| Alternative
Medienkultur, musikalische Aufgeschlossenheit, Kriegsstrategie und radikaler
politischer Aktionismus. Ein Gespräch zwischen Panthern im Rhizom.
Wie kann man derartige Themenschwerpunkte miteinander verknüpfen?
Über Netzstrukturen, sagen Sie - die alles bezeichnende Netzmetapher
ist mal wieder im Dauereinsatz, höchste Zeit, ihr auf die Spur zu
kommen. Politik ist subversive Aufladung von Themen-Mixen. Ich traf den
Zen-Meister des Mixes im schönen Kölle...
ouk: Was verbirgt sich hinter dem Projekt auf bbe?
dj s: Ich habe ein paar Sachen mit Vinia Mojica gemacht, die mit solchen
Leuten wie Common Sense, A Tribe Called Quest, De La Soul ... zusammengearbeitet
hat. Sie ist eine talentierte Vocal-Künstlerin aus New York, ich
traf sie während eines Mos-Def-Konzertes und fragte sie, ob sie nicht
Lust hätte den Gesangs-Part für einen Song zu übernehmen.
Soulive ist eine andere Combo, ein Jazz-Trio, das auch aus New York kommt.
Sie haben einen Vertrag mit Blue Note.
ouk: Sie spielten im Vorprogramm von den Rolling Stones.
dj s: Ja, ich glaube schon.
ouk: Was für eine Art von Musik spielen sie?
dj s: Die Musik ist ziemlich funky, das ganze hat einen Jam-Charakter:
70ties-Hammond-Orgel-Sound mit Jazz- und Funk-Elementen. Shaun Escoffery
ist ebenfalls ein Künstler, der auf meinem Album gefeatured wird,
der das großartige Stück remixte "Days like this",
das zu einer Dance-Hymne avancierte, ich brauchte ihn für einen Gesangs-Part,
da er eine sehr kräftige Stimme hat.
ouk: Das Ganze könnte man also als soziales Netzwerk betrachten.
dj s: Ja, genau. Es existiert eine musikalische Verbindung zwischen diesen
Leuten und mir und ich kann gut mit ihnen kollaborieren, wie auch mit
Mark de Clive Lowe, für den ich einen Remix produzierte. Mark kommt
aus London und hat viele gebrochene Sachen gemacht, wir respektieren uns
gegenseitig sehr, Mark schätzt meine Musik, genauso wie ich seine
schätze.
ouk: Das bedeutet für das Projekt, das du die ganze Zeit musikalisch
sehr offen sein mußt.
dj s: Absolut, vor allem für dieses Projekt; viele kennen meine HipHop-Projekte,
aber ich habe genauso viel elektronische Musik produziert, u.a. House.
ouk: Du hast eine Mix-CD für Guidance gemacht?
dj s: Als DJ kann ich letztendlich alles miteinander verbinden, die meisten
Stücke auf der Guidance-Mix-CD sind soulfule House-Tracks, aber genauso
auch leicht technoide Tracks, frühe Chicago-Geschichten und brasilianisch
beeinflußte Musik.
ouk: Auf der CD ist auch ein King Britt Remix von Ursula Rucker. Kennst
du King Britt persönlich?
dj s: Ja.
ouk: Er wird auch ein Album für bbe produzieren. Verfolgt die bbe
Beat Generation eine bestimmte Linie?
dj s: Die Idee ist, Künstlern absolute Freiheit bei ihrer Produktion
zu gewährleisten. Sie geben dir die Möglichkeit, dich kreativ
zu entfalten.
ouk: Keine Restriktionen?
dj s: Sie bestimmen nicht, wie du vorzugehen hast.
ouk: Betrachtet man deine Produktionen, die du unter dem Projekt-Namen
Jigmasters für das New Yorker HipHop-Label Rawkus gemacht hast, so
war dort doch die Entwicklung zu beobachten, vom Indie-Label zur Mainstream-HipHop-Plattform,
wie z.B. das Name-Dropping auf der Lyricist Lounge 2 Compilation. Wie
betrachtest du den Werdegang von Rawkus?
dj s: Sie hatten immer das Geld, Independent-HipHop zu promoten, zu vermarkten,
aber sie wollten einfach mehr Geld machen, nun gehören sie zu einem
Major-Label. Sie wollen mit den Majors wetteifern.
ouk: Wie kann man den HipHop-Markt in den USA beschreiben? Ist es nicht
so, daß ein paar wenige Majors den Markt kontrollieren und beherrschen?
dj s: Ich denke die ganze Musik-Industrie hat derzeitig ein großes
Problem.
ouk: Inwiefern?
dj s: Auf die Situation des 11. Septembers angespielt, gibt es derzeitig
eine Art von Börsen-Crash, der sich wiederum auch im Markt-Sektor
der Musik-Industrie bemerkbar macht. Die Leute verlieren ihre Jobs, sie
haben nicht genug Geld dafür, Musik-Produkte zu kaufen.Das bedeutet,
daß die Industrie nicht mehr so viel Geld für ihre Künstler
und deren Musik ausgeben kann. Ich merke es selbst. Sie überlegen
sich wesentlich genauer, wie viel sie für bestimmte Projekte ausgeben.
Und das gilt für die ganze Industrie.
ouk:
Ist die wirtschaftliche Misere und der weltweite wirtschaftliche Abschwung
nicht auch eine Chance für Independent-Künstler und -Labels,
die dann bestimmte Nischen ausfüllen können?
dj s: In einer Zeit, wo man nicht sicher sein kann, ob
uns möglicherweise der dritte Weltkrieg bevorsteht, wird die Musik
qualitativ besser, weil die Leute vermehrt Möglichkeiten nutzen,
Gefühle auszudrücken. Die Musik reflektiert dann die psychische
Situation bewußter. Ein gutes Beispiel dafür sind die 70er
Jahre, die Zeit des Vietnam-Krieges. Diese Zeit war bestimmt durch unglaubliche
Musik mancher Soul-Künstler, z.B. in Philadelphia, old Motown, the
higher times; Marvin Gaye machte einen Song mit dem Titel "Whats going
on?", Curtis Mayfield, die ganze Soul-Bewegung in dieser Zeit.
ouk: Siehst du da eine Verbindung zu der derzeitigen Situation?
dj s:Im HipHop-Bereich wird derzeit zum Teil bewußter produziert.
Eine lange Zeit schien der Markt von schlechten Produktionen überschwemmt
worden zu sein.Viele Leute wollen nicht darüber reflektieren, daß
sie aus armen Verhältnissen kommen. Der soziale Aspekt wird dann
völlig ausgeklammert. Nur die, die ein bestimmtes soziales Bewußtsein
reflektieren wollen oder die, die schlechte Erfahrungen zum Anlaß
machen, über diese zu sprechen, fassen den Mut, diese Probleme in
ihren Lyrics zu verarbeiten.
ouk: Wenn man sich HipHop-Videoclips auf MTV anschaut, wird man den
Eindruck nicht los, daß sich alles nur um Sex, Geld, Macht und Gewalt
dreht. Wie kommt man aus dieser Schleife wieder raus?
dj s:Diese Strukturen ermöglichen es nicht, daß HipHop wirklich
wachsen kann. Viele Leute in den USA, die keine anderen Aspekte von dieser
Musik kennen, glauben dann, daß die dargestellte Welt der Realität
entspricht. Und dann hast du plötzlich Leute in Japan, Deutschland
oder in Europa, die diese Vorstellung einer Lebensweise imitieren. Und
die Medien unterstützen das konstant.
ouk: Ist das eine Strategie der Industrie, musikalisches Bewußtsein
stetig zu reduzieren?
dj s:Sie reduzieren nicht, sie verkaufen nur und die Leute kaufen. Es
ist keine ökonomische Reduktion, sondern eine kreative. Es ist Zeit
für eine Veränderung, viele Leute sind müde geworden.
ouk: Siehst du eine Veränderung?
dj s:Nicht wirklich, nicht genug. Du mußt die Gesellschaft verändern.
Wenn die Leute mit den derzeitigen Zuständen zufrieden sind, wenn
sie so träge sind und nichts dagegen tun, dann gibt es auch keine
Veränderung.
ouk: Das Problem ist also der Konsum an sich. Die Leute konsumieren,
ohne zu reflektieren, ohne der Musik Bedeutung beizumessen.
dj s:Genau, sie sehen und hören in den Medien eine bestimmte Musik
und kaufen diese dann. Wenn MTV damit anfangen würde, Underground-Musik
zu spielen oder alternative Musik ständig im Radio präsent wäre,
dann würden sich diese Strukturen vielleicht auch ändern. Im
Moment hört und sieht man immer das gleiche. Es gibt nicht genug
Wahl-Möglichkeiten.
ouk: Wie beurteilst du in diesem Zusammenhang College Radio - ist das
keine Alternativ-Kultur?
dj s:Es ist vielleicht eine Alternative. Ich habe in einer College-Radio-Show
jahrelang aufgelegt. Wenn die Leute zum College gehen, lernen sie, studieren
sie. Sie können ihre Intelligenz ausbilden, indem sie lernen. Musik
reflektiert diesen Umstand nicht, es ist irgendwo widersprüchlich.
Eigentlich ist die College-Radio-Kultur der beste Weg, Musik zu promoten,
denn die Kids sind wesentlich offener als der gewöhnliche Hörer.
ouk: Vergleicht man die Fernseh-Kultur in den USA mit der in Europa,
welche Unterschiede kann man feststellen?
dj s:Es gibt genügend Informationen, es liegt einfach an der Person,
wie sich diese informiert und inwieweit diese dazu bereit ist, sich mehr
und ausgewogener informieren zu wollen. Ich denke in dieser Hinsicht gibt
es keine Unterschiede zwischen diesen beiden Kulturen. Sie schauen den
ganzen Müll, der die ganze Zeit gezeigt wird, oder sie betrachten
Informationen aus einer anderen Perspektive. Es liegt einfach am Individuum
selbst.
ouk: Es liegt an dir, wieviel du bereit bist zu lernen. Was bedeutet
das für Musik?
dj s:Es ist ähnlich, wie im Radio-Beispiel. Hör dir College-Radio
an und nicht den ganzen Tag nur kommerzielle Sender, was nicht impliziert,
daß das unbedingt schlecht ist. Es kommt eher darauf an, was für
einen Überblick du hast, ob du überhaupt Alternativen kennst,
wenn du dich dafür interessierst. Politik bedeutet in diesem Zusammenhang
auch mediale Gleichschaltung.
ouk: Ist personal-ausgerichtete Politik für dich wichtig?
dj s:Politik wird für mich zunehmend wichtiger, als Bürger,
als Steuerzahler. Du hast zunehmend mehr Verantwortung für die Welt
zu übernehmen. Es ist wichtig, dafür offen zu sein, was um dich
herum passiert. Wenn ein neuer Krieg existiert, mußt du für
dich Überlebens-Strategien entwickeln. Krieg beeinflußt jede
Person.
ouk: In dieser Zeit, nach den Ereignissen des 11. Septembers, hat sich
durchaus etwas verändert...
dj s:Nach diesen Ereignissen sind die Leute aufgewacht.
Natürlich gab es auch jene, die ihre bis dahin bestrittenen Wege
weiter gegangen sind, aber die Mehrheit der Leute sind plötzlich
ängstlicher, paranoider. Sie leben ihr Leben jetzt etwas bewußter.
Du weißt nicht mehr so genau, was als nächstes passieren wird.
Der Glaube an Sicherheit, an eine bestimmte Ordnung ist in massiver Weise
beeinträchtigt worden.
ouk: Wie betrachtest du die Politik der amerikanischen Regierung?
dj s: Niemand hat das Recht, die Würde des Menschen anzutasten. Ich
glaube nicht, daß Krieg die Lösung für bestimmte Probleme
sein kann. Die einzigen Gründe dafür, warum derzeitig ein möglicher
Krieg propagiert wird, ist Macht und Geld. Krieg bedeutet Chaos in Ordnung
zu überführen.
ouk: Kann ein Individuum überhaupt etwas gegen diese Zustände
unternehmen?
dj s: Die Macht der Regierung ist groß. Als Einzelner kannst du
vielleicht gegen diese Zustände demonstrieren. Politische Aktivisten
werden durch die Regierung oder durch bestimmte Institutionen wie das
FBI beobachtet. Krieg generiert ökonomische Strukturen, es geht um
Kontrolle und Macht. Gegenströmungen werden beobachtet und im Falle
einer möglichen Bedrohung bekämpft. Wenn du gegen die Politik
der Regierung bist, wirst du schnell als Terrorist bezeichnet, wenn dein
politischer Aktionismus gefährlich werden könnte. Du mußt
also genau aufpassen, was du unternimmst und was du in der Öffentlichkeit
sagst, z.B. in nationalen Talkshows.
ouk: Es gibt Künstler, die in dieser Angelegenheit kein Blatt vor
den Mund nehmen...
dj s: Ja, z.B. die Dead Presidents. Sie sind extreme politische Aktivisten.
Du kannst sie mit der Black-Panther-Bewegung vergleichen. Sie sprechen
über die Dinge, die gerade vor sich gehen, in einer radikalen Art.
Sie denken nicht über mögliche Konsequenzen nach. Wenn sie festgenommen
werden würden, wäre ihnen das egal.
ouk: In den Siebzigern existierte ein Sonderdezernat, das vom FBI ins
Leben gerufen worden ist. Dieses Dezernat ist zum Teil mitverantwortlich
für die Ermordung von politischen Aktivisten innerhalb der Black-Panther-Bewegung...
dj s: Ja, es gibt auch momentan politisch Inhaftierte, die in der Todeszelle
sitzen. ][ j.n
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