| das neunund30ste ± sitzt & glänzt ± Okt/Nov 02 | Klaus Stockhausen |
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KLAUS STOCKHAUSEN
Sitzt man dem ehemaligen DJ mit seiner Armeehose, dem ärmelbefreiten T-Shirt und einem leicht militant anmutenden Haarschnitt dann persönlich gegenüber, wird schnell deutlich, daß er geradezu ein Meister des trockenen Humors ist. Aber den muß man wahrscheinlich entwickeln, wenn man seine DJ-Karriere in einer Kölner Bar mit besonderem Stammpublikum beginnt. ouk: Du hast gesagt, daß du eigentlich aus Bonn stammst, dann aber irgendwann zwecks Studium nach Köln gezogen bist? stockhausen: Ich hatte ehrlich gesagt zuvor Stress und bla, bla,
bla mit den Eltern, der Klassiker eben. Und habe dann, um Geld zu verdienen,
dreimal die Woche in so ´ner blöden Boutique gearbeitet. Dort
gingen die ganzen Luden ein und aus, um da ihre komischen Seiden- und
Versace-Hemden zu kaufen. Einer dieser Luden hatte eben so einen kleinen
Club in der Altstadt, der Tavone hieß. Dieser Club war ganz schrecklich.
Da gab es so eine Theke mit zwei Plattenspieler und ne Bar, wo die Luden
ihre Whiskyflaschen gebunkert hatten. Eigentlich eklig, aber irgendwie
auch cool. Irgendwann suchte er einen DJ. Ich habe mich dann da hingestellt
und, ja, das hat Spaß gemacht. ouk: War das damals nicht so, daß der Club auch die Platten gestellt hat? Sozusagen eine clubimmanente Audiothek. stockhausen: Ja, genau. Ich bin aber auch shopping gegangen und kaufte mir die Sachen, von denen ich meinte, daß man sie unbedingt haben müßte, dann auch selbst dazu. So super viele 12inches gab es damals natürlich auch noch nicht. ouk: Wann war das? stockhausen: Warte mal, ich war 17. Das muß so 1977 gewesen sein. ouk: Du warst zuvor nicht Bedroom-DJ oder so etwas ähnliches? stockhausen: Nö. Ich war zwar immer an Musik interessiert, aber hatte niemals einen Plattenspieler oder Mischpult zuhause oder so etwas. Das kam mir gar nicht in die Tüte, das hatte alles mehr so einen ungezwungenen Spaßfaktor für mich. Dann wurde dieser Club auf einmal hip und es kamen immer mehr junge Leute. Aufgrund dessen haben mich die Leute vom Coconut dann in ihren Club geholt. ouk: Das Coconut war dann dein fester Club in Köln, bevor du nach Hamburg kamst? stockhausen: Ja, aber ich bin zwei Jahre lang dreigleisig gefahren. Ich
hab freitags und samstags in Frankfurt Musik gemacht. In einem Club, der
hieß No Name, das war in so einem, wie heißt denn
da noch mal diese U-Bahn Station? stockhausen: Hauptwache! Das No Name wurde vor allem von den ganzen amerikanischen Jungs und Mädels besucht, die in Frankfurt auf der Base waren. Der Laden war zwar schwul, aber auch voll amerikanisch. Sonntags war ich dann wieder in Köln im Coconut, da war dieser Gay-Dance-Sunday-Schnuckelschnackel. Und montags in Amsterdam, in der Flora, aus dem später das It wurde. Ich bin da immer schick mit meinem Plattenkoffer im Zug hin- und hergefahren. Nachher fand man es dann noch schicker, als man ein wenig Geld zusammen hatte, das auch wieder zu verfliegen. In Frankfurt lief auch komplett andere Musik als in Köln. Man konnte sich die Leute damals noch erziehen. Und das war eben geil, wenn sie in Frankfurt zu Grace Jones ausgefreakt sind und in Köln zu Hi-NRG. Ab einem gewissen Punkt näherte sich das dann an und du konntest zur Hauptzeit Pull up to the Pumper spielen und die Lederköniginnen, die normalerweise nur so (führt die Faust zur Nase) machen, sind ausgeflippt. Das war superspannend. Dieser Tea Dance in Köln war allerdings ein Hit. Wir haben um 17 Uhr aufgemacht und zwanzig Minuten später kam keiner mehr rein. Gut, der Laden war nicht wirklich groß, aber die Leute kamen von überall her. Die kamen aus Amsterdam und dann anscheinend wirklich aus Hamburg und Frankfurt. Warum? Frag mich. Wahrscheinlich weil die Tür super strikt war. Nur Männer, keine weiße Hosen, kein Turnschuhe. Für mich war das eigentlich ziemlich hart. Ich war damals mehr so der Popper und habe mich dann in einem Laden wiedergefunden, wo die auf der Tanzfläche weiß der Geier was auch immer veranstaltet haben. Trotzdem war das war ´ne echt gute Zeit. Ich glaube, heutzutage fährt kein Mensch mehr so weit, um irgendwo auszugehen. ######### ## ### #### Sehr spannend ist auch der weitere Verlauf der Geschichte. Nachdem in Frankfurt das No Name im Jahre 1980 schloß, eröffnete einige Zeit später einer der ehemaligen Besitzer das Construction Five. Als Klaus Stockhausen die Eröffnungsparty beschallen sollte, kam es zum Bruch mit Stockhausens Arbeitgebern in Köln. Trotz der räumlichen Distanz von Frankfurt und Köln und der Tatsache, daß das Coconut an diesem Tag ohnehin geschlossen war, wurde ihm sein Engagement am Main übel genommen. Als die Coconut-Crew schließlich auch noch in Frankfurt vor dem DJ-Pult stand, war das Clubdrama perfekt. Ein Freund von mir hat mich dann aufgesammelt und gesagt, daß wir erst mal ein Wochenende wegfahren. Nur wohin? In Amsterdam war ich ja jede Woche, also sind wird nach Hamburg gefahren. Das war mein erster Besuch in Hamburg. Wir sind dann abends in irgendeinen Laden gegangen, wo man uns erzählt hat, daß wir unbedingt ins "Front" müssen, das letzte Woche aufgemacht hätte und der Hit in Tüten sei. Als ich da rein kam, fiel der Besitzer vor mir auf die Knie und ich wußte überhaupt nicht, was Sache ist. Aber der ist wohl früher sonntags extra nach Köln gefahren, um ins Coconut zu gehen und hat sich bei mir auch Tapes gekauft, nur hatte ich den überhaupt nicht auf der Pfanne. Schwups wurde ich schon belabert... Allerdings sollte es noch ganze zwei Wochen dauern, bis Klaus Stockhausen
endgültig einwilligte, und ein ganzes Jahr, bis er seinen festen
Wohnsitz nach Hamburg verlagerte. Aus Amsterdam wollte er weg, weil die
Menschen dort schon zum Frühstück vom reichhaltigen Drogenangebot
der Stadt Gebrauch machten und so ein Verhalten irgendwann den stärksten
Mann umhaut. Trotz seiner Liebe zum Coconut waren Hamburg und das Front
und dessen (für die Zeit) minimalistischer Kellerstyle nicht zuletzt
aufgrund der sich dort anbietenden Anonymität die verheißungsvolleren
Alternativen. ######### ## ### #### Erst mal fand ich es großartig, daß hier jeder meinen Namen kannte, aber keiner wußte, wie ich aussehe. Das habe ich geliebt. Das Front hatte als DJ-Booth quasi eine Tarnkabine. Da gab es nur zwei Bullaugen zum rausgucken. Das war genial. Eine leicht erhöhte Kanzel, die komplett geschlossen ist und bei der angeklopft werden mußte. Das war echt die Idealvorstellung eines Clubs. Man konnte die Leute auch absolut erziehen. Wenn ´ne Platte dann in irgendeiner Hitparade aufgetaucht ist, war sie out, zwar nicht zwanghaft, aber man konnte es sich leisten, weil man die Leute da wirklich, wirklich erziehen konnte. Eine Sache, die in Zeiten, in denen DJs im großen und ganzen wieder zu dem mutieren, was sie die meiste Zeit in unseren Breitengraden waren, nämlich reine Dienstleister, unvorstellbar ist. Lauscht man den Berichten eines Stockhausen über typische Nächte im Front, möchte man das fast als Anglerlatein abtun. Menschenschlangen von einigen hundert Metern vor der Tür, Themenpartys, deren Maximen gerne Themenbereiche von Jackie O und Dr. No über Hermes und Eurydike bis hin zu Amazing Corpus Christi umfassten und ein DJ, der von 22 bis 6 Uhr allein die Nacht diktiert, hören sich im langweiligen Clubdeutschland 2002 einfach zu gut an, um wahr zu sein. Aufnahmen von DJ-Sets aus dem Front sprechen allerdings für sich. Klaus Stockhausen gelang ein scheinbar müheloser Mix aus uptempo Hip Hop, New Order, Preludeplatten wie Sharon Redds Beat The Street, Rockers Revenges Walking On Sunshine und frühem Chicago-House von Farley Jackmaster Funk und Konsorten. Fast nicht zu bemerkende Tempowechsel und In Hamburg sagt man Tschüss als Schlussplatte bei 80% aller Abende inklusive, scheint das zu dreiviertel männliche Frontpublikum in der Tat zu einem Sound getanzt zu haben, den man so wohl nur noch in London und den Metropolen in Übersee serviert bekam. Obwohl Stockhausen mit den Clubs und DJs in diesen Städten erst Bekanntschaft machte, als er schon DJ war. Klar kannte ich Namen wie das Studio 54, Paradise Garage, Larry Levan, Tony Humphries und Frankie Knuckles, und natürlich habe ich Mixabende von WBLS gehört und fand das alles klasse. Ich war auch von dem, was in England passierte, sehr beeinflußt, aber irgendwie nicht von speziellen DJs. Damals waren eher Produzenten und Plattenlabels wichtig. West End und so. Da wußte man einfach, das funktioniert. Man konnte aber auch experimentierfreudig sein und Dinge wie Culture Club und Human League mit diesen Sachen zusammenbringen, die gar nichts damit zu tun hatten. Wenn du ganz cool warst, hast du mit 98 angefangen, aber sonst so 105, 106 und dann auf 112, 116 bis zu 124 hochgearbeitet. Hi-Nrg war 134 und damit war Schluß. Aber das war genau das, was mir, aber auch den Leuten, Spaß gemacht hat. Man wußte nie, was als nächstes passiert. Im Front wurde es 23.30 Uhr voll und ab 0 Uhr wackelte die Bude. Nicht hysterisch, sondern der ganze Laden schunkelte bis zum Höhepunkt. Ich hab es eben auch wirklich geliebt, volle Granate zu spielen und dann einen Cut zu machen und von vorne anzufangen. Vielleicht mit 100 bpm. Wenn du sie dann wieder hoch kriegst, weißt du, daß es funktioniert. Tja, andere Zeiten, andere Musik. Ein DJ hatte allerdings dann doch einen besonderen Einfluss auf Klaus Stockhausen. Nämlich der, den er das erste Mal wirklich mixen hörte. Ich hatte ein einziges Mixtape von WBLS und stand in diesem blöden Tavone, wo unter der Woche nur Luden rumhingen und hatte nix zu tun, außer mich mit meinen Platten zu beschäftigen. Dann war ich irgendwann, frag mich nicht wann und nicht wo, aber relativ früh, in Mailand in einem Club und der DJ hat mit einer Platte eine halbe Stunde rumgespielt und ich stand wie versteinert an einer Säule und dachte: Was bist du für ein kleines Licht?. Danach war es einfach nur eine Herausforderung, möglichst lange Platten konstant zusammen zu halten. Dann wollte man die Beat the Streets dieser Welt mit den anderen vermischen. Meine Sets waren eigentlich, siehst du, ich hätte z.B. niemals meine Sets gesagt, weil ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre. Das war alles sehr intuitiv bei mir. Ich habe da nicht geplant. Ich wußte zwar um die zehn Platten, die gerade funktionieren, aber ich fand es besser, jedes Mal anders anzufangen. ######### ## ### #### So vergingen die 80er wie im Fluge und der Ruf, den sich Klaus Stockhausen
in seinem Kölner Coconut erworben hatte, wuchs im Front weiter. Die
Jahre 1983 und 84 verbrachte er mit einem Zusatzengagement als Keyboard-Statist
bei dem One-Hit-Wonder Boytronic, das eigentlich ein Ein-Mann-Betrieb
war. Da aber gerade die Hochzeiten von Alphaville angebrochen waren, forderte
die Plattenfirma ein Trio. Die Wahl fiel auf Stockhausen, weil der Boytronic-Chef
Stammgast im Front war. Eingebracht hat es ihm neben einem Auftritt in
der Formel-Eins-Fernsehsendung, in der er seine Finger asynchron zum Playback
über die Tasten wandern ließ und die seine Mutter begeistert
aufzeichnete, die Erkenntnis, daß er lieber hinter als vor der Kamera
steht. Irgendwann hat man auch alles gesehen. Und eben dadurch, daß
alle DJs ständig woanders und überall auflegen, müssen
sie alle süß spielen. Das ist so austauschbar geworden. Ich
hab das ja auch durch Boris mitgekriegt. Als ich aufgehört habe,
war das so die Zeit, wo man sich entscheiden mußte, ob man dieses
heute hier, morgen da mitmacht, produziert oder nur noch bumm,
bumm, bumm macht. Aber ich hatte ja schon ein kleines Standbein in einer
anderen Ecke. Das war mir einfach zu anstrengend. Ich habe das zweimal
gemacht und einmal war es der totale Flop, weil du wirklich in so ne Kleinstadt
gedonnert wirst. Da wirst du dann als the hot shit angekündigt und
klar verstehen die überhaupt gar nichts, außer den Top Five
und ihrem Local-DJ, der die schon seit drei Jahren beschallt. Das war
ganz, ganz anstrengend. Klar das gab es Kohle und bla, bla, bla, aber
für mich war das nichts. Hamburg war echt so ein House-Zentrum und
ich fand es überflüssig, in Kassel oder Karlsruhe aufzulegen.
Wie gesagt, ich habe so etwas ja zweimal gemacht, aber empfand es als
müßig und eigentlich auch spießig. So geht es mir aber
auch mit großen Leuten, die aus dem Ausland hier herkommen. Die
könne die Leute hier ja nicht erziehen und die Erwartungshaltung
ist vom Publikum super groß. Aber die kennen ihre zwanzig Stampfer
und das war es dann. Wenn was anderes passiert, sind die gleich verwirrt
und wenn dann noch drei blöde Muschis sagen, daß sie das jetzt
alles gerade ganz Scheiße finden, dann war es das und es kommt keine
Stimmung auf. Dann wurden mir schließlich auch diese ganzen Schubladenaktionen zu viel. In den DJ-Charts der Stadtzeitungen wurdest du damit ständig konfrontiert. Mit Dub, Trip Hop bla, bla, bla, ich weiß gar nicht mehr, was es damals alles war. Ob es jetzt Hi-Nrg, Handbag oder Disco-Dance war. WTF, its either nice or not. Das fand ich genauso anstrengend wie das Vorhaben, dringend auch die Vororte in Aufruhr bringen. Wenn die was wollen, sollen sie kommen. Nur so kannst du den Leuten Musikverständnis anerziehen. Dann rollte ja auch diese Technowelle los und war mir einfach zu billig. Nach einer Stunde Waschmaschinenmusik höre ich eben gerne eine Stimme - und wenn es nur ein Schrei ist. Mein Basis ist dann doch halt eher so Motown und Soul. Damit bin ich aufgewachsen. Auf der anderen Seite mochte ich Bowie, Cockney Rebel, Roxy Music. Deshalb liebe ich bis heute Vocals. Ich hab halt mit "And the Beat Goes On" und "Aint No Stoppin Us Now" und diesem Scheiß angefangen aufzulegen. Das prägt. Auch wenn Stockhausen die Zeit und die Erfahrungen, die er als DJ gemacht hat, nicht missen möchte (Es war eine tolle Zeit. Ich hab auch nie viele Drogen genommen oder getrunken. Mir ging es gut. Ich habe lange geschlafen, mich nachmittags mit Freunden getroffen. Es war super. Ausgebrannt war ich nur nach Gastspielen im Nirgendwo. Zwar ein anderer Lebensstil, aber zur richtigen Zeit.), konnte er es sich im Alter von 32 Jahren und nach fünfzehn Jahren als DJ nur schwerlich vorstellen, daß er mal als Disco-Opa endet. So veranstaltete er seine Abschiedsparty Terror bei Neumann zusammen mit Dlugosch in einem Hamburger Pornokino namens New Man, weil er schon immer mal eine Party in einem solchen Etablissement machen wollte. 1991 war das und auch wenn bei ihm hier und da eine fast kindliche Begeisterung für das Thema durchschimmert, so ist es für ihn ziemlich unvorstellbar, jemals wieder den Weg hinter die Plattenspieler zu finden - Dior und Naomi Campbell sind ja auch nicht das schlechteste aller Schicksale. Zahlreiche Angebote zwecks Wiederbelebung seiner alten Profession, wenn auch nur für eine Nacht, hat er bisher nicht nur aufgrund des wohl zu erwartenden Hypes abgelehnt. Einen solchen würde er nämlich als ungerechtfertig und unangenehm empfinden. Auch seinen Skills als DJ vertraut er nach den ins Land gegangen Jahren nicht mehr hundertprozentig. Ich weiß nicht, ob ich es noch könnte. Vielleicht ist
es wie Fahrradfahren, was man mir immer sagt, aber wenn man Ewigkeiten
nicht gefahren ist und die Beine bandagiert hatte, muß man es wohl
wieder lernen. ][ Janson Besonderer Dank gilt Thomas Fath für die Bereitstellung von Tonmaterial sowie Constantin Groll und Lars LB Behrenroth für das Dach über dem Kopf.
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