OUK das neunund30ste ± sitzt & glänzt ± Okt/Nov 02 Mc Sweeney’s

Mc Sweeney’s

Warum macht so was in Deutschland eigentlich niemand?

Wo immer Kultur produziert wird, hat sich Ironie als das beherrschende Stilmittel der Gegenwart durchgesetzt – und das ist gut so, denn die raunende Betulichkeit, die im deutschsprachigen Feuilleton so geschätzt wird, ist nicht mehr in der Lage, die immer komplexere Wirklichkeit zu erfassen. Zu oft allerdings, vor allem in der deutschen sogenannten Popliteratur, wird Ironie zur überheblichen Distanzierung des Schreibers von seiner Materie mißbraucht. Wäre es nicht schön, wenn es eine Art von Literatur gäbe, in der Ironie stattdessen zur Brechung und zur Verhinderung von Sentimentalität eingesetzt würde?

Wie so etwas aussehen könnte, zeigt der amerikanische Verlag McSweeney’s, der die aufregendste, unterhaltsamste, innovativste, inspirierendste Literatur dieser Tage veröffentlicht. McSweeney’s ist das kleine Imperium von Dave Eggers, in das er Geld für die Taschenbuchausgabe seines Bestsellers A Heartbreaking Work of Staggering Genius gesteckt hat. Mit Autoren wie Michael Chabon, Zadie Smith, Jonathan Lethem, Rick Moody und Haruki Murakami hat sich sein Verlag an die Spitze dessen gesetzt, was in der englischsprachigen Literatur jetzt und morgen wichtig ist. Zum einen werden hier die formalen Grenzen von Kurzgeschichten, Reportagen, realen und fiktionalen Briefen und Interviews, Experimenten, Parodien und Albernheiten ausgelotet. Der Schreibstil ist dabei immer zupackend, häufig lakonisch und – natürlich – von Ironie getränkt. Das ist durchaus sehr amüsant zu lesen; allerdings nehmen immer wieder zunächst bloß lustig scheinende Geschichten eine unerwartete Wendung und werden substantiell. Denn die bei McSweeney’s erscheinenden Texte haben als Kern ein Interesse am Leben von Menschen, der Dynamik der Beziehungen zwischen ihnen, am Eindringen unerwarteter Umstände in ihre normalen Leben. Die Position ist dabei immer empathisch; die Autoren bleiben auf der Seite der Protagonisten. Offensichtlich hilft dabei die Verlagspolitik, keine Stories zu veröffentlichen, in denen Beziehungsprobleme in fabelhaften Apartments in Manhattan behandelt werden. In neueren Veröffentlichungen läßt sich ein gewisser Trend zu runderen, ausgefeilteren Strukturen ausmachen – um es anders zu sagen: die meisten Stories haben inzwischen Anfang, Mitte und Ende.

Über das Inhaltliche hinaus ist McSweeney’s ein wegweisendes Modell für Independent Publishing – mit frappierenden Parallelen zur Funktionsweise von Elektronik-Labels. Erstens gibt es die McSweeney’s-Website, www.mcsweeneys.net, die die Funktion von 12“s oder MP3s übernimmt: neue Schreiber werden vorgestellt und es wird ihnen eine erste Öffentlichkeit verschafft. Praktisch täglich erscheint hier ein neues Stück Kurzliteratur. Das Spektrum reicht von genial bis durchgeknallt, beschränkt sich aber durchaus nicht auf bloße Unterhaltung. Ein sehr lohnender Klick für die tägliche Kaffeepause, Englischkenntnisse vorausgesetzt. Falls die Kaffeepause länger dauert, gibt es ein schier bodenloses Archiv.

Zum zweiten gibt es mit McSweeney’s Quarterly eine unregelmäßig erscheinende Anthologie, deren neunte Ausgabe dieser Tage herauskommt. Die Anthologien entsprechen dem allseits beliebten Labelsampler für den Hausgebrauch, mit eingeladenen Gästen und zur Hebung des Profils des eigenen Künstlerpools. Wie auch die Website besticht das Quarterly schon durch seine Form; Ausgaben erschienen als „konventionelles“ Buch oder als einzeln gebundene Hefte, die in einem Karton oder mittels eines Pappumschlages mit einem massiven Gummiband zusammengehalten werden. Nummer 6 enthielt eine CD mit Musik von They Might Be Giants, die Stück für Stück passend zu den Texten und Bildern des Buches geschrieben wurde.

Es ist nur logisch, dass McSweeney’s zum Dritten auch begonnen hat, Soloalben, also „normale“ Bücher eines einzelnen Autors oder einer Autorin, zu veröffentlichen. Nach Büchern unter anderem von Jonathan Lethem und David Byrne (ja genau, der von den Talking Heads) ist das bislang größte Wagnis sicher die Veröffentlichung von Dave Eggers neuem Buch im September. Ein Wagnis deshalb, weil das McSweeney’sche Geschäftsmodell völlig gegen den Strich des amerikanischen Verlags- und Vertriebswesens geht. So findet man McSweeney’s Quarterly nicht in den omnipräsenten Ketten Borders und Barnes & Noble, sondern nur über die Website oder ausgewählte unabhängige Buchläden; andere McSweeney’s-Bücher sind auch über amazon.com erhältlich. Sicher ein Verlust an Breitenwirksamkeit, der aber die größtmögliche Kontrolle über den Publikationsprozeß ermöglicht. Wie Dave Eggers gegenüber dem New Yorker erklärte: „Wenn einem sein Schreiben wichtig ist, ist einem auch wichtig, wie es in die Welt gelangt. Selbst zu verlegen ist ein sehr guter Weg, um sicherzustellen, daß es so herauskommt, wie man es sich vorgestellt hat.“ Man merkt es den McSweeney’s-Büchern an: sie sind durchweg handwerklich hervorragend verarbeitet, auf gutem Papier gedruckt und mit einem soliden Umschlag versehen – aber im Verhältnis zu dieser Qualität geradezu lächerlich billig. Möglich macht’s eine Druckerei ausgerechnet in Island. Warum macht so was in Deutschland eigentlich niemand? ][ amv


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