Der Ursprung der Bewegung - Treibstoff
Am Anfang war der Wunsch. Nach der üblichen Metamorphose vom Konsumenten
zum Produzenten stapelten sich fertige Tracks auf der heimischen Festplatte
und harrten verstaubend der Veröffentlichung. Das Verschicken von
Demobändern stellte sich als eine unbefriedigende und langwierige
Angelegenheit mit ungewissem Ausgang dar. Zuviel der Unwägbarkeit.
Also Herz gefaßt, Lieblingswerke zum Presswerk getragen und hinaus
mit den Klängen in die weite Welt, ohne recht zu wissen, wie einem
geschieht. Dieser Verlauf dürfte so etwas wie die Struktur-Blaupause
der elektronischen Musik darstellen und so überrascht es nicht weiter,
daß auch hinter dem Kölner Minimalhouse-Label Treibstoff eine
solche Geschichte steht. Hinter der Vinylschmiede mit Hang zu Ausflügen
in den Listening-Bereich stehen die Herren Marcel Janovsky und René
Breitbarth. Die Domstädter können inzwischen auf 27 erfolgreiche
Releases zurückblicken und erfreuen sich eines stetig steigenden
Interesses, seit 1997 der Erstling in die Läden kam. Das folgende
Interview bringt Licht in das Wissensdunkel um Label und Betreiber:
ouk: Konzept und Zukunft von Treibstoff? Definiert den
Treibstoff-Stil.
Marcel: Treibstoff haben wir 1997 gestartet, weil wir
einfach unsere Musik auf Platte pressen und verkaufen wollten - eben die
klassische Labelstory. Irgendwann bekamen wir dann Demos von Leuten, die
wir nicht kannten, z. B. NOVATEK aus Griechenland oder JEFF BENNETT (Schweden).
Viele schreiben oft, daß man die Musik auch gut zu Hause und nicht
nur im Club hören kann. Das gefällt uns konzeptionell. Bei nunmehr
fast 30 Katalognummern einen bestimmten Stil zu definieren ist eigentlich
nicht möglich. Wir etablieren meist Künstler, die einen individuellen
Stil haben. Zum Beispiel bei Jeff Bennett, Novatek oder Maetrik hörst
du schon nach einer bis vier Takten, daß "er" es ist.
Bei René ist es der Track als ganzes, der ihn identifiziert. Gerade
heutzutage, wo viele Aufnahmen durch ihre Laptopästhetik sehr verwechselbar
sind, ist es wichtig, eine Indivdiualität zu bewahren, aber gleichzeitig
auch immer eine überraschung oder einen Querschläger zu bringen,
wie vor kurzem geschehen mit der "Blinzr - Glance for a while".
Ein recht poppiger Track mit Gesang, mit dem einige treue Treibstoff-Konsumenten
nicht unbedingt was anfangen konnten. Aber auf der anderen Seite gab es
eine Menge Leute, die erst durch diese Platte zum Label gefunden haben.
In Sachen Veröffentlichungen sieht es so aus, daß wir momentan
das Album von René am Start haben und in den nächsten Monaten
Künstler wie z. B. NOONCAT aus Moskau, der schon auf Trapez und Salo
einiges gemacht hat. Er bringt gleich zwei Maxis und eine CD in Form eines
Mini-Albumsheraus, die beide Maxis plus Bonustracks beinhaltet.
Weiterhin kommt ca. April eine Killermaxi von MAETRIK, den ich by the
way für eines der größten Talente in Sachen "moderner
Techno" halte. Und FALKO BROCKSIEPER vom Nachbarlabel SUBSTATIC wartet
mit seiner 3. Treibstoff-Maxi auf.
ouk: Eure Alltime Top 10?
René:: Puh, das ist schwer.
Marcel: Das ist schwer wie Gewichte. Selbst bei meinen
Jahrescharts 2002 sind mir im nachhinein noch X Platten eingefallen, die
ich vergessen habe. Wie wird das wohl sein, wenn ich dir jetzt meine Alltime
Top 10 nenne…
ouk: Wieviele Platten türmen sich jeweils in euren
Wohnungen?
René: Überschaubar.
Marcel: Bei mir nicht so, könnten 10-15.000 sein.
ouk: Liegt die Priorität auf dem Label oder beim
Auflegen?
Marcel: Ganz klar beim Label, denn viele DJ-Gigs resultieren
aus Labelarbeit und Plattenproduktionen.
René: Beim Produzieren, dann Auflegen.
ouk: Habt ihr auch Interesse an anderen Musikrichtungen?
Wenn ja, welche?
René: Klar, z.b. Pop, Gitarrenmusik, Ambient,
experimentelle Musik, Hip Hop, Trip Hop, 80er(Pop), 70er(Hippiemusik),
60er..., also fast alles. Teilweise auch beim Produzieren zu hören,
z. B. auf dem Adventures-Album.
Marcel: Bei mir nicht ganz so ein Kessel Buntes, aber
ich habe in den 80ern viel Rap gehört. Leider gibt es da heute nicht
mehr so viel gutes. Oder Popmusik kann klasse sein. Fast jede Musikrichtung
kann gut sein, wenn sie richtig bedient wird.
ouk: Interesse an anderen Kunstrichtungen? Comics,
Graffiti, Theater...
Marcel: Ja sicher, es gibt immer viel Interessantes zu erleben und zu
schaffen. Wenn ich mal auf Festivals auflege, gibt es meist Installationen,
Ausstellungen, die mich interessieren. Ich selbst würde gerne mal
mit Malen anfangen. Aber die Zeit ist immer so knapp L.
René: Klar, Kunst generell ist sehr bedeutungsvoll,
jedoch bin ich bis jetzt nicht aktiv in anderen Gefilden.
ouk: Stellenwert der Optik? Wer ist für das Design
verantwortlich? Warum gibt es auf der Internetseite kaum Informationen
über die Künstler und die Geschichte des Labels?
Marcel: Optik ist heutzutage sehr wichtig. Sie entscheided
größtenteils darüber, ob jemand im Laden eine Platte in
die Hand nimmt oder nicht. Meistens kannst du am Artwork schon erkennen,
ob dir eine Platte gefallen wird. Ganz selten ist es anders. Wie eingangs
erwähnt, ist Falko Brocksieper vom Sub-Static-Label für unser
Design verantwortlich. Er macht einen glänzenden Job und es paßt
eigentlich immer sofort jeder Entwurf. Auf diesem Wege mal 1000 Dank an
die coole Sau.
Das mit der Internetseite ist übrigens in Arbeit. Infos über
Künstler & Story kommen bald. Da wir zur Zeit an einem Komplett-Relauch
von www.treibstoff.org arbeiten, haben wir an den momentanen Seiten kaum
noch Updates gemacht.
Erwähnenswert sei hier aber unser Flashplayer, der euch wie eine
Art Treibstoff-Radio fast alle Tracks in voller Länge spielt.
Es ist am wichtigsten, die Musik auf einer Labelseite zu featuren.Bei
vielen Webseiten von Kollegen gibt es viel zu lesen, leider aber kaum
Musik.
ouk: Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, was veröffentlicht
wird?
Marcel: Oft ist der erste Moment schon entscheidend,
aber es gibt auch Sachen, die man sich mehrmals anhören muß.
Ich nehme mir dann die Tracks manchmal auf alle möglichen Medien
auf, um sie an verschiedenen Orten hören zu können.
Das ist so ein Prozeß, bei dem man sich manchmal erst nach mehrmaligem
Hören in Tracks reinversetzt und erst dann überzeugt ist.
Es gab auch schon Tracks, die ich nicht genommen habe, und jetzt, wo sie
auf anderen Labels erschienen sind, spiele ich sie beim Auflegen rauf
und runter.
Wie gesagt spielt auch die Individualität des Künstlers eine
Rolle.
Es sollte zu erkennen sein, daß vielleicht auch mehr als eine Platte
drin ist.
ouk: Steht für euch hinter dem Gebilde Minimalhouse/Techno
eine Philosophie, mit der ihr euch identifiziert, oder wird strikt getrennt
zwischen Musik und restlichem Leben? Wie seht ihr die Entwicklung der
elektronischen Musik, Publikum, Qualität etc.? Wie beurteilt ihr
den status quo?
Marcel/René: Es gibt keine Trennung, denn es gibt
nicht so eine Situation, wo du vielleicht wie bei einem nine-to-five-Job
sagst: "So jetzt ist Feierabend - ich fahre nach Hause". Musik,
Label und Elektronik ist unser Alltag. Zum status quo der elektronischen
Musik ist zu sagen, daß ich unsere Sparte immer noch als eine der
entwicklungsreichsten und innovativsten empfinde. Hier passiert und geht
noch einiges. Beim Publikum und Party ist es so, daß alles wieder
schrumpft und eher die kleinen Clubs gefragt sind und das ist auch gut
so.
ouk: Kennt ihr und interessiert ihr euch für die
Hintergründe, die Geschichte elektronischer Musik?
Marcel: Ich habe Anfang der 80er angefangen Platten zu
kaufen, somit ist die Geschichte bestens bekannt und meine Story ist wohl
genau so klassisch wie die unseres Labels.
Warum ein Synthesizer funktioniert oder wer ihn erfunden hat, ist mir
wiederum fast egal.
ouk: Neid auf Chartsstürmer, die sich mit grauenhafter
Musik goldene Nasen verdienen?
René: Ja klar, es gibt aber auch viel Gutes in
den Charts. Bei Supertrash steht man natürlich schon etwas fassungslos
da - aber jedem das seine.
Marcel: Neid nicht wirklich, aber man ist manchmal schon
überrascht, mit was für Produktionen manche Leute ihr Geld verdienen.
Aber Erfolg hat immer recht.
ouk: Ist es euch wichtig, diese Art von Musik möglichst
vielen Leuten nahezubringen, oder gefällt euch der Undergroundstatus
und dessen "Exklusivität"?
René: Das Underground-Ding stand bei uns im Vordergrund
, als wir 18 waren. Jeder darf, soll und kann unsere Musik mögen.
Was spricht denn dagegen, viele Menschen zu erreichen?
Marcel: Eben. Von wegen UR-Shirt von innen bedruckt und
was es damals alles gab. Braucht heute keiner mehr.
ouk: Befürchtet ihr durch die Downloaderei im Internet
einen Einbruch der Plattenverkäufe?
Marcel/René: Was Vinyl angeht, machen wir uns
keine Sorgen, denn das kann man sich nicht runterladen. Wobei Erfindungen
wie Final Scratch schon bedenklich sind. Aber eben halt bedenklich.
ouk: Führt ihr euer Traumleben?
Marcel: Kann man fast so sagen. Wenn man bedenkt, was
andere Leute z. B. an Reisen unternehmen oder vielmehr nicht. Einmal Ibiza/Mallorca
und zurück für ganze 2 Wochen im Jahr. Letztes Jahr war ich
in so vielen verschiedenen Ländern, daß ich es selber kaum
glaube.
Rene: Wir sind auf dem besten Wege, falls es so was überhaupt
gibt. Das gibt es doch nur zeitweise.
ouk: Glaubt ihr an Außerirdische? Warum?
René: Auf jeden Fall. Das Universum ist UNENDLICH
groß und wir sollen die einzigen sein? - Never. Unglaubliche Arroganz.
Marcel: Stimmt, aber wer die Entstehungsgeschichte der
Erde kennt, weiß, daß es ein unglaublicher Zufall ist, daß
wir da sind.
Ein paar Grad weg von der Umlaufbahn und alles wäre nur noch ein
Bällchen aus Schutt und Asche. Aber wie René schon sagt, ist
alles so groß, daß solche Zufälle durchaus öfters
vorgekommen sein könnten oder noch passieren.
ouk: Digital oder analog?
René: Absoluter Digitalfan. Ich finde analog auch
gut, bin aber für Fortschritt. Es kommt mir vor wie im Schlaraffenland,
da es so viele Möglichkeiten gibt. Dann ist da auch noch die Kostenfrage.
Man hat natürlich einige Zeit gebraucht, um zu verstehen, daß
es für weniger Geld genau so gut gehen kann. Bei mir zählen
eher die Ideen als das Equipment.
Marcel: Die 80er und 90er waren analog. 2000 ist digital.
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