OUK das vierzigste ± durchblickend & wild ± Dez 02/Jan 03 Bernd Friedmann

Titelcollage Bernd FriedmannBernd Friedmann
One Such Musician

Unsere erste Begegnung - eines Nachts im sommerlichen Köln - bereits drei Monate her, Burnt Friedmann selbst zwischendurch nach Südamerika gereist, um dort mit Jaki Liebezeit, Uwe Schmidt und den Nu-Dub-Players auf Einladung des Goethe -Instituts zu spielen und Workshops zu halten. Wer Bernd Friedmann, so sein bürgerlicher Name, näher kennt, weiß. Daß er einen solchen Anlaß auch nutzen wird, möglichst viel jener fremden Länder, Traditionen und Kulturen kennenzulernen und er sich seinen eigenen Gedanken und Schlüssen nicht entziehen wird – auch wenn es ihm dieses Mal schwer fiel, denn die Zustände Südamerikas können einem schon mal die Sprache verschlagen. Doch trotz mancher Trostlosigkeit waren die Besucherzahlen, die zu den Konzerten und Workshops erschienen, sehr beeindruckend und gerade die Workshops waren den Südamerikanern fast noch mehr ein Anliegen, als die Konzerte. Was den Non:place-Labelbetreiber erfreute, denn, so Friedmann, viel zu oft paßt sich der Mensch den äußeren Umständen an...

burnt: Das Allerschwierigste ist es zu wissen, was man will. Ich bezweifle, daß die meisten Menschen überhaupt im Stande sind, da große Schritte vorwärts zu machen.

ouk: Du meinst, viele Menschen lassen sich sehr gerne sagen, was sie tun sollen?
burnt: Ja, zumindest das. Manche gehen auch frohen Mutes in die Sklaverei und sagen dann: „Ich weiß nicht, was ich mit mir zu Hause anfangen sollte“. Der Eindruck ist in Südamerika noch viel offensichtlicher. Man fragt sich da schon: „Was haben die überhaupt für ein Konzept für das, was sie da tun? Haben diese Leute überhaupt eine Ahnung auf was das hinausläuft, was sie da tun?“. Der Kontinent jedenfalls ist kurz vor dem Zusammenbruch und da kann man so eine Frage dann schon mal stellen. Dieser Kontinent wird auf viel krassere Art und Weise zerstört, als hier in Europa, wo eine andere Kulturtradition besteht und Leute schon mal was von Dialektik gehört haben. Aber in Südamerika gibt es für vieles schlichtweg kein Bewußtsein – weniger Vokabeln, weniger Bewußtsein. Solche Begriffe wie Ironie sind für die dortige Bevölkerung zu intellektuell. Die Bildung dort liegt einfach auf einem ganz anderen Niveau und aus diesem Grund liegt auch der Unterschied zwischen arm und reich auf einem ganz anderen Niveau. Dieser Unterschied ist so groß, daß es für viele Europäer ein großer Schock sein dürfte, wenn sie ihn denn mal zu Gesicht bekommen – besonders natürlich in Brasilien, aber auch in den anderen Ländern. Das kann man sich hier gar nicht vorstellen. Das ist so brutal, daß man als Außenstehender gar nicht darauf reagieren möchte.

ouk: Inwiefern haben denn nun für Dich lateinamerikanische Rhythmen und Musik eine Rolle gespielt? War das schon immer etwas, was dich beeinflußt hat?
burnt: Nein, nicht schon immer. Eigentlich nur für die Platte „Con Ritmo“, die ich 1997 angefangen habe. Davor war mir das fremd. Damals bin ich schon einmal in Lateinamerika unterwegs gewesen und habe mich etwas mit der Musik beschäftigt, aber nur peripher. Das Album „Con Ritmo“ ist aber auch mehr unter Jazz als unter lateinamerikanischer Musik einzuordnen. Die Platte wurde viel mehr von Menschen beeinflußt, die nicht direkt aus Südamerika kommen, sondern auch in New York oder Kuba waren und dadurch selbst von Jazz beeinflußt waren. Jemand wie Cal Tjader oder Tito Puente.

ouk: Kann man sagen, daß Dub und Jazz zwei sehr wichtige Musikstile für Dich sind?
burnt: Ach, ich würde sagen, daß Musik generell für mich wichtig ist. Ich habe auch nichts gegen elektronische Musik und ich höre auch viel Ethno-Musik. Alles, was sich durch eine gewisse Einzigartigkeit auszeichnet, wo Menschen am Werk sind, die nicht nach einem bestimmten Strickmuster vorgehen - das ist es eigentlich - und das ist dann auch die Musik, die über Jahrzehnte hinweg interessant bleibt.

ouk: Interessanter Weise wurde ja gerade der Jazz am schnellsten von der Elektronik aufgegriffen und es ist ja schon fast inflationär, wie viele neuen, elektronischen oder was auch sonst immer für Jazz es gibt. Der Blues hingegen - jetzt als Beispiel genommen - wurde von noch niemandem in sein elektronisches Werk übernommen.
burnt: Mmmh, ich denke man kommt nicht weit, wenn man mit diesen Begriffen so hantiert. Was den Jazz letztendlich ausmacht, ist eine Methode: das Improvisieren. Etwas, was nicht gegeben ist. Andere Begriffe, wie Blues, beziehen sich ja vielmehr auf einen Stil. Deshalb ist es auch viel eindeutiger, wenn man darüber spricht. Dixieland und heutige Ninja-Tune-Produktionen sind zwei völlig verschiedene Sachen und beides läuft unter Jazz. Jazz ist oft einfach das Rückzugsgebiet von Individualisten. Autoren, die ein Instrument auf ihre Art und Weise spielen. Blues ist ganz klar eingeschränkter. Reggae ist auch ein riesiges Gebiet. Viele Leute, die ich kennengelernt habe, finden Reggae furchtbar und das nur deshalb, weil sie immer nur diesen Instant-Plastik-Reggae aus den 80ern zu hören bekommen haben. Elektronik ist im Prinzip auch schwierig, weil so vieles, was unter elektronischer Musik läuft, meiner Meinung nach Pop-Musik ist. Oder umgekehrt: mit elektronischer Musik gemeint sein, müßte eigentlich Musik, die nur für den Lautsprecher gemacht ist. Musik, die man nicht spielen kann – radiophonische Musik. Das gibt es aber schon seit den 50ern. Und dann gibt es ja auch schon wieder diese Unterhaltungsmusik, so Consumer-Elektronik, Clicks & Cuts, Büromöbelmusik, wie auch immer. Und da denke ich, kann man sagen, daß man da viele Elemente aus dem Jazz als Stil wiederfindet. Ein dazwischenliegendes Becken und ein gewisser Swing. Jazz als Stil ist eben nicht so leicht definierbar und damit kommt es zwangsläufig zu Überschneidungen und Besitzergreifungen. Vieles, was ich höre, ist Techno mit einer Jazz-Ästhetik.

ouk: Der Trend geht aber ganz klar hin zur Integration von Live-Musikern.
burnt: Ja, aber gleichzeitig definieren die etwas als Jazz, was es nie gegeben hat, denn Jazz ist ja etwas völlig richtungsloses. Und diese Leute tun nun so, als ob es etwas geben würde, das Jazz ist - bleiben dann aber bei ihren Zielvorstellungen stehen, anstatt über den Tellerrand zu blicken und die Maschinen, die sie einsetzen, auch wie Maschinen klingen zu lassen. Es gibt da immer diesen Authentizitätsanspruch – der liegt den Geräten aber fern. Also müßte man die Ästhetik dieser Geräte einsetzen, um sich abzusetzen. Das wäre dann NuJazz. Selbstverliebt gesagt: Rainer Trüby meinte mal zu Flanger, daß das ein Projekt ist, das man wirklich NuJazz nennen kann, da es einerseits eine Reproduktion des Jazz der 70er-Jahre ist, aber gleichzeitig keinen Hehl daraus macht, mit Maschinen gemacht zu sein. Das Kybernetische daran ist stets erkennbar. Das ganze Instrumentarium ist quasi eine Oberfläche, eingesetzt als Zitat.

Grafikouk: Kann man Dich als Klangforscher bezeichnen?
burnt: Also, ich würde mich selbst als gar nichts bezeichnen. Ich habe eine Kunstausbildung, ich habe freie Kunst studiert und bin Diplom-Künstler. Das ist die einzige Bezeichnung, die ich per Zertifikat erhalten habe.

ouk: Betreibst Du Klangforschung?
burnt: Nein... würde ich so nicht sagen. Ich beschäftige mich eher mit Formen. Ich versuche Formen zu finden, ich muß nicht unbedingt Sounds finden. Klar, viele Samples mache ich selbst. Mittlerweile eigentlich alle. Die benutze ich dann aber auch über Jahrzehnte hinweg, ich muß sie nicht ständig austauschen und wieder einen neuen Sound finden. Ich denke, man hört das auch. Forschungsmäßig bin ich eigentlich weniger unterwegs. Aber Formen finden, das ist für mich wichtig. Das ist eigentlich auch das Revolutionäre: nicht der neue Sound, sondern die neue Form.

ouk: Wenn Du Dir im Nachhinein ein Stück erneut anhörst, bist Du dann manchmal von Dir selbst überrascht?
burnt: Wenn zwei Jahre dazwischenliegen, ja. Kommt selten vor. Da muß schon sehr viel Zeit vergehen, damit ich vergesse, was ich mal gemacht habe. Das ist aber ein ganz schöner Effekt. Den versuche ich eigentlich immer mal wieder herzustellen. Denn nur so kann ich über das urteilen, was ich gemacht habe. Ich versuche es dann so zu hören, als wenn es das erste Mal wäre. Das ist ein ganz guter Zustand. Fast unmöglich, aber der beste Zustand, um selbst die Sache kritisieren zu können.

ouk: Liest Du Plattenkritiken über Deine Produktionen?
burnt: Klar! Immer, alle. Musik hat den Vorteil, daß sie sich sprachlich nicht aufheben läßt. In sofern ist auch alles erlaubt. Alles und nichts. Als Nicht-Musiker fällt es einem dann auch schwer, über Musik zu sprechen, da gewisse Vokabeln meist nicht gegeben sind. Was hört man da eigentlich? Wie ist es vorgetragen? Was verspricht die Musik? Wie ist die Stimmung und ist es stimmig, was da passiert? Stimmt der Klang und die Versprechung überein? An sich ganz einfach. Man muß die Musik auch immer an ihrem eigenen Anspruch messen. Es ist schwierig, darüber universell zu urteilen. Ich denke, selbst Musik, die ich mir nie anhören würde, könnte ich noch gut kritisieren. Ich finde auch, daß es wichtig ist, daß der Journalismus die eigene Meinung draußen läßt und durch möglichst vorurteilsfreie Sprache die Musik an sich selbst mißt. Dadurch kann man sich die eigene Wertung sparen, weil die Musik sich selbst bewertet. Jemand, der das immer wieder ganz gut hinbekommt, ist Oliver Tepel von der Spex.

ouk: Merkt man es eigentlich, jetzt im Hinblick auf Verkaufszahlen, wenn eine große Zeitung wie die FAZ eine Kritik über ein Album oder einen Bericht über den Künstler bringt?
burnt: Kann man nicht sagen. Das liegt nach wie vor alles ziemlich im Dunkeln. Ich glaube, daß man sich meist mehr davon verspricht, als es dann ausmacht. Oftmals ist die Presse ja auch nur für Insider, die es zwar lesen, dann aber nicht hören. Ich meine... klar, es bleibt nicht ausgeschlossen, aber Du mußt sehen, daß es sich hierbei um einen ganz einfachen Mechanismus handelt. Wenn du dem Vertrieb sagen kannst, daß Du diese und jene Features hast, dann kann er auch mehr Druck auf den Einzelhandel ausüben. Dann stehen mehr Platten im Laden und wenn Platten im Laden stehen, kann man sie auch kaufen. Dieser Mechanismus hängt mit dem Journalismus aber eigentlich nicht zusammen. Andererseits bin ich in Zeitungen auch schon über Platten gestolpert, die ich nicht im Laden gefunden hätte. Viele Leute würden sich auch nicht für Musik interessieren, wenn sie nicht darüber in der Zeitung lesen könnten und manch einer liest dann einen Titel und hört sich das dann mal an. Nur: nichts zu machen, bringt in jedem Fall weniger.

ouk: Eine ganz klare Forderung an die allgemeine (Tages)Presse also, wieder mehr Kultur- und Musikthemen aufzunehmen und dies nicht nur den jeweiligen Fach- und Szeneblättern zu überlassen. Die Realität sieht leider gegenteilig aus: Die kleinen Magazine und Zeitungen gleichen sich immer mehr und mehr an und geben sich genauso allgemein und nichtssagend, wie die Großen.
burnt: In der Tat, inzwischen machen wirklich alle das selbe. Die Zeitungen, die wir jetzt so kennen – Spex, Groove, Intro... - unterscheiden sich einfach gar nicht mehr. Da wird alles nur irgendwie routinemäßig durchgezogen. Da gibt es gar keine Begeisterung mehr, der Apparat muß nur aufrechterhalten werden. Das ist ein sehr ernüchternder Eindruck. Man kann da eigentlich gar nicht sagen, wie die Politik der jeweiligen Redaktionen aussieht. Es ist ja auch durchaus schon gang und gebe, daß die Journalisten gekauft werden. Da zahlt das Label dann nicht nur die Anzeige, sondern auch den Menschen in Form von Anreise, Hotel etc. ...

ouk: Daß man sich Titelseiten erkaufen kann, sollte eh jedem klar sein.
burnt: Nur so kann ja auch soviel Schrott so gut promotet werden. Anders kann man sich das ja gar nicht erklären. Deswegen wird ja auch so viel Schrott konsumiert. Schlimmer noch als die Presse ist da aber das Radio. Da ist alles verloren.

ouk: Ich würde sogar behaupten, daß es extra Produktionsschemen fürs Radio gibt.
Grafikburnt: Klar, aber da muß man mal woanders hingucken. Die wenigsten Musiker gehen künstlerisch an ihre Arbeit heran, sondern sehen das als Job an. Soll heißen, daß all das, was sie produzieren sowieso unter dem Vorzeichen läuft: „Für wen ist das gedacht?“. Da wird geschaut, ob es sich um eine Single fürs Radio handelt, oder um eine Clubnummer. Ist es für den internationalen Markt oder nur für den deutschen? Sonst würde sich von denen erst gar keiner hinsetzen, wenn die nicht wüßten, wofür und für wen sie eigentlich produzieren. Diese Menschen bedienen sich dann bestimmter Zutaten und bauen das dann exakt so zusammen, wie es irgendeiner mal erfunden hat. Das sind dann aber genau die Sachen, die man bezeichnen kann. TripHop zum Beispiel. All das eigentlich, was man in einem Genre zusammenfassen kann und wo man auch genau weiß, was man damit meint und jeder andere damit weiß, was gemeint ist. Diese Leute, die so vorgehen, haben gar kein anderes Ziel, als auf dieses Genre hinzuarbeiten. Die haben auch nicht genau ein Element mehr, als man zu Erkennung dieses Genres an zutaten braucht. Diejenigen hingegen, die etwas geschaffen haben, die haben auch noch viel mehr Symptome in ihrer Musik drin, nämlich ganz pathologische, private Symptome, Überflüssiges, was man auch nicht mehr in einer Definition aufheben kann. Und da sind wir dann auch schon beim Thema „nonplace“, denn da geht es um diese Symptome, die keinen Platz haben, für die es keine Identifikation gibt. Eigentlich überflüssige Dinge, die man hier in unserer rationalen Gesellschaft von sich abschneiden muß, damit man zu einer klaren Aussage kommt. Um diese Symptome geht es aber gerade, und wir haben da jetzt einen schönen Bogen gespannt, von diesem, sagen wir mal kommerziellen Blickwinkel hin zum künstlerischen. Wo liegt der Unterschied? Was macht ein Genre aus? Wo liegen die interessanten Dinge versteckt? In diesem Moment muß man dann aber zwangsläufig über die Leute sprechen. Man kann jetzt z.B. „Krautrock“ sagen und man wird ungefähr wissen, was man meint. Aber es gibt dann Sachen, bei denen man lieber die einzelnen Musiker beim Namen nennt, sonst weiß man echt nicht, worüber man redet.

ouk: Manch einer packt Jacki Liebezeit auch gern in die Krautrock-Kiste.
burnt: Ja, aber so wie er trommelt, trommelt keiner. Deshalb ist es auch schwierig, dazu Krautrock zu sagen. ][ mb


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