OUK das vierzigste ± durchblickend & wild ± Dez 02/Jan 03 Jenseits von Bits und Bytes

Jenseits von Bits und Bytes

Schaute man sich auf der diesjährigen Spielemesse in Essen um, so begegnete man an vielen Messeständen den vertrauten Freunden aus Mittelerde. Doch erst in der nächsten Ausgabe wollen wir uns wieder dem Thema "Herr der Ringe" widmen. Auch "Harry Potter" soll nicht Inhalt dieser Rubrik werden, da sein Konterfei fast gänzlich von der Landschaft der Brett- und Kartenspiele verschwunden ist . Viel mehr soll diesmal das Augenmerk auf die Zeitlosigkeit fernab der Lizenzthemen gerichtet werden. Sicherlich zieht so manches Produkt den Vorwurf auf sich, daß es sich insoweit ja um keine Neuheit handle. Aber muß ein zeitloses Spiel denn neu sein? Reicht es nicht, daß es nur einfach jetzt gesehen und vorgestellt wurde? Ich meine "JA".

Und daher startet dieser Artikel gleich mit BLOKUS von Sekkoia. Wer erinnert sich nicht mehr an Tetris, dem Suchtspiel auf der ersten Wechselspielkonsole für die Westentasche? Auch auf manchem PC ging das Wetteifern um Höhe 5 Level 9 weiter, doch immer für sich alleine. Gegen die Zeit und gegen das optische Denkvermögen. Ein Klassiker, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Doch nun kann in gesellschaftlicher Runde sich wohl kaum ein Freund solch abstrakter Spielideen mehr zurückhalten und wird nach mehr, nach weiteren Partien verlangen, denn mit “Blokus" kommt Tetris auf den Tisch. Zwischen zwei bis vier Klötzchenjongleure startet der spannende Legewettbewerb in allen Winkeln. Jeder Spieler verfügt über ein Kontingent von 21 unterschiedlichen Steinen. Nun liegt es an den Spielern, unter Beachtung von nur zwei Regeln, möglichst alle auf dem 400 Felder großen Spielbrett zu plazieren. Eigene Steine dürfen sich nur an den Ecken berühren und jeder startet sein territoriales Erschließen in seinem Brettwinkel, in seiner Ecke. Eine Sonderregel, die den ein Quadrat großen, kleinsten Stein betrifft, schenkt wertvolle Sonderpunkte, falls es dem Spieler möglich ist, diesen als letzten zu legen. Farbenfroh entstehen so, aus den liebevoll gestalteten, transparent-bunten Acrylglassteinen, verwirrende Muster, die es gut zu beobachten gilt, da sich nicht selten weitere Legemöglichkeiten nur durch ein wachsames Auge erschließen. Bernard Tavitian gelang mit Blokus eine unglaublich außergewöhnliche Umsetzung eines wahren Spielehits zu einer neuen Brettvariante voller Begeisterung spendender Momente. Unerheblich ist es dabei, wie viele Teilnehmer sich in die verwinkelte Welt wagen, da es in jeder Variante durchdacht und schlüssig zu spielen ist. Sicherlich handelt es sich bei diesem einzigen Spiel der Firma Sekkoia nicht um eines, welches in jedem Supermarktregal zu finden ist. Vielmehr zeigen sich bei Produkten dieses Genres die Vorteile des gut sortierten Einzelhandels, der auch gerne bereit sein wird, bei Nichtbestand selbiges bei dem Vertrieb Heidelberger-Spiele zur Kundenbefriedigung zu bestellen. Und es lohnt sich...

...auch lohnt sich der Schritt in die ständig wachsende Welt des Gipf-Projekts. Kris Burm entwickelte mit DVONN nun den vierten Teil dieser abstrakten Spielereihe, die alle zusammen bei Schmidt-Spiele erschienen sind. Nach Gipf, Tamsk und Zertz geht es in Dvonn, einem reinen Zweispielerspiel, darum, durch geschicktes Ziehen seiner Steine die gegnerische Steine zu kontrollieren und dem Gegenüber seine Zugmöglichkeiten zu verringern. Anfänglich werden die schweren formschönen Steine auf das 49 Felder umfassende Brett abgelegt. Doch schon im Verlaufe weniger Runden stellt man fest, wie entscheidend diese zunächst sehr wahllos wirkende Einstiegsrunde den späteren Verlauf beeinflussen kann. Nun blicken beide auf eine geschlossene Landschaft aus schwarzen und weißen Steinen, die durch drei rote Dvonn-Steine zusammengehalten wird. Ziehen kann man seinen Stein immer so weit, wie hoch er gerade liegt, hat also ein Stein keinen anderen unter sich, so kann er nur die benachbarten Felder erreichen, liegen unter ihm noch zwei weitere, so kann er schon Distanzen von drei Feldern erreichen, usw.. Ansteuern kann aber jeder nur ein Feld, das noch besetzt ist. Was aber auch im Interesse der Kontrahenten ist, da am Schluß derjenige Sieger einer Partie ist, der unter seiner Farbe die meisten Steine, gleich welcher Farbe vereint. Aufpassen muß man allerdings, wenn die Landschaften auseinander zu brechen beginnen. Regionen, die nicht mehr mit einem der drei roten Steine im Kontakt stehen, werden vom Brett entfernt. Das hört sich hart an, ist aber gerade eine der vielen taktischen Möglichkeiten dem Gegner den Weg zum Sieg erheblich zu erschweren. Herrn Brum erfand mit dem vierten Teil der Reihe wieder ein gelungenes Spiel, das sich durch eine simple Idee mit unerschöpflichen Zugvarianten auszeichnet. Ein Garant für unendlich viele Herausforderungen ganz besonderer Art...

...eine Herausforderung des täglichen Lebens, nämlich sein Auto aus einer zugeparkten Parklücke zu fahren, ist die zugrundeliegende Idee des Solitärspiels RUSH HOUR (Binary Arts). Wohl am ehesten zu der Kategorie der Schiebepuzzle gehörend, die stets mit lieblosen Motiven sehr kleinen Reisenden von dem Begleitpersonal so mancher Fluggesellschaft gereicht wurden, präsentiert sich dieses aufwendig gestaltete Spiel gänzlich anders. Es ist formschön, es ist handlich und kompakt und es ist einfach genial. Auf einem sechs mal sechs Felder umfassenden Parkplatz mit nur einer Ausfahrt gilt es den eigenen kleinen roten Flitzer zwischen anderen PKWs und Lastern heraus zu manövrieren. Dabei stehen die von den 40 Aufgabenkarten (mit Lösungen!) vorgegeben plazierten Fahrzeuge in der Regel äußerst unangebracht. Doch durch viel logisches Denken und einem guten Blick für Freiräume, die zum größten Teil vorausschauend geplant werden müssen, sind die Lösungen nur noch eine Frage der Zeit. Zum wichtigsten Hilfsmittel werden die Hände, die das schöne Spielzeug vor und zurück schieben, bis sich nach mehreren Versuchen so langsam der Weg zum Ziel abzeichnet und erkennen läßt. Darüber hinaus bietet der Verlag auch noch drei weitere Kartensets an, die nicht nur weitere Aufgaben beinhalten, sondern auch noch jeweils ein weiteres Fahrzeug (“The free fancy car”) auf den Parkplatz bringen. Für alle, die einsam auf längeren Reisen sich spielerisch die Zeit vertreiben möchten, ein absolutes Muß. Und für alle anderen, die gerne logische Denkaufgaben lösen sowieso. Schön sind die einzelnen Schwierigkeitsstufen, welche vom Anfänger bis hin zur Grand Master Challenge immer tiefer in die Spielidee hineinführen und sicherlich jeden an das bunte, abgasfreie Spektakel fesseln. ][ g


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