4/4-Beat unterlegt, daß man das
am liebsten im Vollrausch seiner Oma am Geburtstag vorspielen will. Für
Spezialisten, Sammler oder Freaks. ][ lightwood
|