OUK das vierzigste ± durchblickend & wild ± Dez 02/Jan 03 DE-COMPOSED!

DE-COMPOSED!

BildMetaphysics - der Körper, der sich stetig verändert, eine neue Gestalt annimmt. Der Körper der aus einer Ur-Form entstanden ist und Bestandteil des Alls ist. Der Körper ist in seiner Plastizität mit einer Komposition vergleichbar - Der Mensch lauscht den Klängen der Welt, die sich ähnlich wie der Körper figurieren in ihrer Entfaltung, in ihrer Bewegung - die Töne und die Geräusche werden vom Künstler zu einer Klang-Architektur moduliert. Das Signifikante an dieser Architektur sind die äußeren Zonen des Übergangs von einer Tonart in die andere. In der Verformung der ursprünglichen Form wird ein Potential freigesetzt, das nicht unbedingt erkennbar, hörbar sein muß. Dieses Potential birgt die Möglichkeit der Veränderung, die der Komposition innewohnt. Wenn ich diesen Gedanken noch weiter ausführe, wird mir bewußt, das die Aufgabe eines Musik-Kritikers darin besteht, Phänomene der Veränderung und der Potentialität aufzuspüren. Die Frage muß also lauten, was ist an einer Bewegung bezeichnend, und welche Energie setzt diese Bewegung frei.

Man stelle sich eine Straße in Toronto vor - Dupont, wo unterschiedliche Kulturen interagieren. Das Album der Kanadier Moonstarr ist nach dieser Allee benannt - Moonstarr vereinen das Grazioso mit der Eleganz des Bossa Novas und der Wuchtigkeit trockener HipHop-Drumpatterns. Diese Melange aus mannigfachen Versatzstücken eröffnet ein ganzes Paralleluniversum - Instrumental-HipHop im Gewande südamerikanischer Musik, das hört sich so an, als ob man ein altes MoWax-Headz-Stück über eine Bossa laufen lassen würde und dabei die rhythmischen Figuren durch unterschiedliche Effekte verdoppelt, versetzt, verdreht. Diese Bewegung setzt ein Potential frei, einen Schwellen-Raum, in dem sich die Energie zu einem Blitz bündeln kann. Der grandioseste Track auf „Dupont“ ist zweifelsohne „Dust“. Der ganze Track wühlt Staub auf, weil die Beats synergetisch fortschreiten, sich mit einer Vocal-Schleife verknoten - verknoten im Sinne von beeindruckenden Unebenheiten, eine Verkettung überraschender Momente, die so nur äußerst selten zu hören ist.

Eine Formveränderung ereignet sich auch bei Metaphysics. Sein Mini-Album „Elevated Perception“ für das Wuppertaler Label Swamprecords ist deshalb so aufregend, weil der Rapstil mit einem Kryptograph vergleichbar ist, in sich verschachtelt und mehrdimensional, als ob die Worte aus unterschiedlichen Zonen aufeinander treffen würden, Worte, die durch eine labyrinthische Anlage hindurch laufen und in diesem Vermögen eine Art von Rätselsprache aufschreiben, die im Wort-Spiel des Rappers zu außergewöhnlichen Formen kulminiert werden. Die Drumpatterns und Flächen-Sounds reflektieren die verwobenen Vocal-Figuren, so z. B. bei „Entering Paralisis“, wo ein paar obskure sperrige Geräusche den kryptographischen Eindruck noch verstärken.

Leichter, lasziver, aber auch in eine andere Richtung bewegend, der Track „Canto De Ossanha“ auf der 12“-Inch „Nicola Conte presents Rosalie De Souza“, klassische brasilianische Musik, eingetaucht in Drum&Bass. Das Stück sprüht vor Musikalität und man vergißt förmlich die unterlegten gebrochenen Rhythmen. Die einzelnen Elemente des Stückes verschmelzen so erhaben miteinander, so butterweich. Als ich mit Tutto Matto über Musik philosophierte, erzählten sie von der Komplexität verschiedener musikalischer Einflüsse, auf die man trifft, wenn man in der Metropole London lebt: Brazil ist nur eine davon und diese eine reicht, um ein ganzes Leben damit zu verbringen, brasilianische Musik in London zu studieren - all die großartigen klassischen Batucada- und Bossa-Platten im verruchten Nostalgiker-Ambiente. Die Symbiose von Drum&Bass und Bossa Nova läßt darauf hoffen, daß in den Randzonen dieser Schulen noch genug Raum frei ist für andere Stilblüten dieser Art: klassische asiatische, arabische und südamerikanische Musik, die mit Drum&Bass fusioniert wird.

Après - das neue Album von Jimi Tenor - „Higher Planes“ für Kitty Yo, Jimi, der sich abermals als Meister erweist, wenn es darum geht, die Geschichte aus einer anderen Perspektive zu betrachten, der postmoderne Mensch, der als Astro-Traveller zu der Geburtsstätte von Psychedelic Rock, Big Band und Jazz zurückkehrt und diese Zwischenstationen in sein Gedächtnis aufnimmt, um sie aus der Sicht eines Jazzonauten miteinander zu verweben und in imposanter Manier weiter zu flüstern. ][ j.n


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