OUK das einund40ste ± lichtend & sichtend ± Feb/März 03 morr music

Putting the Morr back in Ennio Morricone[1]

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Antwort: Ich kann mich gar nicht mehr so richtig an das letzte Jahr erinnern, weil’s einfach so fies vorbei ging, so komisch. Die Compilation[2] war ein Highlight, das war aber vor zwei Jahren auch so. War ein gutes Jahr, wie die anderen auch.

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Antwort: Ich meine, wir haben das Problem, daß der ganze Zirkus immer ein bißchen teurer wird, und daß die Kosten des Promoblödsinns mich extrem annerven. Wenn man den Gewinn dazu in Relation setzt, ist das ganze System extrem fragwürdig. In Deutschland ist es halt schwer, und es macht auch nicht wirklich Sinn, hier Platten zu verkaufen. Das ist eher ein Zuschußgeschäft. Es steht in keiner Relation zu anderen Ländern, wo man viel weniger macht und trotzdem besser verkauft. Der Fokus war aber auch von Anfang an - ein bißchen gepost gesprochen - ein bisschen internationaler, und das rettet uns dann auch über die Runden. Wir leben sowieso zu 4/5 vom Export - Japan, USA, England waren schon immer unsere stärksten Länder. Die Märkte sind auch viel größer. Es ist nur bei den größeren Titeln so, daß Deutschland ein bißchen besser dasteht. Es hat mir von Anfang an geholfen, daß man [in jedem Land] seinen kleinen Botschafter hatte[3]. Daß die so verteilt sind, hat sich durch Zufall so ergeben. War auch Glück, daß das relativ selbständige Leute sind, die man auch ohne Bedenken für sich sprechen lassen kann.

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Antwort: Das sind Leute, bei denen ich ein sehr sicheres Gefühl habe, daß da kein Schrott kommt, weil sie reflektiert sind und selbstkritisch genug, daß sie einem nichts abliefern, das minderqualitativ ist. Es kann sein, daß man sich musikalisch in komplett unterschiedliche Richtungen entwickelt, so was kann immer sein, und da muß man ganz einfach miteinander umgehen und sagen, daß es für einen selber nicht mehr paßt. Das gehört aber dazu und das gibt es immer wieder. Dann kann man selber aber gucken, ob man nicht selber ein anderes Label findet, das das[4] macht. Wenn ich mit dem Artist noch mal weiterarbeiten möchte, habe ich auch keine Lust, möglicherweise mit einem anderen Label verbunden zu werden, das ich nicht sonderlich schätze. Fauxpas’ muß sich jedes Label leisten können, es dürfen halt nicht allzu viele sein. Ich habe schon den Grundsatz, daß ich reinquatsche, wenn mir wirklich was nicht gefällt und wenn ich das Gefühl habe, daß es qualitativ hinter das zurückfällt, was erreichbar wäre. Dann würde ich die Leute bitten, das noch mal zu überarbeiten und es erst mal aufschieben.

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Antwort: Wenn ich so was machen würde, würde ich es nicht auf der Basis entscheiden, daß es so was wie ein kommerzieller Erfolg sein könnte. Dann würde es mir halt gefallen. Die Sachen funktionieren in einem gewissen Rahmen ja auch, aber ich mache mir nicht vor, daß es über gewisse Punkte hinaus geht. Was da teilweise jetzt reininterpretiert wird, sehe ich halt anders, weil es generell nach wie vor als Nischenmusik angelegt ist. Daß man da das Maximum auslotet, ist cool, aber auf mehr zu schielen, finde ich auch ehrlich gesagt unreflektiert.

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Antwort: Sehe ich schon so[5]. Autorenlabels fand ich auch immer besser. Zu Beginn war das schon eher als Projektlabel angedacht, weil ich auch den 7"-Labelgedanken ganz gut fand. Für mich war die key-Platte die zweite von Bernhard Fleischmann[6], wo ich gemerkt habe, daß es zwar irgendwie cool ist, immer wieder mit neuen Leuten zu arbeiten, es andererseits aber noch viel spannender ist, einen Artist über einen längeren Zeitraum zu betreuen. Das ist letztlich die größere Herausforderung, und das andere Modell des Projektlabels hat sich sowieso im letzten Jahr selbst erledigt, weil es eigentlich nicht mehr vermittelbar ist.

    

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Antwort: Es wurde ja immer versucht, das Label auf diesen Sound festzulegen. Das ist dann immer der Punkt, an dem es Zeit wird, Haken zu schlagen. Es ist halt hart, Kritik für irgendwas einzustecken, wenn man im Kopf schon wieder ein halbes Jahr weiter sein muß. Das ist eine tricky Geschichte. Sachen, die man umsetzt, dauern teilweise sehr, sehr lange. Ich habe neulich mal daran zurückgedacht, daß die ersten Artists, die bei mir sind, vor zwei, zweieinhalb Jahren den Auftrag hatten, ein HipHop-Sublabel zu starten. Das ist bisher immer noch nicht passiert. Da gibt es jetzt erst die Verbindung zu den Leuten, die ich interessant finde, zum Beispiel die Anticon[7]-Jungs und dieses Umfeld. Ich höre privat so was seit zwei Jahren, kaum noch Elektronica, und das Label war hundertprozentig bis zum Sommer mit diesen Namen verbunden. Es hat mich ab der zehnten Platte total genervt, daß das Label in die IDM[8]-Ecke gestellt wurde, als ich schon komplett mit dem Genre durch war. Deshalb kamen zu dem Zeitpunkt die Wechsel Garland[9] und die Tied & Tickled Trio Remixe[10], was etwas ganz anderes war. Darüber hat sich die Klientel total aufgeregt, aber ich verschwand endlich als Thema aus diesen komischen IDM-Mailinglisten. Ich denke, daß die Gitarrensachen[11] das jetzt ein bißchen aufgelockert haben, aber da kann ich halt noch so viel über HipHop reden, [das glaubt man noch nicht richtig]. Prinzipiell hätte ich es gern schneller gehabt, aber die Dinge brauchen halt nun mal ihre Zeit, und ich finde es auch nicht so supervergänglich. Die Artists, die da anstehen, finde ich sehr, sehr gut, und wie im Electronica-Bereich sind es meine Lieblingsleute und deshalb bin ich eigentlich sehr positiv gestimmt.

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Antwort: Ich denke mal, da kann man mit der Cocteau-Twins-Klatsche kommen. Das kann jedem passieren, aber bei 4AD[12] war es so, daß die releases erheblich schlechter wurden und daß das die entscheidende Rolle gespielt hat. Nicht, das sie von ihrer Identität her in einer Falle waren, sondern daß da zu der Zeit ganz viel Schrott rauskam. Die haben den Qualitätsstandard einfach nicht gehalten. Das kann genauso gut bei uns passieren, es gibt immer die Möglichkeit, daß man sich komplett vertut und so in seinem Film hängenbleibt. Ich hoffe, das passiert mir nicht so leicht. Ich habe da ganz gesunde skills und auch Leute, die mich auch in irgendeiner Weise überprüfen. Durch die Artists und den Vertrieb[13], in den ich eingebunden bin, habe ich ein viel größeres und differenzierteres Feedback, was verschiedene Bereiche in diesem Plattenbusiness angeht. Ich kriege, glaube ich, mehr Information als andere Label haben, auch wenn die Arbeit härter und aufreibender ist.
Die Gefahr, daß die Artists vereinnahmt werden, schreibe ich mir auch immer auf die Fahnen[14]. Bisher sind alle ganz gut damit gefahren, weil das Labelstanding ganz gut ist, aber ich denke schon, daß es wichtig ist, sich als Label etwas mehr zurückzunehmen. Damit man irgendwann zu einem "die neue Platte von dem-und-dem Artist" kommt, statt "die neue Platte auf dem-und-dem Label". Das bringt mir auch die Möglichkeit, mehr zu veröffentlichen. Mit dieser Compilation ist es für mich ganz gut angelegt. Ich werde sicherlich bald wieder eine Songwriter-Platte haben, weil das auch Zeug ist, das ich privat immer weiter gehört habe. Es wird eher bandmusikalische Sachen geben, dazu eben auch noch HipHop, so daß man schwerer greifbar wird. Wenn es für den letzten klar wird, daß man es nicht mehr mit einem Griff abtun kann (was es ja Journalisten auch extrem einfach macht), dann gewinnt man eine gewisse Freiheit, die Artists mehr in den Vordergrund zu schieben. Bisher war es eher so, daß man als Schutzschild fungiert hat, und es ist irgendwann Zeit, das zu ändern. Das ist auch mit Sicherheit eine Aufgabe für mich für das nächste Jahr. Am Anfang ist man kräftig gebauchpinselt, wenn man als Genrebezeichnung herhalten darf, wenn in Plattenrezensionen oder Konzertankündigungen steht: "klingt so Morr-Music-mässig". Aber auf einmal ist da ist auch die Gefahr. Dann wird das mißbräuchlich benutzt, und irgendwann wird es auch für Negativbeschreibungen herhalten. Davor muß man irgendwie die Kurve kriegen.

    

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Antwort: Die Lebensqualität in Berlin ist für mich wichtig, denke ich. Dann ist es extrem angenehm mit der Infrastruktur, die es hier gibt. Zum Beispiel mit den beiden Konzerten, die ich mir gleich ansehen werde, Windsor for the Derby[15] und Erlend Øye[16], der hier so was wie seinen Tourneeauftakt macht. Der spielt mit Sascha Steinfurt, der auch so ungefähr aus meiner Heimat kommt. Der ist einer von seinen Tourmusikern, und mit dem plane ich zum Beispiel auch ein Solo-Songwriter-Album. Jetzt machen überall wieder Clubs auf und es gibt viele parallel existierende Szenen, was zum Herumschnuppern spannend ist. Dann ist es auch so, daß wenn jemand aus dem Ausland Deutschland besucht, er für gewöhnlich hierherkommt. Ich habe eine große Wohnung und eigentlich habe ich auch seit Anfang Dezember durchgängig Besuch. Jetzt ist gerade Thomas Knak da, Mr Opiate. Es ist sowieso fast immer jemand hier von meinen Künstlern oder andere Leute, mit denen ich so zu tun habe. Dafür ist Berlin einfach ziemlich klasse. Die billigen Mieten sind auch ein Riesenvorteil. Es ändert sich zwar, aber die Lebenshaltungskosten in Berlin sind immer noch erheblich unter denen in anderen deutschen Großstädten. Das darf man gerade wenn man etwas startet, nicht vergessen. Wenn man am Anfang geringere Fixkosten hat, baut sich nicht so schnell so ein Druck auf. Das ist eine sehr angenehme Nebenerscheinung. ][ amv

[1] Der Titel ist eine Anspielung auf die erste Morr-Music-Labelcompilation, MM012, Various, "Putting the Morr Back in Morrissey" 3LP/2CD, und geklaut aus dem San Francisco Reader , 20.11.2002
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[2] MM030, Various, Blue skied an’ clear (A Morr Music Compilation), 3LP/2CD
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[3] Zum Beispiel Limp/Manual und Future 3 in Dänemark, Styrofoam in Belgien, ISAN in Großbritannien, Phonem in Frankreich, Solvent in Kanada, Populous in Italien oder Lali Puna in Bayern.
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[4] Die Platte, meint er.
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[5] Die Künstler sehen das offensichtlich auch so, betonen aber auch die Gemeinschaft, die sich entwickelt hat. Thaddi Kleine von Herrmann & Kleine: "je mehr künstler man so kennenlernt auf dem label, umso klarer wird, daß viele die gleichen musikalischen roots haben. anknüpfungspunkte jeglicher art. das ist schön und wichtig. wir sind schon ein bißchen eine familie. wenn man sich trifft, ist das immer schön. wir waren ja gerade auf tour und das hat gut funktioniert. man kann keine 9 leute für 10 tage in einen bus einsperren, wenn die sich nicht riechen können. - thomas entscheidet eben, was rauskommt. er hat diese art von labelsound aufgebaut, der aber in alle richtungen offen ist und sich auch noch sehr verändern wird, denke ich". Populous: "Every label, I think, is a kind of community/family. So, Thomas, as head of the family/house-holder, plays the most important role. He’s the one who makes everything spinning around." Valerie Trebeljahr bestätigt diese Sichtweise im Gespräch mit junkmedia.com: "Yeah, it all depends on that person and, you know, Thomas Morr made this label because of his music taste. He’s got a very, very strict music taste and he searches for people that he really likes. If he likes the music but he doesn’t like the person, you know, he’d never do a record."
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[6] MM006, B.Fleischmann, "Sidonie" EP (vergriffen)
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[7] Amerikanisches Indie-HipHop-Label. Eher weiße Jungs, die über Schleifspuren abstrakte Lyrik in schrägem Versmaß rappen, als ein partyrockendes Kopfnickerding. Hoch gehandelt.
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[8] Intelligent Dance Music. Besonders in den USA beliebter Terminus, wobei nie so recht klar war, wer oder was dabei intelligent zu sein hatte, oder wer dazu tanzen sollte.
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[9] MM016, Wechsel Garland, s/t LP/CD
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[10] MM013, Tied & Tickled Trio, "ea1 ea2 rmx" LP/CD
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[11] MM029, MS John Soda, "Drop=Scene" EP; MM031, MS John Soda, "no p. or d." LP/CD und besonders die My Bloody Valentine-Hommagen auf MM032, Guitar, "Sunkissed" LP/CD.
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[12] Britisches Label, zwischenzeitlich in Beggar’s Banquet aufgegangen. Hatte seine Hochzeit Mitte der achziger bis Anfang der neunziger Jahre. Wie Morr Musik mit durchgezogener, hochgradig wiedererkennbarer Coverästhetik. Wird häufig mit der ätherisch-esoterischen Musik von Cocteau Twins oder Dead Can Dance gleichgesetzt, hatte aber auch mit den Pixies und ihren Abkömmlingen echte (und sehr erfolgreiche) Gitarrenkracher im Programm und veröffentlichte mit "Pump Up The Volume" von M|A|R|R|S einen bahnbrechenden Dancefloortitel.
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[13] Hausmusik
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[14] Populous: "No one forced me to work with Morr Music. I always loved the Morr philosophy and identity (and, as a general rule, all labels with strong and precise features). I love their artwork, their stickers, their t-shirts and so on ... So, when Thomas offered me to be part of Morr roster, I did not hesitate, because I knew what was expecting me". Thaddi Kleine hingegen: "dieses corporate design gefällt mir persönlich überhaupt nicht, aber es gibt dann ja immer wieder andere cover (wie bei uns z.b.)"
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[15] Melodische Indie-Gitarrenband aus Austin, Texas.
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[16] Hornbebrillter Norweger, 50% Kings of Convenience, Gastsänger bei Röyksopp; auf seine Soloplatte sind wir sehr gespannt.
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