| das vierzigste ± durchblickend & wild ± Dez 02/Jan 03 | Turner |
Der Song-Akrobat als Schwimmer zwischen zwei Sprachen
Techno hier, Techno da, Techno ist Musik ohne Sprache. Techno hier, Techno da, Techno ist Bumbumbum ohne Aussage. Techno ist tanzbare Ekstase in alten Gemäuern und runtergekommenen Industrie-Hallen. Mit Gefühl hat Techno nichts zu tun, und doch, Techno kann so romantisch und sensibel sein. Wenn man Techno Seele einhaucht und plötzlich anfängt über die Schleifen zu singen, dann kann man das vielleicht als Renaissance des Songwritertums beschreiben. Wenn man Techno dann runterpitcht, ist man bei House. Nur die Sinnverarbeitungsregeln sind durchaus andere. Das Bild von Industrie-Hallen und alten Gemäuern im Techno-Kontext ist genauso stereotyp wie die Afterwork-Party im dekadenten Ambiente, wo dann lauter Agentur-Zombies zu Ibiza-House tanzen. Es müssen Leute her, die alles auf den Kopf stellen. Es müssen Leute her, die im postmodernen Gerätepark als Schwimmer zwischen zwei Sprachen herumturnen. Sicherlich ist das hier ein Bild-Bruch; wie kann man ein Song-Akrobat sein, der als Schwimmer zwischen zwei Sprachen herumturnt? Können Akrobaten schwimmen, und was haben eigentlich Akrobaten mit Schwimmern gemeinsam? In einem Gespräch mit Claude Bonnfoy behauptet Michel Foucault, daß wir heute in einer Zeit leben, „wo die Erfahrung - und das Denken, das eins mit ihr ist - sich mit einem unerhörten Reichtum zugleich in einer Einheit und einer Verstreuung entwickeln, die die ehedem etablierten Provinzgrenzen verwischen.“ (Foucault, ausgewählt und vorgestellt von Pravu Mazumdar, Diederichs 1998, S.180) Die Provinzgrenzen verwischen, wenn wir das Denken und die Erfahrung nicht als Einheit betrachten. Der Schwimmer, der sich nicht mehr im Gewässer bewegt, hat wie ein archetypisches Fossil sein Terrain verlassen, um in einer veränderten Umwelt sein Denken - und seine Erfahrungen anders zu verarbeiten. Die Veränderung der Verarbeitung läßt sich damit erklären, daß der postmoderne Mensch sowohl homogen als auch differential denkt, und diese Einheit und Verstreuung sich in einem Zeitalter entwickelt, in dem sich die Sprache durch unser Zeitalter der Kommentare künstlich verdoppelt, zugleich Sprache der Abwesenheit und Anwesenheit, zugleich Existenz der Identität und Differentialität. Kehren wir noch einmal zurück zu Techno-Musik: Elektronische Musik, vor allem Techno, ist Musik ohne Sprache, Musik ohne Bedeutung. Daß elektronische Musik, vor allem Techno, ohne Sprache auskommt, ist schlichtweg nicht korrekt. Zumindest existieren Kommentare, Querverweise oder Sprach-Samples. Wenn also die Behauptung „Techno ist Musik ohne Sprache“ nicht haltbar ist, bleibt die Frage offen, wie die Sprache innerhalb elektronischer Musik funktioniert und welche Möglichkeiten des Denkens und der Erfahrung Musik offen legt, die Sprache anders verarbeitet als z. B. klassische Rock-Musik. Fassen wir die bisherigen Thesen noch einmal zusammen: Elektronische Musik ist zumeist Musik ohne Sprache. House-Musik funktioniert nach anderen Sinn-Verarbeitungsregeln als Techno, dennoch sind beide Segment-Bereiche Bestandteil elektronischer Musik. Der postmoderne Mensch, der ein Zwischenbewohner ist, bewegt sich in einem Zeitalter, in dem sich die Sprache durch unser Zeitalter der Kommentare künstlich verdoppelt, der postmoderne Mensch bewegt sich als Schwellenbewohner zwischen Sprache der Abwesenheit und Anwesenheit, zugleich zwischen Identität und Differentialität. Paul Kominek aka Turner ist ein Song-Akrobat als Schwimmer zwischen zwei Sprachen. Sein neues Album „A Pack of Lies” versteht sich als kommentierende Turn-Übung im Zwischen-Stadium. Elektronische Musik ist bei Turner Musik mit Bedeutung. Auf seinen früheren Alben funktioniert diese Musik noch mit minimalen Kommentaren, zumeist ohne Sprache, aber in der Abwesenheit nicht sprachlos, es ist die Sprache des Rauschens, die Sprache elektronischer Unkonventionalität, die das Medium karikiert, in dem sie es auf angenehm unprätentiöse Weise verdreht, auf den Kopf stellt. Erst im Laufe der Zeit, von „Lukin Orgel“ (1999) bis hin zum neuen Album „A Pack of Lies“ (2002) wird die nicht sprachlose Sprache nach außen gestülpt, um in dieser Entfaltung eine Turn-Übung als Schwimmer zu zelebrieren, die ihresgleichen sucht. Die Zentralfrage muß dabei lauten: was fasziniert die Leute so an Turner, wieso schafft Turner auf „Pack of lies“ etwas Neues, etwas Bezeichnendes, und was hat das mit der Veränderung unserer Gesellschaft zu tun? „A Pack of Lies” ist als Werk angelegt, das sich bewußt zwischen der Sprache der Abwesenheit und Anwesenheit und der Existenz zwischen Identität und Differentialität bewegt. Das Opulente daran ist die Verwirklichung der Sprache der Abwesenheit in der Sprache der Anwesenheit, der postmoderne Schwellenbewohner als Akrobat zwischen den Gezeiten. Turners Album bewegt sich zwischen Persönlichkeit, Introvertiertheit und Konkretisierung - es ist so, als ob ein Faden direkt vom Subjekt zum Objekt führt, bei „After Work“ beispielsweise dieser Kommentar über eine Spezies von Menschen, die eingeschlossen sind in einer Welt, in der das Geld regiert, in der Gefühle und Sensibilität keine bedeutende Rolle spielen, eingeschlossen ausgeschlossen, ganz entgegen gesetzt zum Subjekt-Entwurf bei Turner. Auch wenn elektronische Musik nicht mit Punkmusik zu vergleichen ist, besteht dennoch eine Möglichkeit, politische Botschaften zu transportieren, indem man elektronische Musik nicht als Musik ohne Bedeutung begreift, sondern als Möglichkeit, die sprachlose Sprache nach außen zu entfalten und somit einen intelligenten Raum zu kreieren, vielleicht sogar einen politischen. Wenn Turner Liebeslieder vor einem größeren Publikum vorstellt, und zwar Liebeslieder in elektronischer Kostümierung, dann begibt er sich in die Gefahr, verlogen zu wirken, „weil es heutzutage fast nicht möglich ist über Liebe zu sprechen, ohne verlogen zu wirken.“(Alec Empire) Hier tritt Turner aus seiner introvertierten Welt heraus und versucht
den Faden zu spinnen zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem Künstler
und dem Publikum. Besonders beeindruckend ist das dann im Vorprogramm
der Tocotronic-Tour, weil sich hier die Musik ohne Sprache oder die Musik,
die sprachlose Sprache möglicherweise nach außen entfaltet,
mit der Musik vermählt, für die Text und Akustik nicht trennbar
ist, für die dieser geheimnisvolle Weg von der Sprachlosigkeit zur
Sprache nicht in diesem doppelsinnigen Verhältnis existiert. Vielleicht
ist das keine Vermählung, aber eine Verlobung ist das allemal. Turner
über seine Liebeslieder:
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