OUK das einund40ste ± lichtend & sichtend ± Feb/März 03 dj spinna

dj spinnaAlternative Medienkultur, musikalische Aufgeschlossenheit, Kriegsstrategie und radikaler politischer Aktionismus. Ein Gespräch zwischen Panthern im Rhizom. Wie kann man derartige Themenschwerpunkte miteinander verknüpfen? Über Netzstrukturen, sagen Sie - die alles bezeichnende Netzmetapher ist mal wieder im Dauereinsatz, höchste Zeit, ihr auf die Spur zu kommen. Politik ist subversive Aufladung von Themen-Mixen. Ich traf den Zen-Meister des Mixes im schönen Kölle...

ouk: Was verbirgt sich hinter dem Projekt auf bbe?
dj s: Ich habe ein paar Sachen mit Vinia Mojica gemacht, die mit solchen Leuten wie Common Sense, A Tribe Called Quest, De La Soul ... zusammengearbeitet hat. Sie ist eine talentierte Vocal-Künstlerin aus New York, ich traf sie während eines Mos-Def-Konzertes und fragte sie, ob sie nicht Lust hätte den Gesangs-Part für einen Song zu übernehmen. Soulive ist eine andere Combo, ein Jazz-Trio, das auch aus New York kommt. Sie haben einen Vertrag mit Blue Note.

ouk: Sie spielten im Vorprogramm von den Rolling Stones.
dj s: Ja, ich glaube schon.

ouk: Was für eine Art von Musik spielen sie?
dj s: Die Musik ist ziemlich funky, das ganze hat einen Jam-Charakter: 70ties-Hammond-Orgel-Sound mit Jazz- und Funk-Elementen. Shaun Escoffery ist ebenfalls ein Künstler, der auf meinem Album gefeatured wird, der das großartige Stück remixte "Days like this", das zu einer Dance-Hymne avancierte, ich brauchte ihn für einen Gesangs-Part, da er eine sehr kräftige Stimme hat.

ouk: Das Ganze könnte man also als soziales Netzwerk betrachten.
dj s: Ja, genau. Es existiert eine musikalische Verbindung zwischen diesen Leuten und mir und ich kann gut mit ihnen kollaborieren, wie auch mit Mark de Clive Lowe, für den ich einen Remix produzierte. Mark kommt aus London und hat viele gebrochene Sachen gemacht, wir respektieren uns gegenseitig sehr, Mark schätzt meine Musik, genauso wie ich seine schätze.

ouk: Das bedeutet für das Projekt, das du die ganze Zeit musikalisch sehr offen sein mußt.
dj s: Absolut, vor allem für dieses Projekt; viele kennen meine HipHop-Projekte, aber ich habe genauso viel elektronische Musik produziert, u.a. House.

ouk: Du hast eine Mix-CD für Guidance gemacht?
dj s: Als DJ kann ich letztendlich alles miteinander verbinden, die meisten Stücke auf der Guidance-Mix-CD sind soulfule House-Tracks, aber genauso auch leicht technoide Tracks, frühe Chicago-Geschichten und brasilianisch beeinflußte Musik.

ouk: Auf der CD ist auch ein King Britt Remix von Ursula Rucker. Kennst du King Britt persönlich?
dj s: Ja.

ouk: Er wird auch ein Album für bbe produzieren. Verfolgt die bbe Beat Generation eine bestimmte Linie?
dj s: Die Idee ist, Künstlern absolute Freiheit bei ihrer Produktion zu gewährleisten. Sie geben dir die Möglichkeit, dich kreativ zu entfalten.

ouk: Keine Restriktionen?
dj s: Sie bestimmen nicht, wie du vorzugehen hast.

ouk: Betrachtet man deine Produktionen, die du unter dem Projekt-Namen Jigmasters für das New Yorker HipHop-Label Rawkus gemacht hast, so war dort doch die Entwicklung zu beobachten, vom Indie-Label zur Mainstream-HipHop-Plattform, wie z.B. das Name-Dropping auf der Lyricist Lounge 2 Compilation. Wie betrachtest du den Werdegang von Rawkus?
dj s: Sie hatten immer das Geld, Independent-HipHop zu promoten, zu vermarkten, aber sie wollten einfach mehr Geld machen, nun gehören sie zu einem Major-Label. Sie wollen mit den Majors wetteifern.

ouk: Wie kann man den HipHop-Markt in den USA beschreiben? Ist es nicht so, daß ein paar wenige Majors den Markt kontrollieren und beherrschen?
dj s: Ich denke die ganze Musik-Industrie hat derzeitig ein großes Problem.

ouk: Inwiefern?
dj s: Auf die Situation des 11. Septembers angespielt, gibt es derzeitig eine Art von Börsen-Crash, der sich wiederum auch im Markt-Sektor der Musik-Industrie bemerkbar macht. Die Leute verlieren ihre Jobs, sie haben nicht genug Geld dafür, Musik-Produkte zu kaufen.Das bedeutet, daß die Industrie nicht mehr so viel Geld für ihre Künstler und deren Musik ausgeben kann. Ich merke es selbst. Sie überlegen sich wesentlich genauer, wie viel sie für bestimmte Projekte ausgeben. Und das gilt für die ganze Industrie.

dj spinnaouk: Ist die wirtschaftliche Misere und der weltweite wirtschaftliche Abschwung nicht auch eine Chance für Independent-Künstler und -Labels, die dann bestimmte Nischen ausfüllen können?
dj s: In einer Zeit, wo man nicht sicher sein kann, ob uns möglicherweise der dritte Weltkrieg bevorsteht, wird die Musik qualitativ besser, weil die Leute vermehrt Möglichkeiten nutzen, Gefühle auszudrücken. Die Musik reflektiert dann die psychische Situation bewußter. Ein gutes Beispiel dafür sind die 70er Jahre, die Zeit des Vietnam-Krieges. Diese Zeit war bestimmt durch unglaubliche Musik mancher Soul-Künstler, z.B. in Philadelphia, old Motown, the higher times; Marvin Gaye machte einen Song mit dem Titel "Whats going on?", Curtis Mayfield, die ganze Soul-Bewegung in dieser Zeit.

ouk: Siehst du da eine Verbindung zu der derzeitigen Situation?
dj s:Im HipHop-Bereich wird derzeit zum Teil bewußter produziert. Eine lange Zeit schien der Markt von schlechten Produktionen überschwemmt worden zu sein.Viele Leute wollen nicht darüber reflektieren, daß sie aus armen Verhältnissen kommen. Der soziale Aspekt wird dann völlig ausgeklammert. Nur die, die ein bestimmtes soziales Bewußtsein reflektieren wollen oder die, die schlechte Erfahrungen zum Anlaß machen, über diese zu sprechen, fassen den Mut, diese Probleme in ihren Lyrics zu verarbeiten.

ouk: Wenn man sich HipHop-Videoclips auf MTV anschaut, wird man den Eindruck nicht los, daß sich alles nur um Sex, Geld, Macht und Gewalt dreht. Wie kommt man aus dieser Schleife wieder raus?
dj s:Diese Strukturen ermöglichen es nicht, daß HipHop wirklich wachsen kann. Viele Leute in den USA, die keine anderen Aspekte von dieser Musik kennen, glauben dann, daß die dargestellte Welt der Realität entspricht. Und dann hast du plötzlich Leute in Japan, Deutschland oder in Europa, die diese Vorstellung einer Lebensweise imitieren. Und die Medien unterstützen das konstant.

ouk: Ist das eine Strategie der Industrie, musikalisches Bewußtsein stetig zu reduzieren?
dj s:Sie reduzieren nicht, sie verkaufen nur und die Leute kaufen. Es ist keine ökonomische Reduktion, sondern eine kreative. Es ist Zeit für eine Veränderung, viele Leute sind müde geworden.

ouk: Siehst du eine Veränderung?
dj s:Nicht wirklich, nicht genug. Du mußt die Gesellschaft verändern. Wenn die Leute mit den derzeitigen Zuständen zufrieden sind, wenn sie so träge sind und nichts dagegen tun, dann gibt es auch keine Veränderung.

ouk: Das Problem ist also der Konsum an sich. Die Leute konsumieren, ohne zu reflektieren, ohne der Musik Bedeutung beizumessen.
dj s:Genau, sie sehen und hören in den Medien eine bestimmte Musik und kaufen diese dann. Wenn MTV damit anfangen würde, Underground-Musik zu spielen oder alternative Musik ständig im Radio präsent wäre, dann würden sich diese Strukturen vielleicht auch ändern. Im Moment hört und sieht man immer das gleiche. Es gibt nicht genug Wahl-Möglichkeiten.

ouk: Wie beurteilst du in diesem Zusammenhang College Radio - ist das keine Alternativ-Kultur?
dj s:Es ist vielleicht eine Alternative. Ich habe in einer College-Radio-Show jahrelang aufgelegt. Wenn die Leute zum College gehen, lernen sie, studieren sie. Sie können ihre Intelligenz ausbilden, indem sie lernen. Musik reflektiert diesen Umstand nicht, es ist irgendwo widersprüchlich. Eigentlich ist die College-Radio-Kultur der beste Weg, Musik zu promoten, denn die Kids sind wesentlich offener als der gewöhnliche Hörer.

ouk: Vergleicht man die Fernseh-Kultur in den USA mit der in Europa, welche Unterschiede kann man feststellen?
dj s:Es gibt genügend Informationen, es liegt einfach an der Person, wie sich diese informiert und inwieweit diese dazu bereit ist, sich mehr und ausgewogener informieren zu wollen. Ich denke in dieser Hinsicht gibt es keine Unterschiede zwischen diesen beiden Kulturen. Sie schauen den ganzen Müll, der die ganze Zeit gezeigt wird, oder sie betrachten Informationen aus einer anderen Perspektive. Es liegt einfach am Individuum selbst.

ouk: Es liegt an dir, wieviel du bereit bist zu lernen. Was bedeutet das für Musik?
dj s:Es ist ähnlich, wie im Radio-Beispiel. Hör dir College-Radio an und nicht den ganzen Tag nur kommerzielle Sender, was nicht impliziert, daß das unbedingt schlecht ist. Es kommt eher darauf an, was für einen Überblick du hast, ob du überhaupt Alternativen kennst, wenn du dich dafür interessierst. Politik bedeutet in diesem Zusammenhang auch mediale Gleichschaltung.

ouk: Ist personal-ausgerichtete Politik für dich wichtig?
dj s:Politik wird für mich zunehmend wichtiger, als Bürger, als Steuerzahler. Du hast zunehmend mehr Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Es ist wichtig, dafür offen zu sein, was um dich herum passiert. Wenn ein neuer Krieg existiert, mußt du für dich Überlebens-Strategien entwickeln. Krieg beeinflußt jede Person.

ouk: In dieser Zeit, nach den Ereignissen des 11. Septembers, hat sich durchaus etwas verändert...
dj s:Nach diesen Ereignissen sind die Leute aufgewacht. Natürlich gab es auch jene, die ihre bis dahin bestrittenen Wege weiter gegangen sind, aber die Mehrheit der Leute sind plötzlich ängstlicher, paranoider. Sie leben ihr Leben jetzt etwas bewußter. Du weißt nicht mehr so genau, was als nächstes passieren wird. Der Glaube an Sicherheit, an eine bestimmte Ordnung ist in massiver Weise beeinträchtigt worden.

ouk: Wie betrachtest du die Politik der amerikanischen Regierung?
dj s: Niemand hat das Recht, die Würde des Menschen anzutasten. Ich glaube nicht, daß Krieg die Lösung für bestimmte Probleme sein kann. Die einzigen Gründe dafür, warum derzeitig ein möglicher Krieg propagiert wird, ist Macht und Geld. Krieg bedeutet Chaos in Ordnung zu überführen.

ouk: Kann ein Individuum überhaupt etwas gegen diese Zustände unternehmen?
dj s: Die Macht der Regierung ist groß. Als Einzelner kannst du vielleicht gegen diese Zustände demonstrieren. Politische Aktivisten werden durch die Regierung oder durch bestimmte Institutionen wie das FBI beobachtet. Krieg generiert ökonomische Strukturen, es geht um Kontrolle und Macht. Gegenströmungen werden beobachtet und im Falle einer möglichen Bedrohung bekämpft. Wenn du gegen die Politik der Regierung bist, wirst du schnell als Terrorist bezeichnet, wenn dein politischer Aktionismus gefährlich werden könnte. Du mußt also genau aufpassen, was du unternimmst und was du in der Öffentlichkeit sagst, z.B. in nationalen Talkshows.

ouk: Es gibt Künstler, die in dieser Angelegenheit kein Blatt vor den Mund nehmen...
dj s: Ja, z.B. die Dead Presidents. Sie sind extreme politische Aktivisten. Du kannst sie mit der Black-Panther-Bewegung vergleichen. Sie sprechen über die Dinge, die gerade vor sich gehen, in einer radikalen Art. Sie denken nicht über mögliche Konsequenzen nach. Wenn sie festgenommen werden würden, wäre ihnen das egal.

ouk: In den Siebzigern existierte ein Sonderdezernat, das vom FBI ins Leben gerufen worden ist. Dieses Dezernat ist zum Teil mitverantwortlich für die Ermordung von politischen Aktivisten innerhalb der Black-Panther-Bewegung...
dj s: Ja, es gibt auch momentan politisch Inhaftierte, die in der Todeszelle sitzen. ][ j.n

 


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