OUK das vierzigste ± durchblickend & wild ± Dez 02/Jan 03 Bla & Blub

Bla + Blub

Baggern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Von Hamburgs Mojo Club weiß man ja bereits, daß es ihn nicht mehr lange geben wird... Berlins Tresor wird früher oder später ein ähnliches Schicksal treffen. Nun aber erst einmal später. Im Gegensatz zu anderen, ehemaligen Berliner Clubs wie das Planet oder das E-Werk erfreut sich der Tresor besserer Beziehungen zu seinem Vermieter und zur Stadt. Während die beiden erstgenannten Clubs schon lange auf Grund von angeblich anstehenden Baumaßnahmen geschlossen haben, tatsächlich aber die beiden Gebäude noch immer unverändert stehen,
konnten sich die Tresor’ler mit ihrem Vermieter darauf einigen, erst dann den Laden zu räumen, wenn wirklich die Bagger anrollen. Da sich der Baubeginn am Leipziger Platz aber erneut verzögert, darf nun erst mal ungestört bis zum 31.05.2003 weitergefeiert werden... und vielleicht sogar länger. Wir freuen uns! ][ mb

Maestro . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Groß war sie, die Vorfreude auf die Dokumentation, die Larry Levan, der Paradise Garage und all den kleinen und großen Fußnoten der Tanzmusikgeschichte des New Yorks der späten Siebziger und frühen Achtziger gerecht werden sollte. Im Zuge der Kölner Popkomm war „Maestro“ als Eröffnungsfilm eines Festivals geplant, das sich mit Popkultur auseinandersetzte. Also nichts wie hin, dachte sich der Schreiber dieser Zeilen, der mit Bleifuß Hoppelino einen überaus verläßlichen Fahrer gefunden hatte. Am Ort des Geschehens machte sich aber schnell Ernüchterung breit, welche alsbald in Enttäuschung umschlug. Es waren gerade mal an die 15 Leute erschienen, die in den Genuß dieser filmischen Pionierleistung kommen wollten. Zu allem Überfluß weigerte sich der Regisseur Josell Ramos, den Film zu zeigen, da er nur eine NTSC-Version dabei hatte, die mit dem Vorführgerät des Kinos nicht kompatibel war (das passende Gerät befand sich beim WDR bzw. in einem Bonner Kino), und die mitgeführte VHS-Kopie durch den darauf enthaltenen Timecode den Anwesenden nicht zumutbar sei. Selbst Abgeordnete der lokalen Groove Attack Delegation konnten den überaus, äh, „schwierigen“ Ramos nicht davon überzeugen, den Film in seiner „schlechteren“ Fassung zu zeigen. Der Termin wurde kurzerhand ein paar Tage nach hinten verlegt. Dann hätte man sicher auch die richtigen technischen Mittel parat, ließ man die Cineasten in spe wissen. Pustekuchen. Bleifuß Hoppelino und sein Sozius waren nicht bereit, weitere 400 Kilometer abzureißen, um einen erneuten Versuch zu wagen. Deshalb kann an dieser Stelle nur wiedergegeben werden, was Augenzeugen der dann doch tatsächlich stattfindenden Aufführung zu berichten hatten. Ganz toll sollen die Aufnahmen aus der Paradise Garage sein, rührend die Szenen, in denen Nicky Siano um Fassung ringt, weil er an das Ende von Larry Levan erinnert wird. Nicht minder ergreifend soll sich François Kevorkian geben, der sich während des Interviews ins Bewußtsein ruft, daß es innerhalb weniger Wochen Dutzende von Freunden und Garageheads dahinraffte, als Aids mit seiner ganzen unerbittlichen Härte zum ersten Mal zuschlug. Auch schön sei die Musik, die, obwohl nur aus den Jahren nach 1987, also „Post-Garage“, hervorragend zum Film passe. Auf weniger Zustimmung traf die Zentrierung auf Larry Levan und die ihm zuteil werdende abgöttische Verehrung, der man „Väth’sche“ Ausmaße bescheinigte. Dies ist auch einer der größten Kritikpunkte in der Diskussion mit Zeitzeugen, denen Kollegen wie Tee Scott und Clubs wie das Better Days, ganz zu schweigen von einem Ort namens Chicago, doch etwas zu kurz gekommen schienen. Sei es drum: „Maestro“ genießt definitiv den Vorteil, bisher der erste und einzige Film seiner Art zu sein. Menschen, die sich für das Phänomen Paradise Garage und die dort entstandene oder gelebte Kultur interessieren, werden kaum daran vorbeikommen. Wer nicht bis zum geplanten Kinostart irgendwann in 2003 oder bis zum Erscheinen der noch geplanteren DVD warten will, kann sich auf der quer durch Deutschland stattfindenden Maestro-Tour schon einmal mit ausgewählten Ausschnitten Appetit holen. Zudem gibt es tolle Musik von gestern und heute mit DJ Al-X und DJ-Biograph Hans Nieswandt. Also, nix wie hin, meine Freunde. ][ janson

Maestro Clubtour . . . . . . . . . . . . . . . . .
07.12. Offenbach:Robert Johnson
13.12. Berlin:Neue Maria (plus The Ark)
14.12. München:Erste Liga
20.12. Hannover:Cumberlandsche Galerie*
25.12. Stuttgart:Suite 212
28.12. Hamburg:„Goldener Raum“/Hafenklang*
11.01. Chemnitz:Voxxx
18.01. Meiningen:Elan Club
25.01. Köln:Tanzhalle (plus Ata und Paul David)
*ohne Hans Nieswandt

ITF World Finals 2002 . . . . . . . . . . . .
Muffathalle München
Bla + BlubEs ist vier Uhr nachmittags. Daniels Augen sind noch schreckgeweitet. Die Taxifahrerin war irre. Scheinbar, ich habe nichts bemerkt. Meine Gedanken schwirren voller Vorfreude in Richtung Muffathalle. Die ersten DJ-Weltmeisterschaften in Deutschland. Ein weiteres Indiz dafür, dass das Verwenden von Plattenspielern als Instrument endlich auch hierzulande einen gewissen Stellenwert hat. Pünktlich zur großen Krise des deutschen HipHop gibt es so viele gute DJs in der Bundesrepublik wie noch nie. Das verwundert nicht weiter. Viele haben in den Boomzeiten begonnen und ernten jetzt die Früchte der harten Arbeit. Wer einmal versucht hat, ohne hüpfende Nadel und mit Taktgefühl ein paar einfache Scratches anzubringen, der weiß, wie hart man trainieren muß, um auf ein Level zu kommen, wie es uns heute erwartet. Zwei Deutsche werden antreten. DJ Kid Fresh, der deutsche Meister ITF und DJ M-Tech, der aufgrund seiner Finalteilnahme bei den diesjährigen DMC-Weltmeisterschaften zu den wenigen eingeladenen DJs in München zählt. Er gilt als bester Scratcher Deutschlands und die Hoffnungen sind nicht unberechtigt, daß er heute den internationalen Durchbruch schafft. ITF steht für International Turntablism Federation. Die Gründung vor 6 Jahren geht auf die widrigen Umstände bei den Meisterschaften des traditionsreichen DMC (Disko Mix Club) zurück. Der Begriff der Weltmeisterschaften ist nicht geschützt, so daß, wie im Boxen, mehrere Organisationen Meisterschaften unter diesem Begriff ausrichten. Der DMC-Titel ist wohl noch immer der wertvollste, aber es ist wohl der ITF zu verdanken, daß dieser inzwischen unter regulären Bedingungen vergeben wird.

Bei der Ausgabe der Akkreditierungen stehen Rasgunado von den Lords of Fitness und Mirco Machine vor mir. Die Schlange vor dem Ticketschalter ist 200 Meter lang. Irgendwie scheint jeder da zu sein, der auch nur annähernd etwas mit auflegen zu tun hat. Im Backstagebereich warte ich vergeblich auf I-Emerge und JR-Flo, mit denen ein Interview vereinbart war. Mixer im Hotel vergessen. Die Szenerie ist die übliche. Viva-Personal und sonstige unwichtige Personen stolzieren gockelnd durch die Gegend, während die Protagonisten des Abends im Übungsraum ein letztes Mal ihre Routines durchgehen. Wer glitternde Glitzerjungs mit Starallüren erwartet, sieht sich getäuscht. Das würde auch nicht zu den akribischen Arbeitern passen, die Stunden um Stunden im heimischen Keller die Sonne ausschließen, um der Welt ihre zweifellos atemberaubenden Skills zu präsentieren. Genug der Vorrede.

Es werden 4 Titel vergeben: Scratching, Beatjuggling, Advancement und Team. M-Tech tritt als Erster an die Plattenteller und die Aufgabe ist mehr als schwierig. Sein Gegner ist der zweifache DMC-World-Supremacy-Gewinner Netic. M-Tech greift auf eine Scratchkür zurück, die ihm bei den deutschen DMC-Meisterschaften den Titel brachte. Es läuft nicht ganz rund und der Franzose gibt sich anschließend keine Blöße. M-Tech ist raus, bevor es richtig angefangen hat. Das Ergebnis ist eindeutig und die Enttäuschung hält sich in Grenzen. Der andere war schlicht besser. Weitere Qualifikationen schließen sich an. Da Germ tritt in einem lächerlichen Roboterkostüm auf und handelt sich „Verpiss dich“ Rufe ein. Die Pausen werden von den ausgezeichneten DJs Zuzee und Stamina gefüllt und dabei leider allzu oft von den stetig an der Grenze der Peinlichkeit wandelnden Moderatoren gestört. Die mangelnde Aufmerksamkeit entlockte ihnen dafür puren Untergrund und gestattete dem leider eher ignoranten Publikum einen Einblick in die Belletage des HipHop fernab von R`n`B-Gedudel und Nelly-Geseier. Der Schweizer Battle-Veteran J-Kay hat Pech in der Beatjuggling-Qualifikation und verliert unglücklich gegen den Franzosen Trouble. Kid Fresh ist an der Reihe. Er tritt in der Königsdisziplin an. Die Advancement-Class vereint Beatjuggling und Scratching. Der Deutsche meistert die erste Hürde souverän. Allerdings hat er unnötigerweise bereits seine beste Routine ausgepackt, um ins Viertelfinale einzuziehen. Dort wird er später am Schweizer Gimmamen scheitern, der bei DMC schon für die vorzeitige Heimreise von J-Bounce gesorgt hat und damit schon zum zweiten Mal von der falschen Taktik eines Deutschen profitiert. Die Stimmung im Publikum ist oft verhalten. Viele dürften zum ersten Mal bei einem Battle sein. Das Problem in Bezug auf die Massentauglichkeit von Turntablism ist, daß die technische Seite eigentlich nur von jemandem nachvollzogen werden kann, der auf ähnlichen Skillsphären schwebt. Die Geschwindigkeit der einzelnen Bewegungsabläufe ist mit den Augen kaum nachzuvollziehen. Erleichtert wird dies in der Regel durch Naheinstellungen auf einer großen Videoleinwand im Rücken der DJs. Aber der übereifrige Regisseur in München schneidet wild alle möglichen Bilder durcheinander, so daß man sich praktisch ganz auf sein Gehör verlassen muß. Ich liebe diese Sounds, aber vielen ist das auf Dauer zu abstrakt. Daher ist es auch nicht überraschend, daß auf einer Turntablism-Veranstaltung ein Beatboxer den größten Applaus erhält. Der sympathische und offensichtlich gehörig zugerauchte Killa Kela tritt auf und macht Sachen, die unmöglich sind. Zusammen mit Rhazel dürfte er der uneingeschränkte Herrscher in dieser Kategorie sein. Er singt und läßt gleichzeitig Beats und Bässe durchs Mikro dröhnen. Phantastisch. Angesichts seiner Lebensgeschichte (siehe ouk 027) freut man sich mit ihm über die tobende Halle. 2500 Besucher. Hype und Shine treten auf, schließlich der letztjährige Advancement-Weltmeister Woody, der aber die Situation leider nur zur Vorstellung eines Homies nutzt und seine außergewöhnlichen Juggles im Ärmel läßt.

Selbst für jemanden wie mich, dessen Augen bei jedem Scratch zu leuchten anfangen, beginnt der Abend lang zu werden. Die Finals stehen an. I-Emerge, Netic und Rufftone sind die ersten, die um den Titel kämpfen. Es wird die hochklassigste Battle des Abends. Alle drei beweisen wahnsinnige Scratch-Künste und der sich diebisch freuende I-Emerge hat schließlich die Nase vorne. J-Kay dürfte das anschließende Beatjuggling-Finale mit Wehmut betrachtet haben. Er hätte ausgezeichnete Chancen gehabt. Sein Gegner Trouble schlägt den amtierenden Weltmeister Jr-Flo und Amichamp Kiko. In der Advancement-Kategorie stehen sich wiederum I-Emerge und der letztjährige Runner-up Kodh gegenüber. Besonders bei Kodh fällt auf, dass er sein Pulver eigentlich schon verschossen hat. Er bezieht schließlich sogar seinen Kopfhörer als Mikro ein und macht damit eher mies klingende Geräusche. Seine Skills retten ihm aber den Titel trotz einer guten Leistung seines Gegners. Die letzte Entscheidung fällt im Teamwettbe-werb, oft der Höhepunkt einer Battle. Die Disses fallen aber dieses Mal leider eher verhalten aus. Die titelverteidigende Nocturnal Sound Crew aus Hawaii überzeugt nicht nur durch körperliches Übergewicht und gewinnt verdient. Die Belgier Killa Tactics werden Zweiter, Impys Pizza nutzt auch das Bewerfen des Publikums mit italienischen Fladen nichts, sie werden Dritter.
Alles in allem war die Veranstaltung eine Werbung für den Turntablism. ITF und Veranstalter Eyes Wide Open sollten sich aber künftig überlegen, die Veranstaltung auf zwei Tage auszudehnen und statt unbedarfter Moderatoren lieber die Musik sprechen lassen. ][ motik

www.deep-groove.de . . . . . . . . . . . . . .
Nerds aufgepaßt! Zwar gibt es www.deep-groove.de als Plattform für Deep House und Artverwandtes schon seit Januar 2002, aber bisher haben die Macher Sven Graham, Stefan Bugenhagen und Dirk Gottwald durch eine Auswahl feiner Mixtapes ausgesuchter Halbberühmtheiten brilliert. Nach einigen ordentlichen Aufräum- und Renovierungsarbeiten erstrahlt die Seite jedoch in frischem Glanz und hat nebst aktualisierten Mixen und Playlist ein niegelnagelneues Forum zu bieten, das nicht nur allerhand Oberstufencharme, sondern auch die ein oder andere nützliche Information parat hält. Wer schon immer mal mit anderen Jungs diskutieren wollte, ob Blaze was für ihre Remixer können oder nicht, ist hier genau richtig. Mädchen können sich so lange bei www.beautyboard.de amüsieren. ][ janson

Verwirrungen & Erkenntnisse . . . .
Träumt man als DJ davon als Künstler anerkannt zu werden? Und muß man dann auch seine Musikauswahl und seine Mixtechnik entsprechend ändern? Hans Booy und Paulus Fugers, bekannt auch als Klubartkollektiv „Tulip“, widmen sich diesen Gedanken schon länger und bringen ihre Erkenntnisse und Verwirrungen nun in Form einer Installation zum Ausdruck. In der „kunstfreundlichen“ Atmosphäre der Berliner Libido Lounge widmen sich die beiden den Themen „Industrialisierung der Klubkultur“, „Personenkult - es trifft immer die Falschen“ und „Demokratie durch Kommerz“. Mal sehen, ob wir auch ein paar DJs unter den Besuchern ausfindig machen werden. ][ mb


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