OUK das vierzigste ± durchblickend & wild ± Dez 02/Jan 03 Gespaltene Töne

Titelgrafik

Raphael Saadiq - Instant Vintage
Hidden Champions gibt es auch immer noch bei den Majors! Kennt in diesem Magazin jemand noch das Soul/R&B/-HipHop-Trio Tony, Toni, Toné!? Bis auf eine legendäre Besprechung von Adler-Ohr Hans Nieswandt in der ehemals guten SPEX zu ihrem letzten Album “House Of Music“ im Jahre `96, scheint diese Band zumindest was meine Wahrnehmung der hiesigen Öffentlichkeit angeht, nie wirklich vorhanden gewesen zu sein. Die Jungs hatten 1988 einmal mit „Little Walter“ einen R&B-Nr.1-Hit in den USA, noch mit schönen Pfläumchen über der glänzenden Zahnreihe und zu grün für den wahren Soul, aber schon damals mit großartigen Up- und Mid-Tempo-Tracks. Ein paar Jahre später kehrt einer der Leadsänger zurück und wieder bekommt zumindest hier kaum einer was mit. Das ist jammerschade, dreht doch gerade dieser Raphael Saadiq mit seinem ersten Solo-Album die Diskussion um Soul, R&B und seine „wahren“ Meister einfach mal auf links, wie einen alten Pullover. Die knapp 20(!) luftigen, vor Melodien (Geigen, Leute!) überlaufenden Songs nehmen sich nie zu ernst, was bei den spirituellen Bewertungsgraden im Soul fast wie ein Frevel vorkommen mag, mir aber ungeheuer viel Spaß macht. Hat doch gerade kürzlich erst Erykah Badu in einem Interview die Rangliste der Soul-Sänger mit der jeweils persönlichen Nähe zu Gott erklärt. Sich selbst sehe sie sich nur auf einem guten Weg, aber momentan gäbe es nur einen, der über allen throne und das wäre D`Angelo. Dessen Voodoo-Album war sicher ein Meilenstein, ein eigener unfaßbarer Brocken Musik, aber auch extrem muskulös, wie von jemandem, der weiß, daß er verdammt gut ist, Gott gleich. Nun, ich vermute Saadiq weiß, daß er ein Mensch ist, schließlich erklärt er in Begleitung einer E-Gitarre, die eine Jazz-Tonleiter rauf und runternudelt, daß er zum ersten Mal seine Seele getroffen hat, als ihm sein Vater als Krabbelkind auf die Hand getreten ist: „That`s when I met my Soul“. Von mir aus kann Raphael Saadiq demnach getrost noch ein Weilchen weltlich bleiben. Seine Musik ist so frei, so fein und dennoch nie von sich selbst eingenommen, nie arrogant, eher klein, positiv und humorvoll, daß er in meiner Symphathie-Skala an D`Angelo in jedem Fall vorbeigezogen ist und in die Riege Wonder, Mayfield, Gaye aufgeschloßen hat. In diesem Club braucht man doch jemanden, der immer gute Laune hat. Große Namen, ich weiß, aber Saadiq hat es verdient. Ein Sommer-Hit jagt hier den nächsten. P-Funk, HipHop, Blues, Soul, die Guest-Appearances Hi-Tek, D`Angelo, Angie Stone: alle und alles hat sich zu verneigen vor dem modernsten Wahnsinns-Hippie dieser Tage. Wer spielt eigentlich immer diese unglaubliche Gitarre? Bitte die Plattenläden nerven, dieses Schmuckstück gibt es anscheinend nur als Import. Frechheit. ][ f. d`a.

Giardini di Mirò - The Academic Rise Of Falling Drifters - 2.nd
Ein Remixalbum. Doch deutlich fühlbar haben sich die Italiener nicht gemütlich zurückgelehnt und andere einfach so für sich arbeiten lassen. Vielmehr wurde die Liste der mitarbeitenden Künstler sorgsam ausgewählt, damit weiterhin die zärtlich hörbare Melancholie Kernbestandteil der neu interpretierten Stücke des zugrundeliegenden Albums "Rise and Fall of Academic Drifters" bleibt. Und so haben es Styrofoam, Herrmann & Kleine, Nitrada, Opiate, Isan und andere auch tatsächlich geschafft dieses Charakteristikum zu erhalten und rundherum ihre jeweils individuellen Noten beigesteuert. Auf Basis ganzer orchestraler Instrumentierungen schweben die acht komplexen Stücke mehr als nur durch den Raum. Sie berühren mit ihrer eigentümlichen Schönheit und lassen ein besonderes Gefühl der Verzauberung zurück. ][ g

JoVonn - Spirit - Track Mode
JoVonn Armstrong ist ja wahrlich kein Unbekannter mehr. Zumindest sollte man dies glauben. Bereits zu Zeiten aktiv, als Majors wie Atlantic oder Warner noch so genannte Dance Departments unterhielten, zeigt er sich für einen Sound verantwortlich, der auf der Stelle zu deuten ist. Ähnlich wie bei dem guten Glenn Underground, erkennt man eine JoVonn-Platte, wenn man sie hört. Schuld daran ist nicht zuletzt der exzessive Orgelgebrauch, der selten musikalisch richtig, aber immer ins Herz trifft. Seine Arbeiten auf Emotive oder den eigenen Imprints Goldtone und Next Moov sprechen da Bände. Ein wahrer Phlegmatiker eben. Für das eigene Album hat es aber auch trotz zahlreicher Produktionen mit SängerInnen bisher nie gelangt. Und zieht man die Tatsache in Betracht, daß es auf dem Housesektor keine ganze Box Bag mit schlüssigen Alben gibt (läßt man Larry Heard mal außen vor), könnte das eher Segen als Fluch sein. Track Mode hat ihm nun dennoch die Möglichkeit eröffnet, in den CD-Markt einzubrechen. Und was wohl keiner geglaubt hätte, ist tatsächlich eingetroffen: das Ding funktioniert. Selbst die sonst immer als Alibi eingestreuten Downbeats funktionieren irgendwie. Ganz zu schweigen von den großartigen Songs mit Kenny Bobien und Stephanie Cook und den typischen, schweren Instrumentals. Das überraschendste ist jedoch, daß hier ein wahrhaftiger Flow vorhanden ist, wie man es von einem Album zu erwarten hat, daß mehr sein will als eine doppelte Dance-12inch. Auf die meisten Zeitgenossen wird „Spirit“ wahrscheinlich leider altbacken und langweilig wirken, ich find’s super. ][ janson

VA - Electroclash - Mach1
Gerade lese ich staunend im Branchenmagazin, daß die gegenwärtige 80er-Aufkoche endlich ihren Namen weg hat und damit sozusagen zum „Genre“ ausgerufen wurde, da kommt auch schon die erste Compilation selben Namens mit der Post. Track 1 von Avenue D zeigt gleich, was an der Musik witzig sein kann (sich komische Posen ausdenken, zu einer doch ziemlich ins Imaginäre abgedriftet vergangenen Epoche), während man bei Track 2 von Waldorf dann auch schon sieht, was an ihr so tödlich nervt, nämlich schlichtes Wiederkäuen der Sprüche und Haltungen, die damals auch schon eher uncool waren, sieht man mal von Einzeltätern wie Falco ab. 2kHzens „Bad Girls Go To Hell“ ist guter, sauberer Partyspaß, Khan ist zwar ein guter Mann, aber in dieser Gesellschaft hätte ich ihn lieber nicht angetroffen. Ist er dafür nicht etwas zu... alt? Die Chicks On Speed sind natürlich auch dabei. ][ mandel

Swimmingpool - Anything That Doesn’t Move - Combination
Zwei Düsseldorfer – der eine Michael Scheibenreiter, bekannt als Phonehead-Mann, der andere Stefan Schwander, bekannt als Antonelli Electr. – tun sich zusammen, um jeweils ein wenig ihres eigenen musikalischen Kosmos in einen Topf (hier Swimmingpool) zu werfen. Mit „Anything That Doesn’t Move“ entstand so ein schüchterner, zurückhaltender Tonträger mit insgesamt elf Stücken. Schummrig und meist melancholisch werfen Swimmingpool einem Melodiefetzen und monoton-repetive Baßläufe entgegen, während sich die Rhythmik der meisten Titel bedeckt und zurückhaltend gibt. Hier und dann hört man Percussionspielereien heraus, Effekte tragen das ihre zur Vernebelung bei. Äußerst geordnet und geplant spielen sich die Stücke wie von selbst ab, lediglich „O-Ton Left“, „Perhaps“ und „Bypass“ haben den Mut, durch heimlich treibende Beats, pathetischen Anmut oder ein wuchtiges Rave-Pad in den Vordergrund zu drängen. ][ mb

Antonelli Electr. - Love And Other Solutions - Italic
Die Disco-Maschine ist zurück und verlegt auf „Love and Other Solutions“ die Tanzfläche nach innen. Die hohe Konzentration auf das Wesentliche eines Tracks hat ihm über zwei reguläre Alben, einige Maxis und unzählige Live-Auftritte einerseits eine ungeheure Sicherheit in der Effektivität seines Materials und der daraus entstehenden Musik verschafft, andererseits aber auch die Möglichkeit erhalten, frei zu sein in der Wahl des Ausdrucks. War „Peng, Peng Baby“ als Standortbestimmung des Antonelli-Disco-Pop in der Techno-Welt zu sehen, ging Click den sturen Weg des Techno-Souls mit gleichen Mitteln. Antonelli hatte sich über die Maxis (und deren Compilation „Me, The Disco-Machine“, die wahrscheinlich in diesem Kontext beste Live-Platte der Welt) Techno erarbeitet, sowie die Techno-Welt sich Antonelli erst erarbeiten mußte. Sein neues, reguläres drittes Album, ist in sich musikalisch wahrscheinlich das reifste. Auffallend ist, daß der kleine Unterschied in der Arbeitsweise, die Hinzunahme eines (!) Drumcomputers, bei ihm so große Auswirkungen hat. Die Stücke auf “Love...” sind fast perkussiv, detroitig, mit synthetischen Streichern und allerhand Glöckchen versehen und gehen den Weg weiter, den Antonelli mit seinem Alter Ego Rhythm_Maker auf der 12“ “Alles Mainstream” und dem Album „Landing“ angedeutet hat. Dichte, aber minimale, warme, gewaltige Songs, wo jedes programmierte Ereignis einen Sinn erfüllt und der Song, man mag fast sagen das Lied, durch eine gedrosselte Bassdrum zusammengehalten wird. Erst das siebte Stück „Augustine“ knallt in etwa so wie man es von ihm gewohnt ist. Ansonsten beherrscht der Soul die Platte, ein eigener Maschinen-Soul, beinahe psychedelisch, der - wie kaum ein anderer - erst in diesem Jahr 2002 möglich zu sein scheint. Weder Antonelli noch die Welt waren vorher bereit für ein elektronisches Songwriter-Album dieser Art. ][ f. d`a.

Leroy Burgess Anthology Volume 2 - Soul Brother
Was in einer der vergangen „Gespaltenen Töne“ über die erste Leroy Burgess Anthologie gesagt wurde, soll hier nur in Ansätzen wiederholt werden. Burgess war einfach einer der größten Produzenten der Disco- oder Boogie-Ära. Der zweite Teil seiner Werkschau konzentriert sich auf sein Schaffen als Produzent und handelt Überhits wie Black Ivory „Mainline“, Fonda Rae „Over Like A Fat Rat“oder „Sweet Thing“ von Convertion ab. Leider hat man auch den ein oder anderen überflüssigen Titel hineingepackt und dafür die Universal Robot Band mit „Barely Breaking Even“ vergessen. Nicht nur aufgrund der gestiegenen Preise für Disco-Maxis auf Ebay wieder eine lohnenswerte Anschaffung. ][ janson

EPY - Ahead Of The Wav - 2.nd Rec.
Geradlinigkeit ist hier ein Fremdwort, was aber im Besonderen den Reiz dieser Veröffentlichung ausmacht. Tief im Inneren synthetischer Klanggenerierungsgerätschaften schrauben sich kantige Töne, deren Fragmente, Bleeps, Hi-Hats und klare Bässe aneinander entlang. Rhythmik durch Arhythmik. Losgelöst von vertrauten Mustern produzieren die fünf Österreicher ein abstrakt reduziertes Patchwork aus Hip-Hop-, Jazz- und Electro-Anekdoten fern ab der reinen retrospektiven Aufarbeitung. Auffrischung wäre noch ein evtl. verwendbarer Begriff, würde nicht an ihm ebenfalls zu sehr die Vorstellung eines reinen Remakes haften. 14 Stücke, von denen sich auf dem erhältlichen Vinyl nur acht wiederfinden lassen, reiner Progressivität. Alle Erinnerungen, die während des außerordentlichen Hörerlebnisses einem in den Sinn kommen mögen, werden von den zerteilten und neuarrangierten Eigenimprovisationen davon gerissen, um neue Aufmerksamkeit für die nächste Gegenläufigkeit zu schaffen. Was zu zerren scheint, mutiert zur Harmonie durch deren Kontinuität, aufblitzende Töne und zuckende Beats generieren Spannung und technische Atmosphäre. Ein steriler Raum voller menschlicher Experimentierfreude. Vielleicht ein Sprung über alles Schubladendenken hinweg in eine mögliche Zukunftsversion elektronischer Musikgeschichte. ][ g

The Wild Bunch - Story Of A Sound System - Strut
Massive Atttack und Nelle Hooper. Smith & Mighty. Roni Szie und Konsorten. Dieses pittoreske Städtchen Bristol strotzt geradezu vor Musik- und Popgeschichte. „Story Of A Sound System“ erzählt die Geschichte der Wild Bunch nach, die den Code of Cool beherrschten wie keine andere Crew. Das schlägt sich nicht nur im Musikgeschmack nieder, der vor allem auch dadurch geprägt war, daß man versuchte, die freshesten oder rarsten Cuts vor allen anderen zu haben, sondern auch im optischen Stil, dem zuliebe auch schon mal schwarze Leder-Converse und Schafsfellwesten zum Einsatz kamen. Die Musik reicht hier von HipHop der ersten Stunde mit Fantasy und T la Rock bis hin zu Paradise Garage/Zanzibar Klassikern wie der Humphries/Regisford/Jarvis Koproduktion „The Music Got Me“ von Visual und dem fantastischen „DJ’s Delight“ von Ingram. Oben drauf gibt es ein 16 Seiten starkes Booklet mit allerlei Döntjes aus der guten alten Zeit. ][ janson

Robbi, Tobbi Und Das Fliewatüüt
Birds Do It - beide Diggler Records
Was für zwei Welten... Die eine erinnert so manchen an die wohl herausragendste Marionettenserie des deutschen Fernsehens (...nicht Augsburger Puppenkiste!), während die andere uns von den nackten Tatsachen des deutschen Aufklärungsfilms träumen läßt. Aber wollen wir dem chronologischen Entwicklungsprozess in unserem Leben folgen und uns so erstmal in unsere Jugend zurückfallen lassen. Damals, als der kleine Roboter Robbi mit seinem Freund Tobbi auf große Fahrt ging, um die Aufgaben seiner Roboterprüfung zu lösen. Als Gefährt begleitet die beiden das Fliewatüüt, das FLIEgen , im WAsser schwimmen und zudem wie ein Auto Hupen konnte. Und wie macht ein Auto? “TÜÜT!” Armin Maiwald, welcher neben dieser Sendung uns auch die “Lach- und Sachgeschichten mit der Maus” schenkte, bediente sich zur Untermalung der einzelnen Szenen der Musik von Ingfried Hoffmann. Ein von den zeitgenössischen Einflüssen der 70er Jahre gezeichneter Soundtrack aus Streicher- und Bläsersektionen bei dem zahlreiche Rhythmen von Bossa Nova, Beat Music und Easy Listening zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen. Sicherlich ist nicht zuletzt der ungewöhnlich frische und kultartige Soundtrack einer der Gründe, daß bis heute die Serie sich sowohl bei Jung und Alt einer überragenden Beliebtheit erfreut.

GrafikDaneben sind es die Bilder von nackten Körpern, die sich aneinanderreibend und mehr oder weniger zärtlich liebkosend in der Erinnerung festgesetzt haben. Immer wieder zappeln und zucken sie zu den Musikstücken der ausklingenden 60er Soundtracks in der Phantasie. Nachdem schon mit “Schulmädchenreport” die verschollenen Klänge von Gerd Wilden und seinem Orchester in die Wohnzimmer zurückkehrten, hauchen die Macher von Diggler Records nun den restlichen “Liebesfilmen” (nicht selten auch als reine Pornographie von Unwissenden verschrien) neues Leben ein. Auf “Birds do it” versammeln sich so manche Titel aus verführerisch klingenden Filmen wie: „Die sexuellen Wünsche der Deutschen”, „Junge Leute wollen lieben”, „Dein Mann - das unbekannte Wesen”, „z.B. Ehebruch”, “Hausfrauenreport”, “Sex Pervers”, “Liebe in 3 Dimensionen” und vielen anderen. 20 Titel voller psychedelischer Rhythmen, Easy Listening, Lounge-Jazz, Funk und Schweinerock. Alles dargeboten von den verschiedensten Big-Band-Ensemble. Neben Heinz Kiessling, der für Oswalt Kolles Filme regelmäßig die illustren Bilder mit Ton umschmeichelte, vereint der Sampler noch weitere Komponisten, von denen hier nur noch Peter Thomas (“Raumpatrouille Orion” und zahlreiche Edgar Wallace Filme) erwähnt werden soll. Sicherlich geht es hier nicht die ganze Zeit so verschmust zu wie bei der oben bereits erwähnten Veröffentlichung der lüsternden Schülerinnen, doch beinhaltet das Spektrum der Filme hier natürlich auch viele, viele andere Situationen in denen Erotik und Sex zum Tragen kamen.
Beide Veröffentlichungen gibt es dabei auch im stilgerechten Vinyl, das allerdings strengstens limitiert schon bald zu einem gesuchten Kleinod nie vergehender Erinnerungen wird. Also heißt es ... Schnell sein. ][ g

VA - Flooristik 2 - Wohnton Musik
Etwas Brasil, eine Brise Dub, jazzy Vibes und schräge Elektronik, so soll sich laut dem Mainzer Label Wohnton Musik der Herbst gleich viel wohliger anfühlen. Wieder einmal verschreibt man sich dabei der „Förderung“ des Downbeats und präsentiert so vor allem relaxt anmutende, oftmals sphärische Downtempo-Nummern - dreizehn Stück an der Zahl. Allzu schräg, vor allem im Sinne von elektronisch-experimentell, erklingt dann noch nichts, vielmehr sind die einzelnen Stücke stets um Zurückhaltung und das Wohlbefinden des Zuhörers bemüht. Easy-Listening-Artiges mit Engelschören und Glockenspiel trifft auf fundamental Dubbiges, hier und da legt sich mal die Gitarre mit dem Synthesizer an ... alles im Rahmen und sicherlich keine Grenzen sprengend. Dennoch stellt sich nach geraumer Zeit ein angenehmes Hörgefühl ein, aus dem es manchmal aber dann doch besser ist, schnell wieder herausgerissen zu werden. ][ mb

Rob Swift - Soundevent - Tableturns
Ohne je zu nennenswerten Battle-Ergebnissen gekommen zu sein, gehört Rob Swift schon seit einem Jahrzehnt zur internationalen Turntablism Elite. Seine Skills mögen inzwischen nicht mehr ganz an das aktuelle Niveau heranreichen, aber in punkto Musikalität ist der Mann noch immer den meisten voraus. Kaum einem gelingt die Gratwanderung zwischen respektablen Skills und musischer Homogenität wie Rob Swift. Seine Scratches sind gewohnt genau und perfekt gesetzt. Mit Klever, Radar, D-Styles, Melo-D und Quest werden auf dem Album zudem einige der interessantesten DJs derzeit gefeatured. Mittels D-Styles grandioser Virtuosität wird dann selbst ein Salsastück zum Gewinner und Radars außergewöhnliche Drumm-Qualitäten sind spätestens seit dem letztjährigen Allstar Beatdown legendär. Für die Vocals sorgen Swift und Kollegen größtenteils selbst. Zusätzlich hat sich das X-ecutioners-Mitglied die Underground Ikonen J-Live, Large Professor und Super Natural ins Boot geholt. Das Album ist noch besser als der Erstling The Ablist und vereint Skills und Musikalität zu einer Platte, die keineswegs nur für Turntablismfreunde interessant sein dürfte. Swift versucht mittels seiner Turntables seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen, nutzt also die Wordcuts gezielt für die sonst den MC`s überlassenen Inhalte. Die schon jetzt gewaltige Resonanz auf dieses Album beweist, dass ihm das gelungen ist. ][ motik

Me Rabenstein - Swimming With Friends - No.Nine
Irgendwie wird man aus der Tracklist nicht ganz schlau... handelt es sich um ein Remixalbum, um eigene Produktionen, bei denen nur andere Personen mitgewirkt haben oder ist es gar ein Sampler??? Aber was interessiert das überhaupt? Hat man doch einen unglaublichen Silberling in seinem CD-Spieler sich drehen, der unglaubliches vollbringt. Niemals dieses Teil anhören, bevor man auf abendliche Tour gehen möchte, da sich durch die Stilvielfalt jeder irgendwie angesprochen fühlt. Swing, Breakbeat, Electro, Funk, TripHop und was es sonst noch alles so gibt in dem breiten Spektrum der tanzbaren Musik. Und tanzbar wird es zuhause dann auch noch plötzlich. Dabei spielt die hervorragende Zusammenstellung der einzelnen Stücke eine weitere Hauptrolle. Gleicht doch das Ganze eher einem gelungenen DJ-Set, wie es die Freunde der abwechslungsreichen Musik lieben, als einer simplen Aneinanderreihung. Sollte sich das im Freundeskreis rumsprechen, so kann man nur hoffen, daß auch andere mit diesem Release zu sich nach Hause locken. Ansonsten gleicht die eigene Wohnung bald einem gut laufendem Geheimtip. ][ g

VA - Detroit Beatdown Volume One - Third Ear
“Was ist Detroit Beatdown?”, fragen uns die Linernotes dieser Compilation. Als Antwort gibt man uns die simple Erkenntnis, daß dies elektronische Musik aus Detroit sei, die im mittleren Tempo laufe. Hypeprognosen fallen hier dennoch eher negativ aus, da vor etlichen Jahren einige Leute auf die Idee kamen, diese Musik House zu taufen.
Auf ganzen sechs Seiten erwartet den Hörer eine Bestandsaufnahme dessen, was in Detroit so läuft. Zum Beispiel liefert Theo Parrish ein Stück ab, das sich erst nach mehrmaligem Hören gänzlich erschließt und einen doch wieder an den Mann glauben lassen kann. Rick Wilhite liefert einen seiner stoischen Beats ab und auch Eddie Fowlkes gibt sich in bester Laune. Die Überraschung kommt von Dwayne Jensen, der sich mittels eines metallischen Pianos in unsere Herzen klimpert. Der ganzen Sache hätte es jedoch sehr gut getan, ein wenig von dem Füllsel wegzulassen, der sich hier angesammelt hat. Alton Miller und Norm Talley wurden schon besser gesehen und irgendwie läßt einen das Gefühl nicht los, daß der Hinterwäldlerruf, der Detroit oft vorauseilt, nicht so ganz unberechtigt ist. Was die Sache allerdings noch sympathischer macht. ][ janson

VA - Beats Beyond The Underground Vol. 1 - Beats Beyond
Eine überwiegend Downbeat-orientierte Compilation auf Doppel-CD, die „nicht wieder eine dieser unzähligen Lounge-Electronika-Kopplungen, die den Markt überschwemmen“ (Infotext) sein will. Ist sie aber streng genommen doch, auch wenn darauf „ein über die Jahre gereiftes Konzept des Eleganz-Künstlers Jean Michel“ gebrannt wurde, ein sogenanntes Eventkonzept, das bei Abenden unter dem Beats-Beyond-Banner auf ausgedehnten Touren durch Europa entstand. Bei der Track-Auswahl wurde (z.T. durchaus erfreulicherweise) das gemeinhin übermächtige Aktualitäts-Diktat zugunsten geschmacklich-stilistischer Kriterien unterwandert, so daß sich u.a. fünf Jahre alte Drum&Bass-Club-Hits von The Green Man oder Exocet nahtlos in die Zusammenstellung einfügen. Deren Spektrum reicht von Break-beats über Minimal Techno bis zu experimentellen Elektronika, wobei ein recht erfolgreicher Spagat zwischen arrivierten und weniger bekannten Namen gelungen ist. Dabei erzeugt die unüberhörbare Dominanz sphärischer Soundflächen vielleicht einen Deut zuviel vorweihnachtlicher Besinnlichkeit und entbehrt manchmal einige wünschenswerte dynamisierende Links. Positiv bleibt im Gesamteindruck das qualitative Niveau der Einzeltracks, während ein übergreifendes, signifikantes stilistisches Topos, allen Beteuerungen des Vertriebs-Infos zum Trotz, (mir zumindest) kaum erkennbar wird. ][ hve

VA - Rocker’s Delight - The Rock Sound of Darkest Paris 1990-1996 - Quatermass
Paris VOR dem großen Siegeszug von Daft Punk, Motorbass und Cassius. Die House-Szene ist übersichtlich und vernetzt, gute Clubs die Ausnahme und von einem Phänomen wagt noch keiner zu reden. Diese Phase dokumentiert das belgische Label Quatermass mit einer Compliation, die den Sound lokaler Produzenten der frühen 90er aufrollt. Freilich rockten Discotique, Patrik Vidal oder die Eurostars die selben Maschinen und Sounds wie die Kollegen in Berlin oder Birmingham, die „eigene Note“, die die Pariser der House-Geschichte einzuschreiben vermochten, ist hier noch ein zartes Pflänzchen, das zwischen Bollerbeats, Steve-Reich-Samples und überraschend harten Basslines nur langsam der Sonne entgegenwächst. Einige der Protagonisten sind bereits verteten: Mirwais, der bereits damals eine Schwäche für New-Wave-Sounds hatte, aber auch Daft Punk mit einem ihrer ersten Remixe, minimal und effektiv. Sehr charmant: die Stücke mit französischen Vocals. Unterm Strich eine amüsante Geschichtsstunde und nicht gerade arm an Hits. ][ mandel

Shifted Phases - The Cosmic Memoirs Of The Late Great Rupert J. Rosinthope - Tresor
Shifted Phases ist das neueste Elektronik-Projekt aus der Detroit-Küche von Drexciyen und bewegt sich innerhalb seines Albums mit dem langen und beziehungsreichen Titel rund um den Soundpool Cosmic Space. Dabei wird erst in zweiter oder dritter Linie auf den Dancefloor gezielt, wenn auch jeder Track ein klares rhythmisches Fundament besitzt, allerdings meist im Rahmen sehr gemäßigter Tempi. In einem inspirierten Spiel mit Sphäriken und phonetischen Assoziationsderivaten nähert man sich mit Stilmitteln aus Detroit-Electro, Techno, Freak-Jazz und Dot-Rhythmik der eigenen Produktionsvorgabe an: „written by aliens for aliens“. Dabei geraten die Entwürfe zwar auch in pathetische, aber selten romantische Gefühlslandschaften, und ihre manchmal hochsolide meditative Transzendenz vermeidet erfolgreich den Eindruck spiritueller Klischeehaftigkeit. Wer sich drauf einläßt, wird sich bald in der überzeugend aufgebauten Aura funktional simplifizierter Repetetiv-Manie im faszinierenden Spannungsfeld kosmischer Vibes wohlfühlen, ohne dabei Kuscheleffekte zu benötigen. ][ hve

VA - Slow Mo Three - Stereo Deluxe
Drei Jahre mußte man auf den neuen Slow-Mo-Sampler, erneut zusammengestellt vom inzwischen tödlich verunglückten Oli Roesch (aka DJ Deluca) warten, aber es hat sich tatsächlich gelohnt – nicht unbedingt selbstverständlich bei der Flut von Downbeat-Compilations, die spätestens im Zuge der Space-Night-Reihe den Markt überschwemmt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt hier weniger in einem (kaum zu erwartenden) Quantensprung bezüglich der Qualität von Produktionen aus dem Trip-Hop-Dub-Lounge-Bereich (da gibt es permanent gute Releases, aber es passiert nichts wirklich Neues mehr), sondern in der sorgfältigen Auswahl und atmosphärisch sensiblen Zusammenstellung der Titel. Das gesamte Album muß da flutschen und plätschern gleichermaßen und nicht nur in der Wahl des aufreizend langsamen Tempos Gemeinsamkeiten zwischen seinen Bindegliedern herstellen. Und diesen Anspruch erfüllt es ohne Abstriche: chillig-moodig und doch klar konturiert. Bemerkenswert, daß dies auch ohne die ganz großen Namen und hemmende Rücksichtnahmen auf eigentliche Label-Zugehörigkeiten gelungen ist. Schräge Töne sucht man freilich vergebens, aber diese würden die deepe Smoothness des vorgegebenen eigenen Konzeptes auch nur unangemessen torpedieren. Mit dabei: Sola Rosa, Farid, Bonobo, Earthbound, Nu Mood Orchestra, Lounge Conjunction u.a. ][ hve

GD LUXXE - Vendetta - Suction
Etwas erschrocken blickt man auf das Veröffentlichungsdatum, hat man doch für einen nicht ganz so kurzen Moment das Gefühl in die 80er Jahre katapultiert worden zu sein. Doch keine Zeitmaschine hat sich im CD-Spieler versteckt, vielmehr sind es die reanimierten Arbeiten eben dieser Zeit, die Gerhard Potuznik wieder neu bearbeitet und mit neuen Kompositionen im ähnlichen Stil auf dieser Fünf-Track-EP präsentiert. Er lässt mit den Stücken eine klangliche Welt neu aufleben, die einst von Soft Cell, Depeche Mode und New Order ins Leben gerufen wurde. Pop an der Grenze zum New Wave. Kennt man allerdings seine verschiedenen Werke, von denen viele sich auf disko B, Cheap, Mego oder auch Sabotage wiederfinden lassen, wird man seinen eigenen Stil hinter den Gerüsten der einzelnen Stücke erkennen und so ein “jetzt” hinter dem zu Beginn stark retrospektierenden Gedanken finden. ][ g

Portable - Gridshifter EP - Süd 01
Alan Abrahams als Portable beeindruckte vor ein paar Monaten noch mit seinem verstörenden Meilenstein-Album auf Background. Hier nun der erste Wurf seines eigenen Labels Süd. Welch wunderschöner Labelname! Hat auch immer etwas schmerzvolles, dieses Süd. Wahrscheinlich durch Sehnsucht und Heimweh geprägt, oder einfach nur durch fernen Patriotismus und zur Überbrückung der Entfernung. Seine Heimat ist Südafrika, London seit ein paar Jahren sein Wohnort. Das Cover der Gridshifter EP verspricht Haltung, mit seinem Punkrock-Copy-Art-Poster als Sleeve eingefaltet, wahrscheinlich von Hand. Das paßt zur Musik. Sein Album war in seiner spröden Unnahbarkeit als Konzept schon unglaublich, aber kaum auszuhalten. Wie wenn man jemanden liebt, aber immer auf Distanz gehalten wird. Portable läßt mit Gridshifter ein Nähern zu. Seine minimalen, von afrikanischer Sonic Fiction getränkten Tracks nehmen den guten Song als fernes Ziel, wohlwissend aber, dort nie ankommen zu wollen. Wenn man afrikanische Grooves in seiner Laptop-Kunst beschreiben will, ist die Gefahr groß, mißverstanden zu werden. Portable spricht weder den World-Music-Esoteriker noch den groovy Lifestyle-Affen an. Das ist hochmoderne beseelte Musik, Freunde! Wir nennen es weiterhin Techno. Das elegischfreundliche „Don`t give up“ flufft sich mit einer Art Leierkastenmelodie und wirklich guten, fernen Gesangsfusseln auf die advancte Tanzfläche. Ich wünsche mir, daß das jeder spielt! „Cassette“ und „Thought“ sind dann die angesprochenen Derivate der amerikanischen Rhythmen, holzig, federnd leicht und immer distorted von Synthiefetzen, die auf „Kelp“ sogar wie Gitarren-Feed-back klingen können. Organischer Klang - Laptop-Musik nie. Mindestens eine der spannendsten Platten des Jahres. ][ f. d`a.

Strand - Message III - Delsin 36
Strand ist zurück mit der dritten Botschaft. Wo wollen die hin mit dieser extrem romantischen Sichtweise von Drum-Maschinen-Musik? Jedenfalls entwickeln sich jenseits der Trampelpfade in Detroit und abseits der Pauken auf der einen und Laptops auf der anderen Seite, eine vielfältige Wiese mit analog-elektronischer konsensfreier Popmusik. Starbaby und Delsin sind dabei mal wieder ganz weit vorne. Zwischen Electro und verspieltem Techno frickeln die vier neuen Stücke mit ca. 303 Melodien pro Track bis das Herz hüpft, um dann immer ziemlich abrupt dem Fade-Out zum Opfer zu fallen. Extrem smart, denn wenn genug gesagt ist, kann auch mal Schluß sein. Musik für immer. Album bitte! ][ f. d`a.

Dublex Inc. - Tócame - Pulver
Man plant ein Album im Hause Dublex Inc. Und dies ist die erste Singleauskopplung. Einfach gestrickt, mit leicht ravigem Flamenco-Gitarren-Riff und eine an ihren ersten Hit „Tango Forte“ angelehnte Rhythmik – ein einfacher Off-Beat mit wirbelnden Percussionen unterlegt, drängt das Original druckvoll aus den Lautsprechern. Die 21-jährige Kubanerin Barbara Padron Hernandez jauchzt lasziv ihren Text ins Mikrofon, frei schwebend über dem restlichen Soundgerüst. Geradlinig, zielstrebig, wie fürs Radio gemacht (und der ouk-Leser weiß, was wir vom Radio halten). Nickodemus & Osiris gehen das ganze dann schon etwas filigraner an, bringen deutlich mehr Groove in den Baßlauf und deepe, sinnliche Harmoniestrukturen ins Spiel. Der Gitarrenriff wirkt dezenter und das Stück insgesamt ausgereifter. ][ mb

Terra - Hinterwaeldler - Defrag Sound Processing 01
Extreme Methodiker, diese Italiener! Alle Sounds dieser Platte sind aus konzeptionellen Gründen ausschließlich aus TV/Radio-Quellen oder aus Störgeräuschen von RCA-Kabeln generiert worden, ohne Synthesizer, Drum-computer oder andere klassische Sound-Quellen zu nutzen. Durch Audio-Karten in das Computersystem geschleust und dort mit Effekten bearbeitet, hat man sozusagen nahezu alle Klänge vorgefunden, die das menschliche Ohr als Bässe, Drums etc. identifizieren würde. Wer hier jetzt an Akufen denkt, liegt falsch, da die Sounds noch kleiner gehaxelt wurden, als es das Micro-Sampling von Akufen mit seinen Verlinkungen in die Pop-Welt getan hat. Die Arbeitsweise von David Rovito (Random/ Noize) und Mario Masullo ist streng wissenschaftlich, das Ergebnis rockt wie eine kalte Dusche, überraschend frisch und straight. Nerds, die es ernst meinen, wie Sähkö dereinst, mit direktem Weg zu den Tunnel-Parties, wo alle Cocktails die gleiche Farbe haben und nicht getrunken werden können, weil flüssiger Stickstoff schnell verdampft. Die B-Seite von Jonas Bering erscheint fast weltlich gegen die festen kalten Würgegriffe der beiden Soundforscher, schraubt aber gehörig an der Winter-Hymne des gleichen Tunnel-Clubs. Der Anfang einer Serie. ][ f. d`a.

Dead Metropolis 003
Hinter Creative Urge verbergen sich Sandroid und Sure aus Chemnitz. Die beiden überzeugen mit zwei straighten, aber durchaus groovenden Dancefloortracks, die sich irgendwo zwischen Peshay, Intercom und High Contrast ihren Weg bahnen. "Concrete Direction" kommt knackig und auch locker daher, im Schlepptau eine ganze BigBand, dessen Trompeter nicht mehr zu bremsen ist. "Mondayz" spielt dezent mit housig-deepen Klängen und soulful Vocalschnipseln, zieht dann aber gekonnt an. Sehr tight produziert das Ganze und macht Appetit auf mehr. ][ lightwood

Precision 23
Das japanische Duo Pentagon bietet uns zwei geschmeidig groovende Tracks, die etwas funkiger als ihre bisherigen Releases wirken. "Lady Bird" schraubt sich mit Shuffle-Breaks und Rhodes vorsichtig nach oben, bleibt dann aber auf einem gewissen Level stehen. Schmoovig, aber nicht herausragend. "Fever" spielt auf eine interessante Art und Weise mit einem Vocalfetzen und packt nach dem ersten kurzen Breakdown einen genialen Basslauf aus dem Ärmel. Leider sind die Beats hier etwas zu platt und auch etwas schwach auf der Brust. ][ lightwood

VA - All Hands On Decks - Neurhythmics
Wahl-Londoner Jürgen Junker ist mit seinem Label Neurhythmics mittlerweile bei Katalognummer fünf angelangt. Charakteristisch für den Output des Heidelberger Exilanten ist die deutliche Nähe zu den trackigen Houseskizzen aus Motown oder der windigen Stadt. So auch in diesem Fall. Junker marschiert mit „Common Sense“ zügig voran und gibt den Ball auf der B-Seite an Mike Binary und das Dirty Soul Project ab. Ersterer scheint schon das ein oder andere Mal durch Rick Wades Harmonie Park spaziert zu sein, entwickelt aber durchaus einen eigenständigen Blick auf die Dinge. „No Other“ schließlich stellt mit seiner etwas komplexeren Struktur einen schönen Ausklang dar. Funky Platte. ][ janson

Jan Driver - Set the Engine on Fire - Urban/Def Jam
Ein pulsierender Floor-Reißer im 12“-Format, der in Sachen pumping energy (fast) alles gibt und resolut vorwärtsstrebt, ohne der Kategorie „Brettern“ anheimzufallen. Freilich, wie das bei konzentriertem Output auf diesem dynamischen Level häufig unausweichlich ist, wirkt der Track schließlich irgendwann mal ausgepumpt, da ruft die Crowd dann nach dem nächsten Tool, weil schmückendes Beiwerk ausgespart wurde. Die beiden Remixe springen diesbezüglich ein bißchen in die Bresche, addieren das eine oder andere Gestaltungselement hinzu und forcieren das Ganze zu technoid noch treibenderen Varianten mit den üblichen dramaturgischen Skills. Insgesamt ein vorübergehend gut brauchbares DJ-Werkzeug, mehr aber auch nicht. ][ hve

Needs pres. Laurentius - Reminiscence - Clairaudience
Laurentius - Over The Sea - Needs
François K - Awakening (The Needs Remixes) - Wave
Needs auf allen Kanälen. Wo fängt man da nur an? Am besten mit Lars Bartkuhn, der wandelt jetzt nicht nur als Passion Dance Orchestra auf Freiersfüßen, sondern hat sich mit Laurentius ein neues Alias zugelegt. Auf der aktuellen Needs kommt er damit und mit einem wirklich massiven Soundwall daher, mit dem andere Leute ganze Alben füllen würden, wie man so schön sagt. Mit stumpfsinnigem Bumm-Bumm-Bumm hat das hier nicht mal mehr im entferntesten etwas zu tun. Der Beipackzettel trifft es mit seinem kosmischen Jazzfunk schon ganz gut. Laurentius 12inch für Clairaudience haut da wieder in eine ganz andere Kerbe. „Reminiscence“ ist ein waschechter Club-Hit, der für Needs-Verhältnisse fast schon minimal ist und vor allem als „Drum Section“ mächtig Hinterteile tritt. Wer die Platte schon einmal im Club hat arbeiten hören, weiß, was hier gemeint ist. Die Mixe für Francois Kevorkians „Awakening“ kommen dann wieder von Bartkuhn plus Yannick in gewohnter Manier und dürften ihren Freundeskreis in New York weiter ausbauen. Als Favorit verbreitet der „Needs Bodycheck“ pure niceness. Needs unstoppable. ][ janson

Amp Dog Knight’s - I’m Doing Fine - Mahogani Music
Der Moodymann hat ein neues Label. Mahogani Music heißt das und fängt irgendwie da an, wo Amp Fiddlers „Basementality“ aufhörte. Letzterer hat auch hier wieder seine Finger mit im Spiel und schwingt mit Kenny Dixon Jr. kräftig die Nu-Soul-Keule. „I’m Doing Fine“ ist so ziemlich als roher, ungeschönter und für das ein oder andere Ohr vielleicht auch unzulänglicher Gegenentwurf zu Musiq, D’Angelo oder auch dem absurden Barden Vikter Duplaix zu verstehen. Am tollsten ist dieser, wenn er wie im dritten Mix von einem dieser subtil knallenden Beats getragen wird, wie sie nur der Moodymann bastelt. ][ janson

The Beat Addicts - Stand Up/Imagination - Sweat
Noch ein neues Label aus Detroit. Chef ist hier angeblich D-Ha, der schon auf Mad Mikes verblichenem House-Outlet namens Happy Records für Furore sorgte. „Stand Up“ ist Hardcore-Gospel-Sound, wie er nur aus New Jersey oder small black churches kommen kann. “Imagination” dürfte dann hiesige Ohren etwas freundlciher stimmen. Erinnert es doch in seiner Art sehr an Underground Resistance Platten wie „Timeline“und gesungen wird da ja bekanntlich nicht. Auf jeden Fall ein vielversprechendes Erstlingswerk. ][ janson

No Milk - Same - Rhapsody
Daß Japaner wie wir begeisterte Kulturvampire sind, ist hinlänglich bekannt. Auch hat man schon gehört, daß der Genuß von Milch im Land der aufgehenden Sonne eher unpopulär, wenn nicht gar verpöhnt ist. Dieser Japaner hier scheint keine zu trinken oder jedenfalls keine zu haben. Biten steht bei ihm dennoch ganz oben auf der Tagesordnung. Einmal Theo Parrish, Moodymann, Detroit und zurück, bitte. Wenn er das jedoch so gut macht, sei es ihm verziehen. „Nobody knows it but you“ läßt sogar etwas Eigenständigkeit durchblicken. Lediglich „Colors“ ist mit seinem Gil Scott-Heron-Sample etwas übers Ziel hinausgeschossen und dennoch irgendwie gut. Muß wohl an der allseits beliebten Soundästhetik liegen. ][ janson

Nick Holder - Back In The Day - DNH
Nick Holder ist ein echter Phlegmatiker. Fast unbeeindruckt von den Zeichen der Zeit, haut der Kerl fast stündlich neue Platten raus, die eineiige Geschwister sein könnten. Wie kommt der Mann nur damit durch? Oder besser: Wer kauft die eigentlich alle? Ab und zu schafft Holder es dennoch einen zu überzeugen. Ist ja auch nicht gerade so, als hätte er noch nie ´ne gute Platte gemacht. Der Remix von „Freedom in 63“ ist so ein Stück. Schon wieder Malcom X, schon wieder ein bouncy Beat und auch schon wieder dieses Keyboard, aber man redet sich einfach ein, das noch nie besser gehört zu haben. „Feelin Sad“ auf der B-Seite ist eine seiner vergangenen Großtaten, die es quasi als Bonus wiederveröffentlicht dazu gibt. ][ janson

Up, Bustle & Out - Wild Majesty - 500cc Revolutionary)
Eine der dienstältesten Ninja-Tune-Combos hat sich selbständig gemacht und veröffentlicht von nun an auf dem eigenen Label limitierte Tonkunst, nach der man dem ersten Eindruck nach dringendst Ausschau halten sollte: Wild Majesty kommt als jamaikanische 7-inch-Pressung, ist ein sehr lässiges Stück Dub Poetry, oder Poetry Dub, je nachdem, samt Melodica und Version auf der B-Seite. Freuen wir uns auf weitere Exemplare, gerne auch weiterhin jamaikanisch, durchaus aber auch mal, wie auf dem letzten Album, kubanisch. ][ mandel

Kelley Polar Quartet - Audition EP - Environ
Kelley Polar ist in Metro Area kein Unbekannter. So trug er doch zum Gelingen und vor allem zum Erfolg des Konsenshits „Caught Up“ maßgeblich bei. Seine erste Soloveröffentlichung hält, wen wundert’s, kaum Überraschungen parat. Wüßte man es nicht besser, könnte man meinen, man habe es mit einer waschechten Metro Area zu tun (siehe auch deren Splitmaxi auf Tigersushi). Alle Ingredienzien, die man landläufig von diesem Sound erwartet, sind vorhanden und lassen dich auch im Club nicht im Stich. Ein Schuft wer da behauptet, daß man diesen Kaffee schnell in eine Thermoskanne schaffen soll. ][ janson

Âme - Life Changes/ Sarari - Sonar Kollektiv
Wo wir doch gerade dabei sind. Der Geheimtip des Sonar Kollektiv, Âme, hat sich mittlerweile zum respektierten Verkaufsschlager entwickelt. Jetzt gibt es ´ne neue Maxi, deren Sound noch vollkommener zu sein scheint. Leider auch etwas eindeutiger. „Life Changes“ verweist ziemlich unverhohlen in die Metro Area und auch wenn er hier sein Handwerk versteht, ist das doch einen Tick zu dolle. Dafür entschädigt „Sarari“ mit einer fiesen Bassline, netten Funk-Synthies und einem kurzen Besuch bei Anita Ward. Auch ohne Iro ziemlich modern, det janze. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge warten wir also gespannt darauf, ob es auch mal jemand schafft, die Basement Boys zu covern. ][ janson

DJ Spinna - Drive/Rock (Unplugged) - Rapster/BBE
DJ Spinna, einst Rawkus’ liebster Beatbastler und mit unzähligen Remix-Aufträgen (Nightmares On Wax) in praktisch jedermanns Kiste irgendwie vertreten, hat seinen einstigen Partyhit „Rock“ noch ein mal mit voller Backingband eingespielt. Im Vergleich zum knusprig-trockenen Original eine eher retro klingende groovy schmatzende Livejam mit Flötensolo und wildem Drumbreak, praktisch das imaginäre Stück, von dem er die Zutaten für „Rock“ einst absampelte. Vom Instrumental noch ein Instrumental auf die Platte zu tun, bei dem nur die Vocalsamples fehlen, ist allerdings der Vollständigkeit etwas zu viel des guten. Spinna hat sich allerdings nicht - wie zu befürchten war - vollständig dem Daddelfunk verschrieben, das belegt die düster aber dennoch rockende B-Seite, ein Feature für Shadowman von der OldWorldDisorder. ][ mandel

Masters at Work - Tranz/Body - MAW Electronic
Louie Vega und Kenny Dope sind sicherlich nicht die ersten, die auf die Idee kommen, mit Kraftwerk ihren Sampler zu speisen. Wenn das aber so verdammt tight daher kommt, wie in diesem Falle, kann man nur ja dazu sagen. Nicht minder attraktiv ist „Body“. Ebenfalls von der Ästhetik eines DJ-Tools profitierend, haben der kleine und der dicke Mann Alexander Robotniks „Problemes d’Amour“ aus dem Eisschrank geholt. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber immerhin. Die erste MAW nach der fabelhaften „Life Goes On“ von vor zwei Jahren, die Ignoranten wie mich so richtig zu begeistern weiß. Kein Wunder, daß die hierfür eigens ein Sublabel gegründet haben. ][ janson

Moabit - Bär auf Speed - New Noise/Labels
Die Crew hat sich nach einem Berliner Stadtteil benannt, den die meisten von außerhalb nie kennenlernen müssen. Wir Berliner wissen jedoch, was wir an ihm haben: billige Mieten, komische Musikcafés mit Weedverkauf im Hinterstübchen, praktische Citynähe (Ost wie West), überdurchschnittlich viele Bullen, und, ach ja: Die Strafvollzugsanstalt. Hier braucht man offenbar eine harte Attititude, und im Falle dieser Moabiter gesellt sich noch ordentlich Druck in der Hose. Inhaltlich kommen mir Zweifel, ob ich das alles hören muß - Hirnamputierte dissen, Mädels angraben, sich selbst anpreisen, so weit so bekannt, und übrigens auch nicht ohne Selbstironie. Die Tracks sind, mit dicken Synthiebässen unterfüttert, allesamt bouncend und variationsreich (nahezu über-) produziert, das Instrumental des Titelstücks kann man leicht gepitcht auch als kleine Abwechslung in ein House-Set einbauen. Das Doppelvinyl geizt dazu nicht mit A capella und Snippet-Schnickschnak. Mein Lieblings-Hip-Hop klingt anders, aber das meiste aus Berlin doch noch weit dämlicher. ][ mandel

Trüby Trio - High Jazz Rmxs by Freeform Five - Compost
Nachdem die erste Remix-Auskopplung uns nicht gerade vom Hocker riß, wirkt der Freeform-Five-Remix wie Balsam auf der Wunde. Just verpaßte er dem eher abstrakten und zurückhaltenden Original ein glamouröses Funky-Disco-Soul-Outfit – jaulende Pianos, druckvollschwüle Bässe, Strophe, Bridge und Refrain inklusive. Betörend wie immer die diversen Effektspielereien und Geräuscheinsträuungen (besonders gut in der Instrumentalversion hörbar), durch die Freeform Five erst bekannt geworden ist. Zackige Gitarren-Licks sorgen für die Verbindung der einzelnen Parts, bevor das Ende langsam in den Sonnenuntergang entschwindet. ][ mb

Kyoto Jazz Massive - Mind Expansions - Compost
Eines der Highlights des bereits veröffentlichten Albums der Okino-Brüder ist nun auch auf Maxi erhältlich und eine Hand voll Remixe dürfen natürlich auch nicht fehlen. Butti 49, Blaze und Waiwan haben sich ans Werk gemacht, die soulige Perle mit dem zarten Gesang der Maiya James umzuformen, neuzugestalten und den eigenen Vorstellungen entsprechend erklingen zu lassen. Während Blaze den Track ein wenig reduziert haben, die für sie so typischen Piano-Riffs und eine gerade, tief unten liegende Bassdrum hinzuaddiert haben – somit also eher weggenommen als hinzugefügt haben – hat sich Butti 49 wahrlich ins Zeug gelegt und einen richtigen kleinen Opus gebastelt. Latinesk, luftig und gleichzeitig majestätisch reiht er Strophe an Strophe, durchbricht das gesamte Gebilde mit einem fulminanten Break, um spannungssteigernd das Rhodes wieder einsetzen zu lassen. Gut. ][ mb


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