OUK das neunund30ste ± sitzt & glänzt ± Okt/Nov 02 Mark Rae

Während der Popkomm-Zeit, fernab von den ganzen Massen, weiter außerhalb, mitten in einem Garten, ganz entspannt und konzentriert, ein wunderbarer Tag, es ist warm, der Himmel ist blau, ganz klar, keine Wolken zu erblicken. Genau in dieser Idylle traf ich auf Mark Rae, der sein neues Album vorstellte - Mark auf seiner eigenen Straße, die Rae Road, nicht ganz so entspannt wie ich, nachdem er kaum geschlafen hatte und schon einige Interviews hinter sich hatte, aber konzentriert und durchaus sympathisch - HipHop- Attitüde der ganz anderen Art; sein Album: ein Trip durch verschiedene musikalische Gefilde. Das Gespräch dazu, ein paar Worte über Jazz und Psychedelic, zu der Medienlandschaft in England, über den Status Quo von HipHop und der eine oder andere Vorschlag zur Verbesserung der Welt, Idealisten unter sich...

ouk: Welche Botschaft verbirgt sich hinter dem Titel „Rae Road“?
Mark Rae: Eigentlich wurde der Album-Titel relativ schnell gefunden. Wir fanden eine Straße in der Nord-Stadt in Bradford und photographierten sie. Später schaute ich mir das Foto noch mal an und kam dann zu der Idee, einfach zu sagen, schaut, ihr kennt Rae und Christian und ihr kennt Grand Central, dann müßt ihr auch erkennen, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, sich selbst auszudrücken - entirely done by my way and my road- the Rae Road.

ouk: Das Album ist sehr abwechslungsreich ausgefallen...
Mark Rae: Definitiv, ich liebe viele unterschiedliche Arten von Musik: House, HipHop, Reggae, Soul, Jazz, weil ich ja auch letztendlich ein DJ bin, das ist die Art, wie ich Musik verstehe, möglichst viele verschiedene Stile miteinander zu verknüpfen. Es wäre für mich völlig unzulänglich, die ganze Zeit nur an HipHop zu denken. So würde ich zwar sagen, daß ich eine bestimmte HipHop-Attitüde verfolge, aber genauso spiele ich auch House und Reggae und das sorgt dafür, daß die Sache für mich interessant bleibt, diese ganzen Dinge dann schließlich auch in den Clubs zu präsentieren.

ouk: Dein eigenes Label ist ziemlich weit entfernt von typischen HipHop-Produktionen. Wie betrachtest du derzeitig die Entwicklung in diesem Bereich?
Mark Rae: Ich denke, es sind mehr die Independent-Künstler, die den Geist von HipHop weiter tragen, aber wir brauchen derzeitig trotzdem mehr Künstler, die etwas wagen, da HipHop momentan schon ein wenig stagniert.

ouk: Siehst du für Independent Labels eine Zukunft?
Mark Rae: Wenn die Leute kontrollieren, was sie machen, können sie durchaus überleben, weil die Majors sich derzeitig global in einer Krise befinden, weil ihr Geschäft durch Piraterie bedroht wird. Viele Künstler wirken so künstlich, da fehlt oft die Schönheit, die Musik so einzigartig machen kann. Es müßte wieder verstärkt Leute geben, die Musik deshalb machen, weil sie daran glauben und eben nicht ein Leben vorziehen, in dem es nur um Erfolg und Materialität geht.

ouk: Wie schaffst du es, deine Label-Arbeit, das Produzieren und Auflegen miteinander zu vereinbaren?
Mark Rae: Ich schaffe das, indem ich zuverlässige Leute einstelle, die die Idee des Labels begreifen und dahinter stehen, dennoch mußt du aber auch dazu bereit sein, viel Energie und Kraft zu investieren.

ouk: Auf deinem neuen Album existieren nur zwei Tracks, bei denen du Samples benutzt hast. Würdest du sagen, daß du eher organische Strukturen favorisierst?
Mark Rae: Prinzipiell ziehe ich eher eine Drum-Machine vor, so wie Lee Perry auch immer eine Drum-Machine vorgezogen hat, auch wenn ein Live-Drummer sehr funky sein kann.

ouk: Du benutzt auch Versatzstücke aus Jazz- und House-Musik, warum?
Mark Rae: Ich verfolge da keine bestimmten Regeln, das können Drum-Sounds aus den Achtzigern sein, genauso wie Jazz-Samples oder eine Bassline aus einem Reggae-Track. Das wichtigste dabei ist die Funktionalität.

ouk: Kategorisierungen lehnst du also letztendlich ab, so wie es ja zumeist in den Medien der Fall ist?
Mark Rae: Definitiv. Viele Leute brauchen Kategorien, um Dinge zu verstehen und genau so funktioniert auch Marketing. Mir ist das aber letztendlich egal. Für mich zählt das Gefühl, zu wissen, ob die Dinge zueinander passen.
ouk:Wie betrachtest du die Medien-Landschaft in England? Man wird das Gefühl nicht los, daß dort kritischer Journalismus rar ist...
Mark Rae: Würdest du sagen, daß das in Deutschland anders ist?

ouk: Ja, durchaus.
Mark Rae: Ich glaube der Hauptgrund dafür ist, daß die Musik-Industrie für England so entscheidend ist, da sind so viele Leute, die zusammen arbeiten und die Grenze zwischen Record-Labels, DJs und Promotern ist eher fließend. Für England ist der Export sehr wichtig und ich stimme dir zu, wenn du ein bestimmtes Magazin liest, daß du zumeist Kritik vergeblich darin suchen wirst, alles wird beschönigt, obwohl man es kaum glauben mag, auch in kleineren Magazinen, eine Art von Lücke.
ouk: Eine Lücke?
Mark Rae: Gute Journalisten bemühen sich darum, diese Zusammenhänge zu durchschauen und dagegen etwas zu unternehmen, die Lücke auszufüllen.
ouk: Gibt es nicht ein paar gute Fanzines?
Mark Rae: Schon, z.B. „Electric Chair“, aber die sind dann zumeist stark lokal ausgerichtet. Ich denke, das Internet beeinflußt diese Tendenz dann noch zusätzlich.
ouk: Wie wichtig ist für dich das Internet?
Mark Rae: Ich glaube, es geht mehr um das Essentielle.
ouk: Glaubst du nicht, daß das Internet nicht auch ein Plateau sein könnte für mehr Demokratie?
Mark Rae: Durchaus, aber wenn du das Internet näher betrachtest, geht es mehr darum, Briefe zu versenden, Flüge zu buchen, zu shoppen, es vereinfacht manche Dinge, aber es verändert keineswegs die Welt. Menschen sind eher träge, insofern ist das Internet so wie ein erweitertes Fernseh-Programm.
ouk: Zurück zum neuen Album, besonders beeindruckt hat mich der Track “Sick Chick”. Das Stück mutet ein wenig psychedelisch an.
Mark Rae: Der psychedelische Keyboard-Sound kommt von Danny Ward, der Schlagzeuger. Er spielte einen Percussion-Part ein und kam dann später auf die Idee, die Keyboard-Passage in einer bestimmten Art zu bearbeiten. Derzeitig ist der Track mein Lieblingsstück auf dem Album, dieser differenzierte Sound, einzigartig und ungewöhnlich, ein wenig wie Drum’n’Bass, ein Stück House, ohne so schnell zu sein, eine wirklich interessante Mischung aus unterschiedlichen Teilen.
ouk: Hast du dich jemals mit Psychedelic-Musik aus den siebziger und sechziger Jahren beschäftigt?
Mark Rae: Exzellente Musik zum Hören, aber ich bin nicht davon beeinflußt worden, ich habe nicht eine einzige Scheibe in dieser Art in meiner Sammlung, ich bin schon immer mehr ein Black-Music-Fan gewesen, aber ich habe beispielweise von Can gehört, Leute wie Only Child sind wie besessen von dieser Musik.
ouk: Was bedeutet für dich Jazz? Absolute künstlerische Freiheit?
Mark Rae: Wenn ich ganz ehrlich bin, muß ich gestehen, daß Jazz immer eine Musikrichtung für mich war, die ich nicht so richtig verstanden habe, und ich fand Jazz zumeist recht langweilig. Ich ziehe glaube ich eher Fusion vor, der für den Dancefloor geeignet ist. Ich bin nicht musikalisch genug, um Jazz wirklich zu verstehen, ich kann ein paar Ideen für mich daraus gewinnen, um sie dann als Samples zu verwerten.
ouk: Du spielst manchmal Jazzanova-Tracks?
Mark Rae: Ja, vor allem “Whats your Number”, einer ihrer besten Remixe...
ouk:...basierend auf Hip Hop?
Mark Rae: Yeah, o.k. Das ist schon Jazz, aber der Punkt ist dabei, daß hier HipHop-Headz am Werke waren, die Jazz aus einer anderen Perspektive heraus betrachten. So gesehen sind diese Leute wichtiger für die Jazz-Bewegung als Jazzer für HipHop waren.
ouk: Kennst du Leute wie I.G. Culture, die West London Szene?
Mark Rae: Oh ja, sehr talentiert, sehr interessant, sehr musikalisch, aber manchmal auch ein wenig zu viel davon, das ist mir manchmal zu gebrochen. Die Leute mögen mich jetzt konservativ nennen, aber ich ziehe, glaube ich, doch Reggae vor.

ouk: Auf “Rae Road” gibt es auch einen Reggae-Track. Sind die Lyrics gegen Rassismus?
Mark Rae: Gegen Scheinheiligkeit, Rassismus, und ein Versuch, den Leuten klar zu machen, daß es nicht darauf ankommt, wie viel Geld du verdienst oder welcher Nationalität du angehörst.
ouk: Hast du dabei eine spezielle politische Botschaft verfolgt?
Mar Rae: Eher so etwas wie eine humanistische Botschaft - das ist so, als ob du sagen würdest, da draußen gibt es so viel Scheiße, wieso halten wir nicht einfach mehr zusammen, es ist letztendlich egal woher wir kommen. Natürlich ist das gewissermaßen idealistisch, aber zugleich auch sehr positiv.
ouk: Wie würdest du dich als DJ beschreiben? Weniger gebrochene Strukturen - mehr phatte Beats für den Dancefloor?
Mark Rae: Genau, ich muß schon genau darauf achten, was ich spiele, I just play for the ladies. Ich spiele viele alte Sachen. Wenn ich regelmäßig zu Hause in einem Club spielen würde, könnte ich neue Klassiker kreieren, neue Formen suchen, aber wenn du in einer anderen Stadt spielst, die du nicht einmal kennst, mußt du schon aufpassen, welche Intention du eigentlich verfolgst - just keeping the balance.
ouk: Du spielst auch brasilianische Stücke?
Mark Rae: Schon, aber eher solche, die mehr in Richtung Hip Hop gehen, ich mag es ein wenig dreckiger, mit mehr Temperament, harte Disco-Samples und House-Classics, ich liebe gute House-Music. ][ j.n


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