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Raphael Saadiq - Instant Vintage
Hidden Champions gibt es auch immer noch bei den Majors! Kennt in diesem
Magazin jemand noch das Soul/R&B/-HipHop-Trio Tony, Toni, Toné!?
Bis auf eine legendäre Besprechung von Adler-Ohr Hans Nieswandt in
der ehemals guten SPEX zu ihrem letzten Album “House Of Music“
im Jahre `96, scheint diese Band zumindest was meine Wahrnehmung der hiesigen
Öffentlichkeit angeht, nie wirklich vorhanden gewesen zu sein. Die
Jungs hatten 1988 einmal mit „Little Walter“ einen R&B-Nr.1-Hit
in den USA, noch mit schönen Pfläumchen über der glänzenden
Zahnreihe und zu grün für den wahren Soul, aber schon damals
mit großartigen Up- und Mid-Tempo-Tracks. Ein paar Jahre später
kehrt einer der Leadsänger zurück und wieder bekommt zumindest
hier kaum einer was mit. Das ist jammerschade, dreht doch gerade dieser
Raphael Saadiq mit seinem ersten Solo-Album die Diskussion um Soul, R&B
und seine „wahren“ Meister einfach mal auf links, wie einen
alten Pullover. Die knapp 20(!) luftigen, vor Melodien (Geigen, Leute!)
überlaufenden Songs nehmen sich nie zu ernst, was bei den spirituellen
Bewertungsgraden im Soul fast wie ein Frevel vorkommen mag, mir aber ungeheuer
viel Spaß macht. Hat doch gerade kürzlich erst Erykah Badu
in einem Interview die Rangliste der Soul-Sänger mit der jeweils
persönlichen Nähe zu Gott erklärt. Sich selbst sehe sie
sich nur auf einem guten Weg, aber momentan gäbe es nur einen, der
über allen throne und das wäre D`Angelo. Dessen Voodoo-Album
war sicher ein Meilenstein, ein eigener unfaßbarer Brocken Musik,
aber auch extrem muskulös, wie von jemandem, der weiß, daß
er verdammt gut ist, Gott gleich. Nun, ich vermute Saadiq weiß,
daß er ein Mensch ist, schließlich erklärt er in Begleitung
einer E-Gitarre, die eine Jazz-Tonleiter rauf und runternudelt, daß
er zum ersten Mal seine Seele getroffen hat, als ihm sein Vater als Krabbelkind
auf die Hand getreten ist: „That`s when I met my Soul“. Von
mir aus kann Raphael Saadiq demnach getrost noch ein Weilchen weltlich
bleiben. Seine Musik ist so frei, so fein und dennoch nie von sich selbst
eingenommen, nie arrogant, eher klein, positiv und humorvoll, daß
er in meiner Symphathie-Skala an D`Angelo in jedem Fall vorbeigezogen
ist und in die Riege Wonder, Mayfield, Gaye aufgeschloßen hat. In
diesem Club braucht man doch jemanden, der immer gute Laune hat. Große
Namen, ich weiß, aber Saadiq hat es verdient. Ein Sommer-Hit jagt
hier den nächsten. P-Funk, HipHop, Blues, Soul, die Guest-Appearances
Hi-Tek, D`Angelo, Angie Stone: alle und alles hat sich zu verneigen vor
dem modernsten Wahnsinns-Hippie dieser Tage. Wer spielt eigentlich immer
diese unglaubliche Gitarre? Bitte die Plattenläden nerven, dieses
Schmuckstück gibt es anscheinend nur als Import. Frechheit. ][ f.
d`a.
Giardini di Mirò - The Academic Rise Of Falling Drifters
- 2.nd
Ein Remixalbum. Doch deutlich fühlbar haben sich die Italiener nicht
gemütlich zurückgelehnt und andere einfach so für sich
arbeiten lassen. Vielmehr wurde die Liste der mitarbeitenden Künstler
sorgsam ausgewählt, damit weiterhin die zärtlich hörbare
Melancholie Kernbestandteil der neu interpretierten Stücke des zugrundeliegenden
Albums "Rise and Fall of Academic Drifters" bleibt. Und so haben
es Styrofoam, Herrmann & Kleine, Nitrada, Opiate, Isan und andere
auch tatsächlich geschafft dieses Charakteristikum zu erhalten und
rundherum ihre jeweils individuellen Noten beigesteuert. Auf Basis ganzer
orchestraler Instrumentierungen schweben die acht komplexen Stücke
mehr als nur durch den Raum. Sie berühren mit ihrer eigentümlichen
Schönheit und lassen ein besonderes Gefühl der Verzauberung
zurück. ][ g
JoVonn - Spirit - Track Mode
JoVonn Armstrong ist ja wahrlich kein Unbekannter mehr. Zumindest sollte
man dies glauben. Bereits zu Zeiten aktiv, als Majors wie Atlantic oder
Warner noch so genannte Dance Departments unterhielten, zeigt er sich
für einen Sound verantwortlich, der auf der Stelle zu deuten ist.
Ähnlich wie bei dem guten Glenn Underground, erkennt man eine JoVonn-Platte,
wenn man sie hört. Schuld daran ist nicht zuletzt der exzessive Orgelgebrauch,
der selten musikalisch richtig, aber immer ins Herz trifft. Seine Arbeiten
auf Emotive oder den eigenen Imprints Goldtone und Next Moov sprechen
da Bände. Ein wahrer Phlegmatiker eben. Für das eigene Album
hat es aber auch trotz zahlreicher Produktionen mit SängerInnen bisher
nie gelangt. Und zieht man die Tatsache in Betracht, daß es auf
dem Housesektor keine ganze Box Bag mit schlüssigen Alben gibt (läßt
man Larry Heard mal außen vor), könnte das eher Segen als Fluch
sein. Track Mode hat ihm nun dennoch die Möglichkeit eröffnet,
in den CD-Markt einzubrechen. Und was wohl keiner geglaubt hätte,
ist tatsächlich eingetroffen: das Ding funktioniert. Selbst die sonst
immer als Alibi eingestreuten Downbeats funktionieren irgendwie. Ganz
zu schweigen von den großartigen Songs mit Kenny Bobien und Stephanie
Cook und den typischen, schweren Instrumentals. Das überraschendste
ist jedoch, daß hier ein wahrhaftiger Flow vorhanden ist, wie man
es von einem Album zu erwarten hat, daß mehr sein will als eine
doppelte Dance-12inch. Auf die meisten Zeitgenossen wird „Spirit“
wahrscheinlich leider altbacken und langweilig wirken, ich find’s
super. ][ janson
VA - Electroclash - Mach1
Gerade lese ich staunend im Branchenmagazin, daß die gegenwärtige
80er-Aufkoche endlich ihren Namen weg hat und damit sozusagen zum „Genre“
ausgerufen wurde, da kommt auch schon die erste Compilation selben Namens
mit der Post. Track 1 von Avenue D zeigt gleich, was an der Musik witzig
sein kann (sich komische Posen ausdenken, zu einer doch ziemlich ins Imaginäre
abgedriftet vergangenen Epoche), während man bei Track 2 von Waldorf
dann auch schon sieht, was an ihr so tödlich nervt, nämlich
schlichtes Wiederkäuen der Sprüche und Haltungen, die damals
auch schon eher uncool waren, sieht man mal von Einzeltätern wie
Falco ab. 2kHzens „Bad Girls Go To Hell“ ist guter, sauberer
Partyspaß, Khan ist zwar ein guter Mann, aber in dieser Gesellschaft
hätte ich ihn lieber nicht angetroffen. Ist er dafür nicht etwas
zu... alt? Die Chicks On Speed sind natürlich auch dabei. ][ mandel
Swimmingpool - Anything That Doesn’t Move - Combination
Zwei Düsseldorfer – der eine Michael Scheibenreiter, bekannt
als Phonehead-Mann, der andere Stefan Schwander, bekannt als Antonelli
Electr. – tun sich zusammen, um jeweils ein wenig ihres eigenen
musikalischen Kosmos in einen Topf (hier Swimmingpool) zu werfen. Mit
„Anything That Doesn’t Move“ entstand so ein schüchterner,
zurückhaltender Tonträger mit insgesamt elf Stücken. Schummrig
und meist melancholisch werfen Swimmingpool einem Melodiefetzen und monoton-repetive
Baßläufe entgegen, während sich die Rhythmik der meisten
Titel bedeckt und zurückhaltend gibt. Hier und dann hört man
Percussionspielereien heraus, Effekte tragen das ihre zur Vernebelung
bei. Äußerst geordnet und geplant spielen sich die Stücke
wie von selbst ab, lediglich „O-Ton Left“, „Perhaps“
und „Bypass“ haben den Mut, durch heimlich treibende Beats,
pathetischen Anmut oder ein wuchtiges Rave-Pad in den Vordergrund zu drängen.
][ mb
Antonelli Electr. - Love And Other Solutions - Italic
Die Disco-Maschine ist zurück und verlegt auf „Love and Other
Solutions“ die Tanzfläche nach innen. Die hohe Konzentration
auf das Wesentliche eines Tracks hat ihm über zwei reguläre
Alben, einige Maxis und unzählige Live-Auftritte einerseits eine
ungeheure Sicherheit in der Effektivität seines Materials und der
daraus entstehenden Musik verschafft, andererseits aber auch die Möglichkeit
erhalten, frei zu sein in der Wahl des Ausdrucks. War „Peng, Peng
Baby“ als Standortbestimmung des Antonelli-Disco-Pop in der Techno-Welt
zu sehen, ging Click den sturen Weg des Techno-Souls mit gleichen Mitteln.
Antonelli hatte sich über die Maxis (und deren Compilation „Me,
The Disco-Machine“, die wahrscheinlich in diesem Kontext beste Live-Platte
der Welt) Techno erarbeitet, sowie die Techno-Welt sich Antonelli erst
erarbeiten mußte. Sein neues, reguläres drittes Album, ist
in sich musikalisch wahrscheinlich das reifste. Auffallend ist, daß
der kleine Unterschied in der Arbeitsweise, die Hinzunahme eines (!) Drumcomputers,
bei ihm so große Auswirkungen hat. Die Stücke auf “Love...”
sind fast perkussiv, detroitig, mit synthetischen Streichern und allerhand
Glöckchen versehen und gehen den Weg weiter, den Antonelli mit seinem
Alter Ego Rhythm_Maker auf der 12“ “Alles Mainstream”
und dem Album „Landing“ angedeutet hat. Dichte, aber minimale,
warme, gewaltige Songs, wo jedes programmierte Ereignis einen Sinn erfüllt
und der Song, man mag fast sagen das Lied, durch eine gedrosselte Bassdrum
zusammengehalten wird. Erst das siebte Stück „Augustine“
knallt in etwa so wie man es von ihm gewohnt ist. Ansonsten beherrscht
der Soul die Platte, ein eigener Maschinen-Soul, beinahe psychedelisch,
der - wie kaum ein anderer - erst in diesem Jahr 2002 möglich zu
sein scheint. Weder Antonelli noch die Welt waren vorher bereit für
ein elektronisches Songwriter-Album dieser Art. ][ f. d`a.
Leroy Burgess Anthology Volume 2 - Soul Brother
Was in einer der vergangen „Gespaltenen Töne“ über
die erste Leroy Burgess Anthologie gesagt wurde, soll hier nur in Ansätzen
wiederholt werden. Burgess war einfach einer der größten Produzenten
der Disco- oder Boogie-Ära. Der zweite Teil seiner Werkschau konzentriert
sich auf sein Schaffen als Produzent und handelt Überhits wie Black
Ivory „Mainline“, Fonda Rae „Over Like A Fat Rat“oder
„Sweet Thing“ von Convertion ab. Leider hat man auch den ein
oder anderen überflüssigen Titel hineingepackt und dafür
die Universal Robot Band mit „Barely Breaking Even“ vergessen.
Nicht nur aufgrund der gestiegenen Preise für Disco-Maxis auf Ebay
wieder eine lohnenswerte Anschaffung. ][ janson
EPY - Ahead Of The Wav - 2.nd Rec.
Geradlinigkeit ist hier ein Fremdwort, was aber im Besonderen den Reiz
dieser Veröffentlichung ausmacht. Tief im Inneren synthetischer Klanggenerierungsgerätschaften
schrauben sich kantige Töne, deren Fragmente, Bleeps, Hi-Hats und
klare Bässe aneinander entlang. Rhythmik durch Arhythmik. Losgelöst
von vertrauten Mustern produzieren die fünf Österreicher ein
abstrakt reduziertes Patchwork aus Hip-Hop-, Jazz- und Electro-Anekdoten
fern ab der reinen retrospektiven Aufarbeitung. Auffrischung wäre
noch ein evtl. verwendbarer Begriff, würde nicht an ihm ebenfalls
zu sehr die Vorstellung eines reinen Remakes haften. 14 Stücke, von
denen sich auf dem erhältlichen Vinyl nur acht wiederfinden lassen,
reiner Progressivität. Alle Erinnerungen, die während des außerordentlichen
Hörerlebnisses einem in den Sinn kommen mögen, werden von den
zerteilten und neuarrangierten Eigenimprovisationen davon gerissen, um
neue Aufmerksamkeit für die nächste Gegenläufigkeit zu
schaffen. Was zu zerren scheint, mutiert zur Harmonie durch deren Kontinuität,
aufblitzende Töne und zuckende Beats generieren Spannung und technische
Atmosphäre. Ein steriler Raum voller menschlicher Experimentierfreude.
Vielleicht ein Sprung über alles Schubladendenken hinweg in eine
mögliche Zukunftsversion elektronischer Musikgeschichte. ][ g
The Wild Bunch - Story Of A Sound System - Strut
Massive Atttack und Nelle Hooper. Smith & Mighty. Roni Szie und Konsorten.
Dieses pittoreske Städtchen Bristol strotzt geradezu vor Musik- und
Popgeschichte. „Story Of A Sound System“ erzählt die
Geschichte der Wild Bunch nach, die den Code of Cool beherrschten wie
keine andere Crew. Das schlägt sich nicht nur im Musikgeschmack nieder,
der vor allem auch dadurch geprägt war, daß man versuchte,
die freshesten oder rarsten Cuts vor allen anderen zu haben, sondern auch
im optischen Stil, dem zuliebe auch schon mal schwarze Leder-Converse
und Schafsfellwesten zum Einsatz kamen. Die Musik reicht hier von HipHop
der ersten Stunde mit Fantasy und T la Rock bis hin zu Paradise Garage/Zanzibar
Klassikern wie der Humphries/Regisford/Jarvis Koproduktion „The
Music Got Me“ von Visual und dem fantastischen „DJ’s
Delight“ von Ingram. Oben drauf gibt es ein 16 Seiten starkes Booklet
mit allerlei Döntjes aus der guten alten Zeit. ][ janson
Robbi, Tobbi Und Das Fliewatüüt
Birds Do It - beide Diggler Records
Was für zwei Welten... Die eine erinnert so manchen an die wohl herausragendste
Marionettenserie des deutschen Fernsehens (...nicht Augsburger Puppenkiste!),
während die andere uns von den nackten Tatsachen des deutschen Aufklärungsfilms
träumen läßt. Aber wollen wir dem chronologischen Entwicklungsprozess
in unserem Leben folgen und uns so erstmal in unsere Jugend zurückfallen
lassen. Damals, als der kleine Roboter Robbi mit seinem Freund Tobbi auf
große Fahrt ging, um die Aufgaben seiner Roboterprüfung zu
lösen. Als Gefährt begleitet die beiden das Fliewatüüt,
das FLIEgen , im WAsser schwimmen und zudem wie ein Auto Hupen konnte.
Und wie macht ein Auto? “TÜÜT!” Armin Maiwald, welcher
neben dieser Sendung uns auch die “Lach- und Sachgeschichten mit
der Maus” schenkte, bediente sich zur Untermalung der einzelnen
Szenen der Musik von Ingfried Hoffmann. Ein von den zeitgenössischen
Einflüssen der 70er Jahre gezeichneter Soundtrack aus Streicher-
und Bläsersektionen bei dem zahlreiche Rhythmen von Bossa Nova, Beat
Music und Easy Listening zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen. Sicherlich
ist nicht zuletzt der ungewöhnlich frische und kultartige Soundtrack
einer der Gründe, daß bis heute die Serie sich sowohl bei Jung
und Alt einer überragenden Beliebtheit erfreut.
Daneben
sind es die Bilder von nackten Körpern, die sich aneinanderreibend
und mehr oder weniger zärtlich liebkosend in der Erinnerung festgesetzt
haben. Immer wieder zappeln und zucken sie zu den Musikstücken der
ausklingenden 60er Soundtracks in der Phantasie. Nachdem schon mit “Schulmädchenreport”
die verschollenen Klänge von Gerd Wilden und seinem Orchester in
die Wohnzimmer zurückkehrten, hauchen die Macher von Diggler Records
nun den restlichen “Liebesfilmen” (nicht selten auch als reine
Pornographie von Unwissenden verschrien) neues Leben ein. Auf “Birds
do it” versammeln sich so manche Titel aus verführerisch klingenden
Filmen wie: „Die sexuellen Wünsche der Deutschen”, „Junge
Leute wollen lieben”, „Dein Mann - das unbekannte Wesen”,
„z.B. Ehebruch”, “Hausfrauenreport”, “Sex
Pervers”, “Liebe in 3 Dimensionen” und vielen anderen.
20 Titel voller psychedelischer Rhythmen, Easy Listening, Lounge-Jazz,
Funk und Schweinerock. Alles dargeboten von den verschiedensten Big-Band-Ensemble.
Neben Heinz Kiessling, der für Oswalt Kolles Filme regelmäßig
die illustren Bilder mit Ton umschmeichelte, vereint der Sampler noch
weitere Komponisten, von denen hier nur noch Peter Thomas (“Raumpatrouille
Orion” und zahlreiche Edgar Wallace Filme) erwähnt werden soll.
Sicherlich geht es hier nicht die ganze Zeit so verschmust zu wie bei
der oben bereits erwähnten Veröffentlichung der lüsternden
Schülerinnen, doch beinhaltet das Spektrum der Filme hier natürlich
auch viele, viele andere Situationen in denen Erotik und Sex zum Tragen
kamen.
Beide Veröffentlichungen gibt es dabei auch im stilgerechten Vinyl,
das allerdings strengstens limitiert schon bald zu einem gesuchten Kleinod
nie vergehender Erinnerungen wird. Also heißt es ... Schnell sein.
][ g
VA - Flooristik 2 - Wohnton Musik
Etwas Brasil, eine Brise Dub, jazzy Vibes und schräge Elektronik,
so soll sich laut dem Mainzer Label Wohnton Musik der Herbst gleich viel
wohliger anfühlen. Wieder einmal verschreibt man sich dabei der „Förderung“
des Downbeats und präsentiert so vor allem relaxt anmutende, oftmals
sphärische Downtempo-Nummern - dreizehn Stück an der Zahl. Allzu
schräg, vor allem im Sinne von elektronisch-experimentell, erklingt
dann noch nichts, vielmehr sind die einzelnen Stücke stets um Zurückhaltung
und das Wohlbefinden des Zuhörers bemüht. Easy-Listening-Artiges
mit Engelschören und Glockenspiel trifft auf fundamental Dubbiges,
hier und da legt sich mal die Gitarre mit dem Synthesizer an ... alles
im Rahmen und sicherlich keine Grenzen sprengend. Dennoch stellt sich
nach geraumer Zeit ein angenehmes Hörgefühl ein, aus dem es
manchmal aber dann doch besser ist, schnell wieder herausgerissen zu werden.
][ mb
Rob Swift - Soundevent - Tableturns
Ohne je zu nennenswerten Battle-Ergebnissen gekommen zu sein, gehört
Rob Swift schon seit einem Jahrzehnt zur internationalen Turntablism Elite.
Seine Skills mögen inzwischen nicht mehr ganz an das aktuelle Niveau
heranreichen, aber in punkto Musikalität ist der Mann noch immer
den meisten voraus. Kaum einem gelingt die Gratwanderung zwischen respektablen
Skills und musischer Homogenität wie Rob Swift. Seine Scratches sind
gewohnt genau und perfekt gesetzt. Mit Klever, Radar, D-Styles, Melo-D
und Quest werden auf dem Album zudem einige der interessantesten DJs derzeit
gefeatured. Mittels D-Styles grandioser Virtuosität wird dann selbst
ein Salsastück zum Gewinner und Radars außergewöhnliche
Drumm-Qualitäten sind spätestens seit dem letztjährigen
Allstar Beatdown legendär. Für die Vocals sorgen Swift und Kollegen
größtenteils selbst. Zusätzlich hat sich das X-ecutioners-Mitglied
die Underground Ikonen J-Live, Large Professor und Super Natural ins Boot
geholt. Das Album ist noch besser als der Erstling The Ablist und vereint
Skills und Musikalität zu einer Platte, die keineswegs nur für
Turntablismfreunde interessant sein dürfte. Swift versucht mittels
seiner Turntables seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen, nutzt also die
Wordcuts gezielt für die sonst den MC`s überlassenen Inhalte.
Die schon jetzt gewaltige Resonanz auf dieses Album beweist, dass ihm
das gelungen ist. ][ motik
Me Rabenstein - Swimming With Friends - No.Nine
Irgendwie wird man aus der Tracklist nicht ganz schlau... handelt es sich
um ein Remixalbum, um eigene Produktionen, bei denen nur andere Personen
mitgewirkt haben oder ist es gar ein Sampler??? Aber was interessiert
das überhaupt? Hat man doch einen unglaublichen Silberling in seinem
CD-Spieler sich drehen, der unglaubliches vollbringt. Niemals dieses Teil
anhören, bevor man auf abendliche Tour gehen möchte, da sich
durch die Stilvielfalt jeder irgendwie angesprochen fühlt. Swing,
Breakbeat, Electro, Funk, TripHop und was es sonst noch alles so gibt
in dem breiten Spektrum der tanzbaren Musik. Und tanzbar wird es zuhause
dann auch noch plötzlich. Dabei spielt die hervorragende Zusammenstellung
der einzelnen Stücke eine weitere Hauptrolle. Gleicht doch das Ganze
eher einem gelungenen DJ-Set, wie es die Freunde der abwechslungsreichen
Musik lieben, als einer simplen Aneinanderreihung. Sollte sich das im
Freundeskreis rumsprechen, so kann man nur hoffen, daß auch andere
mit diesem Release zu sich nach Hause locken. Ansonsten gleicht die eigene
Wohnung bald einem gut laufendem Geheimtip. ][ g
VA - Detroit Beatdown Volume One - Third Ear
“Was ist Detroit Beatdown?”, fragen uns die Linernotes dieser
Compilation. Als Antwort gibt man uns die simple Erkenntnis, daß
dies elektronische Musik aus Detroit sei, die im mittleren Tempo laufe.
Hypeprognosen fallen hier dennoch eher negativ aus, da vor etlichen Jahren
einige Leute auf die Idee kamen, diese Musik House zu taufen.
Auf ganzen sechs Seiten erwartet den Hörer eine Bestandsaufnahme
dessen, was in Detroit so läuft. Zum Beispiel liefert Theo Parrish
ein Stück ab, das sich erst nach mehrmaligem Hören gänzlich
erschließt und einen doch wieder an den Mann glauben lassen kann.
Rick Wilhite liefert einen seiner stoischen Beats ab und auch Eddie Fowlkes
gibt sich in bester Laune. Die Überraschung kommt von Dwayne Jensen,
der sich mittels eines metallischen Pianos in unsere Herzen klimpert.
Der ganzen Sache hätte es jedoch sehr gut getan, ein wenig von dem
Füllsel wegzulassen, der sich hier angesammelt hat. Alton Miller
und Norm Talley wurden schon besser gesehen und irgendwie läßt
einen das Gefühl nicht los, daß der Hinterwäldlerruf,
der Detroit oft vorauseilt, nicht so ganz unberechtigt ist. Was die Sache
allerdings noch sympathischer macht. ][ janson
VA - Beats Beyond The Underground Vol. 1 - Beats Beyond
Eine überwiegend Downbeat-orientierte Compilation auf Doppel-CD,
die „nicht wieder eine dieser unzähligen Lounge-Electronika-Kopplungen,
die den Markt überschwemmen“ (Infotext) sein will. Ist sie
aber streng genommen doch, auch wenn darauf „ein über die Jahre
gereiftes Konzept des Eleganz-Künstlers Jean Michel“ gebrannt
wurde, ein sogenanntes Eventkonzept, das bei Abenden unter dem Beats-Beyond-Banner
auf ausgedehnten Touren durch Europa entstand. Bei der Track-Auswahl wurde
(z.T. durchaus erfreulicherweise) das gemeinhin übermächtige
Aktualitäts-Diktat zugunsten geschmacklich-stilistischer Kriterien
unterwandert, so daß sich u.a. fünf Jahre alte Drum&Bass-Club-Hits
von The Green Man oder Exocet nahtlos in die Zusammenstellung einfügen.
Deren Spektrum reicht von Break-beats über Minimal Techno bis zu
experimentellen Elektronika, wobei ein recht erfolgreicher Spagat zwischen
arrivierten und weniger bekannten Namen gelungen ist. Dabei erzeugt die
unüberhörbare Dominanz sphärischer Soundflächen vielleicht
einen Deut zuviel vorweihnachtlicher Besinnlichkeit und entbehrt manchmal
einige wünschenswerte dynamisierende Links. Positiv bleibt im Gesamteindruck
das qualitative Niveau der Einzeltracks, während ein übergreifendes,
signifikantes stilistisches Topos, allen Beteuerungen des Vertriebs-Infos
zum Trotz, (mir zumindest) kaum erkennbar wird. ][ hve
VA - Rocker’s Delight - The Rock Sound of Darkest Paris
1990-1996 - Quatermass
Paris VOR dem großen Siegeszug von Daft Punk, Motorbass und Cassius.
Die House-Szene ist übersichtlich und vernetzt, gute Clubs die Ausnahme
und von einem Phänomen wagt noch keiner zu reden. Diese Phase dokumentiert
das belgische Label Quatermass mit einer Compliation, die den Sound lokaler
Produzenten der frühen 90er aufrollt. Freilich rockten Discotique,
Patrik Vidal oder die Eurostars die selben Maschinen und Sounds wie die
Kollegen in Berlin oder Birmingham, die „eigene Note“, die
die Pariser der House-Geschichte einzuschreiben vermochten, ist hier noch
ein zartes Pflänzchen, das zwischen Bollerbeats, Steve-Reich-Samples
und überraschend harten Basslines nur langsam der Sonne entgegenwächst.
Einige der Protagonisten sind bereits verteten: Mirwais, der bereits damals
eine Schwäche für New-Wave-Sounds hatte, aber auch Daft Punk
mit einem ihrer ersten Remixe, minimal und effektiv. Sehr charmant: die
Stücke mit französischen Vocals. Unterm Strich eine amüsante
Geschichtsstunde und nicht gerade arm an Hits. ][ mandel

Shifted Phases - The Cosmic Memoirs Of The Late Great Rupert
J. Rosinthope - Tresor
Shifted Phases ist das neueste Elektronik-Projekt aus der Detroit-Küche
von Drexciyen und bewegt sich innerhalb seines Albums mit dem langen und
beziehungsreichen Titel rund um den Soundpool Cosmic Space. Dabei wird
erst in zweiter oder dritter Linie auf den Dancefloor gezielt, wenn auch
jeder Track ein klares rhythmisches Fundament besitzt, allerdings meist
im Rahmen sehr gemäßigter Tempi. In einem inspirierten Spiel
mit Sphäriken und phonetischen Assoziationsderivaten nähert
man sich mit Stilmitteln aus Detroit-Electro, Techno, Freak-Jazz und Dot-Rhythmik
der eigenen Produktionsvorgabe an: „written by aliens for aliens“.
Dabei geraten die Entwürfe zwar auch in pathetische, aber selten
romantische Gefühlslandschaften, und ihre manchmal hochsolide meditative
Transzendenz vermeidet erfolgreich den Eindruck spiritueller Klischeehaftigkeit.
Wer sich drauf einläßt, wird sich bald in der überzeugend
aufgebauten Aura funktional simplifizierter Repetetiv-Manie im faszinierenden
Spannungsfeld kosmischer Vibes wohlfühlen, ohne dabei Kuscheleffekte
zu benötigen. ][ hve
VA - Slow Mo Three - Stereo Deluxe
Drei Jahre mußte man auf den neuen Slow-Mo-Sampler, erneut zusammengestellt
vom inzwischen tödlich verunglückten Oli Roesch (aka DJ Deluca)
warten, aber es hat sich tatsächlich gelohnt – nicht unbedingt
selbstverständlich bei der Flut von Downbeat-Compilations, die spätestens
im Zuge der Space-Night-Reihe den Markt überschwemmt. Der Schlüssel
zum Erfolg liegt hier weniger in einem (kaum zu erwartenden) Quantensprung
bezüglich der Qualität von Produktionen aus dem Trip-Hop-Dub-Lounge-Bereich
(da gibt es permanent gute Releases, aber es passiert nichts wirklich
Neues mehr), sondern in der sorgfältigen Auswahl und atmosphärisch
sensiblen Zusammenstellung der Titel. Das gesamte Album muß da flutschen
und plätschern gleichermaßen und nicht nur in der Wahl des
aufreizend langsamen Tempos Gemeinsamkeiten zwischen seinen Bindegliedern
herstellen. Und diesen Anspruch erfüllt es ohne Abstriche: chillig-moodig
und doch klar konturiert. Bemerkenswert, daß dies auch ohne die
ganz großen Namen und hemmende Rücksichtnahmen auf eigentliche
Label-Zugehörigkeiten gelungen ist. Schräge Töne sucht
man freilich vergebens, aber diese würden die deepe Smoothness des
vorgegebenen eigenen Konzeptes auch nur unangemessen torpedieren. Mit
dabei: Sola Rosa, Farid, Bonobo, Earthbound, Nu Mood Orchestra, Lounge
Conjunction u.a. ][ hve
GD LUXXE - Vendetta - Suction
Etwas erschrocken blickt man auf das Veröffentlichungsdatum, hat
man doch für einen nicht ganz so kurzen Moment das Gefühl in
die 80er Jahre katapultiert worden zu sein. Doch keine Zeitmaschine hat
sich im CD-Spieler versteckt, vielmehr sind es die reanimierten Arbeiten
eben dieser Zeit, die Gerhard Potuznik wieder neu bearbeitet und mit neuen
Kompositionen im ähnlichen Stil auf dieser Fünf-Track-EP präsentiert.
Er lässt mit den Stücken eine klangliche Welt neu aufleben,
die einst von Soft Cell, Depeche Mode und New Order ins Leben gerufen
wurde. Pop an der Grenze zum New Wave. Kennt man allerdings seine verschiedenen
Werke, von denen viele sich auf disko B, Cheap, Mego oder auch Sabotage
wiederfinden lassen, wird man seinen eigenen Stil hinter den Gerüsten
der einzelnen Stücke erkennen und so ein “jetzt” hinter
dem zu Beginn stark retrospektierenden Gedanken finden. ][ g
Portable - Gridshifter EP - Süd 01
Alan Abrahams als Portable beeindruckte vor ein paar Monaten noch mit
seinem verstörenden Meilenstein-Album auf Background. Hier nun der
erste Wurf seines eigenen Labels Süd. Welch wunderschöner Labelname!
Hat auch immer etwas schmerzvolles, dieses Süd. Wahrscheinlich durch
Sehnsucht und Heimweh geprägt, oder einfach nur durch fernen Patriotismus
und zur Überbrückung der Entfernung. Seine Heimat ist Südafrika,
London seit ein paar Jahren sein Wohnort. Das Cover der Gridshifter EP
verspricht Haltung, mit seinem Punkrock-Copy-Art-Poster als Sleeve eingefaltet,
wahrscheinlich von Hand. Das paßt zur Musik. Sein Album war in seiner
spröden Unnahbarkeit als Konzept schon unglaublich, aber kaum auszuhalten.
Wie wenn man jemanden liebt, aber immer auf Distanz gehalten wird. Portable
läßt mit Gridshifter ein Nähern zu. Seine minimalen, von
afrikanischer Sonic Fiction getränkten Tracks nehmen den guten Song
als fernes Ziel, wohlwissend aber, dort nie ankommen zu wollen. Wenn man
afrikanische Grooves in seiner Laptop-Kunst beschreiben will, ist die
Gefahr groß, mißverstanden zu werden. Portable spricht weder
den World-Music-Esoteriker noch den groovy Lifestyle-Affen an. Das ist
hochmoderne beseelte Musik, Freunde! Wir nennen es weiterhin Techno. Das
elegischfreundliche „Don`t give up“ flufft sich mit einer
Art Leierkastenmelodie und wirklich guten, fernen Gesangsfusseln auf die
advancte Tanzfläche. Ich wünsche mir, daß das jeder spielt!
„Cassette“ und „Thought“ sind dann die angesprochenen
Derivate der amerikanischen Rhythmen, holzig, federnd leicht und immer
distorted von Synthiefetzen, die auf „Kelp“ sogar wie Gitarren-Feed-back
klingen können. Organischer Klang - Laptop-Musik nie. Mindestens
eine der spannendsten Platten des Jahres. ][ f. d`a.
Strand - Message III - Delsin 36
Strand ist zurück mit der dritten Botschaft. Wo wollen die hin mit
dieser extrem romantischen Sichtweise von Drum-Maschinen-Musik? Jedenfalls
entwickeln sich jenseits der Trampelpfade in Detroit und abseits der Pauken
auf der einen und Laptops auf der anderen Seite, eine vielfältige
Wiese mit analog-elektronischer konsensfreier Popmusik. Starbaby und Delsin
sind dabei mal wieder ganz weit vorne. Zwischen Electro und verspieltem
Techno frickeln die vier neuen Stücke mit ca. 303 Melodien pro Track
bis das Herz hüpft, um dann immer ziemlich abrupt dem Fade-Out zum
Opfer zu fallen. Extrem smart, denn wenn genug gesagt ist, kann auch mal
Schluß sein. Musik für immer. Album bitte! ][ f. d`a.
Dublex Inc. - Tócame - Pulver
Man plant ein Album im Hause Dublex Inc. Und dies ist die erste Singleauskopplung.
Einfach gestrickt, mit leicht ravigem Flamenco-Gitarren-Riff und eine
an ihren ersten Hit „Tango Forte“ angelehnte Rhythmik –
ein einfacher Off-Beat mit wirbelnden Percussionen unterlegt, drängt
das Original druckvoll aus den Lautsprechern. Die 21-jährige Kubanerin
Barbara Padron Hernandez jauchzt lasziv ihren Text ins Mikrofon, frei
schwebend über dem restlichen Soundgerüst. Geradlinig, zielstrebig,
wie fürs Radio gemacht (und der ouk-Leser weiß, was wir vom
Radio halten). Nickodemus & Osiris gehen das ganze dann schon etwas
filigraner an, bringen deutlich mehr Groove in den Baßlauf und deepe,
sinnliche Harmoniestrukturen ins Spiel. Der Gitarrenriff wirkt dezenter
und das Stück insgesamt ausgereifter. ][ mb
Terra - Hinterwaeldler - Defrag Sound Processing 01
Extreme Methodiker, diese Italiener! Alle Sounds dieser Platte sind aus
konzeptionellen Gründen ausschließlich aus TV/Radio-Quellen
oder aus Störgeräuschen von RCA-Kabeln generiert worden, ohne
Synthesizer, Drum-computer oder andere klassische Sound-Quellen zu nutzen.
Durch Audio-Karten in das Computersystem geschleust und dort mit Effekten
bearbeitet, hat man sozusagen nahezu alle Klänge vorgefunden, die
das menschliche Ohr als Bässe, Drums etc. identifizieren würde.
Wer hier jetzt an Akufen denkt, liegt falsch, da die Sounds noch kleiner
gehaxelt wurden, als es das Micro-Sampling von Akufen mit seinen Verlinkungen
in die Pop-Welt getan hat. Die Arbeitsweise von David Rovito (Random/
Noize) und Mario Masullo ist streng wissenschaftlich, das Ergebnis rockt
wie eine kalte Dusche, überraschend frisch und straight. Nerds, die
es ernst meinen, wie Sähkö dereinst, mit direktem Weg zu den
Tunnel-Parties, wo alle Cocktails die gleiche Farbe haben und nicht getrunken
werden können, weil flüssiger Stickstoff schnell verdampft.
Die B-Seite von Jonas Bering erscheint fast weltlich gegen die festen
kalten Würgegriffe der beiden Soundforscher, schraubt aber gehörig
an der Winter-Hymne des gleichen Tunnel-Clubs. Der Anfang einer Serie.
][ f. d`a.
Dead Metropolis 003
Hinter Creative Urge verbergen sich Sandroid und Sure aus Chemnitz. Die
beiden überzeugen mit zwei straighten, aber durchaus groovenden Dancefloortracks,
die sich irgendwo zwischen Peshay, Intercom und High Contrast ihren Weg
bahnen. "Concrete Direction" kommt knackig und auch locker daher,
im Schlepptau eine ganze BigBand, dessen Trompeter nicht mehr zu bremsen
ist. "Mondayz" spielt dezent mit housig-deepen Klängen
und soulful Vocalschnipseln, zieht dann aber gekonnt an. Sehr tight produziert
das Ganze und macht Appetit auf mehr. ][ lightwood
Precision 23
Das japanische Duo Pentagon bietet uns zwei geschmeidig groovende Tracks,
die etwas funkiger als ihre bisherigen Releases wirken. "Lady Bird"
schraubt sich mit Shuffle-Breaks und Rhodes vorsichtig nach oben, bleibt
dann aber auf einem gewissen Level stehen. Schmoovig, aber nicht herausragend.
"Fever" spielt auf eine interessante Art und Weise mit einem
Vocalfetzen und packt nach dem ersten kurzen Breakdown einen genialen
Basslauf aus dem Ärmel. Leider sind die Beats hier etwas zu platt
und auch etwas schwach auf der Brust. ][ lightwood
VA - All Hands On Decks - Neurhythmics
Wahl-Londoner Jürgen Junker ist mit seinem Label Neurhythmics mittlerweile
bei Katalognummer fünf angelangt. Charakteristisch für den Output
des Heidelberger Exilanten ist die deutliche Nähe zu den trackigen
Houseskizzen aus Motown oder der windigen Stadt. So auch in diesem Fall.
Junker marschiert mit „Common Sense“ zügig voran und
gibt den Ball auf der B-Seite an Mike Binary und das Dirty Soul Project
ab. Ersterer scheint schon das ein oder andere Mal durch Rick Wades Harmonie
Park spaziert zu sein, entwickelt aber durchaus einen eigenständigen
Blick auf die Dinge. „No Other“ schließlich stellt mit
seiner etwas komplexeren Struktur einen schönen Ausklang dar. Funky
Platte. ][ janson
Jan Driver - Set the Engine on Fire - Urban/Def Jam
Ein pulsierender Floor-Reißer im 12“-Format, der in Sachen
pumping energy (fast) alles gibt und resolut vorwärtsstrebt, ohne
der Kategorie „Brettern“ anheimzufallen. Freilich, wie das
bei konzentriertem Output auf diesem dynamischen Level häufig unausweichlich
ist, wirkt der Track schließlich irgendwann mal ausgepumpt, da ruft
die Crowd dann nach dem nächsten Tool, weil schmückendes Beiwerk
ausgespart wurde. Die beiden Remixe springen diesbezüglich ein bißchen
in die Bresche, addieren das eine oder andere Gestaltungselement hinzu
und forcieren das Ganze zu technoid noch treibenderen Varianten mit den
üblichen dramaturgischen Skills. Insgesamt ein vorübergehend
gut brauchbares DJ-Werkzeug, mehr aber auch nicht. ][ hve
Needs pres. Laurentius - Reminiscence - Clairaudience
Laurentius - Over The Sea - Needs
François K - Awakening (The Needs Remixes) - Wave
Needs auf allen Kanälen. Wo fängt man da nur an? Am besten mit
Lars Bartkuhn, der wandelt jetzt nicht nur als Passion Dance Orchestra
auf Freiersfüßen, sondern hat sich mit Laurentius ein neues
Alias zugelegt. Auf der aktuellen Needs kommt er damit und mit einem wirklich
massiven Soundwall daher, mit dem andere Leute ganze Alben füllen
würden, wie man so schön sagt. Mit stumpfsinnigem Bumm-Bumm-Bumm
hat das hier nicht mal mehr im entferntesten etwas zu tun. Der Beipackzettel
trifft es mit seinem kosmischen Jazzfunk schon ganz gut. Laurentius 12inch
für Clairaudience haut da wieder in eine ganz andere Kerbe. „Reminiscence“
ist ein waschechter Club-Hit, der für Needs-Verhältnisse fast
schon minimal ist und vor allem als „Drum Section“ mächtig
Hinterteile tritt. Wer die Platte schon einmal im Club hat arbeiten hören,
weiß, was hier gemeint ist. Die Mixe für Francois Kevorkians
„Awakening“ kommen dann wieder von Bartkuhn plus Yannick in
gewohnter Manier und dürften ihren Freundeskreis in New York weiter
ausbauen. Als Favorit verbreitet der „Needs Bodycheck“ pure
niceness. Needs unstoppable. ][ janson
Amp Dog Knight’s - I’m Doing Fine - Mahogani Music
Der Moodymann hat ein neues Label. Mahogani Music heißt das und
fängt irgendwie da an, wo Amp Fiddlers „Basementality“
aufhörte. Letzterer hat auch hier wieder seine Finger mit im Spiel
und schwingt mit Kenny Dixon Jr. kräftig die Nu-Soul-Keule. „I’m
Doing Fine“ ist so ziemlich als roher, ungeschönter und für
das ein oder andere Ohr vielleicht auch unzulänglicher Gegenentwurf
zu Musiq, D’Angelo oder auch dem absurden Barden Vikter Duplaix
zu verstehen. Am tollsten ist dieser, wenn er wie im dritten Mix von einem
dieser subtil knallenden Beats getragen wird, wie sie nur der Moodymann
bastelt. ][ janson
The Beat Addicts - Stand Up/Imagination - Sweat
Noch ein neues Label aus Detroit. Chef ist hier angeblich D-Ha, der schon
auf Mad Mikes verblichenem House-Outlet namens Happy Records für
Furore sorgte. „Stand Up“ ist Hardcore-Gospel-Sound, wie er
nur aus New Jersey oder small black churches kommen kann. “Imagination”
dürfte dann hiesige Ohren etwas freundlciher stimmen. Erinnert es
doch in seiner Art sehr an Underground Resistance Platten wie „Timeline“und
gesungen wird da ja bekanntlich nicht. Auf jeden Fall ein vielversprechendes
Erstlingswerk. ][ janson
No Milk - Same - Rhapsody
Daß Japaner wie wir begeisterte Kulturvampire sind, ist hinlänglich
bekannt. Auch hat man schon gehört, daß der Genuß von
Milch im Land der aufgehenden Sonne eher unpopulär, wenn nicht gar
verpöhnt ist. Dieser Japaner hier scheint keine zu trinken oder jedenfalls
keine zu haben. Biten steht bei ihm dennoch ganz oben auf der Tagesordnung.
Einmal Theo Parrish, Moodymann, Detroit und zurück, bitte. Wenn er
das jedoch so gut macht, sei es ihm verziehen. „Nobody knows it
but you“ läßt sogar etwas Eigenständigkeit durchblicken.
Lediglich „Colors“ ist mit seinem Gil Scott-Heron-Sample etwas
übers Ziel hinausgeschossen und dennoch irgendwie gut. Muß
wohl an der allseits beliebten Soundästhetik liegen. ][ janson
Nick Holder - Back In The Day - DNH
Nick Holder ist ein echter Phlegmatiker. Fast unbeeindruckt von den Zeichen
der Zeit, haut der Kerl fast stündlich neue Platten raus, die eineiige
Geschwister sein könnten. Wie kommt der Mann nur damit durch? Oder
besser: Wer kauft die eigentlich alle? Ab und zu schafft Holder es dennoch
einen zu überzeugen. Ist ja auch nicht gerade so, als hätte
er noch nie ´ne gute Platte gemacht. Der Remix von „Freedom
in 63“ ist so ein Stück. Schon wieder Malcom X, schon wieder
ein bouncy Beat und auch schon wieder dieses Keyboard, aber man redet
sich einfach ein, das noch nie besser gehört zu haben. „Feelin
Sad“ auf der B-Seite ist eine seiner vergangenen Großtaten,
die es quasi als Bonus wiederveröffentlicht dazu gibt. ][ janson
Up, Bustle & Out - Wild Majesty - 500cc Revolutionary)
Eine der dienstältesten Ninja-Tune-Combos hat sich selbständig
gemacht und veröffentlicht von nun an auf dem eigenen Label limitierte
Tonkunst, nach der man dem ersten Eindruck nach dringendst Ausschau halten
sollte: Wild Majesty kommt als jamaikanische 7-inch-Pressung, ist ein
sehr lässiges Stück Dub Poetry, oder Poetry Dub, je nachdem,
samt Melodica und Version auf der B-Seite. Freuen wir uns auf weitere
Exemplare, gerne auch weiterhin jamaikanisch, durchaus aber auch mal,
wie auf dem letzten Album, kubanisch. ][ mandel
Kelley Polar Quartet - Audition EP - Environ
Kelley Polar ist in Metro Area kein Unbekannter. So trug er doch zum Gelingen
und vor allem zum Erfolg des Konsenshits „Caught Up“ maßgeblich
bei. Seine erste Soloveröffentlichung hält, wen wundert’s,
kaum Überraschungen parat. Wüßte man es nicht besser,
könnte man meinen, man habe es mit einer waschechten Metro Area zu
tun (siehe auch deren Splitmaxi auf Tigersushi). Alle Ingredienzien, die
man landläufig von diesem Sound erwartet, sind vorhanden und lassen
dich auch im Club nicht im Stich. Ein Schuft wer da behauptet, daß
man diesen Kaffee schnell in eine Thermoskanne schaffen soll. ][ janson
Âme - Life Changes/ Sarari - Sonar Kollektiv
Wo wir doch gerade dabei sind. Der Geheimtip des Sonar Kollektiv, Âme,
hat sich mittlerweile zum respektierten Verkaufsschlager entwickelt. Jetzt
gibt es ´ne neue Maxi, deren Sound noch vollkommener zu sein scheint.
Leider auch etwas eindeutiger. „Life Changes“ verweist ziemlich
unverhohlen in die Metro Area und auch wenn er hier sein Handwerk versteht,
ist das doch einen Tick zu dolle. Dafür entschädigt „Sarari“
mit einer fiesen Bassline, netten Funk-Synthies und einem kurzen Besuch
bei Anita Ward. Auch ohne Iro ziemlich modern, det janze. Mit einem lachenden
und einem weinenden Auge warten wir also gespannt darauf, ob es auch mal
jemand schafft, die Basement Boys zu covern. ][ janson
DJ Spinna - Drive/Rock (Unplugged) - Rapster/BBE
DJ Spinna, einst Rawkus’ liebster Beatbastler und mit unzähligen
Remix-Aufträgen (Nightmares On Wax) in praktisch jedermanns Kiste
irgendwie vertreten, hat seinen einstigen Partyhit „Rock“
noch ein mal mit voller Backingband eingespielt. Im Vergleich zum knusprig-trockenen
Original eine eher retro klingende groovy schmatzende Livejam mit Flötensolo
und wildem Drumbreak, praktisch das imaginäre Stück, von dem
er die Zutaten für „Rock“ einst absampelte. Vom Instrumental
noch ein Instrumental auf die Platte zu tun, bei dem nur die Vocalsamples
fehlen, ist allerdings der Vollständigkeit etwas zu viel des guten.
Spinna hat sich allerdings nicht - wie zu befürchten war - vollständig
dem Daddelfunk verschrieben, das belegt die düster aber dennoch rockende
B-Seite, ein Feature für Shadowman von der OldWorldDisorder. ][ mandel
Masters at Work - Tranz/Body - MAW Electronic
Louie Vega und Kenny Dope sind sicherlich nicht die ersten, die auf die
Idee kommen, mit Kraftwerk ihren Sampler zu speisen. Wenn das aber so
verdammt tight daher kommt, wie in diesem Falle, kann man nur ja dazu
sagen. Nicht minder attraktiv ist „Body“. Ebenfalls von der
Ästhetik eines DJ-Tools profitierend, haben der kleine und der dicke
Mann Alexander Robotniks „Problemes d’Amour“ aus dem
Eisschrank geholt. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber immerhin.
Die erste MAW nach der fabelhaften „Life Goes On“ von vor
zwei Jahren, die Ignoranten wie mich so richtig zu begeistern weiß.
Kein Wunder, daß die hierfür eigens ein Sublabel gegründet
haben. ][ janson
Moabit - Bär auf Speed - New Noise/Labels
Die Crew hat sich nach einem Berliner Stadtteil benannt, den die meisten
von außerhalb nie kennenlernen müssen. Wir Berliner wissen
jedoch, was wir an ihm haben: billige Mieten, komische Musikcafés
mit Weedverkauf im Hinterstübchen, praktische Citynähe (Ost
wie West), überdurchschnittlich viele Bullen, und, ach ja: Die Strafvollzugsanstalt.
Hier braucht man offenbar eine harte Attititude, und im Falle dieser Moabiter
gesellt sich noch ordentlich Druck in der Hose. Inhaltlich kommen mir
Zweifel, ob ich das alles hören muß - Hirnamputierte dissen,
Mädels angraben, sich selbst anpreisen, so weit so bekannt, und übrigens
auch nicht ohne Selbstironie. Die Tracks sind, mit dicken Synthiebässen
unterfüttert, allesamt bouncend und variationsreich (nahezu über-)
produziert, das Instrumental des Titelstücks kann man leicht gepitcht
auch als kleine Abwechslung in ein House-Set einbauen. Das Doppelvinyl
geizt dazu nicht mit A capella und Snippet-Schnickschnak. Mein Lieblings-Hip-Hop
klingt anders, aber das meiste aus Berlin doch noch weit dämlicher.
][ mandel
Trüby Trio - High Jazz Rmxs by Freeform Five - Compost
Nachdem die erste Remix-Auskopplung uns nicht gerade vom Hocker riß,
wirkt der Freeform-Five-Remix wie Balsam auf der Wunde. Just verpaßte
er dem eher abstrakten und zurückhaltenden Original ein glamouröses
Funky-Disco-Soul-Outfit – jaulende Pianos, druckvollschwüle
Bässe, Strophe, Bridge und Refrain inklusive. Betörend wie immer
die diversen Effektspielereien und Geräuscheinsträuungen (besonders
gut in der Instrumentalversion hörbar), durch die Freeform Five erst
bekannt geworden ist. Zackige Gitarren-Licks sorgen für die Verbindung
der einzelnen Parts, bevor das Ende langsam in den Sonnenuntergang entschwindet.
][ mb
Kyoto Jazz Massive - Mind Expansions - Compost
Eines der Highlights des bereits veröffentlichten Albums der Okino-Brüder
ist nun auch auf Maxi erhältlich und eine Hand voll Remixe dürfen
natürlich auch nicht fehlen. Butti 49, Blaze und Waiwan haben sich
ans Werk gemacht, die soulige Perle mit dem zarten Gesang der Maiya James
umzuformen, neuzugestalten und den eigenen Vorstellungen entsprechend
erklingen zu lassen. Während Blaze den Track ein wenig reduziert
haben, die für sie so typischen Piano-Riffs und eine gerade, tief
unten liegende Bassdrum hinzuaddiert haben – somit also eher weggenommen
als hinzugefügt haben – hat sich Butti 49 wahrlich ins Zeug
gelegt und einen richtigen kleinen Opus gebastelt. Latinesk, luftig und
gleichzeitig majestätisch reiht er Strophe an Strophe, durchbricht
das gesamte Gebilde mit einem fulminanten Break, um spannungssteigernd
das Rhodes wieder einsetzen zu lassen. Gut. ][ mb

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