| Roman
- 5 Minutes To Match - Karaoke Kalk
Über diese Platte könnte man eigentlich gleich ein
Buch schreiben. Ein junges Gesicht, ein Name (warum ist da eigentlich
vorher noch niemand drauf gekommen?) der gleich ein Fingerzeig ist, in
welche Richtung es geht. Ein Debüt-Album, was polarisieren wird.
Die Legende besagt, daß der der 23jährige Duisburger und Neu-Kölner
Roman klassische Musik studiert, sich bei Karaoke Kalk-Labelchef Thorsten
Lütz nur Informationen über die hiesige Labellandschaft besorgen
wollt. Beim Raus-gehen noch kurz ein Demo in die Hand gedrückt, welches
dann erst mal eine gewisse Zeit auf dem Schreibtisch lag.
Die Gesichter der Anwesenden hätte ich gerne gesehen, beim ersten
Anhören des Demos. Beim ersten Einsetzen dieser Stimme, die einen
an so viele Sänger/Innen der POP-Geschichte erinnert. Selten hat
Musik in letzter Zeit so viele Referenzen heraufbeschworen, das Tolle
dabei: Roman scheint die Bezüge nicht zu kennen! Spandau Ballet,
Sade, ABC, Aztec Camera, Haircut 100 sogar Harry Belafonte, Stewart Walker,
Robert Wyatt und Sade scheint man hier und da in Stimme, Arrangement und
vor allem Instrumentierung und Ästhetik zu vernehmen. Man stelle
sich dazu noch vor, daß das Ganze im Laptop komponiert ist (was
nicht zutrifft) und man hat ein vage Vorstellung wonach das hier klingt.
Die Geister der Geschichte aufzurufen, ist in diesem Falle durchaus legitim,
hat man doch das Gefühl dass Roman keinerlei Pop-Ikonen zitieren
will, noch scheint er zu wissen, dass er die feuchten Träume der
Pop-Ideologen ins Heute übersetzt mit seinem hochmusikalischen Glitsch-Pop.
Was in großen jungen Debüt-Platten immer Gültigkeit hatte,
weil sie frei von Angst waren und sind. Die Bezüge und Referenzen
stecken fest in den Köpfen der Hörer, sie sollten sie für
40 Minuten vergessen.
Die Mischung aus elektronischen Fritzeleien und Beats, akustischen Instrumenten
wie Geigen, Akustik-Gitarren und diversen Percussions ist durchaus aufgeräumt
und klassisch arrangiert im Strophe-Refrain-Format, der entscheidende
Clou ist die nervöse Unschuld, die in dieser Musik steckt.
Gleichzeitig wirft Roman in seinen Texten mit Phrasen nur so um sich,
was,solange Farbens letzte EP noch nachhallt, nicht angefochten werden
darf, wenn sie richtig sind, wie wir wissen.
Karaoke Kalks Anzeigen in der DE: BUG zierten in den letzten Monaten lediglich
Zitate wie: „I don`t believe in popstars, i`d rather like to die“
Wer nicht wusste, was das zu bedeuten hat, der weiß es jetzt nach
dieser Platte! Mit dieser Dialektik werden große Pop-Hypes geboren.
Nicht schlecht Strobo! ][ f. d`a.
Console - Reset the Preset - Virgin
Der dritte Notwister, der uns in seinem Seitenprojekt mit einer unterkühlten
Sängerin kommt. Muß eine Weilheimer Seuche sein. Der Unterschied
zu den Acher-Brüdern: hier wird der Computer gerockt, wenigstens
auf der „Reset“-Hälfte dieser Doppel-CD. Die Computertastatur
in Form der Erz-Hardrockergitarre „Flying V“ und das Motör-head-Shirt
auf dem Cover sind mehr als nur ein Witz. Fängt an wie die Chemical
Brothers beim Zahnarzt, schaut bei Tom Waits vorbei und legt ein Tänzchen
mit Garbage hin. Schade bloß, daß Herrn Console nur der eine
(„Suck And Run“) oder andere („A+A=B“) Song glückt.
Nicht jede Viertönemelodie, die in einem elektronischen Instrumentalstück
funktioniert, trägt auch einen Vierminutensong, mit Gesang, Text
und all dem Pipapo. Auf der „Preset“-CD hingegen ist man dann
wieder ganz in Consoles warm-instrumentaler, wohnlich-organischer, fast
kitschfreier Ambientwelt, und alles ist in Ordnung. Taugt sogar zum Hinhören.
Schön ist auch das Bonusmaterial, vor allem das Komponier-Spielprogramm
„Play Parts“, mit dem man sich kleine Ambientstücke zusammenfrickeln
kann. ][ amv
VA - Bis Neun - Areal
Die Areal-Compilation-Mix CD beginnt gleich mit meinem persönlichen
Areal-Favoriten von konfekt, einem durchgeknallten Techno-Boogie, der
so herrlich durch die Gegend eiert, als wäre es an der Zeit den Blues
fuer die 4/4 zu gewinnen. Mit eigenen Mitteln natürlich. Ein opti-maler
Opener für diese Mix-CD, die bis auf einen Track, auschliesslich
aus Stücken der ersten neun Maxis dieses Kölner Techno / Minimal
/ Abstrakto-Labels gemischt wurde. Lustig, dass man zu allem, was man
über Areal sagen möchte und den vorangegangenen Maxis, auch
genau das Gegenteil sagen kann: Areal-Musik ist nämlich straight,
fordernd, kopfig, naiv, advanced, geil, abstrakt, poppig, nervig, schön,
zurückhaltend, hysterisch u.s.w. Nie gleichzeitig, aber nacheinander
und wirklich selten langweilig! Das macht der Mix von Jan Erik Kaiser
über lange Strecken schön deutlich, obwohl die rockende tanzbare
Seite von Areal auf der CD deutlich die Oberhand hat. Aber das soll ja
auch so sein. Die Stücke, von konfekt, metope, basteroid und undo/redo,
die Techno dekonstruieren, in seine Bestandteile zerlegen und auf seine
Haltbarkeit prüfen, kann man sich ja auf den 12“es anhören.
Jedenfalls eine erholsame mutige Ausnahme in der Labellandschaft, immer
bemüht einen Schritt nach vorne und zur Seite zu gehen, Erwartungen
zu zerstören, aber unbedingt verständlich zu bleiben. ][ f.
d`a.
René
Breitbarth - Solar - Treibstoff
René Breitbarth gelingt mit seiner lange erwarteten Debüt-LP
ein seltener Spagat: die geschickt durch das Gefüge aktueller Minimal-houseästhetik
mäandernden Tracks bedienen sowohl träge in ihren Sofas herumlungernde
Listeningfreaks, als auch tanzwütige Zappelphillips, ohne dabei den
Fluß des Albums aus dem Gleichgewicht zu bringen. Flächige
Gelassenheit verliert sich mystisch in druckvollen Vierviertel-Landschaften
und hüllt den Hörer in eine Wolke zufriedener Entspannung. Die
Platte fügt sich damit erfolgreich in den qualitativ hochwertigen
Treibstoff-Kosmos ein und erweitert die Hall of Fame herausragender Kölner
Tech-House-Produktionen. ][ motik
Leme - Passion’n’Patience
Domenico Ferrari - Commute - beide Straight Ahead
Das schweizer Label Straight Ahead geht das neue Jahr also forsch mit
zwei Alben an. Leme bevorzugt dabei die poppiger klingende Variante, in
dem er seine 13 (Intro und Outro nicht mitgerechnet) Songs in diverse,
unterschiedliche Gewänder hüllt – Soul, R’n’B,
Pop – all das schimmert auf 70 Minuten mal mehr, mal weniger offensichtlich
durch. In deutlicher Anlehnung an Vikter Duplaix offenbaren sich hier
anschmiegsame Hymnen (If They Wanna Fly Away), Stücke der rockigeren
Art (Addicted To Rhythm) und folkiges (Live Your Life). Die klare Linie
drückt „Passion’n’Patience“ vielmehr durch
seine Soundästhetik als durch die Komposition an sich aus, auch wenn
beim Hören auffällt, daß alle Stücke klar strukturiert
und durcharrangiert sind.
Domenico Ferrari hingegen bevorzugt die etwas verspieltere Produktionsweise,
gibt seinen Stücken einen Hauch von Soundtrackhaftigkeit mit auf
den Weg, ohne dabei das wesentliche aus den Augen zu verlieren. Leidenschaftlich
läßt er Baßläufe, Gesang und Drum-Patterns zu sich
meist dezent zurückhaltenden Grooves verschmelzen, gibt den einzelnen
Stimmen genügend Raum, um neben der Stimme Latasha Diggs’ bestehen
und bestechen zu können.
Anhand beider Alben läßt sich gut dokumentieren, wie sich die
Musiker, die sich um Alex Dallas und sein Label gesellen, stetig in Richtung
ausgereifter (Soul)Kompositionen bewegen. Leme geht dies ganz klar pragmatischer,
souliger, aber in gewisser Weise auch leidenschaftlicher an. Domenico
Ferrari hält sich dagegen mehr im Clubkontext auf. Er läßt
nicht nur die Sprache der Bassdrum, sondern auch seine eigenen Erzählungen
sprechen, versucht, seinen Stücken Raum und Tiefe zu geben und ist
für mich deshalb der vielversprechendere von beiden. ][ mb
Studio One Story - Soul Jazz Records
Inzwischen dürfte es auch dem letzen klar sein: Studio One war eines
der großen, stilbildenden und Stil definierenden Labels, da oben
mit zum Beispiel Motown, Blue Note oder Deutsche Grammophon. Wer sich
selber immer noch über den „Reggae geht mir am Arsch vorbei“-Kamm
scheren will, kann das zwar gerne tun, muß aber wissen, daß
das genauso blöd ist, wie pauschal zu sagen, man möge keinen
Soul oder keinen Jazz. Soul Jazz Records setzen jetzt ihrer vorbildlichen
Ausgrabungsarbeit der letzten beiden Jahre die Krone auf und schließen
die Studio One Serie mit einer opulenten Deluxe-Packung mit vierstündiger
DVD ab. Auf der Platte sind ein paar der ganz großen Studio One
Hits (die man allerdings im Zweifelsfall schon hat) in wie üblich
exzellenter Tonqualität; auf der DVD kommen die wesentlichen Protagonisten
zu Wort. Natürlich steht hier mit Clement „Sir Coxone“
Dodd der Labelgründer und -besitzer im Mittelpunkt; thematisch liegt
der Schwerpunkt vor allem auf der Frühzeit des Reggae, Anfang der
Sechziger Jahre. Vieles, das man in den Interviews erfährt, ist nicht
neu und nicht alles muß man wörtlich nehmen. Ich persönlich
hätte gerne mehr über die Siebziger erfahren, in denen die Brentford
Street Allstars Reggae-Funk-Fusionstücke aus den Ärmeln schüttelten,
bei denen einem noch heute der Schweiß auf der Stirn steht. Leider
ist auch der jamaikanische Akzent häufig ziemlich kryptisch, so daß
gelegentlich die Untertitel die einzige Entschlüsselungshilfe darstellen.
Was man der DVD allerdings nicht hoch genug anrechnen kann, ist dass sie
bildlich deutlich macht, daß diese unfaßbar gute Musik unter
unfaßbar schlechten Umständen entstanden ist – es kann
angesichts von vermüllten, leeren Grund-stücken, baufälligen
Hütten und schäbiger Kleidung kein Zweifel daran bleiben, dass
Jamaica ein Land der dritten Welt ist. Ganz ohne jedes unangebrachtes
Drittweltladen-World-music-Entwicklungshelfersyndrom wird deutlich, daß
Studio One eines der Zentren einer der großen Kulturleistungen der
Geschichte war. Wird 13 Brentford Road in Kingston demnächst UNESCO-Weltkulturerbe?
][ amv
VA - Future Sounds Of Jazz Vol. 9 - Compost
Tief gegraben wurde beim Zusammenstellen der allseits bekannten Münchner
Compilationreihe seit jeher. Das es in all den Jahren nie an Perlen mangelte,
liegt vorallem in der Wendigkeit, die Michael Reinboth und seine Helfershelfer
beweisen - stets strecken sie beim zusammenstellen dieser Compilationreihe
ihre Fühler in neue Richtungen aus, lassen Hypes hinter sich und
nehmen sich stattdessen neuen Stilen an. Nummer Neun weist 12 Stücke
auf (davon sieben bislang unveröffentlicht), die im Gegensatz zu
vielem anderen, was im letzten Jahr veröffentlicht wurde, keinen
belanglosen Durchschnitts-Computer-Jazz darstellen. Vielmehr liegen ihnen
ausgereifte Ideen und genügend Pathos zugrunde, um sowohl auf dem
Sofa als auch auf der Tanzfläche zu funktionieren. Wem das immer
noch nicht reicht, mag hier auf die beiliegende 3D-Brille hingewiesen
werden, mit dem das Cover erst richtig zur Geltung kommt. Future Sounds
Of Jazz Vol. 9 ist jedenfalls eine der wenigen Compilations, die man sich
dieses Jahr zu Gemüte führen sollte. ][ mb
Danny Tenaglia Choice - A Collection of Classics - Azuli
Man mag ja von Azuli Records mittlerweile halten, was man will, für
ihre Choice-Reihe haben die Londoner schon einen kleinen Orden verdient.
Nach Frankie Knuckles und Francois Kevorkian ist nun Danny Tenaglia am
Drücker. Auch wenn der Mann in den letzten Jahren eher durch seine
Affinität zu „progressiveren“ Musikrichtungen wie Trance
und allerlei anderem Mumpitz auffiel, hier macht er seine Sache gut. Tenaglia
gab ja auch nicht immer den Ibiza-Großraumdiscotheken-Clown, sondern
stand mit seinen frühen Arbeiten (meist mit Unterstützung des
äußerst talentierten Keyboarders Peter Daou) für Strictly
Rhythm, Fourth Floor oder Maxi (man erinnere sich nur an das großartige
Instrumental von Daphnes „When You Love Someone“) durchaus
in einer Phalanx mit anderen Deep House-Recken. Nun ja, irgendwann kam
sein Album für Twisted, das da „Hard & Soul“ hieß
und zusammen mit seinen Spezis Eric Kupper, Oscar Gaetan und Ralph Falcon,
die letzten beiden sind auch als Murk Boys bekannt, folgte man dem Ruf
des Erfolges. So wuchsen zwar seine DJ-Gagen in unerreichte Höhen,
aber mit dem kreativen Output der frühen Jahre konnte der Mann nicht
mithalten. Zumindest, wenn man die konservative Meßlatte anlegte.
Nun besann sich der Mann, der niemals seine Kappe absetzt, seiner Wurzeln.
Begleitet von unterhaltsamen und informativen Linernotes versammelt Tenaglia
eine Auswahl dessen, was ihn in der Vergangenheit so umtrieb, großzügig
auf vier Schallplatten respektive zwei CDs. Da trifft Adeva auf den Electro-Klassiker
„Was Dog A Doughnut“ von Cat Stevens, Tony Cooks „On
The Floor“ geht im Boyd Jarvis/Timmy Regisford Mix mit Hugh Masekelas
“Don’t Go Loose It Baby” spazieren und wird gefolgt
von der wunderbaren Sylvia Striplin mit „Give Me Your Love“.
Danny Tenaglia hat sich nicht lumpen lassen und die meisten Tracks selbst
neu editiert beziehungsweise seiner Meinung nach aktualisiert. Zum Glück
ist er dabei behutsam vorgegangen und hat seine momentanen Neigungen außen
vor gelassen. So gibt es z. B. von Frankie Knuckels „Whistle Song“
eine neue Version, für die Peter Daou einige Overdubs eingespielt
hat und Tenaglia ist es sogar gelungen aus dem recht käsigen Nomad
„I Wanna Give You Devotion“ einen passablen Hit zu schustern.
Alles in allem bricht der Mann eine Lanze für dance music, wie sie
der New Yorker gerne buchstabiert, und verdient dafür unseren vollen
Respekt. ][ janson
Joakim - Fantomes - Versatile
Führt da wirklich einer Versatile aus dem manchmal dann doch sehr
langweilig gewordenen “Versatile-Sound” heraus? Joakim, seines
Zeichen Teil des TigerSushi-Konglomerats, experimentiert auf „Fantomes“
mit einer gewagten Mischung aus 80er-Soundästhetik, Soundforschung
und skurriler Elektronika. Keine unverblühmten Housebeats erwarten
hier den Hörer, sondern 65 spannende Minuten, in den Soundkreationen
aufeinandergeschichtet werden, klassische Vocoder-Chöre triumphal
die Stimme erheben und Electro-Tracks im besten Stile der frühen
80er den Elek-tronika-Charakter durchbrechen. ][ mb
Pest - Necessary Measures - Ninja Tune
Super Numeri - Great Aviaries - Ninja Tune
Klar, daß bei Ninja Tune ständig Demos reinregnen, deren Verpflichtung
gegenüber dem hypernervös-verspielten Freestyle-Funk von Black
& More von allen Eigenheiten die deutlichste ist. Die Frage ist, ob
sich die Ninjas mit der Veröffentlichung einen Gefallen tun: Pest
reisen mit +8 durch die bekannten Gefilde – Orgelfunk, Syntiepop,
Breakbeat – und beömmeln sich darüber, wenn in einem Break
mal das Wort „Knopfloch“ fällt. Titel wie „Dr Umz“
oder „herd yer bird moved in“ sprechen für sich, wobei
letzterer eher zu den Treffern zählt, die bei einer solchen Produktion
unvermeidlicherweise abfallen, und die als 12" sicherlich Sinn in
der Sammlung machen. Dennoch: Funki Porcini, Clifford Gilberto undwiesiealleheißen
haben auf diesem Gebiet vor 5 Jahren schon für verbrannte Erde gesorgt,
und für noch mehr höheren Blödsinn vermisse ich die künstlerische
Notwendigkeit. Auch bei Suoer Numeri fällt der Apple nicht weit vom
Stamm, aber das Miles Davis’ „In a Silent Way“ in Erinnerung
rufende Intro macht bereits deutlich, daß hier zuvörderst der
alte Onkel Jazz der Vater der Gedanken war, und von solchen Gedanken kann
ich mich auf „Great Aviaries“ schnell und gerne einlullen
lassen (auch wenn's dafür keine Sitar braucht). Ist der Schlagzeuger
erstmal aufgewacht, entfaltet sich ein zeitgemäßer Postrock/Jazz-Bastard,
der auf ECM ebenso gut aufgehoben wäre und gegen das zurecht vielgepriesene
Album von Jaga Jazzist qualitativ nicht sonderlich abkackt. Etwas weniger
Pathos ist manchmal mehr, aber diese Baustelle sollten wir im Auge behalten.
][ mandel
Tiga - DJ-Kicks - !K7
Schlecht gesinnte Zeitgenossen sollen die DJ-Kicks-Reihe ja – zumindest
was deren Qualität angeht – bereits abgeschrieben haben. Zuge-geben,
weder Victor Duplaix noch Playground konnten mit ihren Beiträgen
zur (ehemaligen) Vorzeigecompilation so richtig überzeugen. Dementsprechend
gering bis gar nicht vorhanden sind auch die Erwartungen bei Tigas Mixtur
aus Elektro, House und baßlastig-funkigem Allerlei. Aber Pseudo-Eighties-Revival
hin oder der fade Beigeschmack von Tigas „Sunglasses at night“
Version (was haben wir gekotzt) her – diese Platte rockt wie viel
zu lange schon nichts mehr aus dem Hause !K7. Vertreten sind unter anderem
Le Tigre, Swayzak, Tutto Matto, Sir Drew, Soft Cell (!!!), Martini Brös
sowie Tiga selbst. Einzig 2Raumwohnung bleiben mit „Ich und Elaine“
bei der ansonsten durchweg lobenswerten Titel-Auswahl zu beanstanden.
Die auf dem entsprechend ungemixten Vinyl vertretenen Titel dieser DJ-Kicks
bestärken den überraschend euphorischen Eindruck des Rezensen-ten.
DJ-Kicks are back in town! ][ feindsoul
E-Z Rollers - Titles Of The Unexpected - Moving Shadow
Jay, Alex, Sängerin Kelly Richards und MC Jakes haben es wieder getan:
ein Album. Nummer drei. Zunächst finden wir viele straighte, funkig
housige Drum’n’Bass-Nummern, die doch etwas an Peshays letztes
Album erinnern, wobei nicht ganz soviel rumgefiltert wird. Tracks wie
„Back To Love“ klingen ein bißchen abgefrühstückt
und reichen auch nicht an z. B. „RS 2000“ ran. Die Vocals
von Kelly hätten ein wenig reduzierter vermutlich mehr erreichen
können. Interessant werden die Tracks, die sich zwischen HipHop,
Downbeat und Dancehall bewegen und mit zahlreichen Gastspielen, wie etwa
HipHop-Legende Doug E Fresh oder Soul-Diva Sharon Brown geschmückt
sind. „You’ll Never Know“ könnte so ein kleiner
Hit werden. Überraschende, gewichtige Kaliber werden dann am Ende
ausgepackt, die den typischen E-Z Rollers Sound nochmal gekonnt ergänzen.
Trancig und energiegeladen wird „Dust“ die Tanzflächen
abräumen. Insgesamt sehr vielseitig, immer ein wenig am Pop kratzend,
aber kein Album des Jahres. ][ lightwood
Thetaphi
- Licentious Lane - New Line Deluxe
Beim zweiten Minialbum von Thetaphi (die zwei griechischen Buchstaben...)
wird einem bewußt, daß die extreme Verspieltheit Stilmerkmal
der beiden Tübinger ist. Die sechs Tracks strotzen voller Ideen und
Samples. Anmutende Choräle, wilde Computersoundmelodien und nicht
zuletzt die Vocals von Brigita Ferencak und Verena Basler sorgen für
die einzelnen Noten. Wesentlich klarer und übersichtlicher strukturiert
als beim letzten Album, kommt mehr Licht in die Angelegenheit. Zwei schwere
Slowmotion-Downbeat-Tracks bilden einen schönen Kontrast zu den doch
recht hektisch nach vorne gehenden Drum’n’Bass-Stücken.
Ein bißchen mehr Abwechslung und Biss bei den Beats könnte
noch gut tun, ansonsten: gelungen. Erwähnenswert mal wieder das sehr
schicke Cover. ][ lightwood
VA - Jazz & Bass Sessions Vol. 4 Pt. One
Der vierte Teil der jazzigsten Compilation seit es Kontra-bässe gibt,
steht in den Läden. Zwar ist der Name weniger Programm als noch bei
Teil 3, dafür rollen die vier Tracks von John B, Zen, Influx Datum
und Labelboss DJ SS himself ganz gewaltig. Liquid Funk dürfte als
passender Oberbegriff für das schmucke Stück Doppelvinyl langen
und Freunden wie auch Gegnern dieses Sounds eine klare Ansage sein. Zwar
kommt der wegweisende und innovative Aspekt im Vergleich zu den Vorgängern
etwas zu kurz, dennoch werden qualitative Maßstäbe zwar nicht
neu gesetzt, zumindest aber problemlos erfüllt. Die veröffentlichungspolitische
Entscheidung, die Compilation auf zwei Parts anstatt auf ein komplettes
Album zu verteilen, dürfte den positiven Ruf der Jazz & Bass
Sessions auch potentiellen Nicht-Album-Käufern vermitteln. ][ feindsoul
VA - Space Odyssey - Feinkost13
Der wilde Osten. In Leipzig sieht die Street-Love-Parade etwas anders
aus: man demonstriert hier nämlich noch zu Themen wie Menschen-rechte,
Drogenpolitik, Freie Medien und bringt auch eine etwas ausgefallenere
Compilation an den Start, auf Vinyl versteht sich, in 300er Auflage und
oben drauf noch als Picture Disc getarnt. Gerissen, größenwahnsinnig
und absolut einzigartig. Neun Artists aus Leipzig geben sich die Ehre.
Mit Demo-O-Ton-Schnipsel aneinandergekettet, findet man eine angenehme
Mischung zwischen Drum’n’Bass, Downbeat und Electronica, die
am Ende durch eine Punk-Nummer aufgewirbelt wird. Die zwei Highlights
hat man sinnigerweise auf eine Seit gepackt, sodaß sie etwas breitere
Rillen genießen als die sieben Stücke auf der Flipside. LXC
fährt komplexeste Beatgeschütze auf, angereichert mit Oldschool-haltigen
Sounds und Stakkato-Lacher. Erinnert irgendwie an alte Razor’s Edge
12“s, kommt aber wesentlich krasser daher und garantiert zur richtigen
Zeit totales Ausrasten auf der Tanzfläche. It’s time to drop
the science! Die Smooth Pilots steppen sich hingegen gemütlich ein
und lassen genug Platz für ein dezentes Trompetenspiel. Wahrlich
ein Liebhaberstück. Mehr Infos und Bestellmöglich-keit unter
www.feinkost13.org ][ lightwood
Andy Vaz - 6-6 - Soundvariation
„Das Label ist ein gallisches Dorf“ steht zu lesen auf der
Kompakt-Seite. Danke Riley, für diese Anregung! Vaz`unbedingter Willen,
seinen persönlichen musikalischen Entwicklungsprozess abzubilden,
bedingt auf Soundvariation den kompromisslosesten Umgang mit Minimal-Techno,
den es heute zu kaufen gibt, aus seiner ganz eigenen Sicht. Das Konzeptionelle
steht damit noch stärker im Vordergrund als bei seinen Labels Background
und A Touch Of Class. Wer dem Dorf Soundvariation näher kommt und
nicht guten Willens ist, kann gleich draussen bleiben. Die 6-6 nimmt wieder
den unglaublichen musikalischen Abstraktionsgrad der zweiten Maxi auf,
wo die Variation der Sounds (!!) immer und immer wieder seine Bahnen drehte.
Eine Platte, wie ich sie noch nie vorher gehört hatte und die mich
erst packte, als ich mit einem dicken Kater morgens den ersten Kaffee
trank. Die Sinne noch vernebelt, schien ich zu verstehen! Dieses ... ähm,
ja ... psychedelische Kammermusik-Gewurschtel hat Vaz durch immer feinere
Arrangements erweitert, die Produktiosmittel hat er immer besser im Griff,
alles wirkt ausgefeilter, seine Tracks wurden mit mehr Tricks versehen,
aber der Habitus bleibt: der punkigste Techno zur Zeit, aber das Gegenteil
von Rock! ][ f. d`a.
Henrik Schwarz - Supravisisons EP - Moodmusic
Freestyle Man - The Scene EP - Moodmusic
Wahlberliner Henrik Schwarz schaut mit seinem ersten Release für
Moodmusic kurz auf einen Tee bei Theo Parrish vorbei. Der Titel „Marvin“
ist dann auch durchaus programmatisch zu verstehen und die Ausdehnung
auf eine ganze Seite kommt Anhängern der langatmiger Entwürfe
entgegen. „Say Say Say“ und „Forbidden“, das Henriks
Freunden am Bodensee Tribut zollt, entwickelt dann stärker eine eigene
Handschrift. Von einer eigenen Handschrift kam ja auch beim Freestyle
Man sprechen. Für die Verfeinerung derselben nimmt er sich auf seiner
neuen EP mehr Zeit als genug und bewegt sich auf den beiden Tracks irgendwo
zwischen late night House und leichten Acid Referenzen. Ach ja, die Stimme
auf „You Never Let Down“ gehört dem berühmt-berüchtigten
George Spruce. ][ janson
Frivolous - 40 inch EP - Background 031
Background hat eine neue hochkarätige Künstlerriege etabliert.
Mit Portable (Südafrika/London /neue Maxi in der Pipeline) hat er
meinen Mann der Stunde im Boot. Dave Miller aus Australien hat mit seinen
beiden Maxis bewiesen, dass er der kommende Mann sein kann und der Kanadier
Frivolous ist sowas wie ein heimlicher Liebling. Bei allen geht der der
Trend hin zum Songhaften innerhalb des kleinen und doch so grossen Kosmos
Minimal. Tracks, die also Geschichten erzählen, wo Melodien ihren
Platz haben, aber immer klar bleibt: hier handelt es sich um Techno. Frivolous
ist der lustigste von allen. Sehr leichte Tracks, fast oldschoolig, minimaler
als Strand (Delsin) z.B aber mit ähnlich fluffiger Athmo. Wenn Clear
sich Richtung grade Bassdrum bewegt hätte, wäre wahrscheinlich
etwas ähnliches dabei herausgekommen. Das überstrapazierte Wort
Deepness wird wieder seiner alten Bedeutung zugeführt. Deepness bedeutet
eben nicht unbedingt langsam, schwer, mollig, verhalten oder pathetisch.Tiefe
kann auch für das zwischen-den-Zeilen-lesen sthen, das versteckte
Element, subversive Kunst, der Funk der sich durch die Leerstellen zeigt.
Frivolous macht Musik für alle Tätigkeiten, die man sich so
beim Musikhören vorstellen kann. Gute Laune auf Background. Wer hätte
das gedacht? ][ f. d`a.
Franck Roger & DJ Deep - In & Out Ep - Straight up
Franck Roger hat ja schon mit seienr etwas zurückliegenden Kollaboration
mit DJ Roy bewiesen, daß er austeilen kann. Zusammen mit DJ Deep
hat er eine dieser seltsamen Platten gebastelt, die tonnenweise amerikanische
Kohle in den Heizkessel werfen, nur um dann doch wieder nach Deep House
französischer Machart zu klingen. Hier gibt es vier Tracks, die allesamt
auf eine Club-PA hoffen und ohne deren Erwerb man vielleicht nicht unbedingt
ärmer, aber bestimmt auch nicht reicher wäre. Gutes DJ-Futter
ist das hier allemal. ][ janson
Still
- Love From Room 232 / Anodyne - Bomb Mitte
dälek - s/t 7” - musicismyheroin
Das erste Release des neuen 7-inch-Labels mit dem vielsagenden Namen Bomb
Mitte bestreitet Still, seines Zeichens Plattenkratzer bei dälek
und definitiv einer der lärmverliebtesten seiner Zunft. Seine Performance-Ästhetik
hat er auf der Durchreise, im Hotelzimmer oder auf dem Flughafen im Laptop
zusammengepusselt: einen hypnotischen Gitarrenloop, der lange offen vor
sich hinschwingt, bis ein Bollerbeat die Dinge wieder klar rückt
und es ein amtliches dälek-Instrumental sein könnte. Die Rückseite
ist eine Übung in der Kopplung von Digitalnoise, gefolgt vom vermutlich
ersten Hiddentrack, der je in eine 45er geschnitten wurde. A propos: die
dälek 7-inch, die das Trio aus New Jersey auf seiner Tour durch die
deutsche Provinz – nach Dürmentingen (Klangbad) nun Monheims
finest Kleinlabel musicismyheroin – mal schnell fertigproduziert
hat, spielt man auf 33 und bekommt dafür einen eher freien Track
– däleks Stimme über einer weiteren Improvisation von
Still - und einen amtlichen dälek-Stomper mit dem schönen Titel
Halte deine Standhaftigkeit in Ehren. In diesem Sinne: viel Glück
bei Aufspüren eines der anderen 499 Exemplare. ][ mandel
Das Bierbeben - Wir sind - Shitkatapult
Auch Shitkatapult enthält sich nicht einer Stellungnahme zur allgemeinen
80er-Plünderung, kann aber mit „Gnadenlos“ einen Track
für sich verbuchen, der das gesamte Genre in einer Nußschale
zusammenfaßt und damit eigentlich auch für beendet erklären
könnte. Der Text kommt noch dazu von einem der schillerndsten Punks
der Republik, Tommi Stumpff, und hat bereits gute zehn Jahre auf dem Buckel.
Weitere Lyrics, in der Regel vorgetragen von zwei dünnen Stimmchen
(laut Info: „Der Osten“ und „Der Westen“), die
sich die Hamburg/Berliner Kapelle mit wer weiß welchen Versprechungen
ins Studio gelockt haben, exerzieren, stellvertetend für die Musiker
Alfred Bierlek, Wolf Dosenbiermann und Brian Vino eine Mischung aus gesundem
Weltekel mit bierseligem Hedonismus („Wir sind und wir bleiben die
Unreparierten“). Dazu unbekümmert pluggernde Synthiebässe
wie von Muttern und alles was man von Malaria, Liasons Dangereuses und
DAF so gelernt hat. Unser Tip: auflegen, und wenn einer fragt, ob ihr
noch mehr Elektroclash in der Kiste habt, gleich’n paar aufs Maul.
][ mandel
Needs - Lost Tracks Vol. 1 - Needs Limited Edition
In den letzten Monaten wurde über Needs und deren Taten ja auf diesen
Seiten schon genug Tinte vergossen. Also nur so viel, der neueste Streich
ist streng auf 1000 Stück limitiert, präsentiert die bisher
unter den Tisch gefallenen Stücke „Feel Mix“ so wie den
Anspieltipp „Piano Groove“ und dürfte demnächst
vergriffen sein. ][ janson
Simpson Vaults pres. Slave - Just A Touch Of Love - Reel 1
Old Schooler Paul Simpson, der bereits in den Achtziger Jahren für
Labels wie Easy Street oder Ace Beat in die Tasten haute und als Studiomusiker
bei einigen Größen New Yorker Club Music fungierte, legt hier
den ersten zuvor unveröffentlichten Edit aus seinen Archiven vor.
Slave waren eine der populärsten Funk- und Synthiesoul-Bands der
frühen Achtziger. Im „Long 11 Minute Love Mix“ entwickelt
sich deren „Just A Touch Of Love“, mit dem auch Kenny Dope
gerne mal seinen Sampler lädt, zu einem wahren Feuerwerk der guten
Laune. Simpson hält sich dabei an den Re-Edit-Ehrenkodex und verzichtet
auf unnötige Spielereien. Nur der Dub Mix auf der Rückseite
wird um ein kleines Synthiesolo bereichert. Definitiv die angenehmeren
Achtziger, wenn sie wissen, was ich meine. ][ janson
Charles Webster - It’s Not What It Was - Dance Tracks
Auch wenn der Schotte nicht erst seit gestern im Rennen ist und schon
das ein oder andere mal zu verzücken wußte, gehört er
nicht unbedingt zu den verlässlichsten Vertretern der Zunft. Zu oft
läßt er den Hörer mit einer gewissen Ratlosigkeit zurück.
Mit dem neuen Release auf Dance Tracks verhält es sich anders. Angeblich
schon vor knapp zehn Jahren entstanden, passen „It’s Not What
It Was“ und „Fantasy Situations“ nicht nur durch tightes
Mastering hervorragend ins momentane Geschehen. Der Titeltrack würde
auch einem Label wie Spiritual Life gut zu Gesichte stehen und die Flipside
weiß durch geschickt eingesetzten Stoizismus wohl auch Freunde der
stumpferen Kost zu überzeugen. ][ janson
Fenin - Driven EP - Meteosound
Mapstation feat. Ras Donovan - Version Train - Staubgold
Das sind Karrieren: Ehemaliger Gitarrist einer Roots-Reggae-Band entdeckt
seine Spiritualität durch Berliner Knister-Dub. Das stilbildende
brrtzln ist auf dieser Debut-EP nicht so prominent verteten, die schlanke,
leicht verrauschte Basic-Channel-Ästhetik bleibt für Hauptstädter
jedoch weiterhin verbindlich, und man fragt sich schon, wie lange das
noch gut gehen soll. Fenin kriegt die Kurve, indem er der Bassdrum mal
einen leichten Steppaz-Schubs, mal eine kniffelige Synkope verpaßt
und mit einigen arrangierenden Handgriffen dafür sorgt, daß
den Tracks nicht auf der Mittelstrecke die Luft ausgeht. Dennoch erstaunlich,
wie ein Sound, der vor wenigen Jahren als hypermodern Geschichte machte,
kaum noch Auswege erkennen läßt.
To Rococo Rot Bassist Stefan Schneider ist’s, der mit Mapstation
einen Schritt weiter macht: abstrakter und entfremdeter verhielt sich
wohl nie ein Arrangement zu den Reggae-gesättigten Vocals. Ob Sänger
Ras Donovan erst einen Roots-Track gevoicet hat, bevor Schneider daraus
das bestrickend tröpfelnde Stück Gravity machte? Eine interessante
Liason jedenfalls aus verregneter teutonischer Schwermut und westindischem
Soul. Musik, bei der Teiche zufrieren. Geht es danach wirklich weiter?
Was liegt dahinter? ][ mandel
Akwaaba - Munkey - Disfunction
Federführend bei Akwaaba ist ein gewisser Steve Kotey, seines Zeichens
Master-mind von Hairy Claw und dem völlig wahnsinnigen Big Bear Label,
das sich ziemlich auf obskure Disco-Edits versteift hat. So einer ist
auf dem Label der ebenso völlig wahnsinnigen Idjut Boys natürlich
bestens aufgehoben. „Munkey“ fügt sich als Disco Dub
demnach auch perfekt in die fazed and twisted Soundästhetik der britischen
Humoristen ein. Als Bonus gibt es noch einen Remix von Noid Player Sir
Raymond Mang, der dann aber doch ein bißchen zu doll daherkommt
und eher in der Beatversion zu überzeugen weiß. ][ janson
RJD2 - The Horror / Smoke and Mirrors - Def Jux
Die US-Presse hat’s gemerkt und ausposaunt, und so eine steile Vorlage
soll man ja nicht unverwandelt lassen: RJD2, der optisch aus der Art geschlagenste
Act auf Def Jux (genauso käsig wie El-P, dabei nur halb so breit)
zeigt sowohl Moby als auch DJ Shadow, wie’s richtig dick klingt,
ohne dabei übertrieben eitel zu wirken. Ja, er hat sogar etwas vom
Fatboy Slim’schen Killerinstinkt, was die Breaks betrifft, und die
Verheerungen, die sie auf einem vollen Dancefloor anrichten können.
Auf Albumlänge kommt das alles doch etwas verspielt und um der Effekte
willen aufgeblasen, diese 12” faßt aber die wesentlichen Vorzüge
des DJ-Producers (der, wenn’s sein muß auch eine passable
Beatbox auf der Pfanne hat) in der angemessenen Zeit zusammen: Kompressor-Rare-Grooves
mit dem extra-brassy Punch (The Horror) und melodisch-leutseliges Blues-Faking
mit Vocals (Smoke and Mirrors). ][ mandel
Wefunk! presents The Dancer’s Groove 12” Vol 1. -
6.0 Records
Ominöses Bootleg aus den Vereinigten Staaten, dass die Stücke
„We’re On The Move“ und „Salsa House“ (hat
entgegensetzter Erwartungen mit Richie Rich nix zu tun) vereinigt. Beide
klingen schwer nach Juwelen aus der längst vergrabenen Detroit-Chicago-Schatzkiste
und es will mir partout nicht einfallen, wie die Originale heißen.
Sachdienliche Hinweise bitte an die Redaktion. Rockerplatte des Monats.
][ janson
Shawn Rudiman - Rubin’s Place - Technoairaudio
Rudiman, Shawn ist wohl kein Frischling mehr. Stöbert man mit Hilfe
von Google nach seinen Spuren, fällt auf, daß der Mann schon
die eine oder andere handelsunübliche Technoplatte ausgespuckt hat.
So kann man wohl auch „Martini Kiss“, „Solitude“
und „Shakedown“ wohl irgendwie grob in die Ecke Tejada-Lig-Duvante
stellen – mit all den damit verbundenen Flüchen und Segnungen.
Der Grund auf „Rubin’s Place“ aufmerksam zu werden,
ist an erster Stelle die Tatsache , daß mit „Rainy Days And
Nights“ ein Stück Musik, zwischen Song und Track schwankend,
ein bißchen was von der Freshness verbreitet, die heute einige gern
für sich reklamieren und die den meisten dennoch fehlt. Abgesehen
davon ist das einfach tolle Heulsusenmusik für Typen, die nah am
Wasser gebaut haben und Maximilian Hecker trotzdem für einen Whimp
halten. ][ janson
Focus - Marvin Is One - Versatile
Phil Ashers Sohn heißt scheinbar Marvin und wurde kürzlich
ein Jahr alt. Grund genug für Asher, die Platte danach zu benennen
und statt gebrochenen West-London-Beats oder Nu-Garage jetzt Techno-House
(sic!) zu machen. Den Phlash hat man selten so gehört und komischerweise
funktioniert das irgendwie. Nebst dem Titel in drei Mixen gibt es noch
einen Beat namens „Hal“, der den Reggae zurück ins Haus
holt und irgendwie wieder mehr nach Vintage-Asher klingt. Ob das jetzt
gut ist oder nicht, darf jeder selbst entscheiden. ][ janson
Big Bang - Pressure (Fini Dolo Rework / S. Attias Rework) - Arision
Manchmal wird es erst im dritten Anlauf recht. Nach Domus Remixen und
dem Original selbst, kommt mit diesen neuen Bearbeitungen endlich tanzbares
Leben in Simone Seritellas Stück. Ein einfacher, ungebrochener aber
eben groovender Housebeat, sympathische Synthie-Akkorde und die „Pressure-Vocals“
dürften so endlich auch auf der Tanzfläche genießbar sein.
Klar, ein quasi-virtuoses Saxophonsolo darf natürlich nicht fehlen,
dank seiner Kürze kann man es aber geflissentlich überhören.
][ mb
L.I.F.E.Long
- Incredibly Fresh b/w L.I.F.E. & At Sundown - Cajo Communications
Der New Yorker Rapper verdiente sich erste Meriten als Teil der vor allem
für ihre Battlekünste bekannten Crew Stronghold. Mittlerweile
ist er als Sidekick von Mike Ladd unterwegs, mit dem er die Upperclass-Verarsche
Majesticons ausheckte, dem Nachfolgeprojekte der wunderbaren Infesticons-LP
(beide auf Big Dada). Die drei Tracks auf seiner 12" bringen sein
Talent auf den Punkt: Incredibly Fresh, produziert von dem Japaner Spier1200,
hat die größte Ohrwurmqualität und die minimalistische
Dichte, die die meisten Platten des Marktsegmentes Indie-Hop-Hop aufweisen
können, allerdings nicht immer in dieser Frische. L.I.F.E. ist der
Battle-Track und geht als okay durch, wer kann, der kann eben ... und
muß offenbar auch manchmal. Sundown, ebenfalls ein Spier1200-Beat,
versetzt und von der Battlestage auf die staubigen Straßen eines
Wildwestkaffs. Unterm Strich: mit allen Instrumentals eine Menge Musik
für eine 12". Wer einen gutgeölten Importweg zu seinen
Connections zählt, sollte nach der Scheibe Ausschau halten. ][ mandel
Dutch Rhythm Combo - Go Dutch EP! - Pulver
Felix Haaksman, alter Stuttgarter Bekannter, gibt den Pulver-Veröffentlichungen
eine neue Stoßrichtung vor. Jazzig swingend experimentiert er mit
Gesang, dröhnenden Synthesizern und eben swingenden Beats. Minimal
und zurückhaltend säuselt einem Anniks Stimme während des
ersten Stücks ins Ohr und kurz-fristig mag man dem Schluß erliegen,
daß sie das Heft in der Hand hält. Der nachfolgende Track belehrt
einen aber sogleich eines besseren: Pumpende Beats und tieftönende
Bässe treiben das Tempo voran und immer noch gibt sich das alles
äußerst minimal, dubbig aber sehr geschickt durchdacht. Die
B-Seite wartet mit dem namensgebenden Track auf, der sich in gelassener
Downbeat-Manier gibt. Ein discoid geschrammelter Gitarren-Lick sorgt für
den Swing, knarzende Bässe für den Druck. Eine willkommene Abwechslung
im Pulver-Katalog. ][ mb
$tinkworks - Drexion Caves - Keynote
Name und Optik der Platte sind ziemlich eindeutig als Nachruf auf Drexciya
zu verstehen, das als Projekt durch das Hinscheiden von James Stinson
der Vergangenheit angehört. $tinkworks schaffen es zwar nicht an
ihre Delsin-Großtat „Todas Las Noches“ anzuknüpfen,
bleiben aber auch nicht allzu weit hinter den Erwartungen zurück.
Wie gehabt gibt es hier Beats von Menschen, für die Musik aus Detroit
nicht allein die Assoziationen Marshall Mathers und Motown wecken. Fußballrhetoriker
würden hier von einem verdienten Null zu Null sprechen, glaube ich.
][ janson
Up, Bustle & Out - Runaway Hague - 500cc Revolutionary
Mit der zweiten der wunderschönenen 45er, zu deren erklärtem
Sammler ich jetzt geworden bin, verweilen Up, Bustle & Out auf Jamaika,
gehen aber in der Zeit noch zurück: Runaway Hague ist ein Ska-Instrumental,
dessen einleitendes Bläser-Riff man sich schon mal als Scratch-Tool
vormerken kann. Knisternder Vintage-Sound garantiert, das wird wohl das
nächste große Ding (In Berlin bastelt ein mir bekannter Producer
bereits an Rocksteady- und Mento-Arrangements im Mono-Gewand). Der "Air"-Mix
auf der B-Seite ist ein untanzbarer Dub, der die Drumspur weitgehend in
den Schrank sperrt und dem mit komischen Quartenfiguren quer einschlagenden
Trompeten-solo jede Menge Luft läßt. ][ mandel
Fuse And - Place Unknown (Rmxs) - SBB
Strange But Beautiful. Fuse And ist eine Emo-Band aus Bonn, „Place
Unknown“ ein Track aus ihrem letzten Album, der hier unter’s
Drum’n’Bass-Messer kommt. Syncope hält sich nahe am Original,
mit einfachen, elektroiden Beats. Straight. Henree lockert die Stimmung
etwas auf und verwandelt das getragene Original sogar in eine lustig hüpfende
Nummer. Easy. Bandhead Fatzo wagt sich am Ende nochmal selbst dran und
stellt die Gitarre in den Vordergrund. Tragend. Die drei Tracks gibt’s
als Mini-CD in 50er Auflage. Order unter www.f-spin.de][
lightwood
Alphacut 001
... und wächst. Quer durch die Republik präsentiert uns Labelmacher
LXC drei Artists: Cycom aus Hamburg, Buzz aus Dortmund und Jakin Boaz
aus Leipzig. Von tanzflächenschwanger bis kopflastig wird lediglich
mit drei Tracks ein sehr breites Feld abgesteckt. Total zerlegte und noisig
eingehüllte Beats finden sich bei „Eko“. Komplexe, chaotisch
anmutende Beatfrickeleien hat „Powerplant“ parat, bevor Cycom
seine Amensalven bei „Rude Bwoy“ unter’s Volk bringt.
Knarzig und treibend. Für Rude Boys und Beatdigger. ][ lightwood
Precision 24
Debut von X-Plorer & Dee Pulse auf Precision und das gleich wirklich
gekonnt. Bei „Nobody“ stimmt einfach alles. Der Tune pumpt
mit allen Registern. Der sich nach oben schraubende Säge-Bass im
Einklang mit der Vocal-Hookline von MC Triad ergeben ein sehr schlüssiges
Bild. Clubhit und gleichzeitig Ohrwurm für zuhause. „Clear
Cut“ auf der Rückseite entwickelt sich langsam und prächtig,
gräbt tief unten und wird fündig. ][ lightwood
Nasdia
01
Leipzigs Labellandschaft wächst... Düstere SciFi-Atmosphäre
verbreitet Demenz mit „Lost In Thought“ - ein straighter,
technoider Stepper, der eine ordentlich durch den Filter bzw. Phaser gezogene
Bassline mit sich schleppt, die am Ende richtig spannend wird. Sehr rough
und auf eine ungewöhnliche Art monoton. Creative Urge bleiben auch
straight, sind aber etwas frischer unterwegs. „Conversion“
taucht ein mit dezenten Female-Vocals und tragenden Flächensounds,
bevor dir der Sägezahn um den Kopf kreist. 100 Stück sind erhältlich
unter www.nasdia.de ][ lightwood
Matt Flores - Digital Self - Combination
Broken Beats meets Detroit. “Digital Self” groovet sich gefühlvoll
ein. Gekonnt und sofort überzeugend wird die Brücke geschlagen
zwischen eher organischer (Beat-) und digital-synthetischer (Sound-)Ebene.
Angenehm überraschend und neuartig sind nach ca. Zweidritteln des
Tracks die gecutteten Amenbeatsprengsel, die extrem funkig kicken. „Deep
Into Your Mind“ fängt vielversprechend träumerisch an,
wirkt dann aber etwas zu überladen und verspielt. „Higher Grounds“
ist dann die richtige Nummer um morgens um fünf nochmal die letzten
Schweißtropfen zu vergeben. ][ lightwood |