| das zweiund40ste ± druckvoll & reinigend ± April/Mai 03 | DE-COMPOSED! |
DE-COMPOSED!
In musikalischer Hinsicht könnte man Cage als Überwinder traditioneller europäischer Musiktradition betrachten, als avantgardistischen Samurai, Eroberer bisher nicht wahrgenommener Ausdrucksmöglichkeiten; subtrahiert man die teleologische Tradition der abendländischen Moderne (und mit ihr natürlich auch die antike Tradition des Logos), müßte man die Vorstellung eines tonalen Zentrums radikal ad absurdum führen und diese Vorstellung durch ein ostasiatisches Vorbild ersetzen, das Körper und Geist vereinigt und das Zen-Rauschen, das Verharren im Schwellenbereich und das Überwinden dieser Zone zum ästhetischen Ereignis umhüllen, umformen, umgestalten. Nach diesem Vorbild versucht man in musikalischer Hinsicht den Gesamtprozeß des Kosmos einzublenden und damit jeder bewertenden Beurteilung zu entweichen, zu entwinden. Daß dieses Vorhaben methodologisch schier unmöglich bleibt, ist uns hoffentlich bewußt, da unsere Sprache, immer schon von bestimmten Objekten gelenkt worden ist / gelenkt wird, geleitet worden ist / geleitet wird und jeder Versuch, das Objektlose beschreiben zu wollen, zum Scheitern verurteilt ist. Allenfalls könnte man eine polyphone, kakophonische Poesie heraufbeschwören, die dann, vielleicht in der Tradition der Gnosis oder des Symbolismus, das Unbeschreibbare geheimnisvoll und dissonant, assoziativ betrachten zu vermag. Mit Cage würden wir dann zu einem Ort getragen werden, emporsteigen, an dem alles Seiende scheinbar überwunden ist; die Auflehnung der "No-Mindness" gegen die Sinnträchtigkeit traditioneller Musik, die Auflehnung, die in eine fast schon messianisch-anmutende Religiosität überführt werden würde. Heute widmen wir uns polyphonen, kakophonischen Bewegungen und versuchen diese den Lesern/Leserinnen näher zu bringen. Nicht so radikal, nicht so transzendent wie Cage oder Stockhausen, aber doch ein Wagnis wert, der Versuch Patrick Pulsingers, ein Rhizom (Vergleich: Deleuze/ Guattari: Das Rhizom) musikalisch zu beleben. Ein Rhizom, das ist ein Wurzelgeflecht und zugleich eine rigorose, beindruckende Metapher für eine mehrdimensionale Bewegung, die weder Innen noch Außen kennt, deren Knollen sich an manchen Stellen kreuzen, deren Bewegungen sich überlagern und entzweien, ganze Ensemble von Knotenpunkten bilden, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Bewegungen der Beschleunigung und Verlangsamung vernetzen, verspinnen, verzweigen. Das Rhizom von Patrick Pulsinger ist ein verjazztes, spielerisches Wildknoll-"Easy to asemble hard to take apart in the shadow of ali bengali" (Form&Function/ Zomba). Das Ganze oder das Zerstreute ist das Zusammenspiel von drei Wiener Jazz-Trios, Homogenität vs. Heterogenität, an den Turntables agiert Philip Jeck, am Laptop prozessiert Christoph Kurzmann. Pulsinger sorgt abermals für eine gekonnte Überraschung, die allen Hörer/Hörerinnen ein Experiment veranschaulicht, ein Wagnis als doppeltes Spiel überlappender und aneinander vorbeilaufender Sequenzen. Man kennt solche Spiele vielleicht von DJ Spooky, wobei hier noch stärker mit vertrauten Jazzstrukturen kokettiert wird (vielleicht könnte man hier auch das Projekt von Matthew Shipp und DJ Spooky erwähnen und sich die Frage stellen, inwieweit hier traditionelle Jazz-Strukturen verlassen werden), die sich ad hoc auflösen, oder den Anschein machen in eine nicht mehr wahrnehmbare Sphäre vorzudringen, als ob sich eine Nebelbank über den tonalen Reihen breit machen würde, die diese in eine undurchdringbare klangliche Körperlichkeit überführt; eine Körperlichkeit, die per se im Fragmentarismus erlischt. Jazz-Strukturen und Auflösungs-Spiele sind bei Pulsinger kein modisches Ornament; Pulsingers Ornamente-Loops und Sound-Effekte verleihen dem Rhizom eine dubbige Tiefenstruktur. ][ j.n |
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