OUK Das Vierte   federfrei und schwindelfest ouk Interview:
Richard Bartz
wierd picture of Richard Bartz

Flucht, Einsamkeit, Oase der Ruhe. Während Du dich erholst, nimmt nebenan das Leben seinen Lauf. Wir durchstreifen die heiligen Hallen, vor langer Zeit errichtet, jetZt einem neuem Ziel entgegenstrebend. Eine Basis für die nächsten 5 Jahre, von der aus geplant, operiert und in Aktion getreten wird. Schön ist es, es wirkt vollendet, und trotZdem geht es immer weiter, der momentane Zustand ist nur ein Rohbau. Vor 2 Tagen noch lagen die Müllsäcke wirr auf dem Boden verstreut, der Gestank toter Ratten ist noch jetZt Zu erahnen. Die Treppe, deren Stufen wir jetZt mit Leichtigkeit erklimmen, war gestern noch eine Hebebühne. Unter uns ein unscheinbarer Gefährte, sein schulterlanges Haar sticht genauso wenig hervor, wie sein Auftreten. Und doch ist er uns um einiges voraus, hat er mehr erreicht als mancher von uns je erträumt hätte.

(ouk) Wie gefällt Dir das neue Ultraschall?

(rb) Es ist schon etwas kommerZieller geworden jetZt. Früher war es etwas mehr undergroundiger. Es ist jetZt halt ein richtiger Club. Vorher war es eher was Improvisiertes, jetZt hat es eine Art EndZustand für die nächsten 5 Jahre erreicht. Aber es ist noch lange nicht fertig. Es fehlen noch die ganZen visuals und die ganZen Maschinen. Es werden noch bewegte Wände installiert. Ich weiß eh nicht, wie sie das alles noch geschafft haben. Gestern herrschte hier noch das reine Chaos. Nebenan steht ein 500.000 Watt Generator, der versorgt das ganZe Gelände mit Strom. Da war nur ´ne HolZwand davor. Die ist jetZt weg, man kann jetZt direkt ran. Zuerst dachten wir, das wäre so ein Generator für irgendeine Kartoffelmaschine. Dabei ist es direkt die Haupteinspeisung. Ziemlich heftige Sache ....

(ouk) Vermißt Du den Flughafen Riem und das alte Ultraschall?

(rb) Nein, es wird immer weitergehen...

 

Richard BartZ ist in München aufgewachsen. Er kennt seine Stadt und ihre Bewohner. Mit Beginn des 12. Lebensjahres entdeckte er seine Vorliebe für die Musik. InZwischen ist er 21 und hat einiges erlebt. Irgendwann tauschte er das Mofa gegen eine Spraydose ein, aus der Rockmusik wurde Breakdance. Musik erZeugt für ihn einen bestimmten Zustand, eine Atmosphäre. Durch sie drückt er sich aus, macht neue Bekanntschaften.

Richie: Den Lester kenne ich schon Ziemlich lange. Ich glaub er war 12 als ich ihn kennengelernt habe. Er ist Ziemlich eine Generation unter mir. Wir waren eher so die Rocker, er hingegen lief noch mit so ´ner Afrokugel rum. Das war wirklich cool. Lester war immer der kleine, obwohl er ja inZwischen recht groß geworden ist. Irgendwann hab ich dann "a homeboy, a hippy and a funky dredd" von Total Confusion gehört. Das war mit 17. Danach bin ich dann sofort ins Studio gegangen und hab versucht ähnlichen Sound Zu machen, mit Hall verZogen, Total wirr.

Wie kamst Du Zu disko B?

Ich kam daZu als die 4. disko B draußen war, Kotai - Susi's daydream. Mein Studio war damals 100m vom Optimal entfernt. Und ich wußte eben, daß disko B von irgendjemandem aus dem Optimal gemacht wird. Ich bin dann einfach in den Laden reinmarschiert und wollte ein Demotape abgeben. Der Upstart hat mich dann erstmal voll verarscht. Ich hab dann gefragt "Wer macht denn disko B" und Upstart meinte nur "Das machen so Leute ...". Ich mußte dann wirklich 3mal hin und ihn belabern bis ich wußte, daß er der Macher von disko B ist. Er hat dann mein Tape gehört und dann hat es sofort gefunkt. Ich hab dann auch gleich für disko B gearbeitet, Datenbank programmiert und so Sachen. Kurbel hab ich dann gegründet, weil ich soviel Output hatte, den ich auf disko B nicht rausbringen konnte, und auf anderen Labels auch nicht.

 

Du machst Kurbel inZwischen alleine?

Ja, Das ist jetZt mein eigenes Ding. Anfangs hab ich mir da keine Gedanken gemacht, wer da was macht, aber jetZt will ich das selbst in die Hand nehmen. Ich suche jetZt noch einen Dj als Frontman, da sind auch schon welche im Gespräch. Das ganZe wird dann so eine Art Crew-Konstellation. Ein guter Dj, ein Live-Act. Die neue Kurbel wird übrigens von Heiko Laux sein, ganZ frisch. Das ist jetZt die 4.; 25 wird es geben.

Und nach 25 ist schluß?

Ja, dann ist Schluß.

Kommt dann was neues?

Dann gibt es ein neues Label, aber das ist noch ganZ geheim. Da gibt es dann nur 15 Stück von.

Weswegen diese Staffelung?

Das ist irgendwie so ein Movement. Es sind Ideen, wie man eine Disko gestalten könnte, oder allgemein einen bestimmten style in die Disko bringen könte. Das ganZe präsentiert man dann eben auf 15 Schallplatten Zyklusmäßig über ein oder Zwei Jahre hinweg. Vieleicht auch Zusammen mit mehreren Künstlern, die eine ähnliche Idee haben. Es steckt aber gar nicht soviel dahinter. Es ist eher selbstgefällig und soll Spaß machen. Ein Zweites Ich kann manchmal sehr nütZlich sein. Gerade durch die Spaltung der eigenen Person kommen Dinge Zum Vorschein, die sich bis dato im tiefsten Inneren verborgen haben. Richards anderes Ich nennt sich Acid Scout und macht Musik für Millionen. Auch wenn das Material schon älter ist, die Entstehung geraume Zeit Zurückliegt, wirkt es trotZdem aktuell und fortgeschritten.

Woran unterscheidet sich Acid Scout von Richard BartZ?

(a.s.) Richard BartZ spielt eher tricky stuff und minimalistischere Sachen. Als Acid Scout bin ich melodischer und gebe mehr Gas. Schneller und rougher. Da hau ich schon mal auf die Pauke. Generell mache ich sehr verwrungene Sachen. Deshalb haben Dj's auch immer Probleme meine Platten Zu mixen. Das schaffen sie nicht. Auch wenn ich jetZt etwas programmiere, ne catchy line oder etwas ähnliches, dann muß ich das immer sofort Zerstören. Modulsystemsound ist auch geil. Sachen die nicht so starr sind, sondern sich ständig in sich verdrehen, Metamorphosis und so. Was ich allerdings nicht mag ist Jungle und so Zeug, das ist mir Zu nervös und hektisch, so schnell gehe ich nicht. Ich suche in dieser Musik eigentlich diesen meditativen Moment. Vieleicht bin ich da auch schon Zu alt dafür. Vielleicht muß ich echt 17, 18 sein, damit das bei mir reinpaßt. Ich habe nichts gegen tricky Rhythmen, aber nee ....

Wie sieht es mit Ambient aus?

(a.s.) Ambient finde ich sehr gut. Ich habe auch schon unter anderem Namen Ambientsachen rausgebracht. Was mich immer wieder fasZiniert, ist die Tatsache, daß manche Breakbeatsachen, die ich damals gehört habe, den Sachen gleichen, die ich jetZt mache. So als ob ich mich überhaupt nicht weiterentwickelt hätte.

Elektro ist ja auch gerade voll im kommen.

(a.s.) Man kann eigentlich gar nicht von kommen sprechen. Ich denke einfach mal, daß es Sachen sind die immer in der SZene umherkreisen, Begriffe wie Elektro oder Cosmic Music. Die Leute nehmen dies dann auf, weil sie es vermarkten oder gut finden. Das sind dann die Trends. Drum ist es eigentlich auch egal, es wird nichts weggehen. Es kommt, geht, wird wieder aufgegriffen und verarbeitet. So geht es immer weiter. House, das hatten wir vor 10 Jahren schon. Rave geht jetZt und kommt dann wieder. In 5 Jahren gibt es plötZlich wieder Riesenraves und alle finden es geil. Das ist eine Spirale die sich in sich selbst dreht.

Verbringst Du viel Zeit im Studio?

(a.s.) Nein, eher wenig. Ich mache Zur Zeit sehr wenig. Nichtstun finde ich gerade extrem cool.

Machen Dir Liveauftritte überhaupt noch Spaß?

(a.s.) Nein, mittlerweile nicht mehr. Es ist inZwischen so kompliZiert. Es gibt hier nichts, wo ich nicht schon war. Mein nächster Plan ist, alle 2 Wochen ne Scheibe raußZuhauen.

Dann kommt wieder der Vorwurf von Menschen, die Techno nicht mögen, das wäre ja kein Problem sowas Zu produZieren.

(a.s.) Nun, ganZ so einfach ist es ja auch nicht, es kommt immer auch ganZ auf den Moment an. Aber wie soll ich Dir das erklären... es gibt keinen Hebel, keinen Filter, es gibt nichts was ich nicht kenne. Nach Zwei bis drei Jahren geht einfach alles. Da kommt Z.B. Hell und sagt "Richard, ich will genau dieses Geräusch haben" und dann mache ich das halt kurZ.

Deine erste selbstgekaufte Platte?

(a.s.) Moby - go. Davor hatte ich keinen Plattenspieler. Und ich hab auch jetZt wieder keinen. Bei mir Zu Hause läuft den ganZen Tag die Anlage. Ich hatte sie bis jetZt auch immer im WohnZimmer stehen. Dann ist jemand hingegangen und hat den Bass weggedreht und dann lief das ganZe halt eine halbe Stunde ohne Bassdrum. Dann kommt der nächste und dreht die bass wieder rein.

Doch Richard BartZ ist müde. Er hat seinen PlatZ gefunden. Eigentlich hat er nie Musik gemacht, darauf hat er auch keine Lust. Techno war für ihn immer die Notdurft, keine Musik Zu machen, sondern das Mittel einen bestimmten Zustand Zu schaffen. Langsam aber sicher klinkt er sich aus. Zieht sein Projekt, das seinen Schülern und Lehrlingen Style und Technik beibringen will, noch Zu Ende. Prepareness for the front. Die jungen Leute brauchen ein Forum, um das Zu vollenden, was Richard BartZ begann. Andere Dinge durchdringen des Meisters Hirn, neue Lichtblicke tauchen am HoriZont auf.

Wie willst Du Dein Leben fortsetZen, wie geht es weiter?

Der Pfadfinder: Mal schauen, erstmal etwas ausruhen. Leben. Es geht ja alles auch so schnell. Ich weiß noch genau wie ich angefangen habe, wie alles passiert ist mit disko B, wie ich daZukam, wo ich heute bin, was daZwischen alles passiert ist; Freunde, Erfolg, alles was einen prägt. Techno ist schon sehr dick geworden. Und irgendwo gibt es eine GrenZe wo Du nicht mehr weiterkommst. Für die jungen Leute ist Techno ja schon fast Volksmusik geworden. Du kannst das ganZe nicht lenken. Du kannst auch keine Vorhersage treffen, es wird alles wiederkommen. Ich glaube ich gebe auch einen fürchterlichen Interviewpartner ab. Es interessiert mich auch gar nicht so. Ich muß ehrlich gestehen, früher war es einfach besser. Ich kann mich noch genau erinnern, vor vier Jahren in der Kulturstation in einer HolZbaracke, das war echt super. Es war noch nicht so verdrogt. Man hat Zwar schon gekifft, aber die Leute waren nicht so verpillt wie heutZutage. Ich trinke auch kein Alkohol. Wenn Du wirklich pillepalle bist, kommst Du auch nicht so weit. Ich hab auch kein Auto, ich sauge schon genug Strom. Ich fahre dann mit dem Rad oder gehe Zu Fuß. Dadurch kenne ich auch die Stadt, das Ghetto. Klar, mit dem Auto bist Du in fünf Minuten rübergefahren, Zu Fuß brauchst Du halt ne halbe Stunde, hast dafür aber wieder city-lights erlebt. Hast was gesehen und trägst es weiter. Ich versuche auch möglichst viel Zu erleben. Wenn man nur stumm vor sich hinlebt, kommt ja garnichts mehr raus. Man will ja was reflektieren. Ich will jetZt mehr mit meinem Bruder Zusammenarbeiten. Der ist ein richtiger Computerfreak. Ich hab da CD-Roms und Multimediageschichten im Hinterkopf. Elektronische Zeitschriften und so. Auch das Internet interessiert mich wahnsinnig. Das wird alles immer schneller.

ouk: Und wo stufst Du Dich ein?

Der Pfadfinder: Ich denke schon daß ich ein Individualist bin. Ich werde jetZt aber auch auf der Mayday spielen. Da ist ganZ Detroit versammelt, und das finde ich schon ehrwürdig. Es ist eine gute Möglichkeit um viele Leute Zu erreichen. Die Musik bleibt immer dieselbe. Es ist doch völlig egal, ob ich im Ultraschall spiele oder auf der Mayday, der Sound ist identisch. Auf der Mayday gebe ich vieleicht noch mehr Gas. Ist ja auch ´ne größere Anlage, rumst einfach besser.

ouk: Füllst Du Deinen Bauch auch mit Essen?

Der Pfadfinder: Ja, auch. Obwohl ich mich manchmal frage was das ganZe soll. Aber das ist die hi-tech Lüge. Du denkst alles ist so wahnsinnig und die Maschinen funktionieren immer, selber aber mußt Du so einen Schimmel in dich hineinfressen.

 

Musik kommt und geht. Vieleicht wird die Musik als solches irgendwann auch mal ganZ von der Bildfläche verschwinden und durch etwas völlig Neuartiges ersetZt. Die Verbindung von Musik und Bild ist ja schon lang nichts Neues mehr. Für 4.000 Mark kriegst Du heute ein super Racksystem mit dem Du alles anstellen kannst, mit 10.000 Mark kann heutZutage jeder seine eigene Firma gründen. Was jedoch im deutschen System fehlt ist ein ausgeprägter Kleinhandel. Seit jeher sind die Menschen in die Fabriken gegangen. Der Jude, der Individualist, der eben nicht in die Fabrik ging, wurde kurZerhand diskriminiert. Doch die Wende naht und die Besinnung Zum Kleinhandel, der in Deutschland nie richtig vorhanden war, wird einZug halten. Die Menschen Zieht es weg von den Fabriken, weg von den großen MulitkonZernen hin Zu EinZelindividualengines, wo jeder jeden beliefert. Do it yourself, individualistisches Selbsttun.

Herr BartZ: Im Moment passiert immens viel, es gibt Leute die engagieren sich, wollen was auf die Beine stellen. Und das ganZe fließt dann mit einer Art Musik weiter. LetZendlich ist ja auch die Musik nicht entscheidend. Auch Techno war für mich nie nur die Musik, es war immer das Gesamte. Die Performance, die Party, das Licht, die Visuals, der Nebel, Schlange stehen, all das ist Techno. Auch wenn man überlegt was in den 60er Jahren war, und dann 30 Jahre später, heute, das ist schon krass. Die Mäuse, die Autos, die Menschen, heute ist man frei, es gibt keine Moral mehr.

ouk: Glaubst Du denn auch an Außerirdische?

Herr BartZ: Ja, in Form von gebündelter Energie, die sich irgendwie durch die Gravitation der Sterne Zu diesem Zeitpunkt eben bewegt. Wir Menschen sind eine Ansammlung von Elektronen, die Sterne wirken auf uns, das gibt Kraftfelder und Schnittflächen und Zwischen den Schnittflächen gibt es wieder Leerräume. Und warum soll es das woanders nicht auch geben. Unter bestimmten Druckverhältnissen funktioniert Zum Beispiel alles ganZ anders. Außerirdische, auf jeden Fall. Man darf aber eigentlich gar nicht darüber sprechen, weil man es nicht begreifen kann. Auch Gott Zum Beispiel, man darf nicht über Gott sprechen, Gott ist so übergeordnet, daß man das nicht in Worten fassen kann, jede Diskussion über Gott ist überflüssig. Es gibt bestimmt immens viel, was wir gar nicht sehen. Harmonie ist dann wieder wie eine Ordnung im Chaos. Das reißt dich dann wieder rauß aus dem ganZen Schlamassel.

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