OUK das neunund30ste ± sitzt & glänzt ± Okt/Nov 02 Gespaltene Töne

De-Composed

Nicht Techno, nicht Jazz, nicht Reggae, nicht Brazil, nicht Two Step, nicht Drum&Bass, lieber Puzzlespieler sein, ständig im Schwebezustand zerlegen und sezieren, neue Zwischenzustände kreieren, die Summe der einzelnen Teile, die nie ein homogenes Ganzes bilden, das Zauberwort heißt Heterogenität. Und so verhält sich auch mit dieser Kolumne, hier werden völlig unterschiedliche Genres besprochen, die eigentlich nicht so weit voneinander entfernt sind, wie manch einer glauben mag. Und am Ende kommt der nächste Turntable-Akrobat um die Ecke, der die einzelnen Teile virtuos miteinander veknüpft: von Digital Underground Scheiben hin zu Broken Beats, von Sixties Soul hin zu Basic Channel Dub. Der Ort dieses Ereignisses ist dann aber nicht die Dorf-Scheune am Ende der Straße, sondern ein ambitionierter Club. So wie die Wähler nicht immer gleich wählen, so wollen auch die Club-Gänger und Home-Listener nicht immer den gleichen homogenen Sound hören. Genug der Sonntags-Predigt, auf in das unebene Tal interessanter, vielversprechender Neuveröffentlichungen, der Autor haftet nicht für Unvollständigkeit. Hier werden lediglich ein paar bunte Tapetenstücke vorgestrichen.

Kennt einer von euch das Label Tummy Touch? Wer schon immer gerne durchgeknallte Italo-Disco-Perlen heimlich zu Hause gehört hat, ohne die Nachbarn damit gewollt zu terrorisieren, der sollte sich unbedingt die neue Tutto Matto anhören „Hot Spot“ - Boogie-funkelectroitalodiscostep in extravaganter Manier, produziert von Jurij und Pablo, der seine Skills auf katholischen Kreuzfahrtschiffen im Mittelmeer entwickelte. Nach „Hot Spot“ empfiehlt es sich direkt mit der Tummy Touch Compilation „Touch Tones“ weiter zu machen, vor allem Turbo Men mit „Sexy Lady“ und Mains Ignition „Swedish Girls“ brillieren hier - die einen mit Easy-Listening-Porno-Independent und die anderen mit amüsantem Electro - Tummy Touch ist derzeitig zurecht eines der besten englischen Indie-Labels. Von England nach Deutschland und da direkt nach Berlin zu Kitty Yo - das Louie Austen Remix-Paket. Hoping, vor allem im Jimi Tenor-, Martini Brös- oder Herbert-Remix, dazu eine Flasche Rotwein oder Wodka, wahlweise, noch durchgedrehter dagegen die Laub EP „Fileshaving“- hier wird jede Schublade umgedreht durch den Fleischwolf gezogen, viele Sounds und Schnipsel, ein wenig Techno, ein paar Gesangsspuren und viel Abwechslung, wer es ein wenig gediegener und geradliniger mag, sollte sich mal das neue Turner-Album auf Ladomat anhören. „A Pack Of Lies“ besticht durch gekonntes postmodernes Songwritertum, ein wenig plüschiger als frühere Veröffentlichungen. Und noch einmal Berlin, diesmal das Sonar Kollektiv - das „Studio Don“-Album von Lightning Head für Best 7 - eine beeindruckende Fusion von Dancehall, Dub und Brazil - hinter dem Pseudonym Lightning Head verbirgt sich Glyn Bush aka Bigga Bush, der früher zu Rockers Hifi gehörte und mittlerweile auf einer Farm in Dorset/Südengland lebt. Weniger dub-lastig, aber dafür umso mehr brasilianisch, die neuen Veröffentlichungen auf Schema, allen voran die Neu-Interpretationen von Nicola Contes „Jet Sounds Revisted“: The In Samba performed by Kyoto Jazz Massive, Fuoco Fatuo performed by Koop und Bossa Per Due performed by Thievery Corporation... Außerdem ein Album von S-Tone Inc. und dem Fragmentorchestra: beide Entwürfe sind sehr organisch ausgefallen, viele verschiedene Instrumental- und Gesangspassagen, eingebettet in ein fragiles Sound-Kostüm.
Im Süden nichts neues, in letzter Zeit doch ein wenig eingeschlafen zu sein scheint die ein oder andere Compost-Veröffentlichung, doch Minus 8 und Procreation überzeugen dann doch vom Gegenteil: Minus 8 rockt den Dancefloor mit „A Concha Cor De Rosa“, brasilianischer Drum&Bass, der stark an Patife erinnert; unbedingt anhören solltet ihr euch dessen grandiosen Remix für Koop - „Waltz for Koop“, und die neue 12“ von Procreation - von Sam Geiser, der in Bern lebt. Seine Produktionen klingen aus jeder Pore nach Detroit. Ganz anders der neue Folky Sampler „Acoustic Music in Digital Times“: zeitlose, recht entspannte Musik, fernab von gängigen Klischees direkt aus dem Hause Spectrum Works.
Ganz erstaunt war ich über das Album „Moments in Dub“ von Jordan Fields auf Mo Wax - mit Dub hat das Ganze nämlich nichts zu tun, eher mit Acid House, Chicago und Detroit aus der Retrospektive heraus betrachtet, die Cover-Gestaltung ist dann auch ganz schlicht gehalten, so ganz in Gelb und man wird den Eindruck nicht los, daß „Moments in Dub“ mit früheren Mo-Wax-Veröffentlichungen nicht unbedingt zu vergleichen ist.
Einen grandiosen, wunderbaren, herzzerreißenden frühreifen Deep-House-Klassiker hat uns der gute Andrew Brooks mit „You, Me & Us“ beschert, Weihnachten ist zwar noch nicht da, aber dafür gibt es diese ganz andere Deepster-Bescherung schon einmal vorab.
Zuletzt zwei HipHop-Perlen für euch, und zwar Mark Rae mit „Rae Road“ - Reggae, House und Psychedelic Sounds unter demokratischer HipHop-Führung, auf der ganz anderen Seite des Reiches, das kleine, aber feine HipHop-Label Swamp Records aus Wuppertal, die mit Metaphysics - „Elevated Perception“ den nächsten innovativen Act gesignt haben: HipHop der anspruchsvollen Art! ][ j.n

Gespaltene Töne

Bohren & Der Club Of Gore - Black Earth - Wonder
Ja, schwarz ist die Erde wenn der HorrorJazz von Morten Gass, Thorsten Benning, Robin Rodenberg und Christoph Clöser über die Lautsprecher schwere Samtlaken ausrollt. Endlos, eingefrorener Stillstand der Zeit. Alle Hektik zerfällt zu Staub in der endlosen Weite zwischen den einzelnen Sounds. Langsam, sehr langsam schleppen sich die Komponenten aus sanft gestreiftem Schlagzeug, gehauchtem Saxophon, Kontrabass und Melotron vorüber. Eine Leichenprozession in ineinander verfließenden Einzelbildern. Blutrote Flecken lassen unaussprechliches am Rande erahnen und in der Phantasie Bilder eines Hironimus Bosch aufkeimen. Voller Trauer und Schwermut. Twin Peaks für Fortgeschrittene. Musikalisch interpretierte Stille in einem zeitlosen Gewand dem geduldigen Zuhörer fröstelnd entgegenwehend. Wenn schwarzer Schnee alles unter sich begräbt und die Gedanken zu erfrieren beginnen. ][ g

Napoli Is Not Nepal - Revolv_er - Shitkatapult
Shitkatapult! Das Berliner-Label, das den „Guter-Geschmack-Heimern“ dieses Erdballs immer schön eine lange Nase dreht. Diesmal mit „Revolv_er“, einem schnaften Hybriden aus frutzeliger, verspielter Electronica, Fatboy-slimmiger (ähem) Bratung aus dem Samplekatalog von Best Music und Brekbeat/Downbeat-spielereien, die mehr mit Panoptica gemein haben als mit Compost. Napoli Is Not Nepal ist das Ein-Mann-Projekt des Kölners Hendryk Bayrhoffer. Er bedient sich zwar sowohl dem akustischen als auch dem digitalen Instrumentarium, kreiert mit seinem Debüt-Album aber ein Phänomen, was unabhängig ist von hilflosen Etiketten wie New-Folk, oder Indie-Tronics (Bah!). wie bei vielen anderen hybriden Platten kommt es auch bei „Revolv_er“ darauf an „was“ transportiert wird und nicht unbedingt wie. So hat das Album elf Songs, die durch zum Teil vielschichtige Harmonie- und Melodieführung nicht mehr viel mit Tracks zu tun haben, ausser dass ihnen Beats unterlegt sind, die aus den unterschiedlichsten Bereichen der Club-Musik stammen. Die Beats sind die Butler der Songs, die am tollsten klingen, wenn sie in ihren Ansätzen am konsequentesten zu Ende gedacht wurden. Wie zum Beispiel in dem schönen „they`ve never had the popsense“, wo sich ein flirrender Frutzelbreak-beat wie ganz dünner Stoff um den song schmiegt. Am besten ist „Revolv_er“ wenn der Pop Überhand gewinnt über den Jazz-Anteil, weil da wird es meist etwas zuviel des Guten. Ansonsten würde
ich sagen: Money Mark in der Post-Indie-Post-Clicks &Cuts-Phase, zu Zeiten, wo die schönste Pop-Musik von Karaoke Kalk kommt. Nicht so toll wie Manitoba aber die gleiche Sportart...
Die Diskussionen über akustische oder gar rockistische Musik, die mit elektronischer korrespondiert oder fusioniert ,sollte man langsam abhaken. Sie waren mir aber schon immer ein Greuel. Indietronics als Rockersatz für den modernen Menschen erscheint mir als Erklärungsmodell doch ziemlich FDP zu sein. Man gibt sich modern, aber verhandelt trotzdem extrem reaktionäre Themen. Damit haben Shitkatpult-Themen noch nie was zu tun gehabt. Diese Menschen denken und handeln in die entgegengesetzte Richtung. ][ f. d`a

Kandis - Airflow - Karaoke Kalk
Neun neue kristalline Räume voller Dunkelheit in deren düsterem Ambiente warmherzige Klänge und ausgleichende Melodien die Kälte vertreiben. Musik, die zum Träumen einlädt. In sich vollkommen, transportieren die Einzelkompositionen in weit entfernte Regionen elektronischer Soundlandschaften. Eine herbstliche Abendstimmung, in der buntes Laub von verdörrten Ästen im frischen Abendwind zeitlupenartig durch die Luft gewirbelt wird. Spiralförmig. Immer im Strudeln. Jeweils ein grenzenloses System, das nach allen Seiten hin offen zu sein scheint. ][ g

Westpark Unit - Collected Selected Related - Draft
Die Wahldortmunder Herb LF und Ingo Sänger bewegen sich hier durch ein weites Terrain, irgendwo zwischen House, Soul und Jazz. Die sehr eigene Melange wirkt wie aus einem Guss. Alles ist auf den Punkt gebracht; abwechslungsreich und dennoch gekonnt minimal umgesetzt. An keinem Punkt hat man das Gefühl die Tracks sind zu überladen. Vorlieben für HipHop, Reggae oder auch Bossa sind oft zu spüren, aber selten wirklich zu hören. Die Beats haben an der richtigen Stelle den richtigen Effet. Ab und zu sind bekannte Samples sinnvoll eingestreut. Galant werden die Vocals eingesetzt, wie z. B. die der Jazzsängerin Beate Witte oder von Darren Lee bei der „Look Of Love“-Interpretation. Das Victor Davies Gastspiel wird schon fast zur Nebensache, stellt es doch eher das Sahnehäubchen als den ausschlaggebenden Kaufgrund dieses Albums dar. Ein wunderschön warmes, deepes und souliges Album - Wohlfühlmusik. Wenn’s draußen wieder kälter wird... Für Genießer. ][ lightwood

Allstar Alliance - Cityslickers Vol.2 - Stir 15
Neueste Werkschau von einem der dienstältesten deutschen Houselabels. Wie auch auf der ersten Cityslickers setzt man zum einen auf die etablierten Pferde im Stir15-Stall wie Boobjazz, Deutschlands Soulboy Nummer eins Thorsten Scheu aka Glance oder C-Rock selbst, zum anderen werden relativ neue Namen wie Jussi Pekka aus Finnland oder Convergence Club aus Berlin eingeführt. So gibt es musikalisch auch keine großen Überraschungen. Der etablierte und geschätzte Stir15 rult mal mehr, mal weniger gerade im Beat und Glance sorgt mit Marlene Johnson und Jimmie Wilson dafür, daß auch die Stimme im House nicht zu kurz kommt. Alles in allem ein guter Überblick des Zustands der Kunst im Lande. ][ janson

VA - Process - Re-processed (Interkontinen-tale Rmxs) - Traum
Ein überaus ambitioniertes Projekt legt Traum mit dieser Doppel-CD vor. Riley hat seine Kontakte spielen lassen und insgesamt 22 Künstler aus dem Trapez/Traum-Umfeld gebeten ein Song von everybody`s darling Process zu remixen. Die meisten hielten sich an „Pelican“, dem Track von der letzten Traum Compilation „Interkontinental“, einige andere bevorzugten einen anderen von Process` Tracks. Man könnte sich seitenlang auslassen über diese Werk, bei dieser Masse an Songs und der Qualität der Remixer. Um es kurz zu machen: CD 1 geht eher den klassischen Traum-Minimal-Romantik-Weg mit wirklich ungeheuer schönen Stücken von u.a. Thomas Jirku (mal wieder super!), Broker/Dealer, Cabanne und Algorithm (Jeff Milligan) um nur die besten zu nennen. Die zweite CD erscheint etwas freier zu sein und gefällt mir noch einen Tick besser. Markus Guentner eröffnet mit einem Air-artigen Downbeat, Philipp Cam ist eh erhaben, M.I.A immer noch in Hochform und Oliver Hacke unterstreicht seine Ambitionen, der nächste Coocoon-Act werden zu können. Nur Akufen wirkt etwas überspielt und sollte beim nächsten Sampler mal der Rotation zum Opfer fallen, der braucht ma `ne Pause! Insgesamt wird über 140 Minuten nicht nur einem der wichtigsten Künstler dieser Zeit gewürdigt, sondern auch Traums Ausnahmestellung im romantischen Techno untermauert. So schön kann das kein anderes mir bekanntes Label, ohne kitschig zu werden. ][ f. d`a

VA - Ambassadors - Santorin
Wie beginnt man denn eigentlich die Besprechung einer Platte, die nette Menschen besonders gut gemacht haben? Vielleicht könnte man kurz aus dem Duden zitieren, was denn eigentlich der Titel (zum Beispiel bei Santorins erstem Silberling „Ambassadors“) bedeutet. Anschließend könnte man die lustige Wortspielerei durchleuchten und näher auf die elf, teils neuen, teils bereits auf Vinyl veröffentlichten Tracks von Simon V & Telmo A., Cycom, young ax, The Green Man & Artefact eingehen. Man könnte die Mischung aus tiefer, kühler Melancholie und clubkompatibler Tanzbarkeit erwähnen, für die der Name des Lables steht wie kaum ein zweiter. Man könnte die Vinylversion mit ausschließlich den unveröffentlichten Stücken der Compilation erwähnen und dabei betonen, man würde diese gerne sein Eigen nennen. Spätestens an dieser Stelle müßte der Rezensent sich Buh-Rufe und den Vorwurf der Koketterie vorwerfen lassen. Er müsste ca. 234 Emails von vorhaltsvollem Inhalt lesen und womöglich beantworten. Und zwar zurecht. Da schweift man doch lieber mal vom Thema ab und hofft, dass es keiner merkt... Letztlich kam im Fernsehen eine Dokumentation über Atlantis und die größtwahrscheinliche Lage des versunkenen Kontinents. Die berichtenden Forscher vermuteten, Atlantis sei die bei einem Vulkanausbruch versunkene Insel Terra, von der lediglich ein kleiner, felsiger Kraterrand übrig geblieben war. Hinweise darauf waren Jahrhunderte alte Warm- und Kaltwasserleitungen sowie die ersten Toiletten mit Spülung. Kein Witz. Der „Kraterrand“ ist heute ein idyllisches kleines Urlaubsziel das zu Griechenland gehört und heißt Santorin. ][ feindsoul

X-Plorer & Dee Pulse - Pleasure Principles - Hard:Edged
Die beiden Kölner ShakeUps nutzen die Hard:Edged-Fäden um mit ihrem ersten reinen Artist-Album größtmögliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Alles geht auf. Es fließt und gleitet in bester X-Plorer und Dee Pulse Manier. Nötige Ecken und Kanten sind vorhanden, trotzdem der absolute Perfektionismus der beiden wieder zu Buche schlägt. Typisch auch die Detailverliebtheit, mit der jedes noch so kleine Winkelchen neben Drums und Bässen mit Leben erfüllt wird. Insgesamt klingen die Tracks etwas reifer und schlüssiger als bisherige Releases von ihnen. Die Stärken eines Albums wurden voll ausgenutzt: Tracks für zuhause, Tracks für den Club und Tracks für zuhause und den Club, Downbeat-Ausflüge und massenkompatibler Super(vocal)hit „Trust“ inklusive. ][ lightwood

Wang Inc. - Risotto in 4/4 - Bleep 15
Reise in die elektrifizierende Küche von Wang Inc. Ganz oben auf dem fast 55 minütigen Menü stehen innovative, verspielte und experimentelle Köstlichkeiten. Doch nicht nur die Gerichte, aus zahlreichen Körnchen zu einem Meisterstück arrangiert, verzaubern den hörenden Gast. Jede einzelne Zutat, aus einem schier unerschöpflich wirkenden Gewürzschrank kommend, verleihen jedem weiteren Gang seine individuelle Note. Eine Prise Rock, eine Messerspitze Jazz, dort ein Löffelchen Discosound und hier ein Spritzer Punk. Schon Fred Frith zeigte in dem Dokumentarfilm “Step across the border” wie vorzüglich sich Reis zum Musizieren eignet. Bei Risotto 4/4 wird diese Idee neu aufgegriffen, und im Herzen der Maschine Sample-Körnchen für Sampel-Körnchen vereint zu einem, auf tänzelnden Beinen die Gedanken davontragenden, Konglomerat an Einzelsoundverästelungen. ][ g

VA - Blue Skied An’ Clear - Morr Music
Wenn zwei Jahre nach “Putting The Morr Back In Morrisey” wieder eine groß angelegte Werkschau von Morr Music erscheint, hängt - speziell nach der fantastischen Platte der Label-Zugpferde Lali Puna im letzten Jahr - die Erwartungslatte sehr hoch. Die erste Hälfte von „Blue Skied An’ Clear“ ist Coverversionen der Briten Slowdive gewidmet, während die zweite Appetithappen kommender Platten bietet. Ich kenne zwar nichts von Slowdive, aber lustigerweise ist das Stück, das meiner Vorstellung von ihrem Sound am nächsten kommt, im zweiten Teil der Platte zu hören, wo Guitar über einen Drumloop rocken wie weiland My Bloody Valentine. Die Coverversionen im ersten Teil sind hingegen eher zurückhaltend und respektvoll, und mehr als einmal leider in harmonischer Schwelgerei gefangen. Der Wille, sich von Kitsch, Bombast oder gar Muzak durch geeignete Störfaktoren abzugrenzen, ist bei Isan und Jonas Munk, der hier unter den Namen Limp und Manual dabei ist, nicht immer ausgeprägt genug. Punkte sammeln hingegen Future3, Komëit und die Bands mit Acher-Brüdern (The Notwist), Ms John Soda und Lali Puna. Alles in allem: Latte übersprungen.
Ich muß bei Morr Music immer wieder an 4AD der Achtziger und frühen Neunziger denken, das Label, auf dem Cocteau Twins, Dead Can Dance, aber auch die Pixies erscheinen. Die Parallelen gehen von einer starken Wiedererkennbarkeit im Design bis zu deutlichen Ähnlichkeiten im Sound. Wir werden dem nachgehen... ][ amv

Palais Schaumburg - Palais Schaumburg (Re-Issue) - Tapete
Schwer zu glauben, daß es eine Zeit gab, in der so eine Platte bei einem Major Label erscheinen konnte. Diese Zeit ist allerdings 21 Jahre her, und die damals beginnende Neue Deutsche Welle half den deutsch singenden Hamburgern von Palais Schaumburg sicherlich, mit ihrem eckigen New Wave mit Dada-Texten auf ein Paar Hit-Compilations zu kommen. Damit hörten die Gemeinsamkeiten mit der NDW aber auch schon auf, denn näher als Hubert Kah liegen hier Funk/Punk/Art-Fusionisten wie This Heat, Gang of Four oder Liquid Liquid. Wie letztere spielten Palais Schaumburg ohne Gitarristen und mit einer extrem versierten Rhythmussektion, die an einigen Stellen („Grünes Winkelkanu“!) verblüffend nahe an einem Proto-Drum’n’Bass liegt. Solche Stellen sind auch heute noch atemberaubend zu hören. Die Sounds, die hier aus analogen Instrumenten geholt werden, sind ebenfalls gelegentlich schwer zu begreifen. Sicherlich ist es auch kein Zufall, daß Schaumburg-Chef Thomas Fehlmann später bei The Orb und heute bei Kompakt auf höchstem Niveau in Elektronik machte. Was weniger gut gealtert ist als die Musik, ist leider Holger Hillers Nicht-Gesang. Ebenfalls fehlen, dem damaligen Zeitgeist geschuldet, gelegentlich einfach ein paar Melodien. Eine großartige Inselplatte ist das sicher nicht, aber eine sehr interessante und nicht zuletzt auch humorvolle (Wieder-)Entdeckung. ][ amv

Fehlfarben - Knietief Im Dispo - !K7
Ob ausgeschöpfte Überziehungskredite der Bandmitglieder, wie der Album-Titel (ungewollt?) nahezulegen scheint, den Anstoß zur Produktion dieser LP gegeben haben, mag dahingestellt bleiben – zwingende Notwendigkeit aus „künstlerischer“ Sicht offenbart sich jedenfalls beim Anhören des Ergebnisses nicht. Denn die einstigen Düsseldorfer NDW-Rebellen um Peter Hein, die schon Anfang der 80er mit der zweifelhaften Ehre zu kämpfen hatten, als erste Vertreter der damals neuen Bewegung auch auf (ideologisch untragbaren) SozPäd-Festen aufgelegt zu werden, demontieren sich hier bestenfalls selbst (nämlich vor einstigen Weggefährten – schlechtestenfalls interessiert’s garniemanden). Zwar wird sparsame Elektronik in den Sound aufgenommen, aber dieser Schritt wirkt eher wie ein notgedrungen anbiederndes als ein reflektiert überzeugtes Zugeständnis an die Jetztzeit. Der Duktus von Stimme und Rhythmusband dagegen klingt wie früher und fällt damit inzwischen hinter Epigonen wie etwa (die auch längst überholten) Blumfeld zurück, während die Texte über (immer noch) pubertäre Jammer-Diskurse à la „Hamburger Schule“ (die im Gegensatz zu diesen alten Haudegen immerhin noch ihre gymnasiale Lebens-Unreife als Rechtfertigung anführen kann) kaum hinausreichen, ja sogar an der Hybris peinlich bemühter Selbstzitate zur Herstellung etwaiger Wiedererkennungswerte ersticken. Es geht eben nicht (um im sentimentalen Bild zu bleiben) voran, und Geschichte wird sicherlich nicht (mehr) von Fehrfarben gemacht! ][ hve

Underworld - A 100 Days Off - V2
Aufgrund der frühzeitigen Bemusterung hätten wir dieses Album auch schon im letzten ouk besprechen können, aber das VÖ-Datum 16.9. legte keine übertriebene Eile nahe, zumal wir uns so den ganzen Background- und Bio-Sermon, der bereits seinen Weg durch die monatlichen Pocket-Magazine hinter sich hat, sparen können. Nichtdestotrotz muß auch von dieser Stelle dem vierten Longplayer der beiden Briten Karl Hyde und Rick Smith außerordentlich großes Lob gezollt werden. Als ausgiebig live-erprobte Musiker geben sie ihren erneut deutlich technolastigen Kompositionen den entscheidenden Kick mehr an musikalischer Reife und emotionaler Sensibilität, der den meisten, überwiegend Club-Tool-orientierten Produktionen heutzutage fehlt, ohne dabei den praktischen Vergleich mit diesen auf dem Dancefloor scheuen zu müssen. Und wenn sie mit (atmosphärisch) an J. J. Cale erinnernden Gitarrenausflügen oder R.E.M.-ähnlichen Gesangsintonationen die Tribal-Ecke in Richtung genreunabhängiger (von einigen hilflos „worldmusic“ benannter) Downbeats verlassen, dann nicht, um (aufgesetzte) stilistische Vielfalt zu demonstrieren, sondern um den nächsten Schritt innerhalb eines absolut zwingenden (von Tempo und Rhythmus zunächst unabhängigen) musikalisch-emotionalen Kontextes zu entwickeln und damit einen Flow kreativ umgesetzter, künstlerisch erfahrener Substanz zu initiieren, gegenüber dem ein vordergründig (metrisch) perfekter DJ-Set-Mix wie ein hölzernes Beispiel rein handwerklicher Hermetik wirkt, dessen (von dieser Produktion auch lässig beherrschte) Parameter als befreiend zu sprengende Fesseln entlarvt werden. Ein äußerst beeindruckendes Dokument gelöst in sich ruhender und doch gleichzeitig eigenständig stilbewußt vorwärtsdrängender, zeitgemäßer Souveränität. – Besprechung der Remix-Maxi siehe weiter hinten. ][ hve

Heiko Laux - Temp.Space - Kanzleramt
Neuberliner Heiko Laux in the Mix heißt erstma’ Abfahrt. Kein duseliges Intro, sondern gleich die Bassdrum durchgetreten und die Hi-Hats schwirren lassen, unter der Führung des Acid Scout kurz durchs Tal der deepen Latingrooves gerockt, und dann startet die Party im Kopf durch, bis sie sich mit Josh Winks Remix des Saisonhits von Alexander Kowalski feat. Raz Ohara auf Reisehöhe eingegroovt hat und der Mann an den Decks ab und an den Trance-Joker spielen kann. Über diverse Stationen aus dem Kanzleramt oder von außerhalb endet die Reise bei zweimal Jeff Mills, was ich als besondere Verneigung vor dem großen Techno-DJ deute. Sinn und Zweck der Einrichtung Techno-Mix auf CD erschließen sich mir nach wie vor nicht. Zu heiß die Party, die dieses Set gestalten sollte, zu kühl die CD neben der Stereoanlage in der frühen Vormittagssonne. Geht nicht zusammen. ][ mandel

VA - Massimo: Definition of Techno - Italic
Mit dieser Compilation-CD hat der gebürtige Düsseldorfer Massimo seine seit 1999 existierende gleichnamige Veranstaltungsreihe, die u.a. von Richie Hawtin, Chris Liebing oder Thomas Schumacher protegiert wurde, erstmals in eine Musik-Konserve gepackt, wobei Auswahl und Live-Mix der 20, zwischen drei und fünf Minuten langen Track-Ausschnitte ein ähnliches Feeling vermitteln sollen wie die von ihm organisierten Club-Events. Das mag zwar (soweit dies möglich ist) einigermaßen kongruent gelungen sein, und auch die Namen der involvierten Acts (u.a. Marco Bailey, Voodooamt, Toni Rios, Technasia, Verbos, DJ Rush, Ben Sims oder Sven Väth) klingen in den Ohren von Techno-Freunden sicherlich vielversprechend, aber das präsentierte Set nivelliert mögliche (bzw. eigentlich notwendige) Spannungsbögen doch zu sehr zugunsten einer (auf Dauer) fragwürdigen Hammer-Dogmatik, die hier unzureichend als „Kompromißlosigkeit“ verkauft wird und auch durch die Einbindung diverser Effektgeräte in die Mixtechnik nicht ausreichend aufgelockert wird. So stellt sich trotz der zweifelsohne meist vorhandenen Intensität der einzelnen Stücke zunehmend Langeweile beim Anhören ein, da Möglichkeiten zu einer kontrastreichen Auswahl und Anordnung bedauerlicherweise nicht genutzt wurden ][ hve

Marvin Dash - Model Turned Programmer - Stir15
Schon seltsam, was der Vibe von Chez Damier und Ron Trent auf ihrem, in dieser Form, verblichenen Prescription Under-ground/Balance Label für Früchte trägt. Zumindest hierzulande reißt der Strom der Bewunderer auch mehr als fünf Jahre nach Beendigung ihrer Zusammenarbeit scheinbar nicht ab. Daher taufen böse Zungen Marvin Dashs Album bereits in „Noni Turned Programmer“ um. Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht. Hier und da schlägt die Verehrung für die Ästhetik von Damier/Trent zwar sehr eindeutig zu Buche, aber Dash bewahrt sich trotzdem seine distinkte Ausdrucksweise, die man von seinen Werken auf Force Inc oder dem hauseigenen USM Label kennt. So gibt es hier auch noch mal Marvin Dashs „Friday Nights With Burt Reynolds“ zu hören, daß bereits vor zwei Jahren auf USM zu erwerben war. Ein Schaden soll das allerdings nicht sein, steht dieses eminente Stück doch exemplarisch für die Kompatibilität von Ohrensessel und Parkett, die diesem Album innewohnt. Andere Stücke wie „Motorcycle Emptiness“, „Balance“ oder „Delicious & Delirious“ sind eher zweideutig und verleihen „Model Turned Programmer“ tugendhaften Glanz. Die ach so omnipräsenten Gimmicks und Zitatenhurerei aus den 80er finden hier glücklicherweise nicht statt. Gerade dieser Unmodernismus ist es aber, der Marvin Dash zur ernstzunehmenden Kraft werden ließ und nichts weniger als das bis dato beste Housealbum des Jahres zur Folge hat. ][ janson

DJ Vadim - U.S.S.R.: The Art Of Listening - Ninja Tune
Wenn heute jemand den Titel Beatforscher verdient, ist das DJ Vadim. Seine Veröffentlichungen bei Ninja Tune, aber auch und gerade Seitenprojekte wie The Bug, tragen immer eine persönliche Handschrift, nicht nur in den Snaredrumsounds, sondern vor allem in ihrer hakeligen Groovyness, über die zu rappen schon Experten vorbehalten bleibt. Auf seiner dritten Ninja Tune Platte sind das erst einmal die Moshun Men, die ihren Hit „Terrorist“ von der letzten Vadim zwar nicht toppen, aber einen furiosen Einstieg bieten. Weitere Highlights setzen die verrückten Franzosen von TTC, die eine Spanne von 80 BPM derzeit so phantasievoll füllen wie kaum einer auf der europäischen Szene. Solide und soulful: Chief XL von der Soleside/Quanum-Gang und als vorläufiger Sieger Demolition Man mit einem knochentrockenen Ragga/Hip-Hop-Track. Überhaupt wird eine Hinwendung zum jamaikanischen Kulturerbe deutlich, und nichts könnte in diesem Herbst willkommener sein. ][ mandel

Pilote - Kingfood - Certificate 18
Ganz schön funky, Stuart Cullen eigens generierte neue Popwelt. Dopebeats, vereinzelte Klaviersounds, Stimmensamples, Beatvariationen und weitläufige Räume. Spannend ohne viele verspielte Schnörkel. Plötzlich die extravagante Stimme von Julian Bareham, zwischen MC und Rapstyle. Nur für einen Moment, dann wieder zurück in den synthetischen Äther des Arrangements verwoben mit versöhnlichen Melodien. Die Feinheiten im Detail verbergend ein geheimnisvoller Hörgenuss. Ein Trip in die Freude an der Erinnerung, wenn längst vergessene Momente durch kleine hörbare Anekdoten wieder reanimiert zum Tanz die freundliche Hand reichen. ][ g

Terranova - Hitchhiking Nonstop With No Particular Destination - !K7
Comeback des Jahres: Ariane a/k/a Ari Stepper a/k/a Ari Up und als solche vor ... schluck ... gut 20 Jahren Stimme der Slits bzw. später Adrian Sherwoods New Age Steppers wurde von Terranova wieder ins Studio geholt und beschert der zweiten LP der Berliner (ohne Kaos nur noch zu zweit) den ersten Hit, über einem bereits veröffentlichten Instrumental, daß mir ohne Stimme immer zu rockistisch daherschredderte. Aber jetzt: Aris Stimmpegel auf Anschlag wie in Zeiten der guten Punky Reggae Parties, von denen wir Spätgeborenen nur träumen dürfen, ergänzt um ein paar Kniffe aus der Dancehall ihres jamaikanischen Exils. Auch den zweiten Track mit Ari, „Mongril“ speichern wir unter „dufte“ ab, ebenso die Poetry/Rap-Beiträge des zweiten Gaststars Mike Ladd. Diese beiden wissen, wie man einen Track trägt, das muß alles sehr schnell gegangen sein. Bei Stimme Nr. 3, die von Nicolette Krebitz, dagegen mußte man in die Trickkiste greifen, die Frau ist eben keine Sängerin, sondern Schauspielerin und Regisseurin, und in diesem Metier hilft im Zweifelsfall nur eines: Schnitte. Und so wird mit allerhand Gecutte und Effektgehasche auch hier noch der eine oder andere Punkt gemacht. Schade: der Sound ist weg vom HipHop, geht eher in Richtung dirty Elektro-Bigbeat oder was unsere zugereisten Hauptstädter eben so brauchen zum Feiern. Dennoch: kurzweilige, streckenweise brillante Platte. ][ mandel

The Memory Foundation - Timequake - Central Records
Der „Entdecker“ des M.F.-Duos Duke & Tin, das auch unter den Namen Skinless Brothers, Ratio, Die Rhythmiker und Hi-lo (als Deep-Houser bei „Grow!“) veröffentlichte, kommt übrigens nicht aus dem Sherwood Forest, wie uns das Neuton-(Vertriebs-)Info durch die Verwendung des Vornamens „Robin“ nahezulegen scheint, sondern aus Detroit und trägt den Rufnamen „Robert“, Nachname „Hood“, wie ihr jetzt wohl schon erraten habt. Und damit wären die stilistischen Eckdaten bereits signifikant gesetzt, denn die Einflüsse aus der Techno-Urzelle Detroit sind unüberhörbar, wenn auch genug Platz bleibt, um die Bandbreite der eigenen Interpretationen dieses fundamentalen Paradigmenspektrums markant zu präsentieren. Ein eigener, überzeugender Soundpool ermöglicht es den Protagonisten, die atmosphärischen Ideen des Techno-Soul über die schroffe Klippe teutonischer Derivate hinüberzuschiffen. Keine mir bekannte Produktion der letzten Jahre hat es so überzeugend verstanden, einen über weite Strecken fulminant vorwärtsdrängenden Speed mit derart klanglich einprägsamer Plastizität zu verbinden und damit der Gefahr, im Dienste euphorisch bretternder Momentaufnahmen zu verpuffen, überzeugend zu entgehen. Auf Downbeat-Tracks wird nahezu verzichtet, doch die Aufnahmen bieten trotz ihres zügigen Tempos genügend Gelegenheiten zum rezeptorischen Durchatmen, da ihre abwechslungsreiche Gestaltung die Spannungsbögen immer wieder neu setzt, dabei aber trotzdem eine durchgehend selbständige stilistische Handschrift erkennen lässt. Erhältlich ist das Album entweder als Doppel-12“ oder Digiback-CD, wobei letztere eine Bonus-Disc mit Remixen u.a. von Fabrice Lig, Ben Sims, Funk D’Void, Daniel Bell oder Swag enthält, die zunächst nur reduzierte Tool-Qualitäten aufzuweisen scheint, nach mehrmaligem Anhören aber auch noch interessantere Momente zeitigt. ][ hve

Venus Malone - Pretty On The Inside - GAP
Den Fotos im CD-Inlay nach zu urteilen scheint Venus Malone durchaus auch quite pretty on the outside zu sein. Sieht man einmal von ihrer Zahnspange ab, aber so etwas ist wohl heutzutage mehr als modisches Accessoire zu verstehen, denn als Maßnahme fürsorglicher Dentisten. Aber hier geht es ja schließlich um Musik, haben wir doch ein ambitioniertes Nu Soul (nennt man das so?) Album vor uns und keines dieser agenturgefertigten R&B-Kaugummi-Girls. Auch wenn sich die Vita von Venus Malone so liest, als könne sie durchaus auch ein Destiny’s Child sein. Die Liebe zur Musik hat sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen, mit zehn war sie dann bühnenreif und mit 15 Songwriterin. Nach harten Jahren der Lehre hat es die Gute dann nach Deutschland verschlagen, wo sie ein Angebot wahrnahm, in einem Girlgroup-Projekt die Soul-Diva zu spielen. Da ist die dann allerdings lieber wieder ausgestiegen und hat an ihrer eigenen Musik gefeilt und mit Pittsburgh’s very own Lone Catalysts gearbeitet. Womit wir wieder beim Nu Soul Album wären. Hier macht Venus eigentlich alles richtig und wenig falsch. Gegner des Genres könnten ihr das Fischen in seichten Gewässern vorwerfen, Freunde desselben dürften von ihrer zarten und doch auch kraftvollen Stimme entzückt sein. „Pretty On The Inside“ klingt in seinen besten Momenten, als hätten sich Jazzie B, die Young Disciples und eben die Lone Catalysts zum Musizieren getroffen – vom slow jam bis zum runtergebremsten Club Beat ist hier alles dabei. An dieser Stelle sei auch noch mal auf die Maxiauskopplung „Eye On The Prize“ hingewiesen, die einen kickenden Fat Jon (Five Deez) Remix zu bieten hat. Definitiv ein Album für deine Freundin in dir. ][ janson

VA - Disco Spectrum 3 / compiled by Joey Negro and Sean P - BBE
Diesen Dave Lee muss man einfach lieben. Als Discoschallplattenverkäufer und Garageconnaisseur der ersten Stunde hat er sich um damals noch unbefleckte Talente wie Blaze aus New Jersey verdient gemacht, die mit Lizenzierungen auf Republic/UK wohl ihre ersten richtigen paar Dollar verdienen durften. Als Remixer hat er selbst Hand angelegt und sich über die Jahre unter seinem Alias Joey Negro mit einigen (auch kommerziell) schwer erfolgreichen Hits das Altersauskommen gesichert. Daneben fröhnte er stets seinem liebsten Hobby: dem Plattensammeln. Deshalb ist der Mann auch eine der ersten Adressen im Vereinigten Königreich, wenn es um die Zusammenstellung rarer Discoplatten geht. So geschehen auf Disco Spectrum 1 und 2, die uns Raritäten wie den Tony Humphries Remix von „Coem Back Lover“ der Fresh Band zu erschwinglichen Preisen auf den Tisch brachte. Dieser Tage ist in Zusammenarbeit mit Sean P, der sich für die großartigen Linernotes verantwortlich zeigt, die dritte Ausgabe des Disco-Kompendiums erschienen. Wieder steht altbekanntes neben bisher ungehörtem. So werden wohl einige Eddie Kendricks „Goin’ Up In Smoke“ ihr eigen nennen dürfen, bei „Nightlife“ von Blair, einem der wundervollsten Stücke dieses Samplers, aber die Waffen strecken müssen. Ferner sind der Tee Scott Mix von Hi Voltage „Somewhere Beyond“, Delegation mit „Heartache No 9“ und das von DJ Sneak, den Ehnry Street Allstars und Konsorten arg gebeutelte „Under The Skin“ von The Brothers hervorzuheben. Was will man noch sagen? Real disco for real people eben! ][ janson

Hausmeister - Weiter -Karaoke Kalk
Eine "weiter"e Veröffentlichung von Hausmeister Christian Przygodda mit schlichtem Titel, der die Gedanken in die Zukunft wandern lässt. In einer Art Filmmusik zaubern die Stücke audiovisuelle Sequenzen hervor, die in der Phantasie "weiter"gelebt werden können, nicht nur an regenweichen Freitagen. "Weiter"hin bestimmt der Einsatz herkömmlicher Instrumente das klangliche Bild der zwölf Stücke, zu denen sich nun zum ersten mal das Element Stimme als ein "weiter"es dazugesellt. Die dadurch er"weiter"ten Klanglandschaften verträumt, verspielter Melodien zwischen Easy-Listening und persiflierendem Film-Noir regen zum "Weiter"denken an - ein Schritt nach vorne zu unternehmen, in ungewisse Regionen. Musik, die immer "weiter"laufen könnte, was in gewisser Weise auch durch den am Schluß plazierten Titelsong verstärkt wird. "WEITER". ][ g

Jan Jelinek & Computer Soup - Improvisations And Edits, Tokyo 26.09.2001 - Audiosphere
Auf Sub Rosas neuem Seitenlabel scheint das Forschen nach wirklich innovativen Sounds zum Konzept geworden zu sein. So besticht auch dieser dritte Release des Labels mit einer deutsch-japanischen Koproduktion zwischen Jan Jelineks Clickhouse und dem frei zappelnden, elektrifizierenden Jazz des Computer Soup Trios. Advanced Listening. Noch weiter Zeit, Raum und Klang durcheinanderwirbelnd als Alec Empires Hypermodern Jazz. Fern jeglicher Norm und Geradlinigkeit weit in experimentellen Gefilden erklingend. Auf Basis live eingespielter Improvisationen aus dem Megalopolis Tokyo. Ohne große Vorbereitungszeiten oder Eingewöhnungsphasen werden unglaublich menschliche Beat- und Soundentwicklungen geboren. Wirkliche Spontaneität, die nur abgestimmt ist durch den gemeinsam erlebten Moment, den Eindrücken einer pulsierenden Stadt, in welcher Tag und Nacht verschmelzen, sowie einer gemeinsamen Leidenschaft für Jazz. ][ g

Paul Brtschitsch - Clamber (Rmxs) - Frisbee
Frisbee-Tracks zitiert im Promo-Material für diese 12inch schlecht übersetzt die vorletzte ouk-Ausgabe und spricht von Brtschitsch als „uncrowned king of german techno“. Da wir aber wissen, was gemeint ist, können wir mit dem Lob fortfahren. Zwei Remixe (von Oliver Bondzio und Brtschitsch himself) des auf der „Memory“-LP enthaltenen „Clamber“-Tracks lösen diesen aus dem Kunstprodukt Album heraus und verwandeln ihn auf jeweils spezifische Weise in ein (noch) dancefloortauglicheres Club-Tool-Extrakt. Als Bonus gibt’s mit „Tone Wheel“ noch einen brandneuen, erst auf der letzten Tour entstandenen Titel, der ebenso Brtschitschs unverändert hervorragende Produzenten-Qualitäten dokumentiert. ][ hve

Senor Coconut - Elektrolatino - MultiColor
Unabhängig von seinen erfolgreichen Album-Veröffentlichungen präsentiert uns der Meister erneut eine ausgezeichnet gearbeitete Perle seines unnachahmlichen Stils, wobei der Name wiederum (intensives) Programm ist. Innerhalb seines computerisiert kochenden Salsa-Kontinuums eine konsequente Fortsetzung bisheriger Produktionen. Die mitgelieferten Remixe können da nicht ganz mithalten, sind aber keinesfalls von schlechter Qualität. Ruben Rodriguez („Los Crazy People’s“) reduziert den Track bis auf sein Electro-Gerüst und taucht ihn in ein Downbeat-Acid-Bad, während Ricardo Villalobos seine einzelnen Bestandteile seziert, auf einer groovenden Basslinie neu anordnet und damit ein episches Club-Tool schafft, das überraschend viel Abwechslung im Verlauf bietet. ][ hve

Sieg über die Sonne - I’m not a sound: new mixes - MultiColor
Der zugrundeliegende Track stammt vom 2001 erschienenen Album „(-)·(-)=(+)“, das minimale Tech-Strukturen mit kruden Pop-Extrakten verband, und wird hier zwei gänzlich unterschiedlichen Bearbeitungen unterzogen. Während Josh Wink das Original-Tempo etwas anzieht und unter Weglassung der Vocals ein reizvolles, behutsam treibendes Club-Tool entstehen lässt, bleibt Akufen näher an der Vorlage und verwandelt sie unter besonderer Herausarbeitung ihrer bizarren Elemente fast in einen (nicht minder reizvollen) Downbeat-Track. Als Abrundung gibt’s dann noch eine Live-Aufnahme des Titels vom Juli ‘02 in der Londoner Fabric. ][ hve

Martha & the Muffins - Echo Beach (Rmxs) - Selectcuts
1987 erschien mit Martha & the Muffins „Echo Beach“ eine der wohl zeitlosesten Indie-Hymnen ever. Dicht gefolgt von Iggy Pops „Candy“ beziehungsweise „Passenger“. 15 Jahre später erscheinen auf Selectcuts zwei längst überfällige Remixe des Jugenderinnerungen weckenden Hits. Jimmy Cauty (genau der von KLF!) zaubert mit seiner „Pointless Rave Version“ einen technoid-poppigen 4/4-Stomper, der sich gewaschen hat und dessen die Jungs von Underworld durchaus neidisch sein dürften. Thomas Fehlmann, seines Zeichens ehemals Mitglied bei The Orb und auch ansonsten alles andere als unbekannt, geht die Sache mit der „Flowing Dub Extended Version“ nicht weniger gekonnt an. Der Berliner schielt, wie das Wort „Dub“ schon vermuten läßt, weniger auf volle Tanzflächen, als auf die passende Beschallung des „Chillbereichs“ nebenan. Warm und zähflüssig fließt der Track ins Ohr, während der Bass einen unmerklich in die Sofakissen zu drücken weiß. Zwei Gewinner. Jeder auf seine Art. ][ feindsoul

Needs - Talkative Minds EP - Needs
Viel Wasser ist seit der ersten Needs den Main runtergeflossen. In der Zwischenzeit sind die drei Gefährten nicht nur als Remixer bei Wave Music, Clairaudience und im Club Shelter angekommen, sondern dessen taste making Maestro Timmy Regisford läßt auch anderen Schlüsselfiguren im Big Apple keine andere Wahl, als sich dem Needs-Sound zu ergeben. Sound ist dann auch das Stichwort. Was sich mit „Walkin Thru Circles“ schon andeutete, ist hiermit wohl amtlich: Needs-Platten tragen nicht nur eine eigene Handschrift, sondern sind wohl mittlerweile selbst zum Ideal herangereift. So paßt sich auf der Talkative Minds EP auf fast schon beängstigende Weise ein Baustein an den anderen an und läßt die Platte klingen, als hätten die Jungs noch nie etwas anderes gemacht. Auch wenn „Weekend Joy“ und „Ibóóji“ wohl das meiste club play beschert sein wird und einige Menschen das anders sehen werden, ist „Time“ der heimliche Hit. Ehre gebührt an dieser Stelle Lars Bartkuhn, der den mutigen Schritt ans Mikrofon wagt und seine Sache so gut macht, dass ein mittelschwerer Ohrwurm dabei herauskommt. ][ janson

Ada - Blindhouse/Luckycharm - Areal 010
Die Producerin der neuen Areal ist ein rosa Pony, heißt Michaela oder Ada und will dich mitnehmen auf ein kleine Reise ins All, zu einem Ort, wo man sich ähnlich wohlfühlen kann, wie in einem Sternheuhaufen. Was wäre da zu erwarten? Wahrscheinlich riecht’s da ganz gut und man kann sich einfach hinwerfen. Körperlich wie seelisch, ohne Angst haben zu müssen zu hart zu fallen. Außerdem wäre zu erwarten, daß man dort verschont bliebe von den ganzen Spinnern, die hier auf der Erde ihr Unwesen im Namen der Gerechtigkeit treiben. Dazu braucht man nämlich Phantasie und das ist ja bekanntlich nicht gerade die Stärke der Starken!
Dort angekommen - die Reise war gar nicht so lang - entpuppt sich der flauschige Ort als Platz an dem auch gelacht werden darf. Ein angenehmer Humor, bar jeder Hysterie. Gesungen wird hier auch, aber nicht zu viel. Ich nehme mal an, das ist Ada selbst, die mich hier verführen will. Unterstützt durch Klänge, die fast areal-typisch etwas spleenig Richtung Pop-Minimalismus gehen, ohne den Hedonismus, den sich z. B. Kompakt hier und da von Disco leiht. Würde mich nicht wundern, wenn Metope seine Finger hier im Spiel hatte. Jedenfalls wieder eine sehr schöne Areal, die man irgendwann in der Nacht gebrauchen kann, wenn man Jungs und Mädchen auf der Tanzfläche haben will. ][ f. d`a

Underworld - Two Months Off (Rmxs) - V2
Wahrscheinlich das intensivste Stück des weiter vorne im Heft besprochenen Albums, hier als „King Unique Sunspots-Vocal Mix“ und „John Ciafone Vocal Remix“. Das in epischer Länge gehaltene LP-Original wird hier den Club-Ansprüchen gemäß etwas reduziert und bietet genügend kompositorische Steilvorlagen, um wirkungsvolle dramaturgische Akzente setzen zu können, ja eigentlich müssen. Die unglaubliche Grundintensität des Tracks schlägt dann auch so gründlich durch, daß es sehr, sehr lange dauert, bis man die beiden Bearbeitungen wirklich voneinander unterscheiden kann. Ob das gut oder schlecht ist, habe ich mir jetzt gar nicht überlegt. ][ hve

Voodooamt - Nachtschicht - Frisbee
Patrick Lindseys erste Solo-Maxi auf dem Frankfurter Label seit fünf Jahren (zwischenzeitlich veröffentlichte er hier auch Co-Produktionen mit Monika Kruse) beginnt mit einer bedrohlich anschwellenden Synthie-Figur, die das Fundament für die dramaturgische Dynamik des Titeltracks bildet und darin immer wieder aufgegriffen wird. Ein intelligenter Reißer, der im Club exzellent funktioniert. Die Rückseite „Sonde FX4“ weist ähnliche Merkmale auf, vielleicht eine Spur verhaltener, sphärisch dichter und einen Tick mehr harmonisch variiert. ][ hve

Automatique - Nightclubbing - Italic
Irgendwo zwischen Andy Vaz und Maurizio bewegt sich das Hamburger Produzenten- und DJ-Duo Harre Kühnast & Henry Stamerjohann, das u.a. im Bandkontext von „Station 17“ auf Mute veröffentlichte und in der hanseatischen Club-Landschaft für hochkarätige Eventprojekte mit illustren Gästen (wie z.B. Claude Young, Funk D’Void, Josh Wink, Steve Bug, Memory Foundation...) sorgte. Seine erste Produktion auf Italic beschert uns mit drei Tracks Minimal-Techno der reduziertesten Sorte, mit nur vereinzelten, zielgesetzten Einsprenkseln, der trotz seiner Transparenz durch einen phasenweise gemächlich (wohl nur) erscheinenden, monotonen Groove eine feine hypnotische Stringenz entfaltet. Parallelen zu Grace Jones sind übrigens nur im Titel festzustellen. ][ hve

Pepita Project - Pepita Theme - Personal
Erste Veröffentlichung eines neuen Projektes um Stephan Keclik, Jonny Nemetz und Personal-Chef Smoab. Nach einem etwas überstrapazierten Intro auf der A-Seite erwartet den geduldigen Hörer mit „Pepita Theme“ der Beweis, daß die Stadt, die uns Kruder & Dorfmeister brachte, auch weiß, wie man einen Housebeat bastelt. Das hilft natürlich wenig, wenn dieser Beat dann mehr Sounds und Firlefanz zu tragen hat, als auf die Schultern russischer Möbelpacker paßt. Auf der Flipside naht die Rettung in Form eines überaus gut gelaunten Marcus Worgull (Spectrum Works). Dieser greift den bereits erwähnten Beat auf, schmeißt die Redundanzen über Bord und schafft so gründliches Handwerk. Lediglich die hinlänglich und oft verwendete Hook des New Yorker Tanzmusik-Klassikers „Together Forever“ von Exodus, hätte auf der Samplebank bleiben dürfen. ][ janson

James Duncan - City Life/Dub With Me - Traxxx
Aufmerksamen Lesern des Kleingedruckten auf Schallplattenetiketten wird der Name James Duncan wohl ein Begriff sein. Als Mitglied des Zirkels um Morgan Geist und Darshan Jesrani durfte er auf deren zweiter Metro Area EP ins Horn, genauer gesagt in die Trompete, stoßen. Daneben führt der Herr ein kleines Label namens Le Systeme, das allerlei elektronische Musik im Angebot hat und hierzulande noch entdeckt werden will. Für die zweite Platte auf Manny Diaz und Stefan Prescotts (Dance Tracks, Spiritual Life) Traxxx-Label hat sich James der nicht allzu fernen Vergangenheit sogenannter New Yorker Designerlabels genähert. Holger Klein verwies deshalb in einer seiner überaus lesenswerten „Full Swing“-Kolumnen auf die frühen Erzeugnisse von Nervous Records. Andere Experten des Genres zückten sofort die Strictly-Rhythm-Karte und bejahten die trackige funkyness von „Dub With Me“. Menschen, die sich eher im hier und jetzt zuhause fühlen, werden an der gebrochenen Beat- und Soudästhetik ihre helle Freude haben. Mehr gibt es unter www.lessysteme.org. ][ janson

Kuniyuki - Precious Hall - Natural Resource
Die Precious Hall ist angeblich ein sehr feiner Club im fernen Japan - so sagt man jedenfalls. Demnach bedarf es auch keiner großen Gedankenarbeit, um den Produzenten dieser Platte dort anzusiedeln. Kuniyuki Takahashi heißt der und ist zumindest mir bisher nicht weiter aufgefallen. Mit „Precious Hall“ ist ihm allerdings ein ganz großer Wurf gelungen. Tiefe Orgelakkorde der alten Schule galoppieren über 11 Minuten auf einem fabelhaft zu nennenden drum programming. Angehalten wird das Ganze nur von einem ziemlich regellosen Break vor dem letzten Drittel des Stückes, das den Hörer kurz an der geistigen Gesundheit des Produzenten zweifeln läßt. Verzweifeln hingegen läßt uns der Mix auf der anderen Seite der Medaille. „Secret Street Mix“ heißt der und wäre besser secret geblieben. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen auch für die Freunde aus der House-not-House-Ecke interessant. ][ janson

Digital - Dubsativa EP - Function
Qualität und Quantität in Kombination sind eine gute Sache. Zugegeben: der musikalische Discount-Output, including ständige Selbst-Plagiierung Digitals führte in letzter Zeit bei so einigen zu grundsätzlichem Abwinken. Ähnlich den Phänomenen Total Science oder Dillinja. Der um die vollen Plattentaschen der DJ-Kundschaft besorgte Vinyllieferant vor Ort mußte nur allzu oft die Erfahrung unkontrollierten Gähnens bei Erwähnung neuer Veröffentlichungen oben genannter Künstler machen. Doch das Licht am Ende des Tunnels ließ nicht lange auf sich warten: bereits das erst wenige Monate hinter uns liegende Digital-Album „Dubzilla“ durfte so einiges an zurecht gefällten und nach und nach zu grundsätzlichen Vorurteilen gewordenen Meinungen revidieren. Mit der „Dubsativa EP“ im schmucken Doppelvinyl setzt der Dubmeister dem noch eins drauf und dürfte auch die Nicht-LP-Käufer um den Finger zu wickeln wissen. Die vertretene VIP-Version des 2000er Hits „Deadline“ ist, um meine Mutter zu zitieren, „so unnötig wie ein Kropf“, dennoch dürften die drei übrigen Stücke sämtliche Skeptiker überrollen und mit tonnenschwerem Bass in Grund und Boden walzen. ][ feindsoul

Plain Prod. 002
Der Schwerpunkt dieses Hamburger Labels liegt eindeutig auf Breakbeats im Sinne von: warum ist derzeit bei 90% aller Drum’n’Bass-Produktionen die Snare auf der zwei und der vier? ... warum beherrscht Geradlinigkeit die Tanzflächen? ... warum bewirft mich die Crowd mit Hamburgern? Nach Cycom auf der 001, packt die 002 einen neuen Trumpf aus dem Ärmel. Barth ist aus Leipzig, genießt bisher Online-Releases auf protocut.net und kann auch mal eben Source Direct in den Schatten stellen. Doch lassen wir die Vergleiche. „Schizophrenic“ fährt ein dickes Drumkit auf und holt aus ihm das letzte raus. Was noch recht gemütlich beginnt, wird schnell zu Martial Arts ähnlichen Crash-/HiHat-Gewittern. Alles ist auf die Beats konzentriert. Viele Stop-And-Go-Effekte. Minimale Abwechslungen mit maximalem Effekt. Der Bass könnte lediglich noch etwas mehr Druck vertragen. „Cyclotron“ stellt im Vergleich dazu melodische Ansätze etwas mehr in den Vordergrund, hält einen feinen Knarz-Breakdown bereit, wirkt aber insgesamt sehr unruhig. Gut jedenfalls, daß es dieses Label gibt, denn neben „Spaß“ und „Spiel“ brauchen wir auch noch „Spannung“, und die hält uns Plain bestimmt auch wieder mit den nächsten Releases parat. ][ lightwood

Precision 022
Der A&R gibt sich nach langer Abstinenz mal wieder selbst die Ehre, auf seinem Outlet Präzisionsarbeit abzuliefern. Kabuki schafft es bei den zwei vorliegenden Tracks, trotz geradliniger Technoidität, die nötige Portion Groove einzuflechten. „Straylight“ und „Ketamin“ sind verspielt funkig, fröhlich hüpfend, ohne auszubrechen oder überheblich zu wirken. Viele variierende Detroit-Pads und die wieder einmal filigrane HiHat/Percussion-Arbeit wissen zu gefallen. Wer den „Spend The Night“ Remix droppt, wird definitiv auch hier auf seine Kosten kommen. ][ lightwood

KFA 008
Knite Force Advanced. Man kommt ja selten ran an diese Scheiben, in erster Linie über Mailorder (www.i-tunes.co.uk). Knite Force gehört Luna-C und ist eines der dienstältesten Happy Hardcore Label. Mit der „Advanced“-Version wird diese typische OldSchool-Piano-Happiness auf ein zeitgenössisches Level gehievt. Spannend, denn es gibt derzeit nichts wirklich vergleichbares. Hier spielt auch weniger eine aalglatte Produktion mit astreinem Mastering eine Rolle, als viel mehr der Spaß an der Sache. Vinyl ist da ein cooles Format. Die 008-12“ ist mit „Extended Family EP“ betitelt, auf der uns Chris Howell aka Luna-C seine Sinnesgenossen präsentiert. Zum Beispiel Nevis-T aus Karlsruhe, der bei „Spoons Under Error“ mit kickenden Beats einen verspielt fröhlichen Pfadfinder-Marsch mit Weihnachts-lied-Refrain komponiert. Oder Unsubdued, der bei „Reachin Out“ junglig und etwas düsterer in die Rave-Chords haut und spätestens beim Breakdown absolut bestechen kann. Oder DJ Evil, der so richtig schön blöde Kindermelodien auspackt und mit 4/4-Beat unterlegt, daß man das am liebsten im Vollrausch seiner Oma am Geburtstag vorspielen will. Für Spezialisten, Sammler oder Freaks. ][ lightwood


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