OUK Das Sechste   super & bleifrei Little Wonder
trommel

Wir haben Samstag-Abend, kurz nach 21 Uhr und Familie J. sitzt gemütlich vor der Breitbildröhre. Plötzlich begrüßt Thomas G., Herr der Wetten, einen 50-jährigen Igelkopf von der Insel, der ein musikalisches Werk auf seinem Buckel trägt von dem manch einer nur zu träumen wagt. Eine langweilige Wette später ist dieser wieder Mittelpunkt der Zuschauer zu Hause und im Studio. Fast pantomimisch bewegen sich seine Lippen, unterstützend von Beats und Breaks und Sounds, die wohl von einem Band hinter der Bühne kommen müssen. Schlechter "Live-Act", verhaltener Applaus vom Publikum und ich hätte doch zu gerne die Reaktion in den Gesichtern der Familie gesehen.

Wetten, daß der Erdling an diesem Tag wirklich ein kleines Wunder vollbracht hat?



Kemsitry while DJ'ing

Ein großes Wunder haben sicherlich auch zwei Damen aus London dargeboten, denn selten habe ich eine so heterogene und feierwütige Partycrowd an einem Donnerstag im Depot in Tübingen erlebt wie am 30.1.97.

Die Metalheadz Sessions rollten und werden noch rollen gen Germany, beginnend mit Kemistry + Storm (Jan./Feb.), gefolgt von Doc Scott (Feb.), Peshay (März), Ed Rush (April), J-Majik, Photek (Mai) ... und last but not least Grooverider (wahrscheinlich Juli) und Fabio im Herbst. Aber auch in anderen Ländern auf anderen Kontinenten waren Kemistry + Storm schon unterwegs, in guter Absicht, das globale D'n'B-Netz zu fördern.


"Wir waren letztes Jahr in Japan wo wir nach dieser Deutschland-Tour erneut sind, ansonsten in Canada und bei einer sehr guten Party an einem Montagabend in Washington, USA. All diese Plätze haben im Moment sehr gesunde D'n'B-Szenen und es ist interessant zu sehen, daß D'n'B auch an Orten wie Japan sich prächtig entwickelt. It's going global! D'n'B wird sich auf der ganzen Welt ausbreiten und an den verschiedenen Plätzen wird man seine Einflüsse in die Musik miteinbringen."


Versetzen wir uns kurz nach London, Blue Note, Sonntag Abend, 8 p.m. Eine Stunde vorher frönten noch überwiegend Schwarze ihrer Tanzleidenschaft zu jazzigem Programm. Doch nun ist Metalheadz-Zeit und das bedeutet Boxentürme so weit das Auge reicht. Die Leute strömen herein, denn bereits um 1 Uhr ist hier Schluß. Während eine Gold(ie)fresse auf der Tanzfläche hüpft, hält so manch einer seine Konversation direkt vor den Boxen ab. Kaum vorzustellen, zumal der Bass meinem Trommelfell trotz Ohrstöpseln sehr zu schaffen macht. Too Loud - aber nicht too late!


Storm while DJ'ing

"We love it! Du hörst nicht nur die Musik, du fühlst die Musik. Wenn du tanzen willst, gehst du einfach auf die Tanzfläche und tanzt. Das ist alles, was du tust. Du tanzt. Man plaudert nicht auf der Tanzfläche. Das kannst du ein Stockwerk höher im Cafe machen. Der Bass ist mit der wichtigste Teil der Musik. Feel it! The harder it kicks - the better!"


MC's sind im Jungle/D'n'B-Bereich umstritten. Der Eine liebt es, wenn der MC die Stimmung pusht, der Andere haßt es, wenn der MC die Musik "zerstört". Sicherlich ist die Aufgabe des MCs keine leichte. Es gibt gute und schlechte MCs - es gibt gute und schlechte Musik. Cleveland Watkiss - ehemals Jazzsänger - begleitet des öfteren eine Metalheadz-Session mit seinen kurzen kaugummiartigen Gesangseinlagen, die als eine neue Art des MCings interpretiert werden dürfen.


"Ich glaube, es hängt vom MC und von der Art der Musik ab. MCs können ein Set aufwerten. Wenn sie die Tracks kennen, können sie die Crowd dazu bringen, die Tracks zu verstehen. Ein guter MC weiß, wann er aufhören muß und zieht auch keine Show ab. Letztendlich ist es ein fifty-fifty-Ding zwischen dem DJ und dem MC."


Betrachten wir einmal die Musik an sich, die ja inzwischen so ihre Blüten getrieben hat. Die ganzen Stilarten hier jetzt aufzulisten wäre sinnlos, da jeder sich seine eigenen Definitionen zusammenbastelt. Festzuhalten bleibt jedoch, daß die Breakbeat-Szene nach wie vor eigenständig existiert, aber nie klare Grenzen gezogen hat und sich auch heute noch bestens mit anderen Stilen (Techno, HipHop, Jazz,...) kombinieren läßt. Aber müssen wir denn jetzt wirklich schon anfangen auf größeren Jungle-(man könnte hier jetzt auch D'n'B oder Breakbeat oder Hardcore oder was-weiß-ich-was schreiben) Veranstaltungen verschiedene Räume für "verschiedene" Breakbeat-Gespielen einzurichten?

Es tut mir leid das zu sagen, aber für mich sind momentan die Metalheadz-DJs die einzigsten, die einen respektablen Überblick über das derzeitige Geschehen an einem Abend auf einem Floor darbieten können.


"Ich denke nicht, daß es einen Split gibt. Nothing's over. Die Stimmung ist gerade bedrückend in der Szene. Man versucht einen Split zu kreieren und uns in verschiedene Ecken, wie Jungle, Ambient, ... Rubbish,... zu unterteilen.

Über das letzte Jahr hinweg gab es viele Signings von Künstlern in der D'n'B-Szene. Diese merkten dann was für ein Druck auf ihnen lastet und der ist enorm, wenn du einen Majordeal eingehst. Du mußt dann etwas produzieren wodurch du vielleicht aus unterschiedlichen Gründen in unterschiedliche Richtungen abdriftest."


Viele DJs gelangen zu ihrem Erfolg über das Produzieren. Bei Kemistry + Storm sieht das ganz anders aus. Lediglich bei einem Track namens "Signature" auf dem Reinforced-Sampler Enforcers Nr. 6/7 legten sie mit Hand an. Zwei bis drei mal pro Woche agieren die beiden hinter den Plattentellern. Neben Gastauftritten, Touren, etc. sind das in erster Linie natürlich die Metalheadz-Sessions in der Leisure Lounge und im Blue Note. Auf die Frage, welchen Aktivitäten sie in ihrer Freizeit nachkommen, schießt es fast gleichzeitig aus beiden Mündern: "Drum'n'Bass hören ... oder sich mit D'n'B-Produzenten unterhalten ... oder sich mit jedem unterhalten von dem ich glaube, daß er D'n'B liebt!" Dementsprechend sieht auch ihre Zukunft aus, nämlich weiterhin hart zu arbeiten, den Globus mit D'n'B im Gepäck zu bereisen und hoffentlich - wenn es die Zeit erlaubt - vielleicht zu Produzieren. Ja, wie steht's denn eigentlich mit der Zukunft des Metalheadz-Labels? Was erwarten uns an neuen Releases?


"Wir sind uns nicht ganz sicher. Wahrscheinlich wird ein neuer Artist auf Metalheadz veröffentlichen. "Optical" heißt dieser und hat schon ein paar Sachen auf einigen anderen Labeln herausgebracht. Vielleicht ist aber auch Grooverider's "Warning" der nächste Release, oder etwas von Peshay, oder Lemon D, oder Dillinja, Photek, J-Majik. Sie alle produzieren gerade neues Material und wer zuerst kommt ... .

Übrigens wird demnächst etwas sehr interessantes auf Metalheadz erhältlich sein, aber das ist auch schon alles was ich verraten kann. Also haltet in den nächsten Monaten eure Augen offen."



Lokalität

Vielleicht hat auch Stuttgart seine ideale Jungle-Location gefunden. Nichts ist perfekt, aber das Climax in Stuttgart bietet doch eine geeignete Stätte dem monatlichen Abzappeln zu zeitgenössischer Breakbeatmusik nachzukommen. Nicht zu groß, nicht zu klein, sehr fein und auch ansonsten hat hier eigentlich fast alles gestimmt, als am Freitag, den 7.3.97 die Feeva Cru ihr "Reality"-Debüt gab. Im monatlichen Wechsel mit ESP-Bookings und Events, die uns für den 11.4. DJ Fierce von No U-Turn an Land gezogen haben, gibt es also Drum'n'Bass in passender Umgebung auf die Ohren.

Der Dienstag im großen Bär besteht weiterhin als Jungle-Tag. Beschallt wird er im drei-wöchentlichen Turnus von der Bassment for the Basement Cru, DJ Juma & Deux F und DJ Squire. Das Motto heißt "Bassline Jugglin'". Eintritt ist frei!

Bass Riot! Derzeit in aller Munde und am 19.4. zu Gast in Stuttgart: Panacea. Es wird sich zeigen ob jener auch DJ-technisch auf der Höhe ist. DJ Entox vom US-Hardcore Fanzine "The Skreem" ist mit von der Partie und beide werden wahrscheinlich an Härte in diesem Monat in Stuttgart nicht zu übertreffen sein. Intergalactica, Willy-Brandt-Str. 47, gegenüber Hotel Intercontinental. Überschüsse gehen ans freie Radio Stuttgart!

Ein weiteres Highlight präsentieren ESP am Donnerstag, den 24.4. im S35 in Ludwigsburg aus der Reihe "Home Cookin'". Ed Rush wird dem kleinen Club auf seiner Tour durch Germany einen Besuch abstatten, im Koffer eine Ladung technoider Drum'n'Bass-Tunes.

Check it out:

Metalheadz logo

Bassment for the Basement, 19.4., Epple Haus, Tübingen.

Starbeat, 26.4., Universum, S-Vaihingen.




Ni Ten Ichi Ryu

Schattenboxen gehört der Vergangenheit an. Samuraikämpfer erobern die schwarzen Rillen dieser spannenden Welt. Auf dem Bildschirm flackert ein Schwarz-Weiß-Streifen. "Ni Ten Ichi Ryu" malträtiert die dünn gewordenen Nervenstränge eines Majorbosses und verkauft sich gleichzeitig wahrscheinlich prächtig. Dies wäre Photek jedenfalls zu wünschen, in Anbetracht dessen, daß jener sein Handwerk nach wie vor sehr gut beherrscht. Den zwei Jungs aus der Nachbarschaft gefällt es wohl auch, sich mit der Major-Kohle erst einmal einen BMW zu gönnen, bevor "Two Masks" und "Black Domina" das Licht der Plattenläden erblickten. Ja, das ist wirklich was schönes, wenn man die totale Kontrolle besitzt, doch plötzlich ist es passiert und das Endprodukt in Form eines Silberlings steht eines Tages in der Drogerie um die Ecke.




No Tech No

Meiner Ansicht nach beschäftigt sich die Sendung House TV viel zu wenig mit unserer rollenden Breakbeat-Materie. Schade eigentlich und dann eines Tages sitzen plötzlich zwei der No U-Turn Boysgroup im Studio und man versucht den Leuten zu erklären was Techsteppin ist. Doch Worte sagen ja bekanntlich wenig, also läßt man die Platten sprechen: Ed Rush selektiert und mixt sie, während Nico dazu den Samplekasten "sprechen" läßt. Gute Sendung, bitte mehr davon. Danke! ...und weiter geht’s mit Ed Rush. Nach der Hammer-No U-Turn 18 "Technology", meines Erachtens Ed's schönstes Werk, ist nun endlich "Torque" erschienen. Leider kann diese Compilation aber nicht ganz meine Erwartungen stillen. "Replicants" und "Locust" vermisse ich hier nämlich und ansonsten suche ich vergebens auf diesem durchwachsenem Triple-Vinyl nach neuem, interessanten Stuff.

Doch auf der Suche nach "der Compilation schlechthin" werde ich woanders fündig. Ich hoffe innigst, daß dieses Werk nicht in der momentanen Flut von Drum'n'Bass-Samplern, -Compilation oder -Alben unterzugehen droht. Denn wenn man derzeit etwas Drum'n'Bass nennen darf, dann "The Speed of Sound". Ist zwar schon Ende Februar erschienen, aber so ein beinahe zeitloses Kunstwerk darf nicht übergangen werden. Ram Records heißt das Label und keiner kann so gut und vielfältig mit Breakbeats und Bässen umgehen wie Andy C. Nur ein minimaler Einsatz an Samples und instrumentalen Klängen wird benötigt um diese einzigartige Wand aus einer Vielzahl an Drums und Bässen zu verfeinern. Das ist purer Drum'n'Bass in all seinen schönen Farben und Formen.



... und da passierte es: kurz bevor diese Zeilen Opfer des Layoutens wurden erreichte mich noch ein Pre-Release Triple-Vinyl: Grooverider presents "The Prototype Years", wo wir auch schon bei Kunstwerk Nummer Zwei wären. Hier wird jemand fündig, der auf der verzweifelten Suche nach zukunftsträchtigem Material versucht hat die Plattenkisten sämtlicher London-DJs zu berauben. Dubplates regieren die Welt, aber es fällt einem doch ein Stein vom Herzen, wenn man sie dann alle gebündelt in Form eines Samplers bekommt: John B. mit "Secrets", Optical mit "Grey Odyssey", Mute mit "Matrix", Dillinja mit "Silver Blade", ... Ed Rush & Fierce mit "Locust". Einfach anhören und wohl fühlen.


PS

Ach ja, da wäre ja noch unser ach so verehrter Herr Bukem, der sich momentan mit allerhand Releases und Sublabeln überhäuft. Sein einziger Atemzug wird ihm wohl auch bald genommen, denn Peshay fühlt sich bei Metalheadz und Mo' Wax besser aufgehoben. Aber hatte dieser doch tatsächlich noch einen Geniestreich auf der Good Looking-Tochter Nexus Records (oo2) abgeliefert: "Jazz lick" macht seinem Namen alle Ehre, ein Super-Sahne-Track mit unerwarteter Wendung und Vorzeige-Aufbau. Mehr Aufsehen wird aber Peshay's Rework von "Music" erregen, eine bodenständige, saubere Neubearbeitung einer der ersten Tracks von LTJ Bukem.

Zu Bukem bleibt nur noch zu sagen, daß er mixtechnisch einer der besten ist! Also nicht verpassen, wenn er in deiner Nähe ist.


][ lightwood

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