OUK Das Achte   bunt & dufte ouk interview:
Kerri 'Kaoz 6.23' Chandler
Kerri Chandler

Wer am 23. Juni geboren ist, in New Jersey aufwächst, um dann nach West New York zu ziehen, in aller Welt auflegt und trotzdem noch die Zeit findet, qualitativ gute Platten zu machen, hat nicht viel Zeit für andere Dinge. Und trotzdem schafft es Kerri "kaoz" Chandler immer wieder, für Furore zu sorgen. Mit seinem neue Album auf King Street und der bevorstehenden Europatour ist er das Stadgespräch schlechthin. Nun gibt es allerdings nicht allzuviele Menschen, die genaueres über Herrn Chandler zu berichten hätten. Doch dank modernster Technik, E-Mail und Telekomkabel gelang es uns, den Mann des Kaoz an die Strippe zu kriegen und Ihn über alles und nichts auszufragen.

ouk: Dein Spitzname ist "kaoz 6.23", weil am 23. Juni eines jeden Jahres etwas schreckliches in Deinem Leben passiert.

kerri: Ja, entweder 31 Tage vor oder 31 Tage nach dem 23. Juni. Jedes Jahr passiert etwas schlimmes. Mal schauen, dieses Jahr starb mein Onkel und ich geriet in eine Schießerei. Ich war mit meinem Freund auf einem Barbeque. Wir saßen in seinem großen, teuren Pickup, als plötzlich diese Jungs mit den Maschinen-pistolen unterm Arm auf uns zukamen. Ich weiß nicht, ob sie hinter ihm her waren oder nicht, auf jeden Fall forderten sie mich auf auszusteigen. Meinen Freund jedoch ließen sie nicht aussteigen. Als er dann plötzlich auf's Gas drückte und wegfuhr, fingen sie sofort an zu schießen. Ich rannte so schnell ich konnte davon. Glücklicherweise wurde bei diesem Vorfall niemand verletzt. This sure was a hell of a nightmare.

ouk: Du hast sehr gute Kontakte nach England und produzierst auch für einige englische Labels.

kerri: Oh ja, auf jeden Fall. Ich kenne inzwischen viele Leute drüben. Es fing an mit den Jungs von Champion Rec. Wir haben uns irgendwann mal kennengelernt und sind inzwischen sehr enge Freunde. Ebenso bei Freetown. Es ist wie eine große Familie. Sie besuchen mich zu Hause, hören sich meine neuen Produktionen an usw. Ich produziere jedoch auch viel für amerikanische Labels, wie zum Beispiel King Street oder Strictly.

ouk: Ich habe jedoch den Eindruck, daß deine englischen Releases in der Regel die besseren sind. "Paper maché" zum Beispiel ist für mich eines Deiner besten Stücke.

kerri: "paper maché" ist auf jedenfall einer meiner Favouriten. Obwohl es nie die Annerkennung erhielt, die es hätte kriegen sollen. In England sind die Leute jedoch generell viel offener. Niemand schreibt mir vor, wie ich zu produzieren habe und niemand stellt meine Produktion in Frage. Sie lassen mir freien Lauf. In New York stehst Du immer unter dem Zwang, einen Hit landen zu müssen.

ouk: On one of your new releases on Large, you used a Rockers Hifi Sample.

kerri: Hey, jeder denkt, es wäre ein Rockers Hifi Sample. Aber das stimmt nicht. Ich habe es von einer alten Reggae-Dub-Platte. Ich glaube sie ist von "The Scientist". Aber jedesmal, wenn ich sie spiele, springen die Leute auf und sagen "Hey, das ist die Houseversion von Rockers Hifi". Ich muß zugeben, ich habe deren Platte noch nicht einmal gehört.

ouk: Wie sieht denn dann die musikalische Situation in New Jersey aus? Soweit ich in Erinnerung habe, war New Jersey schon immer etwas mehr "vocal-oriented".

kerri: Ja, New Jersey war immer recht vocal-lastig, wohingegen in New York drüben schon immer mehr "tracks" produziert wurden. Inzwischen hat sich das aber alles so durcheinander gemischt, daß es schwer zu sagen ist, woher jetzt welcher Stil kommt. Ich bin zusammen mit Michael Watford wohl einer der letzten aus Jersey, die noch Vocalhouse produzieren. Es ist aber auch verdammt schwierig und zeitaufwendig, gute Vocals zu machen. Du brauchst einen guten Sänger, mußt Dir genau überlegen wie Du alles arrangierst etc... . Tracks sind da viel leichter und schneller zu produzieren. Außerdem verlangt der Markt nach tracks. Die Clubs wollen ja nicht die Leute zum Mitsingen herholen. Sie sollen tanzen und Spaß haben.

ouk: Du selbst bist ja nach wie vor sehr Jazz und Soul orientiert. Wo liegen Deine roots?

kerri: Well, my father is a DJ. Ich bin mit allerlei Art von Musik aufgewachsen, von Dark-Jazz bis hin zu Led Zeppelin. Der Onkel meines besten Freundes spielte bei Zap. Ich tourte mit meinem Vater durch die Clubs, seit ich 10 Jahre alt war. Ich habe also sehr viel unterschiedliche Musik mitbekommen und all das hat mich natürlich auch beeinflußt. Das sind meine Roots und dazu stehe ich auch. Allerdings bin ich genauso für elektronische Sachen offen. Die alten Kraftwerk oder New Order Sachen gefallen mir zum Beispiel sehr sehr gut. Die Jungs waren Ihrer Zeit so weit voraus. Manchmal sitze ich in meinem Studio und grübele darüber nach, wie ich einen Track dazu kriege, seiner Zeit voraus zu sein.

ouk: Wo Du gerade von Led Zeppelin sprichst, was hälst Du von den Rolling Stones?

kerri: I respect them. Mir gefällt zwar nicht, was sie machen, aber ich respektiere ihr Werk.

ouk: Wie steht es denn momentan um Dein eigenes Label, Madhouse Records. Es gab schon lange keine Veröffentlichung mehr.

kerri: Ja, ich habe das ganze vorübergehend eingefroren. Momentan bin ich zu sehr mit Remixen und Auflegen beschäftigt. Ich bin dauernd unterwegs und komme deshalb nicht dazu, mich um Madhouse zu kümmern. Die letzte Veröffentlichung liegt jetzt bestimmt schon mehr als 1 Jahr zurück. Ich kann mich momentan noch nicht einmal an alle Remixe erinnern, die ich in letzter Zeit produziert habe. In den letzten 8 Tagen habe ich an 10 Tracks gearbeitet, das kostet sehr viel Zeit und Kraft. Die fertigen Remixes schicke ich dann zu den Labels und von da an habe ich nicht mehr viel mit der Sache zu tun. Hin und wieder kriege ich ein Review aus irgendeinem Magazin zugefaxt. Aber ansonsten höre ich nicht viel davon.

ouk: Findest Du dann überhaupt noch Zeit für Deine Familie und Freunde. Gehst Du noch aus?

kerri: Ich gehe hin und wieder schon noch aus, wenn ich Zeit dazu finde. Meistens bin ich aber so beschäftigt, daß ich abends einfach zu Hause bleiben und entspannen will. Auch treffe ich mich nicht allzu oft mit dem Rest der New Yorker Houseszene, da alle irgendwie unterwegs bzw. beschäftigt sind. Tony Humphries zum Beispiel. Ich bin mit ihm aufgewachsen, er hat mich immer in die Clubs mitgenommen und ich habe Platten mit ihm produziert. Aber jetzt ist er weg. Er ist soviel unterwegs, daß ich ihn einfach nicht mehr zu Gesicht bekomme. ][ enco und mb

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