OUK das zweiund40ste ± druckvoll & reinigend ± April/Mai 03 D.S.D.S.

Drums, Drums, Drums - Deutschland sucht den Superbass

Die Musikindustrie heult. Doch, nachdem Labels wie Hard:Edged, Basswerk oder Precision standhafte Festungen mit internationalem Anspruch geworden sind, brodelt es gewaltig im deutschen Drum'n'Bass-Untergrund. Höchste Zeit, ein wenig Licht in das Dunkel zu werfen, Foren zu durchkämmen und Email-Interviews zu führen. ouk gräbt tief: viele frische Labels und Aktivisten bergen ein großes Potential, das in nächster Zeit spannende Entwicklungen erwarten läßt. Die jungen Gesichter scheinen sich wenig um Kassandra-Rufe aus der Branche zu kümmern. Munter wird das eigene Label gelauncht. Mit ein paar Euros aus den DJ-Gagen kann man die eigene Platte im Laden beliebäugeln.

Der Leipziger LXC entspringt aus dem protocut.net-Umfeld, seine Produktionen sind wahre Beatorgien und Anfang des Jahres erblickte sein Alphacut Imprint das Licht der Welt.

LXC: Der entscheidende Punkt, Alphacut zu launchen, war die Vereinigung meiner Aktivitäten im Drum'n'Bass-Umfeld (Kommunikation mit Musikern, Tätigkeit als Veranstalter und Produzent) und der Möglichkeiten, Alexdees verschiedene kleine Vertriebe und andere Kontakte zu mobilisieren. Im Umfeld der verbreakten Musik tun sich zunehmend Löcher auf, die wir gerne schließen möchten.

Manu Harmilapi geisterte als 17jähriger in der Kölner Acid-Szene herum und landete mit seiner ersten Single in 300er-Auflage den Wochenhit im Delirium Köln. Zu jener Zeit hatte er aber auch die Jungle-Bewegung im Auge und brachte es zusammen mit (MC) Daddy Roach sogar zu einem Liveact im Rhenania. Back in business meldete er sich vor einiger Zeit mit seinem eigenen Outlet "Plain Productions”. Iaka verdankt seinen Künstlernamen seinem ersten Sampler und er ist glücklich, daß er sich heute nicht "Ume" taufen muß...

iaka: Ich bin der Überzeugung, daß man einen gewissen Stil nur dann etablieren kann, wenn man selbst ein Label hat. Es ist völlig unnötig, ein Label zu gründen, wenn man doch nur andere kopiert. Der eigene Stil oder der Stil Gleichgesinnter läßt sich oftmals nicht woanders unterbringen. Sei es die Angst anderer Labels, wenige Platten zu verkaufen, wenn die Tracks zu sehr von der Norm abweichen, der fehlende Respekt oder einfach ein völlig anderer Geschmack.

Mixtape-Labels scheinen gerade in Ostdeutschland sehr populär zu sein. Ob es daran liegt, daß das Tape dort einfach einen anderen Stellenwert hatte (lange Zeit Audiomedium Nr. 1 ...), ist die Frage. Auch Angel Dust und Racoon aus Chemnitz starteten 1998 mit Dead Metropolis solch ein Label, bevor zwei Jahre später die Eigenproduktionen endlich reif dafür waren, um sie auf Vinyl zu bannen.

Angel Dust: Ich denke nicht, daß Mixtape-Labels nur im Osten populär oder vertreten sind. Das hat vielleicht eher einen regionalen Zusammenhang. Mein Vorbild war das Chemnitzer Tapelabel "Phlatline Tapes", das mit seinen regelmäßigen HipHop- und Dancehall-Tapes bundesweit am Start ist. Im HipHop gibt es sogar Mixtapevertriebe. Eine Plattform für deutsche Mixtapeserien zu schaffen, macht Drum'n'Bass vielleicht populärer. Sich ein Tape mit 15 und mehr Titeln zu kaufen, liegt für einen reinen Drum'n'Bass-Hörer näher, als sich die verschiedenen Singles wie ein DJ zu kaufen.

Doch es geht nicht nur darum, Platten zu veröffentlichen. Die gute alte Labelphilosophie scheint mehr denn je eine wichtige Rolle zu spielen. Man macht sich Gedanken.

LXC: Spaß und Befriedigung für Tanzbein und Ohr, gepaart mit ehrlicher Direktheit und ungezwungener Innovation. Alphacut soll ein kleines Testfeld für die Acts von Morgen sein, nachhaltig unterstützt durch eine gewisse Whitelabel-Philosophie, die sich durch das Layout und unkomplizierte Arbeitsweisen äußert. Wir verschwenden unsere Jugend, um anderen ihre Jugendverschwendung leichter zu machen. ;-) Wir arbeiten eng mit unserem Presswerk (Barth steht z. B. selber an der Presse, ich kenne mich im Schneidestudio ganz gut aus) und dem Hauptvertrieb zusammen. Beides liegt in Leipzig. Alles geht durch weniger Hände, damit schneller und unkomplizierter. Ansonsten schalten wir einen Gang zurück zu Drum'n'Bass anno 1995, um von dort aus neu durchzustarten! :-) Wir finden, daß Deutschland ein Standort der Cutting Edge war und auch wieder werden sollte.

iaka: "Plain" bedeutet u. a. ehrlich, einfach oder schlicht. Die eigentliche Philosophie und Grundaussage "plain" bezieht sich also auf einen schlichten und unkonventionellen Lebensstil. Darüberhinaus spricht der Name natürlich auch unseren musikalischen Stil an, der ziemlich schlicht gehalten ist - um jetzt nicht minimal sagen zu müssen. Plain Productions ist kein Sprungbrett für Produzenten mit scheckheftgepflegter Arbeitsweise, sondern eine Plattform für kreative Köpfe.

Racoon: Sich auf einen Style festzulegen, halten wir für unangebracht, da sich jeder Künstler durch verschiedenste Einflüsse über die Jahre verändert. Wir wollen erstmal einen konstanten Output schaffen - Produktionen gibt es schließlich genug.

LXC: Alle Alphacut-Platten sind Split-Maxis. Das Format der verschiedenen Künstler soll die ganze Sache lebendig halten. Wir finden es spannend, gute Tracks von verschiedenen Leuten (vielleicht auch aus verschiedenen Musikbereichen) auf einer Scheibe zu einem Gesamtbild zu vereinen. Wir werfen nicht nur A-Seiten zum Testen raus, sondern die Nummern auf einer Scheibe soll ein roter Faden verbinden. Eine gemeinsame Idee, die jedoch in verschieden Köpfen geboren ist - ein Labelkonzept, das quasi die geheimen Parallelen aller Producer ausgräbt.

Die Tendenz geht heute dahin, daß jeder (Künstler) früher oder später sein eigenes Label launcht. Ein endloser, unüberschaubarer Dschungel entsteht...

Angel Dust: Ich meine, wieviele Technolabels gibt es eigentlich?

LXC: Das ist eine unschöne Entwicklung zur Label-Egozentrik. Viele Leute sagen: wenn ich mich selbst veröffentliche, habe ich meinen heißen Scheiß sofort auf Vinyl und die Dinge passieren so, wie ich es will oder wie ich mich darum kümmere. Natürlich geht es alleine schneller, dennoch denken wir, daß gepreßte Musik auch eine gewiße Zeitlosigkeit in sich haben sollte um veröffentlichungswürdig zu werden. Und wer auf fitte Labels trifft und sich an die richtigen Leute hält, braucht auch nicht lange auf versprochene Releases zu warten. Wir sind nicht für eine Monopolisierung der Labellandschaft (das wären dann ja quasi Indie-Majors...), haben aber eben etwas gegen diese Zerstückelung. Und letzteres vor allem dann, wenn die Splittergruppen sich nur selber hypen, am Ende alle aneinander vorbeiarbeiten und sich keiner mehr der objektiven Kritik eines Labels aussetzen will. Das Ergebnis ist ein Stillstand in der Musik, wie er schon seit einigen Jahren stattfindet.

iaka: Dadurch geht auch viel unter, aber das hat ein Dschungel so an sich. Eigentlich sollte man nur ein Label gründen, wenn man damit auch etwas Neues zu etablieren versucht. Wenn es nur darum geht, Platten zu veröffentlichen, ist es viel einfacher über andere Labels bekannt zu werden. Ich sehe ein Label also mehr als eine etwas bessere Visitenkarte, die nur dann ihre Wirkung zeigt, wenn sie nicht mit einem Standard-Layout erstellt wurde.

Angel Dust: Die Labelmacher überlegen sich einfach genau, wie sie ihr Geld in Releases umsetzen. Oft sind da keine großen Spielräume, um zu sagen: "Laßt uns einfach den Typ, der das Demo geschickt hat, veröffentlichen". Da releast man erstmal seinen eigenen Stuff. Man will nicht ewig in der lokalen Szene rumtümpeln.

Racoon: Der Hauptgrund ist vor allem Unabhängigkeit. Dabei halte ich es für nützlicher, sich zusammen für die Etablierung eines Labels einzusetzen, als eine Labelgruppe zu bilden, unter der dann jeder Artist sein eigenes Label betreibt, der Sound sich aber im Wesentlichen kaum unterscheidet. Diese Unübersichtlichkeit wird sich auf Dauer schlecht auf die Verkaufszahlen auswirken.

Seit letztem Jahr hat auch der Würzburger Cativo ein eigenes Label am Start: Assimilate Records. Was bewegt jemanden dazu, von einem renommierten Label (Position Chrome) wegzugehen und sein eigenes zu starten?

Cativo: In erster Linie bin ich fortgegangen, weil ich gemerkt habe, daß ich ein Image aufgedrängt bekomme, das ich gar nicht wollte und zwar das des Hardcore-Prügel-DJs. Die Promotion für mein erstes Album "3 Seconds is now" habe ich damals sowieso weitestgehend selbst gemacht. GEMA-Geld habe ich bis zum heutigen Tag keines für meine Releases dort erhalten. Die Verkaufszahlen bei Position Chrome werden zudem überschätzt. Das liegt wohl daran, daß seitens bestimmter Künstler auf dem Label die Angaben über verkaufte Exemplare maßlos übertrieben werden.

Und von Bereuen kann nicht die Rede sein...

Cativo: Seither habe ich DJ-Gigs wie nie zuvor. Es kann nicht besser laufen. Ich bin sehr zufrieden. Die Assimilate 001 ist jetzt auch vergriffen.

Der Vertrieb ist ein wichtiger Knackpunkt für die deutschen Drum'n'Bass-Labels. Der Export-Markt wird (noch) vom englischen Zirkel beherrscht, der vermutlich auch die wichtigen in England ansäßigen Export-Vertriebe in gewisse Richtungen drängt. Je nach Jahreszeit oder Wirtschaftslage hat man dann auf einmal kein Interesse mehr, von den deutschen Vertrieben zu kaufen. Währenddessen landen in den hiesigen Plattenläden englische Releases, dessen Großteil eigentlich keiner Erwähnung wert ist. Offline Rec. aus Ludwigsburg/Stuttgart oder Form Rec. aus Hamburg nutzen ihre England-Connections und gehen z. B. direkt über den englischen Vertrieb Nu Urban Music. Das Risiko ist mit Sicherheit größer, der Ertrag unter Umständen jedoch auch. Eine andere Variante spielen Tronik 100 aus Essen durch: mit Veröffentlichungen auf englischen Labeln wird zunächst der Name dort gefestigt. Ob jetzt ihr neues Label Codex davon profitiert, bleibt abzuwarten. Gerade scheinen jedenfalls die Karten wieder gut gemischt zu sein:

Racoon: Wir waren mit unserem dritten Release positiv überrascht, was den Vertrieb betrifft. Vor allem die Zusammenarbeit Groove Attacks mit dessen Partnervertrieben im Ausland schien sich erfolgreich auf den Verkauf ausgewirkt zu haben. Im Allgemeinen sieht man auch, daß weltweit das Interesse an Drum'n'Bass steigt. In den USA z. B. sind die Plattenverkäufe höher denn je.

Den perfekten Vertriebsweg sucht sich jeder selbst. Die Vor- und Nachteile liegen auf der Hand:

LXC: Durch Vertriebsbindungen bei den Großen und Zerstückelung bei den Kleinen entstehen unschöne logistische und organisatorische Hürden für die Labels und die Läden. Bei den Großen gibt es oft Exklusivbindungen, wodurch bestimmte Labels an bestimmten Stellen des Marktes verloren gehen, z. B. geografisch gesehen nicht weit kommen. Aber auch der eine oder andere Laden bekommt vielleicht gerade von dem einen Vertrieb keine Platten. Von den kleinen Vertrieben gibt es zu viele. Es entstehen hohe Portokosten oder auch ein hoher Aufwand bei der Organisation der Kontakte. Wir selbst versuchen, alles über so wenig Vertriebe wie möglich abzuwickeln, lassen uns aber nicht exklusiv binden.

So richtig tief im Untergrund gräbt der Leipziger Marcel, der neben seinem Tapelabel jetzt auch das passende Vinyllabel "Nasdia" gestartet hat. Mit einer Startauflage von sage und schreibe hundert Stück wird erste Resonanz abgeklopft.

Marcel: Es sind in Zukunft auch höhere Auflagen geplant. Wir werden auch von der 001 nachpressen lassen. Vertriebswege werden wir in Zukunft auch noch mehr ausbauen, aber auf die herkömmlichen weitestgehend verzichten. Die Untergrund-Strukturen, wie z. B. der Eigendirek-tvertrieb, wird weiter genutzt. Gerade die Vertriebswege im Breakcore und Hardcore sind gut. Hier machen viele Leute aus der Szene Mailorder oder kleine Vertriebe, wie etwa Sound Base aus Leipzig oder D. H. Worldwide. Ich selbst bekomme immer mehr gute Drum'n'Bass-Platten von weniger bekannten Producern gerade aus Frankreich bei diesen Vertrieben.

Der Online-Mailorder nimmt mehr und mehr zu. Seiten wie Redeye oder Chemical Records verkaufen enorme Stückzahlen, nicht zuletzt aufgrund des guten Services mit Vorhören, White-Label-Kontingenten und Verfügbarkeit. Das Netz als ertragreiche Alternative zum klassischen Vertrieb oder Plattenladen?

iaka: Klar - Mailorder ist meine große Hoffnung. Ich finde es gut, wenn z. B. jemand aus Japan eine Independent-Produktion aus Deutschland kaufen kann. Sowas fördert junge Produzenten und verhindert Kartelle.

Angel Dust: Du mußt mit einer Internetseite immer erstmal dafür sorgen, daß die Leute dich auch kennen.

Racoon: Man sollte vor allen Dingen bedenken, daß heute jeder die Möglichkeiten besitzt, sich im Internet zu vermarkten. Dabei gelangt man schnell wieder an den Punkt der Unübersichtlichkeit. Solange man aber versucht, eine Vielzahl an Labels unter einem Konzept zu präsentieren, wirkt das Internet als Vertrieb gleich viel realistischer.

Ein solches Konzept bietet auch drumandbass.de an. Sämtliche deutschen Drum'n'Bass-Labels sind hier erhältlich, inklusive Backstock versteht sich.

--- Teil 2 in der nächsten Ausgabe ouk 043 feat. Präsenz, Promotion, Optik, Netzmöglichkeiten, Standort Deutschland ---

][ lightwood


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