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Das Vierte federfrei und schwindelfest | Plattenkritiken |
Aus der Reihe "Außergewöhnliches" haben wir heute unter anderem The Prodigy zu bieten. Seit mittlerweile über fünf Jahren sind die vier Jungs konstant im Musikbuziness präsent. Egal, was sie auch anpacken, es wird immer qualitativ hochwertig, es enthält immer innovative Elemente und es gelangt immer in die Top Ten. Letzteres verblüfft mich doch stark, oder kann mir jemand erklären, wie ein "Firestarter" oder "Out of Space" zwischen Pur und Dj Popo gelangen kann? Die ganze Angelegenheit scheint schlichtweg ein Phänomen zu sein.
Fassen wir uns kurz. Die neue Maxi "Breathe" ist erschienen, erinnert vom Arrangement her an den Firestarter und ist definitiv die Platte, die es bei mir momentan am meisten in den Beinen zucken läßt. Gespannt erwarten wir die LP im Frühjahr und schauen weiterhin jede Woche auf der ARD/ZDF-Videotexttafel 528 nach, in der Hoffnung, neues "Außergewöhnliches" zu entdecken.
In unserer Folge "Allein im Recordshop" lernen
wir heute:
Kaufe blind, aber nicht taub.
1. Schau dir nie das Cover an! Es könnte Dich dazu bringen, ein musikalisch nicht so berauschendes Produkt, ohne es vorher angehört zu haben, zu erstehen: Enforcers (Reinforced), trotzdem herzlichen Glückwunsch zum 100.; Earth Vol. 1 (Good Looking).
2. Wir können froh sein, daß wir -zumindest in deutschen Recordshops- die Möglichkeit haben, die kleinen Silberlinge und die großen Schwarzen (Schwarz ist Trumpf) vor dem Erwerb akustisch unter die Lupe nehmen zu können. Nutzt diese Chance und kauft Blech (Warp), digital zusammengemixte Tracks von Warp-Acts, allerdings nur als Silberling erhältlich.
Die Serie "Die Abenteuer von Trommel und Bass" muß leider heute entfallen, da der Winter eingebrochen ist, die Jungs im Sommer lieber am Strand liegen, als an ihren Kisten rumschrauben und wir jetzt sowieso nach London fahren, um uns ein paar Scheibchen zu holen. Hier aber noch mal kurz die Zusammenfassung der letzten Folge "Wie sammle ich die meisten Sampler":
Nach der erfolgreichen Jagd durch London (The Revolutionary Generation) und den Osten Englands (Storm from the East) sind unsere zwei Helden im Landesinneren fündig geworden: Transcentral Connection, die Dritte aus dem Hause Moving Shadow mit einem klasse Stück von Tango. Lechzend nach neuer Energie geht es weiter zu Shy FX, wo man ihnen The Formula (Ebony), einen sehr empfehlenswerten Jump-Up-Cocktail verabreicht. Gestärkt mit einem Blunt von Smokey Joe, der seinem erfolgreichen No Smoking-Label zur Ehre einen Sampler bescherte (Smokers Inc.), legen die zwei am Festland an, um den Downbeat-Jungs ein bißchen auf die Finger zu schauen. Dies hätten sich die beiden jedoch sparen können, da die meisten Acts auf Meditation-Downbeat in the Jungle sowieso von der Insel sind und Aphrodites "Coz we're rollin'" genug rollt.
Auf die Zuschauerfrage des Monats "Isch des jetz au Drum'n'Bass?" im Bezug auf die Remixserie von Garbages' Milk bleibt nur zu antworten: "Noi, des isch Goldie!"
][ lightwood
Eine kleines Label-Portrait anlässlich
der Veröffentlichung
der Headz 2 - Compilation von
Mo Wax.
Es war einmal ... oder wie alles anfing: James Lavelle Gründer des Mo Wax-Labels war Ende der 80er Jahre bis 1992 Plattenverkäufer in London. HipHop hatte zu dieser Zeit eine kreative Hausse, man denke nur an die in diese Zeit fallenden Veröffentlichungen von Boogie Down Productions, A Tribe Called Quest, De La Soul und Jungle Brothers, um nur einige stellvertretend zu nennen. Die englische HipHop - Szene hatte außer Eric B. & Rakim eigentlich nichts Nennenswertes zu bieten und konnte sich gegenüber der amerikanischen Dominanz nicht als eigenständige Szene etablieren. Ende der 80er Jahre genossen einige japanische HipHop-Maxis in der Londoner Club-Szene einen Kultstatus, denn zum einen hatten sie durch die zum Teil obskuren, aus dem japanischen Kulturkreis stammenden Samples einen exotischen Touch, zum anderen kamen sie ohne Rap daher. In Japan gab es einfach keine guten Rapper und so wurde dieser Mangel durch super phatte, pure HipHop-Beats kompensiert.
Diese Scheiben wurden meist auf dem japanischen Major Force Label veröffentlicht, woran Kudo & Tosh maßgeblich mit beteiligt waren. Die beiden siedelten dann nach London über und hingen ziemlich viel mit James Lavelle ab. Fast zeitgleich kam es zur Gründung von Major Force West durch Kudo & Tosh und Mo Wax durch James Lavelle. Beide Labels teilten sich ein Büro und so war es fast naheliegend, daß Major Force - Acts wie DJ Krush und Love TKO auch auf Mo Wax veröffentlichten.
Heute ist Mo Wax, neben Ninja Tunes, eines der führendsten Labels welches man mit dem Begriff "TripHop" in Verbindung bringt. Wie kaum ein Etikett das irgendwann einmal zur begrifflichen Einordnung von Musik erfunden wurde, ist der Begriff TripHop umstritten. Sollte man besser von "abstraktem HipHop" oder einfach von "HipHop ohne Rap" sprechen, wie manche meinen ? Was soll's, jedenfalls wird an dieser Diskussion deutlich, daß die japanischen Major Force - Maxis das, was man heute als TripHop bezeichnet, zumindest ansatzweise schon vorweggenommen haben.
Die ersten Veröffentlichungen von Mo Wax waren zum Teil noch sehr Acid Jazz - lastig (z.B. Federation), was auch der ersten Mo Wax Compilation "Royalties Overdue" noch deutlich anzumerken ist. Zwar waren hier schon Ansätze eines neuen Sounds erkennbar, doch erst mit dem Release von DJ Shadow's Maxi "In-Flux" änderte sich dies entgültig. Der Track war ein 12-minütiges instrumentales HipHop-Epos mit Jazz-, Soul- und Soundtrack - Samples, Streicherarrangements und DJ Shadow's Scratches. "In-Flux" war für James Lavelle die Platte, die er schon immer veröffentlichen wollte. Selbst wenn Mo Wax von heute auf morgen den Bach runter ginge, wäre er glücklich, weil es dieses Stück gibt.
Von da an waren die Signings von Mo Wax von der Vision eines neuen Sounds bestimmt. Dabei zeigt Lavelle sein breites musikalisches Interessenspektrum und seine Offenheit nach allen Seiten. Zum einem produzieren auf Mo Wax amerikanische HipHop - Acts (DJ Shadow oder Sam Sever, der schon als Produzent von 3rd Bass in Erscheinung getreten war), zum anderen auch Leute aus dem, im weitesten Sinne, Techno - Umfeld (DJ Skull, Autechre, Patrick Pulsinger) und einige der absoluten Top-Produzenten der englischen Drum'n'Bass - Szene (Alex Reece, Wax Doctor, DJ Krust & Roni Size, Photek und Peshay).
Den vorläufigen Höhepunkt der Mo Wax - Veröffentlichungen stellt die Headz 2 Compilation dar. Auf zwei liebvoll aufgemachten Hardcover - Alben (Headz 2a & 2b), mit je 2 CD's / 4 LP's findet sich auf insgesamt 54 Tracks die gesamte Bandbreite des Mo Wax-Sounds wieder. Neben den oben schon genannten Jungle-Acts sind noch unter anderem Source Direct, Dillinja und J Majik hier ebenfalls vertreten. Auch tauchen auf dieser Compilation für Mo Wax erstmals zwei innovative Acts aus dem Rock-Bereich auf: Die hervorragenden und von vielen Seiten gefeierten Tortoise sowie die eher unbekannten Folk Implosion, ein Projekt von Lou Barlow, dem Mastermind von Sebadoh und ehemaligen Bassisten von Dinosaur jr (zu Zeiten von "You're Living All Over Me" aus dem Jahre 1987, sozusagen einem der Blueprints für Grunge). Bemerkenswert finde ich hier vor allem wie gut diese beiden Tracks in den Gesamtsound der Platte passen, trotz des doch sehr differenten musikalischen Backgrounds.
Klar ist natürlich, daß die orginären Mo Wax - Artists nicht zu kurz kommen und noch durch einige Lizensierungen ergänzt werden, die einen Bezug zu Mo Wax haben bzw. für die Entwicklung von Mo Wax und seinem Sound von Bedeutung waren und noch sind: Nightmares On Wax, Beastie Boys, DJ Food, Massive Attack und die Dust Brothers, um nur einige zu nennen.
Wenn man eine Mo Wax Platte braucht, dann kann ich diese nur empfehlen, denn sie ist bisher das Beste, was James Lavelle zusammengestellt und veröffentlicht hat. ][ mh
Nachdem zur Zeit aus jeder mehr oder weniger renommierten Zeitschriftenauslage einem die listigen Gesichtscharakteristiken Richard D. James entgegenschreien, und die jeweiligen Magazine schon mehr als genug über Person und Musik geschrieben haben, um uns und sich selbst das Phänomen des Aphex Twin (AFX) aufzugliedern, bleibt hier nur noch zu erwähnen, daß beide Formate, "Girl/Boy EP" (WARP 78) und "Richard D. James Album" (WARP LP 43) sich ausgezeichnet ergänzen und so eine viel zu kurze Spielzeit der LP (ca. 35 min.) wieder ausgeglichen ist. Beide stellen die konsequente Weiterentwicklung der "Hangable Auto Bulb EP" (WARP 67b) dar und verbinden abstrahierten Drum'n'Bass mit "Ventolin"ischer Verrücktheit (Warp 60a + 60Ra). Harmonisch Disharmonisch.
Auch in Richtung Drum'n'Bass gehen zwei Tracks der neuen SPORT REC.-Veröffentlichung. Es ist der erste Release des neuen Frankfurter Labels. Verpackt in einem Mitnehmpizzakarton bringt sie in die doch etwas stagnierte Welt des Elektro eine neue Facette, und löst so ein Appetittgefühl nach mehr aus. Über dunklen Electrosphären walzt sich ein perkussiver Funk, der mehr und mehr hin- und hergeschleudert wird und von Source Direct-artigen Flächenklängen hin zu seinem finalen Gewitter begleitet wird. Eigentlich ist es der Elektro-Funk, der diese 12 Inch des Projekts von Wildpop, Superbleep 6000 und Mulo Nation durchgehend beherrscht. Hunger ?!?
Mehr in den Vordergrund sich drängende Trommel und Bass-Geräusche erhält man auf der neuen Gerhard Potuznik. "Gerard Deluxe" (CHEAP 19) ist ein weiterer österreichischer Geniestreich und zeigt, daß einige Labels doch flexibel zu sein scheinen. Hier geht es etwas schneller vor sich als auf der Sport 001. Trotzdem ist auch hier im Hintergrund das Grundelement Elektro gut zu erkennen und zu genießen. Elegant verbinden sich hier mehrere Musikstile, die sich wiederum aus vielen Einzelheiten zusammengesetzt haben, zu einem neuen Ganzen. So treffen Xylophontöne auf schleifende Bässe, übersteuertes Rumpeln auf synthetisches Fiepen. Ein Rundumschlag in der Welt der Elektronik, der sauber differenziert.
Gerade erwähnter Herr befindet sich auch auf der neuen SABOTAGE-Veröffentlichung (Nr. 13): "Electro Juice" ist ein Sampler der Titel von ectomorph, krok, retroman, ultradyne, def con, satanic soul, the private lightning six, pomassl und le car beinhaltet. Es präsentiert sich der Elektro hier eher in seiner klassischen Variante, und zeigt so, daß es nicht immer des Wunderelexieres Drum'n'Bass bedarf, um betäubten Geschmacksnerven eine abwechselnde Würze zu reichen. Diese Doppel-LP dreht sich in sehr düsteren Abgründen unaufhörlich vor sich hin, und jedes schon in Vergessenheit geratene Ende eines Tracks zerreißt die Hypnose, um eine neue Dimension zu erzeugen. Schrille Vogelprogrammierungen schreien luftzertrennend durch den Kabelwald, um dann im Lärm, der in Rauchschwaden waberndern Industrieanlagen, einsam zu verhallen.
Viel durchsichtiger ist dagegen das Vinyl der neuen Unit Moebius "Kuiken" (CROSS FADE ENTER TAINMENT). Das zum Großteil nur aus Drumsounds bestehende Doppelalbum, das über keine Hülle verfügt, stellt eine finstere Fusion aus abstraktem Techno und Acid dar, die aber auch ihre Unterstützung durch Funk und Samplewirrwarr erhält. Hauptsächlich geht es hier zu wie bei Panasonics "Vakio" (BLAST FIRST Rec.), nur daß der Rahmen des Ganzen eine kleine Welt weiterreicht. Die Rhythmen entstehen durch leicht versetzte oder teilweise gegenläufige Drumsounds, die sich irgendwo wiederfinden und gemeinsam auslaufen. Begleitet werden diese durch krächzende Pfeifen, die über allem schweben. Leider ist das Vinyl, und es gibt bis jetzt ausschließlich dieses, auf wenige hundert Exemplare limitiert. Glück, wer da im Epple-Haus am 18.11. gewesen ist. Ein fehlendes Bindeglied, ein neuer Knotenpunkt.
Das Durcheinander bei den Labelzahlen des Londoner CLEAR Labels hat eine neue Komponente dazubekommen: CLATTERBEATS Vol. I und II. Mit elektroartigem Minimalfunk laufen die zwei Maxis in einem Bereich von 93 bis 119 BPM (+/- 8%) nebeneinander. Die Insgesamt 13 Stücke (7 auf der Ersten; 6 die Zweite) ergänzen sich dabei untereinander, da sie alle miteinander harmonisieren und verwandt sind. ][ g
Ausgezogen sind sie, um die Tanzschuppen dieser Welt zu erobern. Singend, lachend und tanzend durchschreiten sie die Orte. Die Rede ist von Justus Köhnke, Hans Nieswandt und Eric D. Clarke. Im Handgepäck haben sie niemanden anders als Pierre, den Herr der wilden Pitchsounds, der seine Remixe mitgebracht hat. In fast ungewohnt harter Manie treibt er seine Beats vor sich hin. Nur spärlich setzen andere Geräusche ein, gespannt läßt er den Hörer auf mehr warten. Und dann fängt Eric an zu singen, und alle Herzen schlagen schneller. (In 80 Tagen um die Welt: Whirlpool / Disko 2 Disko (pierre rmx) / Ladomat 2000) ][ mb
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