Bernd
Friedmann
One Such Musician
Unsere erste Begegnung - eines Nachts im sommerlichen Köln - bereits drei
Monate her, Burnt Friedmann selbst zwischendurch nach Südamerika
gereist, um dort mit Jaki Liebezeit, Uwe Schmidt und den Nu-Dub-Players
auf Einladung des Goethe -Instituts zu spielen und Workshops zu halten.
Wer Bernd Friedmann, so sein bürgerlicher Name, näher kennt,
weiß. Daß er einen solchen Anlaß auch nutzen wird, möglichst
viel jener fremden Länder, Traditionen und Kulturen kennenzulernen
und er sich seinen eigenen Gedanken und Schlüssen nicht entziehen
wird – auch wenn es ihm dieses Mal schwer fiel, denn die Zustände
Südamerikas können einem schon mal die Sprache verschlagen.
Doch trotz mancher Trostlosigkeit waren die Besucherzahlen, die zu den
Konzerten und Workshops erschienen, sehr beeindruckend und gerade die
Workshops waren den Südamerikanern fast noch mehr ein Anliegen, als
die Konzerte. Was den Non:place-Labelbetreiber erfreute, denn, so Friedmann,
viel zu oft paßt sich der Mensch den äußeren Umständen
an...
burnt: Das Allerschwierigste ist es zu wissen,
was man will. Ich bezweifle, daß die meisten Menschen überhaupt
im Stande sind, da große Schritte vorwärts zu machen.
ouk: Du meinst, viele Menschen lassen sich
sehr gerne sagen, was sie tun sollen?
burnt: Ja, zumindest das. Manche gehen auch
frohen Mutes in die Sklaverei und sagen dann: „Ich weiß nicht,
was ich mit mir zu Hause anfangen sollte“. Der Eindruck ist in Südamerika
noch viel offensichtlicher. Man fragt sich da schon: „Was haben
die überhaupt für ein Konzept für das, was sie da tun?
Haben diese Leute überhaupt eine Ahnung auf was das hinausläuft,
was sie da tun?“. Der Kontinent jedenfalls ist kurz vor dem Zusammenbruch
und da kann man so eine Frage dann schon mal stellen. Dieser Kontinent
wird auf viel krassere Art und Weise zerstört, als hier in Europa,
wo eine andere Kulturtradition besteht und Leute schon mal was von Dialektik
gehört haben. Aber in Südamerika gibt es für vieles schlichtweg
kein Bewußtsein – weniger Vokabeln, weniger Bewußtsein.
Solche Begriffe wie Ironie sind für die dortige Bevölkerung
zu intellektuell. Die Bildung dort liegt einfach auf einem ganz anderen
Niveau und aus diesem Grund liegt auch der Unterschied zwischen arm und
reich auf einem ganz anderen Niveau. Dieser Unterschied ist so groß,
daß es für viele Europäer ein großer Schock sein
dürfte, wenn sie ihn denn mal zu Gesicht bekommen – besonders
natürlich in Brasilien, aber auch in den anderen Ländern. Das
kann man sich hier gar nicht vorstellen. Das ist so brutal, daß
man als Außenstehender gar nicht darauf reagieren möchte.
ouk: Inwiefern haben denn nun für Dich
lateinamerikanische Rhythmen und Musik eine Rolle gespielt? War das schon
immer etwas, was dich beeinflußt hat?
burnt: Nein, nicht schon immer. Eigentlich nur
für die Platte „Con Ritmo“, die ich 1997 angefangen habe.
Davor war mir das fremd. Damals bin ich schon einmal in Lateinamerika
unterwegs gewesen und habe mich etwas mit der Musik beschäftigt,
aber nur peripher. Das Album „Con Ritmo“ ist aber auch mehr
unter Jazz als unter lateinamerikanischer Musik einzuordnen. Die Platte
wurde viel mehr von Menschen beeinflußt, die nicht direkt aus Südamerika
kommen, sondern auch in New York oder Kuba waren und dadurch selbst von
Jazz beeinflußt waren. Jemand wie Cal Tjader oder Tito Puente.
ouk: Kann man sagen, daß Dub und Jazz
zwei sehr wichtige Musikstile für Dich sind?
burnt: Ach, ich würde sagen, daß
Musik generell für mich wichtig ist. Ich habe auch nichts gegen elektronische
Musik und ich höre auch viel Ethno-Musik. Alles, was sich durch eine
gewisse Einzigartigkeit auszeichnet, wo Menschen am Werk sind, die nicht
nach einem bestimmten Strickmuster vorgehen - das ist es eigentlich -
und das ist dann auch die Musik, die über Jahrzehnte hinweg interessant
bleibt.
ouk: Interessanter Weise wurde ja gerade der
Jazz am schnellsten von der Elektronik aufgegriffen und es ist ja schon
fast inflationär, wie viele neuen, elektronischen oder was auch sonst
immer für Jazz es gibt. Der Blues hingegen - jetzt als Beispiel genommen
- wurde von noch niemandem in sein elektronisches Werk übernommen.
burnt: Mmmh, ich denke man kommt nicht weit,
wenn man mit diesen Begriffen so hantiert. Was den Jazz letztendlich ausmacht,
ist eine Methode: das Improvisieren. Etwas, was nicht gegeben ist. Andere
Begriffe, wie Blues, beziehen sich ja vielmehr auf einen Stil. Deshalb
ist es auch viel eindeutiger, wenn man darüber spricht. Dixieland
und heutige Ninja-Tune-Produktionen sind zwei völlig verschiedene
Sachen und beides läuft unter Jazz. Jazz ist oft einfach das Rückzugsgebiet
von Individualisten. Autoren, die ein Instrument auf ihre Art und Weise
spielen. Blues ist ganz klar eingeschränkter. Reggae ist auch ein
riesiges Gebiet. Viele Leute, die ich kennengelernt habe, finden Reggae
furchtbar und das nur deshalb, weil sie immer nur diesen Instant-Plastik-Reggae
aus den 80ern zu hören bekommen haben. Elektronik ist im Prinzip
auch schwierig, weil so vieles, was unter elektronischer Musik läuft,
meiner Meinung nach Pop-Musik ist. Oder umgekehrt: mit elektronischer
Musik gemeint sein, müßte eigentlich Musik, die nur für
den Lautsprecher gemacht ist. Musik, die man nicht spielen kann –
radiophonische Musik. Das gibt es aber schon seit den 50ern. Und dann
gibt es ja auch schon wieder diese Unterhaltungsmusik, so Consumer-Elektronik,
Clicks & Cuts, Büromöbelmusik, wie auch immer. Und da denke
ich, kann man sagen, daß man da viele Elemente aus dem Jazz als
Stil wiederfindet. Ein dazwischenliegendes Becken und ein gewisser Swing.
Jazz als Stil ist eben nicht so leicht definierbar und damit kommt es
zwangsläufig zu Überschneidungen und Besitzergreifungen. Vieles,
was ich höre, ist Techno mit einer Jazz-Ästhetik.
ouk: Der Trend geht aber ganz klar hin zur
Integration von Live-Musikern.
burnt: Ja, aber gleichzeitig definieren die
etwas als Jazz, was es nie gegeben hat, denn Jazz ist ja etwas völlig
richtungsloses. Und diese Leute tun nun so, als ob es etwas geben würde,
das Jazz ist - bleiben dann aber bei ihren Zielvorstellungen stehen, anstatt
über den Tellerrand zu blicken und die Maschinen, die sie einsetzen,
auch wie Maschinen klingen zu lassen. Es gibt da immer diesen Authentizitätsanspruch
– der liegt den Geräten aber fern. Also müßte man
die Ästhetik dieser Geräte einsetzen, um sich abzusetzen. Das
wäre dann NuJazz. Selbstverliebt gesagt: Rainer Trüby meinte
mal zu Flanger, daß das ein Projekt ist, das man wirklich NuJazz
nennen kann, da es einerseits eine Reproduktion des Jazz der 70er-Jahre
ist, aber gleichzeitig keinen Hehl daraus macht, mit Maschinen gemacht
zu sein. Das Kybernetische daran ist stets erkennbar. Das ganze Instrumentarium
ist quasi eine Oberfläche, eingesetzt als Zitat.
ouk:
Kann man Dich als Klangforscher bezeichnen?
burnt: Also, ich würde mich selbst als
gar nichts bezeichnen. Ich habe eine Kunstausbildung, ich habe freie Kunst
studiert und bin Diplom-Künstler. Das ist die einzige Bezeichnung,
die ich per Zertifikat erhalten habe.
ouk: Betreibst Du Klangforschung?
burnt: Nein... würde ich so nicht sagen.
Ich beschäftige mich eher mit Formen. Ich versuche Formen zu finden,
ich muß nicht unbedingt Sounds finden. Klar, viele Samples mache
ich selbst. Mittlerweile eigentlich alle. Die benutze ich dann aber auch
über Jahrzehnte hinweg, ich muß sie nicht ständig austauschen
und wieder einen neuen Sound finden. Ich denke, man hört das auch.
Forschungsmäßig bin ich eigentlich weniger unterwegs. Aber
Formen finden, das ist für mich wichtig. Das ist eigentlich auch
das Revolutionäre: nicht der neue Sound, sondern die neue Form.
ouk: Wenn Du Dir im Nachhinein ein Stück
erneut anhörst, bist Du dann manchmal von Dir selbst überrascht?
burnt: Wenn zwei Jahre dazwischenliegen, ja.
Kommt selten vor. Da muß schon sehr viel Zeit vergehen, damit ich
vergesse, was ich mal gemacht habe. Das ist aber ein ganz schöner
Effekt. Den versuche ich eigentlich immer mal wieder herzustellen. Denn
nur so kann ich über das urteilen, was ich gemacht habe. Ich versuche
es dann so zu hören, als wenn es das erste Mal wäre. Das ist
ein ganz guter Zustand. Fast unmöglich, aber der beste Zustand, um
selbst die Sache kritisieren zu können.
ouk: Liest Du Plattenkritiken über Deine
Produktionen?
burnt: Klar! Immer, alle. Musik hat den Vorteil,
daß sie sich sprachlich nicht aufheben läßt. In sofern
ist auch alles erlaubt. Alles und nichts. Als Nicht-Musiker fällt
es einem dann auch schwer, über Musik zu sprechen, da gewisse Vokabeln
meist nicht gegeben sind. Was hört man da eigentlich? Wie ist es
vorgetragen? Was verspricht die Musik? Wie ist die Stimmung und ist es
stimmig, was da passiert? Stimmt der Klang und die Versprechung überein?
An sich ganz einfach. Man muß die Musik auch immer an ihrem eigenen
Anspruch messen. Es ist schwierig, darüber universell zu urteilen.
Ich denke, selbst Musik, die ich mir nie anhören würde, könnte
ich noch gut kritisieren. Ich finde auch, daß es wichtig ist, daß
der Journalismus die eigene Meinung draußen läßt und
durch möglichst vorurteilsfreie Sprache die Musik an sich selbst
mißt. Dadurch kann man sich die eigene Wertung sparen, weil die
Musik sich selbst bewertet. Jemand, der das immer wieder ganz gut hinbekommt,
ist Oliver Tepel von der Spex.
ouk: Merkt man es eigentlich, jetzt im Hinblick
auf Verkaufszahlen, wenn eine große Zeitung wie die FAZ eine Kritik
über ein Album oder einen Bericht über den Künstler bringt?
burnt: Kann man nicht sagen. Das liegt nach
wie vor alles ziemlich im Dunkeln. Ich glaube, daß man sich meist
mehr davon verspricht, als es dann ausmacht. Oftmals ist die Presse ja
auch nur für Insider, die es zwar lesen, dann aber nicht hören.
Ich meine... klar, es bleibt nicht ausgeschlossen, aber Du mußt
sehen, daß es sich hierbei um einen ganz einfachen Mechanismus handelt.
Wenn du dem Vertrieb sagen kannst, daß Du diese und jene Features
hast, dann kann er auch mehr Druck auf den Einzelhandel ausüben.
Dann stehen mehr Platten im Laden und wenn Platten im Laden stehen, kann
man sie auch kaufen. Dieser Mechanismus hängt mit dem Journalismus
aber eigentlich nicht zusammen. Andererseits bin ich in Zeitungen auch
schon über Platten gestolpert, die ich nicht im Laden gefunden hätte.
Viele Leute würden sich auch nicht für Musik interessieren,
wenn sie nicht darüber in der Zeitung lesen könnten und manch
einer liest dann einen Titel und hört sich das dann mal an. Nur:
nichts zu machen, bringt in jedem Fall weniger.
ouk: Eine ganz klare Forderung an die allgemeine
(Tages)Presse also, wieder mehr Kultur- und Musikthemen aufzunehmen und
dies nicht nur den jeweiligen Fach- und Szeneblättern zu überlassen.
Die Realität sieht leider gegenteilig aus: Die kleinen Magazine und
Zeitungen gleichen sich immer mehr und mehr an und geben sich genauso
allgemein und nichtssagend, wie die Großen.
burnt: In der Tat, inzwischen machen wirklich
alle das selbe. Die Zeitungen, die wir jetzt so kennen – Spex, Groove,
Intro... - unterscheiden sich einfach gar nicht mehr. Da wird alles nur
irgendwie routinemäßig durchgezogen. Da gibt es gar keine Begeisterung
mehr, der Apparat muß nur aufrechterhalten werden. Das ist ein sehr
ernüchternder Eindruck. Man kann da eigentlich gar nicht sagen, wie
die Politik der jeweiligen Redaktionen aussieht. Es ist ja auch durchaus
schon gang und gebe, daß die Journalisten gekauft werden. Da zahlt
das Label dann nicht nur die Anzeige, sondern auch den Menschen in Form
von Anreise, Hotel etc. ...
ouk: Daß man sich Titelseiten erkaufen
kann, sollte eh jedem klar sein.
burnt: Nur so kann ja auch soviel Schrott so
gut promotet werden. Anders kann man sich das ja gar nicht erklären.
Deswegen wird ja auch so viel Schrott konsumiert. Schlimmer noch als die
Presse ist da aber das Radio. Da ist alles verloren.
ouk: Ich würde sogar behaupten, daß
es extra Produktionsschemen fürs Radio gibt.
burnt:
Klar, aber da muß man mal woanders hingucken. Die wenigsten Musiker
gehen künstlerisch an ihre Arbeit heran, sondern sehen das als Job
an. Soll heißen, daß all das, was sie produzieren sowieso
unter dem Vorzeichen läuft: „Für wen ist das gedacht?“.
Da wird geschaut, ob es sich um eine Single fürs Radio handelt, oder
um eine Clubnummer. Ist es für den internationalen Markt oder nur
für den deutschen? Sonst würde sich von denen erst gar keiner
hinsetzen, wenn die nicht wüßten, wofür und für wen
sie eigentlich produzieren. Diese Menschen bedienen sich dann bestimmter
Zutaten und bauen das dann exakt so zusammen, wie es irgendeiner mal erfunden
hat. Das sind dann aber genau die Sachen, die man bezeichnen kann. TripHop
zum Beispiel. All das eigentlich, was man in einem Genre zusammenfassen
kann und wo man auch genau weiß, was man damit meint und jeder andere
damit weiß, was gemeint ist. Diese Leute, die so vorgehen, haben
gar kein anderes Ziel, als auf dieses Genre hinzuarbeiten. Die haben auch
nicht genau ein Element mehr, als man zu Erkennung dieses Genres an zutaten
braucht. Diejenigen hingegen, die etwas geschaffen haben, die haben auch
noch viel mehr Symptome in ihrer Musik drin, nämlich ganz pathologische,
private Symptome, Überflüssiges, was man auch nicht mehr in
einer Definition aufheben kann. Und da sind wir dann auch schon beim Thema
„nonplace“, denn da geht es um diese Symptome, die keinen
Platz haben, für die es keine Identifikation gibt. Eigentlich überflüssige
Dinge, die man hier in unserer rationalen Gesellschaft von sich abschneiden
muß, damit man zu einer klaren Aussage kommt. Um diese Symptome
geht es aber gerade, und wir haben da jetzt einen schönen Bogen gespannt,
von diesem, sagen wir mal kommerziellen Blickwinkel hin zum künstlerischen.
Wo liegt der Unterschied? Was macht ein Genre aus? Wo liegen die interessanten
Dinge versteckt? In diesem Moment muß man dann aber zwangsläufig
über die Leute sprechen. Man kann jetzt z.B. „Krautrock“
sagen und man wird ungefähr wissen, was man meint. Aber es gibt dann
Sachen, bei denen man lieber die einzelnen Musiker beim Namen nennt, sonst
weiß man echt nicht, worüber man redet.
ouk: Manch einer packt Jacki Liebezeit auch
gern in die Krautrock-Kiste.
burnt: Ja, aber so wie er trommelt, trommelt
keiner. Deshalb ist es auch schwierig, dazu Krautrock zu sagen. ][ mb
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